Meine herbeitelefonierten Kameraden erschienen zusammen. Die prächtigen Girls auf der Leine würdigten sie keines Blickes. Laber suchte erst einmal mein Klo auf. Derweil stellte Pingel eine Flasche Rum auf den Tisch und verlangte stumm nach Gläsern. Die dunklen Ringe unter seinen Augen ließen vermuten, dass er die letzten Nächte kaum geschlafen hatte.
Schneller als sonst gesellte sich Laber zu uns an den Küchentisch. Er holte ein Päckchen Tabak, Zigarettenpapier und sein Grasdöschen hervor. Seine Augen blitzten, als er sagte: „Chicos, das muss jetzt aufhören, ein für alle Mal!“
„Was muss aufhören?“, brummte Pingel und ließ den Verschluss der Schnapsflasche knacken.
„Na - das alles hier!“
Pingel hatte die Gläser gefüllt. Er warf seinen Kopf in den Nacken, schüttete den Schnaps in sich rein und goss sofort nach. Die Labertasche zog mit. Machten die beiden so weiter, hatte ich in Kürze zwei scheintote Dösköppe in meiner Küche zu sitzen.
„Also!“, nahm der Laberkopf seinen Faden wieder auf. „das muss echt aufhören, dass wir hier rumklecksen wie nichtsahnende Anfänger, claro?“
„Wie meinst′n das?“ Pingels Stimme hatte einen beunruhigenden Unterton bekommen.
„Guck dich doch um, Hombre!“, erwiderte Laber, „jeder von uns hat ne verschissene, kleine Anlage bei sich rum zu stehen. Ein paar Pflänzchen, Logistik von vorgestern, von Compagnero Schusslig frisch aus dem Baumarkt besorgt - das ist einfach nicht mein Stil, comprende?“
Und was ist bitteschön dein Stil?
Die beiden leerten auf ein Neues ihre Gläser. Ich lehnte ab. Wenigstens einer am Tisch sollte einen klaren Kopf behalten.
„Ich will euch mal was flüstern.“ Laber entzündete den zwischen den Schnäpsen gebauten Joint, tat einen Zug und reichte die Tüte an den Pingeligen weiter.
„Als erstes legen wir mal nen sauberen Zwischenstop hin, claro?“
Pingel nickte. Ich hatte keine Ahnung, worauf die Labertasche hinauswollte.
„Schussel hat zumindest die alte Ernte einigermaßen zügig vertickt.“ Laber kniff die Augen zusammen. „Müssten gut und gerne an die Vierzigtausend sein, die wir auf unserer Haben-Seite haben.“ Er musste lachen, wahrscheinlich über seinen spontanen Limerick.
„Die Kohle legen wir an!“, wurde er wieder ernst. „Wir kaufen einen Hof, comprende? Nichts luxuriöses, eben ein buckliges Bauerngehöft mit Haus, Scheune und Stall, einer Mauer drum herum, und fertig!“
Während Pingel ein Buddha-Nicken folgen ließ, versuchte ich, mir unser gemeinsames Leben auf dem Lande vorzustellen. Ich sah mich Wäsche waschen, Essen kochen und nebenbei die Girls versorgen, während sich die Labertasche mit seiner Silvana in der Weltgeschichte herumtrieb und Pingel entweder seinen Rausch ausschlief oder auf Messebau war.
„Auf dem Gehöft ziehen wir unsere Operationen in einem ganz anderen Maßstab durch, Chicos!“, redete sich Laber weiter in Fahrt. „Da können wir arbeiten, ohne dass uns irgendwer auf den Sack geht und vor allem, ohne ständig mit einer Arschbacke im Knast zu sitzen wie unser bedauernswerter Hombre da draußen! Auf dem Gehöft ziehen wir drei Indoorernten pro Jahr durch, capito? Dieses ärmliche Angebaue in den Wohnungen ist doch Pille-Palle!
In dem Haus machen wir′s uns gemütlich, im Stall stellen wir ein Bombasto-Teil von Anlage auf, und die Scheune bietet genügend Platz zum Trocknen der Girls. Ans Tor hängen wir fein säuberlich ein Schild, auf dem steht: MAUERBLÜMCHEN - GARTEN- und LANDSCHAFTSBAU - Unbefugtes Betreten strengstens verboten!“
Pingel sah ergriffen aus. Auch ich war beeindruckt von Labers Rede. Es hatte etwas Prophetisches, wie er mit rotglühenden Augen unter den prallen Buds meiner Marihuanastauden saß und redete.
„Außerdem legen wir uns Blaumänner zu, in grün, versteht sich“, machte er weiter. „Auf die ist ebenfalls MAUERBLÜMCHEN draufgestickt. Dann arbeiten wir endlich wie die Profis, nicht wie unser Hombre da.“ Er deutete auf Schussels verwaisten Platz. „Streng legal läuft das Ganze dann ab, comprende? Streng legal und hoch offiziell!“
Mit diesen Worten lehnte er sich zurück.
Pingel strahlte, ich staunte. Sicher ohne es zu wissen, hatte Laber gerade über einen Dreiseithof referiert.
In Großmutters Buch war mir dieser Begriff zum ersten Mal aufgefallen, und vor kurzem hatten die Öffentlich-Rechtlichen eine Reportage über das Havelland in Brandenburg gesendet. Da hatte ich etliche Dreiseithöfe zu sehen bekommen: An der Straße oder etwas zurückgesetzt stand ein Haus, in dem der Bauer mit seiner Familie wohnte. Im Karree dazu standen ein Stall für das Vieh und natürlich die Scheune. Das Ganze wurde von einem Bretterzaun oder einer Mauer komplettiert, die das Innere des Gehöftes für Außenstehende uneinsehbar machte - genau das, was wir brauchten!
Allerdings gab es solche Höfe nicht hier, im ärmlichen Vor-Polen. Nicht umsonst nannte man unsere Gegend das Land der Schlösser und Katen. Eine Handvoll Gutsherren hatte sich hier niedergelassen, jeder mit einem riesigen Hof und ausgedehnten Ländereien, auf denen er viele Tagelöhner beschäftigte. Halbwegs wohlhabende Bauern mit eigener Wirtschaft hatte es hier nie gegeben, höchstens mal einen Pfarrer mit eigenem Land und - vielleicht - einem Dreiseithof.
„Wass′n los?“, lallte Pingel in meine Richtung. „Stimmt was nicht?“
„Doch, doch, alles super. Ist wirklich ne tolle Idee, so ein Dreiseithof. Ist hier leider nur die falsche Gegend dafür.“
Die beiden sahen mich an. Spielverderber - stand in ihren Augen.
„Wieso ist das hier die falsche Gegend?“, tönte Laber angriffslustig.
„Weil es solche Gehöfte hier nicht gibt!“
Mein Einwurf ließ ihn für einen Augenblick dumm aus der Wäsche gucken.
„Um zum nächsten Dreiseithof zu gelangen, müssten wir ein ordentliches Stück nach Süden fahren“, legte ich nach, „nach Brandenburg, vielleicht sogar bis ins Havelland.“
Die beiden sahen mich mit großen Augen an. Mein Wissen über Dreiseithöfe schien ihnen zu imponieren, dennoch waren sie offenbar nicht gewillt, sich von derart nüchternen Bedenken aus ihren Träumen schubsen zu lassen.
„Na und?“, entgegnete Laber, „fahren wir eben hin.“
Seine Ignoranz ließ mir den Kamm schwellen. „Fahren wir eben hin!“ äffte ich ihn nach, „ist ja überhaupt kein Problem, was? Ist ja bloß eine ordentliche Stange mehr Arbeit. Mensch, wir kriegen schon jetzt nichts auf die Reihe! Von den Spritkosten will ich gar nicht erst anfangen!“
„Was soll′n das heißen?“
Pingels Stimme hatte wieder diesen drohenden Unterton. Ich musste aufpassen, was ich sagte. Hatte ich richtig gezählt, saßen die beiden vor ihrem sechsten Schnaps. Besser, ich hielt mich ein bisschen zurück.
„Ich mein ja nur“, lallte Pingel, „dass ich mit dem Rumgefahre nicht unbedingt′n Problem hätte, klar? Genau gesagt, ich fänd′s sogar gut, ne Weile von hier zu verschwinden.“ Seine Augen blickten trüb.
„Wass′n los?“ Labers Stimme klang besorgt.
„Will mich von Lydia trennen, weiß bloß nicht, wie“, ächzte Pingel und ließ seinen Kopf auf die Tischplatte niedersinken.
Wir waren am Nullpunkt angelangt: Pingel sitzend k.o. in der sechsten Runde, dazu offenbar schwer von Liebeskummer gezeichnet. Dabei hatte er noch nie etwas von einer Frau blicken lassen.
Laber war indes aufgesprungen und zur Spüle geeilt. Er drehte den Wasserhahn auf, hielt mein Geschirrtuch unter den Strahl, um damit Pingels Stirn und Wangen abzutupfen, so weit er an sie herankam.
„Wer ist Lydia?“, flüsterte ich.
Laber schüttelte den Kopf. „Gibt keine Lydia. Wenn er von Lydia anfängt, ist die Kacke am Dampfen. Hat wahrscheinlich zu viel gearbeitet die letzten Wochen.“
Damit wandte er sich wieder seinem Patienten zu. Der gluckste zufrieden ob der erfrischenden Kühle auf seiner Haut.
Pingels Zusammenbruch und Labers Erste-Hilfe-Einsatz hatten mich derart verwirrt, dass ich eine Weile brauchte, um zu nüchternen Gedanken zurückzukehren.
Mauerblümchen, Dreiseithof - das klang nach einem Vollzeitjob. Wo gerade Laber es nicht einmal fertig brachte, die wenigen Arbeiten, die für ihn anstanden, zu erledigen. Tausendmal lieber kutschte er seine Silvana durch die Gegend. Pingel wurde von seinen Messebaujobs derart in Anspruch genommen, dass mit ihm schon nach ein paar Schnäpsen nichts mehr anzufangen war.
Laber hatte derweil ein weiteres Mal das Handtuch befeuchtet und war bereits wieder am Tupfen. Die beiden boten ein Bild ungetrübten Friedens. Der Abend schien gelaufen.
„Unser Firmenkapital hätte sowieso nicht ausgereicht für so einen Hof“, versuchte ich, das Thema Grundstückskauf zum Abschluss zu bringen.
„Firmenkapital?“ Der Pingelige erhob seinen Kopf von der Tischplatte und linste mich an. „Wie viel haben wir eigentlich? Firmenkapital!“
Ich sah zu Laber. Der zuckte mit den Schultern - genau wie ich. Als wir unsere Blicke wieder dem Erwachten zuwandten, kam es zeitgleich über unsere Lippen: „Schussel!“
Hatte uns die scheinbar sinnlose Diskussion um den Dreiseithof letztendlich doch auf unser fleischgewordenes Hauptproblem kommen lassen! Über Schussel lief der Verkauf der Ware, bei ihm hatte sich demzufolge das Geld angesammelt.
„Dieser Assi“, fauchte Pingel und wickelte sich das nasse Geschirrtuch wie eine Boxbandage um seine Rechte. „Der soll die Kohle rausrücken, sofort!“
Wuchtig stemmte er sich hoch, als wolle er seinen Worten umgehend Taten folgen lassen. Mir wurde nicht wohler bei der Aussicht, neben Schussels Prozess auch noch einen wegen schwerer Körperverletzung auf uns zu kommen zu sehen.
„Warte!“, rief ich und sah Pingel fest in die Augen. „Lass mich mit Schussel reden, in Ordnung? Er soll seine Abrechnung machen und uns dann die Kasse übergeben.“
Wie bei Barti wollte ich nun zum Mittel der ausgestreckten Hand greifen. Damit war ich jedoch bei Pingel an den Falschen geraten.
„Was, Abrechnung!“, schrie er und ließ seine mit dem Geschirrtuch bandagierte Faust auf den Tisch krachen. „Kohle will ich sehen, klar?“
„Klar siehst du die Kohle, aber nicht ohne Abrechnung!“
„Abrechnung“, schnaufte er verächtlich und setzte sich wieder. „Wie soll der Trottel denn ne Abrechnung hinkriegen?“
„Ich helfe ihm dabei! Was wir jetzt brauchen, ist ein sauberer Schnitt, kein Rundumschlag mit Thors Hammer, o.k.?“
Pingel rieb verlegen über sein Nashorn. Dass ich seine Fäuste mit der Waffe des raubeinigen Germanengottes verglichen hatte, gefiel ihm offenbar.
„In Ordnung, Pratze!“ Er riss sich das Handtuch von der Hand und hielt mir seine Pranke hin. „Kümmere dich drum. Aber die Kasse wandert nicht in ‚unsere′ Hände, sondern in deine, klar!“
Während wir das Ganze nun doch mit einem Händedruck besiegelten, schickte Pingel einen scheelen Seitenblick zu Laber. Dann machte er sich daran, auf ein Neues die Gläser zu füllen. Diesmal trank ich mit.
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„Sag mal, gießt du überhaupt noch?“ Schussel deutete in Richtung Fenster. Er war zu mir gekommen, als wäre nichts geschehen. Wie zwei Hobbygärtner standen wir nun im „Verbotenen Zimmer.“ Klingelte womöglich gleich die Polizei an meiner Tür?
„Pratze, geht′s dir nicht gut?“, fragte Schussel besorgt.
Ich schüttelte den Kopf. „Alles in Ordnung mit mir.“
„Aber die Pflanzen!“ Schussel zeigte auf den Fenstertisch. Ich folgte seinem Blick. Die Girls unter dem linken Fenster sahen schlimm aus. Am unteren Teil ihrer Stängel hingen lauter vertrocknete Blätter.
Als ich hinging und sie entfernte, bemerkte ich die Leichtigkeit der Töpfe. Die Kokoserde war furztrocken. Hatte ich tatsächlich vergessen, zu gießen? Die letzten Wochen hatte ich mich eher stiefmütterlich um die Girls gekümmert. Mein Anlagenkoller, die ständige Angst, dass sie mich hochzogen - ich hatte es nicht ertragen, mich länger als unbedingt nötig im „Verbotenen Zimmer“ aufzuhalten.
Schussel untersuchte indes das Geflecht der kleinen, schwarzen Bewässerungsschläuche. „Hoffnungslos verstopft“, murmelte er. „Kein Wunder, bei dem Kalkgehalt von unserm Wasser.“ Er zuckte mit den Schultern: „Hilft alles nichts, Pratze, musst du eben von Hand gießen, zumindest die hier hinten, weißt?“
Ich nickte. Schussel wandte sich zur Tür.
„Du, warte mal!“ - brachte ich ihn zum Stehen. Wir sahen uns an.
„Was denn?“
„Ähm, der Schlüssel.“
„Ach so, ja.“ Schussel fasste in seine Hosentasche, kramte meinen Wohnungsschlüssel hervor und legte ihn neben sich auf den Pflanztisch. „Na ja, ich werd dann mal“, murmelte er und verließ den Raum. Draußen klappte die Wohnungstür.
Ich stand im „Verbotenen Zimmer“ und lauschte seinen leiser werdenden Schritten im Treppenhaus. Als nichts mehr zu hören war, schnappte ich Eimer und Messbecher und versorgte die bedürftigen Pflanzen mit Wasser.
Rechts und links überragte mich buschiges Grün. Wie blind hatte mich meine Angst gemacht? Direkt in meiner Wohnung gedieh mitten im Winter ein prächtiger, kleiner Märchenwald, der lauter goldene Früchte trug! Zwar hatte das Malheur mit dem eingedrungenen Männchen den Ertrag geschmälert, mit der anstehenden Ernte brauchte ich mich trotzdem nicht zu verstecken. Die Buds meiner Girls waren um etliches größer als die, die ich in den vergangenen Monaten gepusselt hatte. In einem Anflug von Zärtlichkeit strich ich über Buds und Stängel, über die kräftigen, vom Harz klebrigen Blätter - und zuckte erschrocken zurück.
Meine Finger hatten in etwas flaumig weiches gefasst, und jetzt sah ich das Übel auch: Der weiße Schimmel griente mich an mit seiner filzigen Fresse. Mindestens dreißig Girls auf den Mitteltischen waren befallen. Dort hatten Schussel und Laber ein halbes Dutzend Pflanzen aus der Mu-Ki-Anlage hingestellt, damit sie bei mir ausblühten. Aus der Junkie-Wohnung hatten sie den Schimmel mitgebracht. War das nun doch die Strafe für meine Unachtsamkeit, die Rache des Rastafari-Gottes aus Schussels Hanfbibel?
Ich stürzte zu unserem Chemikalienlager, wühlte zwischen Kanistern, Tuben und Fläschchen herum. Was hatte Laber gesagt? Welches Mittel war gegen Schimmel zu spritzen, welches auf keinen Fall?
Es hatte keinen Sinn. Ich zückte mein Handy, wählte Schussels Nummer und legte sofort wieder auf. Möglicherweise wurde sein Apparat abgehört. Schlimm genug, dass er noch einmal hier gewesen war. Ich rief Pingel an.
„Wass′n?“, schnauzte er in mein Ohr.
„Das weiße Pferd ist durchgeritten.“ Meine Stimme bebte vor Aufregung.
„Was für′n Pferd?“
„Mann, der Schimmel! Ich hab Schimmel auf meinen Tomaten!“
„Ach so“, grummelte Pingel, „mach dir nicht ins Hemd. Schimmel vor der Ernte ist halb so wild. Ist sogar gut, gibt den Extra-Bums, klar?“
Die Ernte! Bei aller Aufregung um Schussel hatte ich den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen, das Allerwichtigste um ein Haar aus den Augen verloren. Die zweihundertneunundvierzig Girls waren jetzt alle über einen Meter hoch, ihre Buds prall und klebrig. Es war an der Zeit, sie zu ernten.
Nur zu gern hätte ich sie allesamt vom Halm geholt, bei aufgedrehter Heizung getrocknet, um sie schnellstmöglich aus dem Haus zu bekommen. Ohne die Girls konnte meine Anlage eben so gut eine Aufzuchtstation für Tomaten sein und ich lediglich ein durchgeknallter Gemüsejunkie. Aber so einfach lief das nicht.
„Bloß keine Schnelltrocknung!“, hatte ich Schussels Stimme im Ohr. „Senkt immens den THC-Gehalt, weißt? Die Girls müssen bei Zimmertemperatur trocknen!“
Zudem wusste ich aus dem Hanfbuch, dass es ungünstig war, würde ich alle auf einen Schlag kappen. Ich musste sie einzeln ernten, eine jede, wenn sie ihren optimalen Reifepunkt erreicht hatte. Andernfalls verloren wir noch mögliche Zuwächse, und das konnten wir uns weiß Gott nicht leisten.
Statt die Pflanzen überstürzt vom Halm zu holen, räumte ich erst einmal meine Küche so um, dass ich quer durch den Raum, mehrmals zwischen Fenster und Schrank, eine Leine spannen konnte. Nun endlich konnte es losgehen.
Nach einem letzten Rundgang durchs „Verbotene Zimmer“, bei dem ich weder Mehltau, verheerenden Milbenfraß, noch die rasante Weiterausbreitung des Schimmels festzustellen brauchte, schnitt ich die ersten Girls vom Halm -kurz über dem Topfrand, damit kein einziges Blatt verloren ging. Es war ein erhebendes Gefühl, sie in die Küche zu tragen und, die Spitzen nach unten, auf die Leine zu hängen.
Von nun an würde mich jeder Gang ins „Verbotene Zimmer“ meinem Ziel sichtbar näher bringen. Genau so mussten sich die Friedensfahrthelden meiner Kindheit gefühlt haben, wenn sie mit ihren Rennrädern in die Zielgerade einbogen. Bares Geld hängte ich da auf die Leine. Zugleich machte jedes abgeschnittene Girl meine Anlage ein klein wenig harmloser.
Anfänglich nahmen die buschigen Pflanzen sehr viel Raum ein, doch wurden sie durch den Wasserverlust zusehends schlaffer. Der gleiche Platz, den zehn frisch abgeschnittene Stauden benötigten, reichte bald für fünfzig Getrocknete. Nach einer Woche hatte sich die Anlage so weit geleert, dass ich die erste Lampenreihe ausschalten konnte. Das Bewässerungssystem deaktivierte ich, indem ich Abschnitt für Abschnitt die kleinen Verteilerschläuche aus dem Hauptstrang herausdrehte und die Öffnungen mit Stopfen verschloss. Stück für Stück arbeitete ich mich dem Tag der Befreiung entgegen.
Bald hingen fast alle Girls auf der Leine. Wohl, weil ich sie beim Ernten berührt und gedrückt hatte, sonderten sie nun äußerst massiv den verräterischen Grasgeruch ab. Als ich einmal von NETTO zurückkehrte, empfing mich der Dopegestank schon beim Öffnen der Haustür.
Wie mochte es erst vor Bartis oder Renates Tür riechen? Mich überkam das unbändige Verlangen, wegzurennen, mich nie wieder hier blicken zu lassen. Ich hielt zumindest die Luft an, während ich die zweite Etage passierte.
Nach mehreren Kilometern Fußmarsch durch meine Wohnung erinnerte ich mich daran, dass mir Schussel vor einiger Zeit von einer Wapotec-Kanone vorgeschwärmt hatte, der „ultimativen Waffe gegen den Dope-Geruch.“ Im letzten Jahr hatten sie sich so ein Ding angeschafft. Erinnerte ich mich richtig, stand sie gerade bei Laber.
Widerwillig wählte ich seine Nummer und schilderte ihm mein Problem. Laber sträubte sich, doch ich ging ihm so lange auf die Nerven, bis er sich zumindest bereit erklärte, zu mir zu kommen.
Er erschien noch am selben Nachmittag. Ohne ein Wort verschwand er sogleich wieder, um kurz darauf mit einem kleinen, unscheinbaren Metallkasten unterm Arm zurückzukehren. „Mach was draus, Hombre!“ - überreichte er mir das Ding.
Wollte er mich veräppeln? Unter der Wapotec-Kanone hatte ich mir einen Panzer mit einem wuchtigen Geschützrohr vorgestellt, aus dem die dufthemmenden Ladungen herausgeschossen kamen, aber nicht dieses Kästchen. Als ich es auf Labers Geheiß ans Stromnetz anschloss, gab es ein Brummen von sich, welches an das Geräusch eines überlasteten Trafos erinnerte.
„Da ist eine geruchsbindende Flüssigkeit drin“, erklärte Laber. „Damit wird subito alles besser. Die chemische Formel hab ich nicht parat, weiß auch nicht, wie lange die Patrone noch reicht. Ist schweineteuer, das Ding wieder aufzufüllen.“
Zwei Tage später war der Dopegeruch tatsächlich weg. Statt dessen roch es in meiner Küche nach geschmolzenem Wachs, und ich hatte ständig das Trafobrummen im Ohr. Klang es auch elend, beruhigte es mich doch ungemein.
„Brumm nur, alter Bär“, sprach ich zu dem Metallkasten und flehte, dass die Patrone so lange reichte, bis ich im Ziel war.
Endlich trug ich das letzte Girl aus dem „Verbotenen Zimmer“. Meine erste Indoor-Ernte war eingefahren, die Beschäftigung für die nächsten Wochen gesichert. Wer würde die fertig gepusselten Buds am Ende verticken? Schussel etwa? Sein Prozess hing über uns wie ein Damoklesschwert.
Wie sollte es weitergehen ohne unser schwarzes Schaf? Es musste weitergehen! Noch immer drückten mich die Schulden zu Boden, meine Wohnung hing voller trocknender Marihuanastauden, die Anlage wartete auf die Bestückung für die große Outdoor-Aktion. Wie dachten Pingel und Laber darüber? Machten sie sich überhaupt Gedanken?
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Schussels Missgeschick zwang uns zum Handeln. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten ihn am Haken, und wer konnte wissen, was die im Zuge ihrer Ermittlungen noch alles herausfanden? Wir mussten uns von Schussel trennen, zumindest organisatorisch, so viel war klar. Nur, wie? Er besaß das Know-how zur Produktion und verfügte zudem über die zum Verticken der Ware nötigen Kontakte. Ich konnte mich schlecht an den Straßenrand stellen und unser Dope aus dem Kofferraum verkaufen.
Es half nichts, wir mussten uns zusammensetzen. Nur gemeinsam kamen wir aus dieser vertrackten Situation heraus. Ich schlug ein gemeinsames Frühstück bei mir vor. Vielleicht kam einem von uns beim Biss ins Brötchen die zündende Idee.
Laber stellte ein Glas Marmelade von seiner Schwiegermutter auf den Tisch, Pingel steuerte eine halbe Salami bei und Schussel ein selbstgebackenes Brot. Wo nahm er bloß die Ruhe zum Backen her? Beim Decken des Tisches stach mir Pingels Miene ins Auge. Ein Vulkanausbruch lag in der Luft, und mit dem Tee-Eingießen ging es los.
„Du verschissener Penner!”, bellte der Hüne, „hab dir zig Mal gesagt, du sollst die Scheiße mit Boris lassen. Wieso lag überhaupt so viel Dope bei dir rum, hä?"
Laber kaute an seinem Brötchen und äugte aufmerksam in die Runde. Schussels Seitenblick auf mich bescherte mir einen ausgewachsenen Schweißausbruch. Nun hatte es Pingel sogar zugegeben! Sie wussten alle Bescheid über Schussels Bockmist! Ich war jetzt selbst ein rauchender Vulkan, doch anders als Pingel durfte ich die glühende Lava nicht rauslassen. Still dasitzen musste ich und hoffen, dass Schussel den anderen nicht anvertraute, warum die vielen Barren in seiner Bude gelegen hatten.
„Besser, du lässt dich erst mal nicht mehr in den Anlagen blicken”, versuchte ich, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Mit angehaltenem Atem wartete ich auf die Reaktion der Anderen.
Schussel nickte, Laber goss sich Tee nach, Pingel steckte sich einen Kanten Salami in den Mund. Seine Kieferknochen knackten. Die erste Angriffswelle war vorüber.
Einträchtig leerten meine Gäste den Brötchenkorb. Gefräßige Stille erfüllte den Raum. Schließlich langte auch ich zu. Ich war der Einzige, der von Schussels Brot aß. In der Aufregung musste ich seinen Hinweis überhört haben, dass er eine Portion Schwarzen Afghanen in den Laib eingebacken hatte.
Die Stimmung entspannte sich weiter, als Pingel eine Flasche Rum aus seinem Rucksack zauberte. Schussel sprang auf, Gläser besorgen, Laber schnalzte mit der Zunge, und selbst ich konnte jetzt einen Schnaps vertragen.
Im Gegensatz zu mir beließen es die Jungs nicht bei dem einen. Nach der dritten Runde war klar, dass es heute zu keinem Entschluss in Sachen Schussel kommen würde. Der Ernst unserer Lage hatte - zumindest in den Köpfen der Anderen - der uneingeschränkten Vorfreude auf baldigen Reichtum Platz gemacht. Mir fehlten die Nerven für eine Rückkehr zur Diskussion.
„Scheiß auf den Knast!”, stieß die Labertasche den Schusseligen an. „Das sitzt du auf einer Arschbacke ab, Chico!”
Schussel nickte. In sich gekehrt hockte er auf seinem Stuhl.
„Nun zu uns, Hermanos”, wandte sich Laber an Pingel und mich. „Sobald die Kohle an Deck ist, lassen wir mal so richtig den Mond platzen! Wird höchste Zeit! Natürlich nicht hier, sondern da, wo die Kuh fliegt, comprende? In Hamburg, oder besser gleich in Berlin. Na, ist das ein Vorschlag?”
Niemand sagte etwas.
„Aber claro, eine super Idee ist das!”, klatschte Laber sich selbst Beifall, sichtlich begeistert von seiner Idee.
„Wir mieten uns ne Kneipe! Was sag ich, ein ganzes Haus mieten wir an! Und da lassen wir uns das Essen nur so kommen - und nicht nur das, Compagneros! Der Champagner muss in Strömen fließen, und Nutten müssen dabei sein, Scheiß auf das Geld!”
„Jau, schiet auf dat Geld!”, röhrte der Pingelige.
Schussel verzog seinen Mund zu einem gequälten Lächeln. Ich sagte nichts, hob mein Glas, nippte einen Schluck Rum. Ich hatte den Anschluss verloren beim Alkoholkonsum der Anderen, stand draußen und betrachtete meine Kameraden wie durch eine Glasscheibe, die anfing, zu beschlagen. Überhaupt hatte ich das Gefühl, ganz weit weg zu sein von dieser feucht-fröhlichen Männerrunde am Rande des Abgrunds.
Mir wurde schummrig vor den Augen, die Gedanken entglitten meinem Zugriff. Mund und Hals fühlten sich an wie ein trockenes Reibeisen. Im ersten Schrecken fürchtete ich, die nächste Erkältung würde mich heimsuchen. Was war nur los mit mir? Ich konnte doch nicht betrunken sein, von nur einem Schnaps!
Mein ausgedörrter Mund, der nicht aufhörte, trocken zu sein - egal, wie viel Wasser ich in ihn hineinschüttete - brachte mich darauf, dass hier mal wieder Dope im Spiel war. Schussels Brot!
Ich schaute auf - die Anderen waren verschwunden. Mir wurde derart schwindelig, dass ich mich nicht mehr auf dem Stuhl halten konnte. Vorsichtig beugte ich mich nach vorn, fuhr meine Arme aus und ließ mich, so sacht es ging, auf allen Vieren nieder.
In mein Zimmer, in mein Bett - aber wo musste ich lang? Unendlich hoch war auf einmal der Raum. Direkt neben mir erhob sich ein steiler, schlanker Felsen, der mich irgendwie an meinen Küchenschrank erinnerte. Müdigkeit wälzte sich über mich. Ich gab ihr nach, rollte mich zusammen. Augenblicklich zog mich der Schlaf in seine warme, schwarze Höhle.
Ich erwachte auf dem Boden einer hohen, von kaltem Neonlicht durchfluteten Kammer. Draußen war es dunkel, erkannte ich durch das hohe, schmale Fenster an der mir gegenüberliegenden Wand. Das Fenster war vergittert.
Sie haben uns geschnappt! - traf es mich wie ein Knüppelschlag auf den Kopf. Ich lag im Knast, in einer verlausten Gefängniszelle!
Der nächste Blick gab mir Entwarnung. Bei dem vermeintlichen Gefängnisgatter handelte es sich um die bis auf Hüfthöhe angebrachte Sicherheitsvergitterung meines französischen Küchenfensters. Vor meinem gewohnten Blick hatte sie längst aufgehört zu existieren.
Die Pflanzen - durchfuhr mich der nächste Schock, irgendwas stimmte nicht mit ihnen! Ich musste rüber, ins „Verbotene Zimmer”, sofort!
Mit äußerster Mühe hievte ich mich Richtung Türschwelle - gerade weit genug, dass ich auf den Flur spähen konnte. Aus der Dunkelheit blitzten mich Augenpaare an.
Ich war ein einsamer, verwundeter Bauer, der sein Feld und sich von einem Rudel Wildschweine bedroht wusste. Auch die Girls spürten die Gefahr. Durch die für mich unüberwindliche Weite des Flurs und die geschlossene Zimmertür hindurch fühlte ich ihre Unruhe.
Jemand war zu ihnen vorgedrungen - aber kein Wildschwein.
„Pulleralarm!”, schob es sich kraftlos über meine staubtrockenen Lippen. Das Schlimmste war passiert, eine weitere männliche Pflanze ins „Verbotene Zimmer&rbdquo; eingedrungen.
Ich schloss die Augen und sah, wie sich ihre prall gefüllten Pollensäcke im Ventilatorwind wiegten. Knackend platzten die Staubbeutel auf, aus jedem stiebte eine dicke, gelbe Pollenwolke. Gierig reckten sich die Blütennarben den Pollen entgegen. Ich sah ihre behaarten, flaumigen Spitzen. Ganz klebrig waren sie geworden. Sie sehnten sich nach Sex!
Schon hatte sich die gelbe Wolke auf ihnen niedergelassen, hielten die klebrigen Härchen die Pollen in liebevoller Umarmung umschlungen. Ich musste zuschauen, wie die feuchten Härchen die Hüllen der eingefangenen Spermazellen aufweichten. Die hatten schon lange auf diesen Moment gewartet. Aus jedem Samen wuchs ein dünner Schlauch und drang in die Narbe. Von heftigem Quietschen begleitet, stießen die Schläuche durch die engen Flaschenhälse der Griffel ins warme, weiche Innere der weiblichen Blüten vor. Hier, im dunklen Bett des Fruchtknotens warteten, in köstliches Nährgewebe gebettet, die Eizellen schon ungeduldig auf ihre Freier.
Unter den Pollenschläuchen war indes ein erbitterter Wettlauf entbrannt. Nur der jeweils schnellste würde heil durch den Griffel gelangen und eine Eizelle abbekommen. Vergeblich meine Hoffnung, dass es keiner von ihnen schaffte. Niemand konnte die Natur aufhalten, die Girls daran hindern, sich zu nehmen, wonach ihnen gelüstete. Schon hatten sich im Inneren der Blüten unzählige Samen- und Eizellen miteinander vereint, hatte zigtausendfach die Befruchtung stattgefunden.
Als nächstes sah ich die Fruchtknoten zusehends praller werden. Unsere Girls waren schwanger und ließen ihre Babys heranwachsen - dort, wo nach unserem Willen goldene, harzreiche Blütenstände gedeihen sollten.
Auf Wiedersehen, Buds! Die Fruchthüllen brachen auf, klackend purzelten die Samenkörner heraus. Klack-klack - landeten sie auf den Pflanztischen, klack-klack - auf dem Fußboden. Auf den Dielen hatte sich bereits eine stattliche Körnerschar versammelt.
Nach kurzem Gewimmel formierten sich die Samen zu einer Kolonne und zogen los - im Gänsemarsch den Flur entlang, der Wohnungstür entgegen. Die musste ihrem Ansturm nachgeben. Mit einem vielstimmigem - klack, klack-klack - ging′s die Treppenstufen hinab, auf die Straße und geradewegs zur Polizeiwache, wo dieser elende Botanikprofessor, von dem uns Schussel erzählt hatte, schon auf sie wartete.
Da vernahm ich Tritte im Hausflur: Viele Paare schwerer Polizeistiefel auf dem Weg in den dritten Stock, zu mir! „Ich will nicht in den Knast”, hörte ich Schussels klägliche Stimme aus dem Dunkel des Flurs, dann wurde es schwarz vor meinen Augen.
Draußen graute der Morgen. In der Etage über mir wurde eine Wohnungstür aufgeschlossen. Renate war vom Brötchenholen, von der Nachtschicht oder von was auch immer zurückgekehrt.
Ich lag weder im Knast, noch lauerte im Treppenflur eine Hundertschaft Polizisten auf mich. Im „Verbotenen Zimmer” hatte sich auch kein weiteres Männchen eingeschlichen. Ächzend erhob ich mich vom Fußboden, schlurfte in mein Zimmer und ließ mich aufs Bett fallen. Mein Horrortrip hatte mich einmal mehr fühlen lassen, wie dünn das Eis unter meinen Füßen war.
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