Fünf Tage nach der denkwürdigen Veranstaltung in meiner Küche piepte mein Handy, eine SMS vom Laberkopf: p ist da warte unten eile geboten!
Ich legte das Pusselzeug beiseite, schrubbte mir fix die Hände und begab mich nach unten. Mir war unwohl. Die übliche Abkühlungszeit des Pingeligen war längst nicht herum. In welcher Verfassung würden wir ihn vorfinden?
Der rote Kombi stand an der gewohnten Stelle. Labers Augen versteckten sich hinter einer Sonnenbrille. Seine Miene wirkte angespannt, als er den Wagen startete.
Die Aprilsonne tauchte den klobigen Plattenbauturm in mildes Licht. Ein gutes Omen? Schweigend näherten wir uns dem schmutziggelben Eingangsportal. Die Tür stand offen, sie besaß kein Schloss mehr. WOHNHAFT für blöde Wichser stand in großen Krakeln auf der Wand gegenüber dem Fahrstuhl. Um das A war ein Kreis gezogen.
Laber sah mich an. „Glaubst du an Wunder, Chico?“
„Nee, wieso?“
Er drückte den Aufzugsschalter. Nichts passierte. „Schade, und ich dachte, heute ist der Tag, an dem er geht.“ Er deutete zu den Treppen. „Acht mal sechzehn Stufen, das hält jung, Hombre.“
Von Stockwerk zu Stockwerk wurden meine Beine schwerer. Das lag nicht nur an meinem schlechten Trainingszustand. Endlich las ich an der Wand die Zahl acht.
Der lange, neonlichtbestrahlte Gang ließ mich an einen Kompanieflur denken. Rechts und links befanden sich die Soldatenstuben. Abgestandener Schweißgeruch erfüllte die Luft, jeden Augenblick würde der Pfiff des Diensthabenden zu Waffenreinigen, Gefechtsalarm oder ähnlichen Vergnügungen rufen. Vor Pingels Tür blieben wir stehen. Laber betätigte die Klingel.
Von drinnen schlurfende Schritte, die Tür ging auf.
„Tach“, begrüßte uns Pingel und gab den Eingang frei. Blanker, grüner Linoleumfußboden, die raufasertapezierten Wände strahlend weiß - im ersten Moment kam ich mir wie bei einer Wohnungsbesichtigung vor. Allerdings sah Pingel nicht wie ein Makler aus. Barfuss, in Uniformhose und ärmellosem Unterhemd erinnerte er mich eher an amerikanische Kriegsfilme. Der Soldat mal ganz privat.
Das Zimmer mit der Anlage war verschlossen. Das andere sah aus, als sei sein Bewohner gerade am Ausziehen. Drei Plastikstühle, um ein kleines Holztischchen gruppiert, bildeten das Mobiliar. Auf dem Boden lag eine Matratze mit einem blauen Schlafsack. In der Ecke standen zwei Bundeswehr-Rucksäcke - Pingels Kleiderschrank.
Wir nahmen Platz: Laber und ich auf der einen, Pingel auf der anderen Seite des Tischchens. Konzentriert stierten wir aneinander vorbei. Mein Blick lief die stoßgeklebten Ränder der Tapete entlang.
„Ich denk mal“, ergriff Laber das Wort, „es ist das Beste, wenn wir Ende des Monats unsere Anlagen wieder anschmeißen. Gleich nach den Eisheiligen sollten wir die ersten Pflanzen soweit haben, dass wir sie raussetzen...“
„Was soll′n der Schiet?“, fiel ihm Pingel ins Wort, „das ist für mich jetzt absolut nicht wichtig, klar?“
„Was ist denn jetzt wichtig für dich?“ Labers Stimme klang gereizt.
Pingel verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich muss erst mal für mich klären, ob ich den ganzen Schiet überhaupt noch will!“
Mir wurde der Hals eng. Wollte Pingel aussteigen? Das wäre das Ende.
„Dass du was willst?“, wurde die Labertasche einen Tick lauter. „Was ist los mit dir? Wohl vom Fisch bespuckt, was?“
Im nächsten Augenblick hallte ein Poltern von den Wänden wider. Das Tischchen knallte gegen mein Knie. Ehe ich begriff, was hier ablief, war Pingel mit einem gewaltigen Satz bei Laber. Er hatte ihn am Kragen gepackt und scheinbar mühelos zu sich raufgezogen.
„Ich will dir sagen, wozu ihr hier seid!“, fauchte er und schüttelte die Labertasche wie eine Gummipuppe. „So lange ihr mit diesem Assi zusammensteckt, bin ich draußen, klar?“
Das war sein Problem?
„Wir haben nichts mehr mit Schussel zu tun!“ - überschlug sich meine Stimme. „Schussel ist kein Thema mehr! Er ist draußen!“
Pingel schickte mir einen fragenden Blick. Offenbar konnte er nicht recht glauben, was seine Ohren da gehört hatten.
Ich nickte ihm aufmunternd zu.
Pingel rüttelte noch einmal an Labers Kragen, dann lockerte er den Griff und setzte ihn auf den Stuhl zurück. „Wartet mal“, murmelte er und verschwand aus dem Zimmer.
Er kehrte mit einer Flasche Rum sowie drei Wassergläsern zurück. Laber hatte indes das Tischchen wieder auf seinen Platz gestellt.
Obgleich sich die Stimmung nun rasant entspannte, fühlte ich noch immer die Starre in meinen Gliedern. Ich bekam das Bild des wutschnaubenden Hünen nicht aus dem Kopf. Im ersten Schrecken hatte ich befürchtet, er wolle Laber das Genick brechen.
Längst waren beide wieder bei bester Laune. Schnell wurden sie sich einig, dass wir uns nach Schussels Ausscheiden mit den geplanten zweitausend Pflanzen übernehmen würden.
„Lasst uns nur noch tausend Girls raussetzen“, schlug Laber vor. Das klang vernünftig, doch wurde ich das ungute Gefühl nicht los, dass er vor allem kalte Füße bekam, was den Arbeitsaufwand betraf.
„Was soll′s? Ist zwar nur noch die Hälfte vom Gewinn, aber auch bloß die halbe Knufferei!“, haute er prompt in die von mir befürchtete Kerbe. Pingels Augen blickten bereits wieder glasig. Nach dem Schrecken von eben ein weiterer Absturz - zu viel für heute! Mich übermannte das Verlangen, etwas für die Hebung der Moral zu tun.
„Moment mal, Jungs!“, meldete ich mich zu Wort. „Dass sich die Arbeit halbiert, kann schon sein, aber unser Gewinn bleibt trotzdem deutlich über der Hälfte!“
Laber nahm seine Sonnenbrille herunter und sah mich an. Sein Blick war der des Stars auf den Statisten, der sich anschickte, die Hauptrolle zu übernehmen.
„Ach ja?“, brummte Pingel interessiert.
„Guckt doch mal“, machte ich weiter. „Ausgehend von zweitausend Pflanzen, die jeweils zweihundertundfünfzig Gramm zu fünf Euro abwerfen - gerechnet auf kiloweisen Verkauf und abzüglich der halben Million Nebenkosten - ergab das einen Gewinn von zwei Millionen, den wir durch vier teilen mussten, soweit alles klar?“
Die beiden nickten.
„Gut. Gehen wir nun aber von eintausend Pflanzen aus, deren Ertrag wir zu genannten Bedingungen verticken, ergibt das einen Gewinn von einer und einer viertel Million. Bei den Nebenkosten können wir gut und gerne auf zweihundertundfünfzigtausend runtergehen. Den technischen Schnick-Schnack passen wir den neuen Gegebenheiten an. Was also bleibt, ist eine Million, die wir aber nur noch durch drei zu teilen haben. Jeder ist also mit dreihundertdreiunddreißigtausend-dreihundertdreiunddreißig Euro und dreiunddreißig Eurocent dabei!“
Labers Miene zeigte das Filmgrienen. „Klingt ja fast nach einem Lottogewinn, Hombre“, tönte er, und Pingel schenkte die nächste Runde ein.
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Geld wollten sie sehen - doch erst einmal musste ich etwas anderes geklärt wissen. Längst war Schussel zum unumstrittenen Star meiner Alpträume mutiert. Er war eine tickende Zeitbombe für unser Unternehmen. Bereits Weihnachten hatte ich ihm in den Ohren gelegen, er solle sich ein neues Handy zulegen. Nun war er Polizei und Staatsanwaltschaft erneut aufgefallen - und die Gefahr, dass sie sein Telefon abhörten, größer denn je. Hatten sie ihn nur deshalb nicht sofort in Gewahrsam genommen, um seine Komplizen zu fassen?
Pingel und die Labertasche sahen das längst nicht so dramatisch, doch da ich nicht locker ließ, gab der Pingelige schließlich nach.
„Soll er sich von mir aus ein Handy kaufen, aber dann ist Schluss, klar? Dann will ich Kohle sehen!“
„Am besten, er nimmt eins mit Prepaid-Card, ohne Vertrag“, ergänzte Laber. „Die sind gerade günstig.“
Natürlich war ich derjenige, der dafür zu sorgen hatte, dass Schussel zu einem solchen Handy kam. Bei allem Arbeitsaufwand war mir das ganz recht. Es ging um unsere Sicherheit, und die wusste ich in meinen Händen besser aufgehoben als in denen meiner Kompagnons.
Aus der einsamen Telefonzelle in der Kanalstraße kündigte ich Schussels Mailbox für den kommenden Vormittag meinen Besuch an.
Schussel hing in seinem Sessel, die Augen verquollen und gerötet. Marihuanaschwaden durchzogen die Luft, im Aschenbecher türmten sich Jointreste.
„Du kaufst dir ein neues Handy“, fing ich an. „Eins mit einer Prepaid-Card, hörst du? Vorher brauchst du keinen von uns mehr anzurufen.“
Schussel kratzte sich am Kinn. „Wieso ein neues Handy?“
„Zu deiner Erinnerung: Die Polizei hat dich am Haken, und wir haben keinen Bock drauf, dass sie uns gleich mit aus dem Bodden ziehen!„, half ich ihm auf die Sprünge. „Möglicherweise hören die dein Telefon ab, also brauchst du schnellstmöglich ein neues, kapiert? Eins mit einer Prepaid-Card, das nicht auf deinen Namen läuft.“
„Ach so. Auf deinen Namen?“
Ich fuhr zusammen, als hätte er mir eine Ladung Eiswasser über den Pelz gegossen.
„Nein Schussel!“, bemühte ich mich um Fassung, „das muss jemand sein, der mit uns nicht das Geringste zu tun hat, hörst du? Jemand, der für die Polizei so unverdächtig ist wie nur irgend möglich, du verstehst?“
Schussel nickte.
„Und? Kennst du so jemanden?“
Er zuckte mit den Schultern. „Meine Tante vielleicht.“
„Super, Schussel! Würdest du es für möglich halten, deine Tante dazu zu bringen, dass sie mitspielt?“
„Wie - mitspielt?“
„Mann, dass sie das Handy für dich kauft!“
Erneutes Schulterzucken. „Weiß nicht. Ist ihr vielleicht zu teuer, weißt?“
„Das Geld musst du ihr natürlich geben“, stöhnte ich. „Pass auf, du nimmst neunundneunzig Euro aus der Firmenkasse, das ist der Preis für so ein Telefon mit Prepaid-Card. Das Geld drückst du deiner Tante in die Hand. Sie geht ins Geschäft, unterschreibt die Anmeldung, und du hast eine Nummer, die wir völlig gefahrlos anrufen können. Niemand wird eine Abhörgenehmigung für das Telefon einer kurz vor der Rente stehenden Dame erteilen, du verstehst?“
Nickend langte Schussel nach seinem Silberdöschen.
Anderntags stand er vor meiner Tür. Nach dem ersten Schrecken über sein Auftauchen zog ich ihn in den Flur. Strahlend bis über beide Ohren präsentierte mir Schussel sein neues Telefon: ein schnittiges, chromblitzendes Motorola-Handy zum aufklappen. Ein Motorola für neunundneunzig Euro ließ sogar mich freudig ans Geldausgeben denken. „Super, Mann, wo gibt′s das? Ein Motorola, für nicht mal hundert Euro, das hole ich mir auch!&lrdquo;
Schussel sah zu Boden.
„Wass′n los?“
„Na ja“, druckste er, „hat bisschen mehr gekostet, weißt?“
„Wie, mehr?“
„Na, ich dachte, wenn ich mir schon ein neues Telefon zulege, will ich da auch die Karte von meinem alten reinstecken, weißt? Bei meinem alten Vertrag ist mir doch das Handy runtergefallen. Ich hätte mir sowieso ein neues zulegen müssen.“
„Ach, ja?“ ignorierte ich Schussels spezielle Logik, „und wie viel hat das Motorola nun gekostet?“
„Na ja“, begann er und stockte. „Das Motorola an sich, also ganz normal mit Prepaid-Card, das gab′s für hundertneunundneunzig, weißt? Und wenn man auch andere Karten mit reinstecken will“ - er machte eine kurze Pause - „vierhundertneunundneunzig.“
„Fünfhundert Euro?“
Schussel nickte.
„Woher hast du das Geld? Hat dir deine Tante spendiert, oder was?“
Schulterzuckend wich er meinem Blick aus. „Na ja, nicht so direkt, ich muss dann auch los, zu nem Kunden, weißt? Wollte dir eigentlich nur sagen, dass ihr mich jetzt wieder anrufen könnt. Hier ist die Nummer.“
Er polkte einen zerknitterten Zettel aus seiner Hosentasche, legte ihn auf den Küchentisch und machte sich aus dem Staub. Ich war derart geplättet von seiner Frechheit, dass ich nicht in der Lage war, ihn zurückzuhalten. Das Ende der Fahnenstange war erreicht und - Sicherheitsbedenken hin oder her - die nächste Gesamtzusammenkunft in meiner Küche fällig.
Vor versammelter Mannschaft fragte ich Schussel ins Gesicht: „Stammen die fünfhundert Euro für dein Handy aus unserer Firmenkasse?“
Schussel druckste etwas unverständliches, trat von einem Bein aufs andere - und nickte. Wieder stand ich wie erstarrt. Schussel hatte in die Kasse gegriffen, uns kaltschnäuzig gelinkt. Wer würde als Erster etwas dazu sagen? Mein Tipp hieß: Pingel. Das Gesicht zur Faust geballt, fixierte er den Schusseligen. Eine falsche Bewegung, ein unangebrachtes Wort, und er würde ihn zerlegen.
Das löste unsere Probleme freilich auch nicht. Schussel war und blieb unser Schlüssel zum Verticken der Ware, das wusste auch Pingel. Aber, wusste er es auch jetzt - der Vulkan, kurz vor dem Ausbruch?
„Mit dir verschissenem Assi will ich nichts mehr zu tun haben“, presste er hervor. „Komm mir nie mehr unter die Augen, klar? Deine Mutter wird gewusst haben, warum sie dich am liebsten im Klo runtergespült hätte.“
Er spuckte vor Schussel auf den Küchenboden und wandte sich ab. Leise klappte die Wohnungstür. Laber sah mich warnend an. Mir war auch so klar, dass ich keinen Versuch startete, Pingel aufzuhalten. Die nächste Zeit würden wir ihn nicht zu Gesicht bekommen.
Schussel gab indes mit hängendem Kopf den Ertappten. Als er meinen Blick erwiderte, deutete ich auf das Motorola an seinem Gürtel: „Ich nehme an, das da ist der gesamte Inhalt unserer Firmenkasse?“
„Ist wahrscheinlich besser, wir gehen von nun an getrennte Wege“, erwiderte er leise, „zumindest, was das geschäftliche angeht, weißt?“
„Wie meinst′n das, Chico?“, tönte die Labertasche.
„Na ja“, druckste Schussel, „ich nehme euch weiterhin die Ware ab ... und ihr verkauft mir das Dope, sagen wir, das Hek zu siebenhundert?“
„Vorkasse?“
„Natürlich.“
„Klingt gut, würde ich sagen“, schnarrte Laber. Breitbeinig baute er sich vor Schussel auf. „Wo wir grad so schön beisammen sind, lass uns gleich anfangen mit den Geschäften! Wie sieht′s aus, Pratze“, wandte er sich an mich, „haben wir zufällig ein Hek auf Halde, für diesen Hombre hier?“
Wie ferngesteuert ging ich in mein Zimmer und holte vier Barren aus dem Kühlwürfel. Bei meiner Rückkehr hielt mir Schussel sieben abgegriffene, blass grüne Scheine hin. Solche hatte ich nie zuvor gesehen. Aber Laber nickte, so hoffte ich, dass sie in Ordnung waren. Mechanisch griff ich nach ihnen. Ganz weich lagen sie in meiner Hand.
Derart einfach hatte ich mir unsere geschäftliche Trennung nicht vorgestellt. Sah ich die Sache richtig, war ich ab jetzt der Hüter unserer Kasse. Traurig nur, dass ich sie mit einem Stand von Null übernahm. Das heißt, nicht ganz. Durch Labers Aktion hatten wir gerade siebenhundert Euro eingenommen. Wie viel hatte Schussel wohl verraucht, wie viel in Form von Biobrot und der gleichen geschluckt?
„Ich schieß dann mal los.“ Schussel hob die Hand und schob ab.
Laber und ich blieben allein in der Küche zurück - der klägliche Rest der Mannschaft des führerlosen Schiffs. Mein Gegenüber schien die Sache allerdings deutlich positiver zu sehen.
„Lass mal, Hombre, das wird schon wieder“, schnalzte er gutgelaunt.
„Meinst du?“
„Aber claro! Nur die Nummer mit dem Telefon, die hätten wir einfacher haben können.“
„Geht′s auch deutlicher?“
Meine Frage zauberte das Filmgrinsen auf Labers Gesicht. „Es gibt da ne Spezialnummer. Wenn du die anrufst und einen gleichförmigen Ton hörst, ist alles bueno mit deinem Handy. Hörst du dagegen einen Piepton, wirst du abgehört, capito?“
„Na toll, und wie lautet diese Nummer?“
Laber zuckte mit den Schultern. „Das lässt sich recherschieren.“
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Eine schöne Arbeit hatte ich mir da aufgehalst. Die erste Schwierigkeit bestand darin, Schussel überhaupt ans Telefon zu kriegen. Nach jedem Versuch wechselte ich die Telefonzelle. Die Polizei sollte nicht sofort auf mich kommen, falls sie Schussels Telefon abhörte. Binnen weniger Tage hatte ich wohl tausend Mal ergebnislos seiner Mailboxstimme gelauscht. Nach dem tausend und ersten Anruf hatte ich ihn am Apparat.
„Schön, dass ich dich erwische! Bevor du in Urlaub fährst, brauch ich unbedingt die Abrechnung, hörst du? Bringst du mir das Kassenbuch rum, oder soll ich längs kommen?“
Es blieb still. Bereute Schussel, dass er rangegangen war?
„Was iss′n jetzt mit der Abrechnung?“, legte ich nach.
„Ist blöd, gerade“, kam es vom anderen Ende. „Jetzt im Moment meine ich, weißt?“
„Was ist blöd?“
„Der Zeitpunkt. ... Bin grade unterwegs, weißt?“
„Und wann bist du nicht mehr unterwegs?“
„Weiß nicht ... pass auf, ich ruf dich die Tage zurück.“
„Nicht die Tage - sofort!“ rief ich in die abgebrochene Funkverbindung.
Nach anderthalb Tagen Schonfrist begab ich mich erneut auf Telefonzellen-Tour.
„Ist bisschen blöd, dass mit der Abrechnung, weißt?“, bekam ich als nächstes zu hören.
„Was ist blöd mit der Abrechnung?“
„Na, ich hab das alles in nem Pappkarton rumzuliegen, weißt?“
„Na und? Schreib alles auf einen Zettel, hefte die Quittungen ab, und ich hole sie mir. Wo liegt das Problem?“
„Ja, klar, aber...“
„Was, aber?“
„Ist gerade total ungünstig, weißt? Aber heute Abend hab ich ganz in deiner Nähe zu tun. Da komm ich fix mal längs, o.k.?“
Mir war klar, dass ich mit dem Essen nicht auf ihn zu warten brauchte. Was spielte dieser Kerl für ein Spiel? War ihm nicht klar, dass ich nicht locker ließ, bis ich ihn hatte?
Am Abend klingelte mein Handy. Es war Pingel.
„Wie weit bist′n mit eurer Abrechnung?“
Unsere Abrechnung ist das, wollte ich sagen, doch ich schluckte es runter. Als ich Pingel erklärt hatte, wie die Sache stand, wurde sein Atem hörbar lauter.
„Pass auf, Pratze!“, presste er hervor, „ich weiß, du kannst nichts dafür, klar? Aber wenn ich nicht bald weiß, was los ist mit unserer Kohle, könnt ihr den Schietkram alleine weitermachen! Wenn dieser Assi nicht ratz-fatz mit der Kohle rausrückt, prügle ich jeden Cent einzeln aus ihm raus, klar?“
Diesmal verzichtete ich auf den Gang zur Telefonzelle. Ich wählte Schussels Nummer und vertraute der Mailbox an, dass ich am folgenden Morgen unwiderruflich zu ihm käme, um endlich Licht ins Dunkel unserer Abrechnungsgeschichte zu bringen.
Punkt acht Uhr stand ich vor Schussels Haustür. Ich setzte zum dritten Klingeln an, als der Summer schnarrte.
Schussel empfing mich im Treppenhaus, sein Kinderlächeln im Gesicht. Er steckte in einer schwarzen Monteurskombi, mindestens drei Nummern zu groß. Der herumschlackernde Stoff machte seinen schmächtigen Körper noch dünner.
„Schön, dass du da bist! Komm doch rein“, gab er die Tür frei.
Ich trat in einen dunklen Flur. Nach zwei Schritten sträubten sich meine Füße, weiter vorzudringen in diese Mischung aus Müllhalde und Baustelle. Von den Flurwänden rieselte der Putz. Die Tapete war geschrumpft und hatte sich zu grau-grünen Klumpen zusammengezogen. An den Wänden des ersten Zimmers, in das ich wegen der fehlenden Tür freie Sicht hatte, fehlte sie ganz. Lediglich von der Decke hing sie in stalaktitenförmigen Flatschen herab. Die Dunkelheit kam daher, dass die linke Fensterhälfte mit einer braunen Hartfaserplatte vernagelt war. Unterm Fenster fehlten ein paar Dielen. Grüner Schimmel zog sich die Wände hinauf.
„Lass uns in mein Zimmer gehen“, lotste mich Schussel weiter.
Hinter dem nächsten leeren Türrahmen lag die Küche. Dreckiger Abwasch stapelte sich in der Spüle. Drei bunt schimmernde Fliegen tummelten sich um eine lindgrüne Deckenlampe, die vermutlich niemals hip gewesen war.
„Da müssen wir lang!“ Schussel zeigte auf die Tür am Ende des Flurs, die einzige noch vorhandene. Ich öffnete sie und konnte gerade noch rechtzeitig meinen Kopf einziehen. Die Öffnung reichte nur bis knapp über meine Nasenspitze. Das obere Ende des Türblatts verblieb am Rahmen, um ein Haar wäre ich gegen das Brett gerannt.
Als ich nach dem ersten Schrecken ins Zimmer trat, sah ich den Grund für diese eigenwillige Konstruktion. Direkt vor der Tür hatte Schussel sein Hochbett positioniert - so tief, dass man die Tür unmöglich öffnen konnte. Wohl deshalb hatte er das Türblatt durchgesägt und den oberen Teil in den Rahmen genagelt.
Ich befand mich in Schussels Guter Stube. Wenigstens schimmelte es hier nicht. Der Raum war sogar halbwegs aufgeräumt. Im krassen Gegensatz zum Rest der Wohnung stand die Tafel: eine festlich gedeckte Holztür, auf zwei Böcke gelegt. Auf der Tür hatte Schussel ein Frühstückbuffet gerichtet, das sich in jedem besseren Hotel hätte sehen lassen können:
Käselaibe lagen auf Salatblättern, umrahmt von tropischen Früchten. Zumindest nahm ich an, dass die Dinger aus den Tropen kamen. Ich hatte sie nie zuvor gesehen. Dazu gab es mit Basilikumblättern garnierte Butterstückchen, frische Milch und Säfte von Orange bis Pfirsich-Mango - alles mit der Aufschrift Bio. Auch das Brot hatte garantiert nicht im Regal eines stinknormalen Bäckerladens gelegen.
„Setz dich, greif zu“, lud mich Schussel ein.
Ich ließ mich am Tisch nieder. Was sollte ich als erstes nehmen? Schussel hatte es wirklich drauf, eine Tafel herzurichten. Schüchtern angelte ich mir eine Schnitte aus dem Brotkorb. Wie viele verschiedene Sorten Käse es gab! Diese Köstlichkeiten! Was mochte das alles gekostet haben? Ich dachte an den spärlichen Inhalt meines Kühlschranks. Was hier vor mir stand, spielte in einer anderen Liga.
Genau das beunruhigte mich: Woher nahm Schussel als langjähriger ALG II-Empfänger das Geld für eine derart exklusive Ernährung? Er hatte doch nicht...
„Gibt′s das eigentlich jeden Tag bei dir?“, fragte ich vorsichtig.
„Na klar!“ Schussel strahlte. „Kannst ruhig öfter kommen.“ Genussvoll biss er in seine dick belegte Scheibe Vollkornbrot. Die Schnitte auf meinem Teller war noch immer unberührt.
„Ist einfach sauberer, das Zeug, weißt?“ Schussel piekte eine Käseecke vom Salatblatt. „Ist nicht so viel Gift drin wie bei dem Pamps aus der Kaufhalle. Die meisten haben echt keine Ahnung, was sie da an giftigen Substanzen in sich reinstopfen.“
Giftige Substanzen - wieder so eine Wendung, die sich äußerst seltsam anhörte, kam sie aus Schussels Mund. Er tafelte also immer derart fürstlich? Schlagartig war mir der Appetit vergangen, ganz im Gegensatz zu meinem Gegenüber. Der wollte gar nicht mehr aufhören zu mampfen.
„Würdest du jetzt bitte die Quittungen holen?“, unterbrach ich die gefräßige Stille.
Schussel schaute von seinem Teller auf. Nach einem irritierten Blick in mein Gesicht leckte er sich die Finger ab, erhob sich von der Tafel und brachte mir einen speckigen Pappkarton. Er war bis unter den Rand gefüllt mit Quittungen - völlig unsortiert, einige durchgerissen, andere geknüllt.
Ich schob Käse, Tropenfrüchte sowie den Teller mit meiner jungfräulichen Biobrotscheibe beiseite und schüttete den Quittungshaufen aufs Tischtuch.
„Die sortieren wir jetzt! Erst einmal nach dem Datum, anschließend danach, ob wir sie wegschmeißen oder aufheben müssen, wegen geltender Garantieansprüche, hast du gehört?“
Einen Flunsch im Gesicht, schob auch Schussel seinen Teller beiseite.
Gut drei Stunden später hatten wir den Zettelberg so weit geordnet, dass man halbwegs von Buchführung sprechen konnte. Alle Quittungen waren entsprechend sortiert und in den von mir mitgebrachten Heftern abgelegt. Alles in allem hatten wir laut Rechnungssumme Ausrüstung im Wert von über dreißigtausend Euro angeschafft.
Ich war freudig überrascht, dass wir schon so viel Kapital in unsere Operation gesteckt hatten. Schließlich war das Geld von uns erwirtschaftet, nicht geborgt. Dazu war ich kolossal erleichtert, dass wir endlich Ordnung in unsere Geschäfte gebracht hatten.
Schussel konnte meine Euphorie offenbar nicht teilen, doch das war mir egal. Ich war erledigt vom Papierkrieg und verspürte das dringende Bedürfnis, diesen Saustall zu verlassen. Das Befremden meines Bruders und seiner Melanie verstand ich jetzt allemal.
Als ich meinen Kompagnons das Ergebnis meines Basteltags in Schussels Bruchbude darlegte, sahen sie mich scheel an, besonders der Pingelige. Ich spürte, wie sich etwas in ihm nach oben arbeitete, das von einem ‚danke für die Mühe, die du dir da gemacht hast′, weit entfernt war. Seine Pranke massierte das Nashorn auf seiner Schulter, während seine Gesichtsfarbe ins Rötliche wechselte.
„Ich will nicht wissen, wie viel Kohle dieser Assi ausgegeben hat. Ich will wissen, wie viel noch da ist!“
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