Einmal mehr müssen wir Michael Pratzkes Bericht unterbrechen, um unseren Blick einem für das Verständnis der Handlung wichtigen Geschehnis zuzuwenden, welches ohne seine Gegenwart stattfand: Schussels Vernehmung.
Schussel schaute zu dem alten Kronleuchter hinauf und dachte an Helena, seine schöne Anwältin. „Wenn Sie sich stellen, müssen Sie zumindest nicht in Untersuchungshaft auf Ihren Prozess warten”, hatte sie gesagt. Ihre Stimme hatte so zuversichtlich geklungen, gerade so, wie: „Lass mal, Süßer, das krieg ich schon hin.”
Dabei war das Ganze nichts als eine billige Intrige der obermiesen Sorte. Wahrscheinlich hatte Boris mal wieder keinen hochgekriegt bei seiner Maria - und jetzt muss ich den Schlamassel ausbaden, dachte Schussel.
Warum war es eigentlich so still im Raum? Schussel sah sich um und bemerkte, dass ihn die vor ihm sitzenden Herren im Anzug erwartungsvoll ansahen.
„Ich habe mit der ganzen Geschichte nichts zu tun”, eröffnete er seine Verteidigung. „Jemand muss das Dope samt dem Geld in meiner Wohnung hinterlegt haben, weißt? Dann hat er den Einbruch vorgetäuscht und die Polizei angerufen.”
Die Beamten quittierten seine Worte mit süffisantem Lächeln. Sie kannten seine Vorgeschichte. Der Vernehmer, ein Enddreißiger mit Halbglatze und einem Loch im linken Ohrläppchen, sah aus, als wolle er Beifall klatschen.
„Wer sollte das denn gewesen sein?”, fragte er stirnrunzelnd, „vierhundertfünfundzwanzig mal zehn Euro, dazu gut achttausend Euro in bar - derjenige muss es ja locker gehabt haben!”
Wieder zeigten die Beamten ihr Lächeln, und der Vernehmer kannte obendrein die aktuellen Dope-Preise. Ein Scheiß war das.
Der Mann mit dem Loch im Ohrläppchen zog ein Foto aus seiner Mappe. Es zeigte Schussel. In Tarnuniform und mit Kinderlächeln posierte er vor einem Feld gut zwei Meter hoher Cannabispflanzen mit prallen Fruchtständen.
„Das kann ich erklären”, rief Schussel. „Das ist ein Feld mit Nutzhanf, weißt? Nutzhanf, ganz legal, ohne THC! Und das ist auch gar nicht mein Feld. Ich bin nur zufällig dran vorbei gekommen, beim Spazieren gehen. Und das Foto? Na ja, da wollte ich ein bisschen vor meinen Freunden mit angeben, das kennen Sie doch, oder?”
„Aber natürlich!” Der Beamte strich sich über seine Halbglatze. „Deshalb auch die Tarnklamotten, nicht? Damit alles richtig echt aussieht.”
„Genau!”
Der Vernehmer gab ein Räuspern von sich. „Ich habe einen Bekannten, Professor Lamprecht, schon mal gehört, den Namen?”
Schussel schüttelte ehrlichen Herzens den Kopf.
„Professor Lamprecht ist Biologe. Er lehrt hier an der Universität. Gelegentlich arbeitet er für uns als Sachverständiger. Botanik ist sein Fachgebiet. Ich werde ihm das Foto zukommen lassen und ihn fragen, was er darauf sieht. Bestätigt er mir, das ist Nutzhanf, haben Sie zumindest in diesem Punkt nicht gelogen.”
Damit klappte der Vernehmer seine Mappe zu und erhob sich. Das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden.
„Aufgrund des dringenden Verdachts des wiederholten Besitzes und Handels mit Marihuana sehen wir uns veranlasst, Ihren Fall der Staatsanwaltschaft zu übergeben. Da Sie sich selbst gestellt haben, sehen wir von einer Sicherheitsverwahrung ab. Das heißt, Sie bleiben bis zu Ihrer Verhandlung auf freiem Fuß. Allerdings sind Sie verpflichtet, sich alle zwei Tage bei Ihrem zuständigen Polizeirevier zu melden. Es ist Ihnen ausdrücklich verboten, die Stadt zu verlassen. Haben wir uns verstanden?”
Egal - bloß raus hier, dachte Schussel und nickte.
***
Ich hockte in meiner Bude wie auf Kohlen. Was brachte Schussels Vernehmung mit sich? Würden sie jeden Moment kommen, mich abholen? Als ich an der Wohnungstür das Schließgeräusch vernahm, durchfuhr mich ein eisiger Schauer.
Polternde Schritte - das musste Pingel sein. Ich stürzte in den Flur - keine Polizei-Eskorte, er war allein gekommen. Seine Hände hielten einen Stapel gewaltiger Plastikwannen. Pingel sah mich einen Moment irritiert an, dann kehrte das Grinsen auf sein Gesicht zurück. „Was bist′n so bleich? Schlecht geschissen, oder was?”
„Nein, alles in Ordnung, soweit”, druckste ich. „Was hast&prime:n da?” Mein Zeigefinger deutete auf die Plastikwannen.
Pingel strahlte. „Dachte mir, ich sorg dafür, dass es nicht noch mal sone blöde Überschwemmung gibt.”
Um Himmels Willen, mein doppeltes Überschwemmungsmallheur! Ein weiterer Schauer ließ mich bis in die Zehenspitzen erstarren. Wie in aller Welt hatte Pingel von meinem Missgeschick erfahren?
„Was′n für eine Überschwemmung?”, fragte ich. Meine Stimme klang reichlich dümmlich.
„Na, wie bei mir im Tower”, erwiderte Pingel, noch immer freudestrahlend. „Weißte nicht mehr, die shit-Wohnungsrenovierung, der Perser, den ich dem Penner unter mir löhnen musste!”
Mein Kopf nickte mechanisch, Körpertemperatur und Pulsfrequenz näherten sich langsam wieder ihren Normalwerten.
Pingel war derweil an mir vorbei ins Anlagenzimmer gestapft und hatte die alten Abwasserbehälter gegen die neuen ausgetauscht. Die neuen waren um etliches größer. Zufrieden begutachtete er sein Werk.
„Hab das DSL von irgend so nem Penner bei mir im Turm angezapft”, brummte er. „Hab gleich mal so′n Hanf-Forum besucht. Keine Angst, Pratze, natürlich ohne mich anzumelden!”
Er zwinkerte mir zu. „Na ja, jedenfalls hab ich mir in dem shit Forum den Tipp mit den größeren Abwasserbehältern abgeschaut. Muss wohl einigen anderen so gegangen sein wie mir.”
„Hm”, pflichtete ich ihm kleinlaut bei. Wie lange würde es wohl dauern, bis mich diese ganze Geschichte endgültig in den Wahnsinn trieb?
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Jedes Jahr gibt es eine Messe, auf der sich die Hanf-Branche präsentiert - dieses Mal in Hennef, einem Kaff in Westfalen.
„Da kriegen wir alles zu sehen, was es gibt auf′m Markt!”, verkündete Schussel in meiner Küche. Seine Augen leuchteten. „Alles, weißt? Steuerungen, Lampen, Bewässerungsanlagen, Dünger. Wir müssen uns sowieso nach geeigneter Verarbeitungstechnik umgucken! Spätestens im Herbst brauchen wir intensive logistische Unterstützung, bei der Menge Gras, die unsere Girls abwerfen!”
Seine Formulierung ließ mich aufstöhnen.
„Ich bin dabei!”, brummte Pingel, einen versöhnlichen Blick auf Schussel werfend. „Wir nehmen meinen Bus, können uns ja abwechseln mit dem Fahren.”
„Hombre, Hombre, welche Ehre!”, kam es aus der Ecke der Labertasche. „Ich dachte, dein neuer Schlitten ist nur für den Messebau zugelassen. Was soll′s, Chicos, lasst uns da halt hinfahren.”
Die drei waren sich also einig. Ich wusste, was sie nach Hennef trieb: Gleichgesinnte treffen, gucken, was los ist, und spätestens am Abend rüber nach Holland, in den nächsten Coffee-Shop. Schussel rauchte inzwischen ausschließlich Joints, Pingel freute sich aufs Autofahren, und Laber schien eine Auszeit von Silvana ganz recht zu sein. Sicher wären die drei auch gefahren, wenn es sich um eine Messe für Schnittblumen gehandelt hätte.
Mir war das Ganze suspekt. So eine Hanf-Messe interessierte garantiert auch die Polizei. Bestimmt wurde dort heimlich gefilmt, und sicher trieben sich jede Menge zivile Drogenfahnder in Hennef herum. Ich hatte weder Lust, einem solchen über den Weg zu laufen, noch wollte ich, dass die Polizei ein Porträt von mir anfertigte. Ganz zu schweigen davon, dass mir nach dem Ding mit Bine jeglicher Antrieb fehlte, da draußen weiteren Frauen zu begegnen, die sich darin übertrafen, mich zu ignorieren. Sollten die Jungs ihre Zeit auf der Autobahn und in Kleinstadt-Kneipen vergeuden. Ich würde in meiner Bude sitzen und meine Arbeit tun! Fiel mir die Decke auf den Kopf, holte ich eben meinen Fernseher rauf.
***
An dieser Stelle müssen wir Michael Pratzkes Bericht kurz unterbrechen. Es macht sich notwendig, unseren Blick einigen Geschehnissen zuzuwenden, die außerhalb seiner Wahrnehmung liegen, für das Verständnis der weiteren Handlung jedoch von einigem Interesse sind:
Samstag-Nachmittag, gegen sechzehn Uhr dreißig, nahm Hauptwachtmeister Schnittler vom dritten Revier die Anzeige eines mit südosteuropäischem Akzent sprechenden Mannes auf. Dieser meldete einen Wohnungseinbruch in der Sonntagstraße dreiundzwanzig - nicht von ungefähr die Adresse eines Lutz Schosterek, besser bekannt unter dem Spitznamen Schussel.
Schostereks Tür war aufgebrochen und in der Wohnung auf professionelle Weise Unordnung angerichtet worden. Der vermeintliche Einbrecher hatte eine Handvoll nicht auf Schussel ausgestellter Scheckkarten mitgehen lassen. Die prall gefüllte Geldkassette auf dem Wohnzimmertisch hatte er dagegen verschmäht, ebenso die direkt neben ihr liegenden vierhundertundfünfzig Gramm verkaufsbereites, in rechteckige Barren gepresstes Marihuana.
Hauptwachtmeister Schnittler entschloss sich nach kurzem Abwägen, den Anrufer ernst zu nehmen und beorderte einen Streifenwagen in die Sonntagstraße. Kurz, nachdem die Beamten die aufgebrochene Wohnungstür passiert hatten, hielt ein Wagen der Drogenfahndung vor dem Haus.
Gut dreißig Stunden später schleppte sich ein übermüdeter, sichtlich verkaterter Schussel die Treppenstufen zu seiner Wohnung hinauf. Während er seine Hosentaschen nach dem Schlüsselbund durchsuchte, bemerkte er ein rot-weißes Streifchen, welches in Brusthöhe in den Rahmen seiner Tür geklebt war. Kurz darauf nahm er das kronkorkengroße, runde Siegel wahr.
„Polizeipräsident der Hansestadt...”, entzifferte er mühevoll die Buchstaben auf dem kleinen, runden Ding. Türknarren ließ ihn zusammenfahren. Er wandte sich um und blickte in das ihn aufmerksam musternde Gesicht von Dorothea Löffler, einer in Ehren ergrauten Dame um die achtzig.
„Herr Schosterek”, flüsterte sie, hinter ihrer Tür hervor lugend. „Ist eingebrochen worden bei Ihnen, hören Sie? Der Wachtmeister sacht aber, alles halb so schlimm, ne! Is nix gestohlen oder so, und randaliert hamse auch nich! Aber-”, Oma Löffler erhob ihren Zeigefinger, „hab ich Ihnen nicht immer gesagt, Sie sollprimen ordentlich abschließen?” Ein gütiges Lächeln überzog ihre Wangen. „Na ja, sind ja gleich die Handwerker gekommen, ne? Ihre Tür iss fast wieder wie neu! Da hamse aber gewaltiges Glück gehabt, min Jung!”
Schussel nickte abwesend. Das Dope auf dem Küchentisch drängte sich in sein Bewusstsein - mindestens dreihundert Gramm! Kurz vor dem Betriebsausflug nach Hennef hatte er sie auf Wunsch seines Freundes Michael Pratzke an sich genommen.
Leichenblass war Schussel jetzt. Sein Mund stotterte unverständliches Kauderwelsch, während seine Füße die Treppenstufen nach unten staksten. Oma Löffler schaute ihm kopfschüttelnd hinterher. Als er außer Sicht war, drückte sie ihre Wohnungstür ins Schloss und hängte hörbar die Kette ein.
***
Es klingelte Sturm an meiner Tür. Das Pussel-Klappmesser glitt mir aus der Hand, landete auf dem Küchenfußboden. War das Barti? Hatte ich wieder vergessen, das Wasser abzustellen? Entsetzt stierte ich das harzverklebte Messer auf den Dielen an. Das Klingeln wurde durch Schläge verstärkt - ihrem Klang nach mit flacher Hand ausgeführt - nicht Bartis Stil.
„Pratze, Mensch, mach auf”, winselte draußen eine vertraute Stimme, „ich weiß, dass du da bist! Bitte!”
Erleichtert ging ich öffnen. Schussel stürzte an mir vorbei in die Küche. Die Arme wild durch die Luft schlenkernd, lief er von Wand zu Wand. Unverständliches Kauderwelsch quoll aus seinem Mund. Plötzlich blieb er stehen und stierte mich an. „Wir müssen uns rächen!”
„Was, rächen?”
„Hast du mir nicht zugehört?” Wieder flatterten seine Arme herum. „An Boris müssen wir uns rächen! Hat mich gefickt, das Schwein!”
„Was .. hat ... wer?”
„Boris! Der wusste als einziger, dass ich das Wochenende weg bin! Kapierst du nicht?”
Mein verständnisloser Blick ließ ihn einen Moment stumm verharren.
„Wer um Himmels Willen ist Boris?”, nutzte ich die Gelegenheit, „und was hast du mit dem zu schaffen?”
Schussels Schultern zuckten, sein Mund tat sich auf und schloss sich wieder. Ohne ein Wort ließ er sich auf dem Küchenstuhl nieder. Dort blieb er sitzen - stumm, mit vor der Brust verschränkten Armen und steifem Rücken, als hätte er einen Stock verschluckt.
Ich zückte mein Telefon.
„Nummer vier ist hier und redet wirres Zeug!”, schnarrte ich in den Hörer. „Komm her, und bring Nummer drei mit!”
Schussel verblieb auf seinem Stuhl, die Lippen aufeinandergepresst.
Als Pingel und Laber wenig später die Küche betraten, huschte sein Blick von einem zum anderen. Sein Mund tat sich auf, und es erklang das mir inzwischen bekannte Wir-müssen-uns- an-Boris-rächen-Lied.
„Hat mich gefickt, die Sau!”, fauchte er kurzatmig. „Wusste als Einziger, dass ich Wochenende weg bin!”
Pingel und Laber guckten bedeppert. Im Gegensatz zu mir schienen sie mindestens zu ahnen, was es mit diesem Boris auf sich hatte.
„Die Sau!”, wütete Schussel, „hat garantiert die Scheckkarten mitgehen lassen, das Schwein, und weiß der Geier, was er mit dem Dope gemacht hat!”
Betretenes Nicken der Anderen. Pingel war der Erste, der einen vorsichtigen Blick in meine Richtung wagte.
Ich war kurz vorm Platzen. „Wäre jetzt bitte einer so freundlich, mir zu erklären, um was es hier geht?”
Nun war es an Pingel und Laber, wirre, zusammenhangslose Satzfetzen aneinander zu reihen. Mühevoll setzte ich das Puzzle zusammen. Als ich das Bild fertig hatte, musste ich mich setzen.
Hatte ich richtig verstanden, kaufte Schussel seit längerem geklaute Kreditkarten auf. Mit ihnen in der Tasche, klapperte er die Filialen aller Supermarktketten ab, in denen man gegen eine simple Unterschrift auf dem Kassenbon bis zu einem gewissen Betrag einkaufen konnte, ohne die Geheimzahl angeben zu müssen. Schon in halb Vorpommern hatte er die Nummer durchgezogen - zusammen mit eben jenem Boris, einem einschlägig bekannten Bulgaren. Zwischen beiden war es zu Meinungsverschiedenheiten über die Aufteilung der Ware gekommen, die sie vor dem Trip nach Hennef nicht beilegen konnten. Demzufolge lag nun der Verdacht nahe, dass Boris Schussels Abwesenheit dazu genutzt hatte, ihn auf hinterlistige Art auszuschalten.
Ich fasste mich an den Kopf. War Schussel von allen guten Geistern verlassen? Ja, er war es. Wut machte mir den Hals eng. Da schuftete ich hier für den Deal meines Lebens, und dieser Idiot riskierte mit einem derartigm Bockmist, dass wir alle aufflogen!
„Du musst in deine Wohnung gehen und gucken, was los ist!”, platzte Laber in die Stille.
„Wie soll ich′n das machen?”, wimmerte Schussel - ganz der hilflose, kleine Junge, der was ausgefressen hatte. „Ist doch versiegelt, die Wohnungstür.”
„Brich sie auf”, schnaufte Pingel, „was haste noch zu verlieren?”
Schussel sah einmal mehr von einem zum anderen. Unendlich langsam erhob er sich von seinem Sitz. Mit zitternder Hand griff er seine Jacke und schlurfte zur Tür.
Bis zu seiner Rückkehr fiel in meiner Küche kein einziges Wort. Sah ich es richtig, hatten sie es beide gewusst, was er da für einen Mist verzapfte! Was kam da noch? War der Laberkopf ein berüchtigter Fischbrötchenschmuggler, kaperte Pingel Paddelboote? Sollte ich die halbe Million in den Wind schießen, meinen Partnern zwei Stunden Zeit geben, die Anlage im „Verbotenen Zimmer” abzubauen und aus meinem Leben zu verschwinden?
Fast vier Monate hatte ich mich nun geplagt, ein Drittel der veranschlagten Zeit. Wie viel war noch übrig vom großen Gewinn? Wie viel hatten wir durch das in meine Anlage eingedrungene Cannabis-Männchen verloren? Wohin führte uns diese Boris-Geschichte? Wie stark war der Sog schon, gab es überhaupt noch ein Zurück?
Die Labertasche stierte aus dem Fenster, Pingel auf den Küchenboden. Verstohlen bückte er sich nach dem Klappmesser. Er klappte es zu, wieder auf. Klapp, klapp, machte es, klapp, klapp - bis ich entnervt aufsprang und ihm das Messer aus der Hand riss. Seines Spielzeugs beraubt, ging er dazu über, sein Nashorn zu massieren.
Endlich das vereinbarte Klingelzeichen. Ich betätigte den Summer und wartete an der Tür. Schussel schleppte sich die Treppen hoch, an mir vorbei - dann stand er in der Küche: hängende Schultern, Tränen in den Augen, ein Häufchen Unglück.
„Alles weg”, wimmerte er, „die Scheckkarten ... und das Dope.”
Wer hatte nun was? Hatte sich Boris beides unter den Nagel gerissen, waren Schussel und damit wir alle mit einem blauen Auge davongekommen. Anders sah es aus, wenn das von meiner Hand gepusselte und gepresste Marihuana nun als erstes Beweismittel gegen die Deppen der Operation Wiesenhügel bei der Polizei lag.
Schussel sah uns an, als hoffe er, wir könnten das ganze Schlamassel ungeschehen machen, indem wir ihm einen Mutti-Zettel schrieben.
Die Labertasche zog einen Flunsch. „Dumm, dumm, dumm.”
Pingels Schnaufen ähnelte dem eines Wildschweins.
„Du musst dich stellen!”, stieß ich heiser hervor.
Schussel stierte mich an, schüttelte seine Locken.
„Nie! Niemals mach ich das, ich ... ich ... hab keinen Bock auf Knast!”
„Ach nee?”, tönte es aus Labers Ecke.
„Nee!”
„So, so.”
„Ja, Mann ... ich will nicht in den Knast!”
„Wenn du das nicht willst, kann dich keiner dazu zwingen”, erwiderte Laber ruhig. „Was gedenkst du statt dessen zu tun? Dich ein Leben lang vor den Bullen verstecken, nach Indochina auswandern, oder was?”
Indochina, echote es in mir. Dort gehörte das Kiffen zum guten Ton, hatte ich in Schussels Hanfbuch gelesen. Wären wir in Indochina, hätten wir jetzt ein Problem weniger. Aber wir befanden uns weit weg von Indochina - mitten in Mecklenburg-Vorpommern, wo bereits der Besitz von ein paar Gramm Marihuana unter Strafe stand.
Von Schussel kam kein Mucks mehr. Kopf und Schultern gesenkt, stand er vor uns wie ein Hampelmann mit gerissener Schnur.
„Alles in Ordnung?” Labers Stimme klang besorgt.
Schussel nickte, nahm also noch Teil an unserer Unterhaltung.
„Pratze hat recht”, wurde Laber versöhnlich, „du solltest echt zur Polizei gehen.”
Schussel gab noch immer keinen Mucks von sich.
„Du sagst doch selber, dass die Scheckkarten jetzt Boris hat”, ließ Laber nicht locker. „Weil er sie haben wollte, hat er doch die Aktion gestartet, oder?”
Schussel nickte.
„Also, Hombre - wenn Boris nun auch das Dope hat, hast du nichts zu befürchten!”
„Hm.”
„Und wenn′s bei den Bullen liegt - Scheiß drauf, Chico, was sind schon dreihundert Gramm!”
Eine ganze Menge, erwiderte ich, aber nur stumm. Ein Schussel, der sich der Polizei stellte, war weit weniger gefährlich als einer, den sie in Kürze schnappten - wenn ich Pech hatte, in meiner Wohnung.
„Hör mir zu, Hombre.” Labers Stimme hatte jetzt wieder ihren gewohnt festen Klang. „Wir geben dir drei Tage Zeit, dich zu entscheiden, wie du weiter vorgehst, claro?”
Schussel nickte.
„Die drei Tage kannst du bei mir wohnen. Hast du dir innerhalb dieser Zeit keinen Anwalt besorgt, werd ich allerdings ernsthaft sauer!”
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Nach dieser Aktion hatte ich endgültig genug von der Außenwelt. Wenn sie mir nur mal zugelächelt hätte, diese Tine oder Bine, aber egal! Das da draußen war einfach nicht meins, viel zu kompliziert!
Wie einfach zeigte sich dagegen das Leben innerhalb meiner vier Wände! Genug zu tun gab es hier allemal. Die Girls wollten versorgt werden, auch zu pusseln hatte ich reichlich, und dann waren da ja noch Omas Bücher. Die zurückliegenden Pannen hatten mir schmerzlich vor Augen geführt, dass mir ordentlich Wissen fehlte.
Handypiepen - diesmal zeigte das Display die Nummer von Ralf, meinem kleinen Bruder. Ralf überragt mich längst um einen halben Kopf, das aus unseren Kindertagen stammende Attribut kann ich mir dennoch nicht abgewöhnen.
Eine von Ralfs Angewohnheiten ist, dass er mich zweimal im Jahr mit überfallartigen Besuchen beglückt. Diese Bezeichnung ist keine Übertreibung. Für gewöhnlich läuft das ganze folgendermaßen ab: Ralf ruft mich an, um mir mitzuteilen, dass er im Auto sitzt, neben sich seine Aktuelle, und gerade Anfahrt auf das Boddenstädtchen nimmt. Unzählige Male hatte ich ihn gebeten, mir wenigstens einen Tag vorher Bescheid zu geben. Mindestens eben so oft hatte er mir versprochen, es ab dem nächsten Mal tatsächlich so zu halten.
„Tach, Keule!” drang seine Bassstimme an mein Ohr. „Na, wie schaut′s?”
„Phantastisch, und selbst?”
„Wir sind grade im Anflug. In zwanzig Minuten schlagen wir bei dir auf, in Ordnung?”
„Ja klar, kommt längs.”
Ich hatte gerade aufgelegt, als es mich siedend heiß durchfuhr: Ich konnte die beiden unmöglich bei mir beherbergen! Nicht einmal in die Nähe meiner Wohnung durfte ich sie lassen! Ralf würde natürlich dichthalten, aber ein mir wildfremdes Mädchen mit einer Marihuana-Aufzuchtanlage, etlichen Kilogramm getrocknetem Gras nebst Verarbeitungsapparaturen zu konfrontieren, das war eindeutig zu viel des Unguten! Hastig suchten meine Finger Ralfs Nummer im Speicher. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als mir das Tuten anzeigte, dass er sein Handy nicht ausgestellt hatte. Nach dem dritten Ton ging er ran.
„Pass auf, Atze!” - legte ich los, „du darfst mit deiner Kleinen auf keinen Fall zu mir kommen, hörst du? Erzähl ihr irgend eine Geschichte, ich kann dir jetzt nichts erklären. Ich kümmere mich um eine Penne für euch, o.k.? Kriegst du′s hin, dass wir uns unter vier Augen sprechen?”
„Schon klar, Keule”, erwiderte Ralf seelenruhig, „mach dir keine Sorgen wegen deinem Vermieter, der sieht uns nicht. Also, bis dann!”
Amen! Ralf hatte mich verstanden und wie immer hervorragend reagiert.
„Hast echt Schwein gehabt, dass du mich noch erwischt hast.” Schmunzelnd gab mir Ralf einen Klaps auf die Wange und schob sich an mir vorbei über die Schwelle. „Wir waren schon fast in deine Strasse eingebogen, als du zurückgerufen hast.”
Ich schluckte. „Und ... was ist jetzt mit deiner Freundin?”
„Alles im Lot. Hab sie drei Ecken weiter in nem Café abgesetzt. Sie heißt übrigens Melanie, aber komm bloß nicht auf die Idee, sie Melly zu nennen. Ansonsten ist sie verhältnismäßig entspannt.”
Während er redete, durchsuchten seine Augen meinen Flur. Grienend deutete er auf meine verschlossene Zimmertür: „Was ist los, Keule? Hast gerade ne Domina zu Besuch, oder wieso sollte ich allein kommen?”
Ich winkte ihm, mir ins Zimmer zu folgen. Buds und Pflanzenreste hatte ich schnell verschwinden lassen, doch Ralfs Blick auf die Verarbeitungstechnik verriet: er ahnte, dass hier was nicht stimmte. Mit einem Nicken bedeutete ich ihm, einen Blick auf die andere Seite des Flurs zu werfen. Ralf öffnete die Tür zum „Verbotenen Zimmer”, machte sie wieder zu und sah mich an.
„Nee, ne?”
„Doch! Verstehst du jetzt, dass ihr nicht bei mir übernachten könnt?”
Ralf besorgte sich einen Stuhl. Ich zückte mein Telefon, hackte Schussels Nummer hinein, wartete.
Zum Glück war Schussel zu Hause und verstand sofort, was los war. Freudig teilte er mir mit, dass das mit der Übernachtung meines Bruders absolut kein Problem sei.
„Hast du echt Schwein gehabt”, fügte er hinzu. „Ich bin nämlich gerade auf′m Abflug, fahre das Wochenende zu einer Freundin, weißt? Schick deinen Bruder längs, dann gebe ich ihm die Schlüssel und zeig ihm fix, wo alles steht.”
Ralf nickte. Er hatte mitgehört. Wir verabredeten uns für den Abend in der BODDENKLAUSE, einer Eckkneipe. Mein Bruder schien enttäuscht, dass ich nicht wie sonst den SEEBLICK vorgeschlagen hatte, aber seit dem Abend mit Marion mochte ich dort nicht mehr hingehen. Nun sah ich die Außenwelt zwar früher wieder als geplant, aber zusammen mit Ralf würde es schon gehen.
Ein großes Bier lang ließen mich die zwei allein in der Kaschemme hocken. Endlich öffnete sich die Tür. Ralf sah sich kurz im Schankraum um, dann trat er auf mich zu. An seiner Seite schritt eine hochgewachsene, exotische Schönheit mit langem, pechschwarzem Haar. Die Schöne sah mich an wie ein räudiges Tier. Auch Ralf wirkte verstört.
Widerwillen im Blick, ließen sie sich an meinem Tisch nieder. Melanie, die man nicht Melly nennen durfte, wählte den am weitesten von mir entfernten Platz. Sie brachte ein verächtliches "Hi" über ihre Lippen und ging direkt dazu über, mich zu ignorieren.
Ich schluckte. War meine Aura schon so mies, dass sich die Frauen bereits vor mir ekelten, bevor sie das erste Wort mit mir gewechselt hatten? Hatte ich ein faules Ei auf dem Kopf? Aber wieso guckte mich auch mein Bruder so scheel an? Ich rieche nach Gras!, durchfuhr es mich. Melanie hat den wahren Grund meines Theaterspiels herausbekommen!
„Was iss′n das für ein Typ, dieser Schussel?”, fragte Ralf.
„Ein Kumpel”, erwiderte ich kleinlaut. „Wieso?”
Mein Bruder runzelte die Stirn. „Warst du schon mal in seiner Bude?”
„Na ... nee.”
„Sei froh, Keule, sei bloß froh”, brummte er und winkte dem Kellner.
Es wurde schließlich doch noch ein netter Abend. Melanies Kühle mir gegenüber schmolz alsbald. Als wir uns verabschiedeten, sah sie mir in die Augen. Ihre sinnlichen Lippen schenkten mir sogar ein Lächeln.
„Komische Kumpel hast du. Ansonsten bist du genau so, wie mir Ralfi erzählt hat.”
Sie reichte mir die Hand. Ich hätte sie küssen können, so erleichtert war ich, dass sie mich offenbar doch nicht eklig fand.
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