Montag, 12. Februar 2007
Folge 11 (Woche vom 05.02.07 bis zum 11.02.07)
Pratzke-Homepage

Mein Handy piepte, eine SMS von meinem Kommilitonen Dietmar. Samstag Geburtstag Erscheinen Pflicht, stand auf dem Display, dahinter drei Ausrufezeichen. Dietmars Geburtstag hatte ich völlig vergessen, genau wie Dietmars Existenz. Dabei war er mein Freund, vielleicht der einzige, den ich noch so nennen durfte.
Natürlich widerstrebte es mir, einen Extratrip nach draußen zu unternehmen. Freilich könnte ich mich mit meinem Job in Bayern rausreden, aber Dietmar war wie gesagt mein Freund! Wollte ich ihn nicht enttäuschen, blieb mir nichts anderes übrig, als hinzugehen.
Außerdem, einen Tapetenwechsel hatte ich allemal nötig. Schon lange verspürte ich das dringende Bedürfnis, wieder mal ein paar andere Gesichter zu sehen als meine Visage im Spiegel oder die meiner Kompagnons.
Noch etwas trieb mich dazu, Dietmars Einladung anzunehmen. Letzten Sommer hatte ich auf einer der Grillfeten auf seinem Grundstück draußen in Altwarben ein Mädchen kennengelernt.
Tine war etwas jünger als ich - schlank, lange, blonde Haare, Sommersprossen - eine Aufgeweckte vom sportlichen Schlag. Auf halbem Weg zwischen Biertonne und Grill hatte sie plötzlich vor mir gestanden und sich ohne ein Wort bei mir untergehakt.
Wir spazierten die Lindenallee runter zum Neuwarbener See. Es roch nach Sommer, die Nacht war schwül, die Frösche quakten wie verrückt - und wir haben wir uns nicht mal geküsst!
Dietmars Geburtstagsparty stieg nicht in Altwarben, sondern in seiner Stadtwohnung. Sie lag in der Südvorstadt, ein Viertel, verfallen wie Wiesenhügel, aber ohne touristisches Sommerflair - und ganze zwanzig Minuten Fußweg von meinem Verließ entfernt.

Schon von weitem vernahm ich die Party-Geräusch-Kulisse: Gesprächsbrei, untermalt vom basslastigen Stampfen einer lediglich als dumpfes Gemumpfe auszumachenden Musik. Sollte ich wirklich hoch gehen?
Die geöffnete Haustür mahnte mich, einzutreten. Im Hausflur klebte ein weißes Blatt Papier. Gewissenhaft layoutet bat mein Kommilitone die Anwohner um Verständnis für die wahrscheinlich bis nach Mitternacht andauernde Lärmbelästigung. Eine anrührende Geste, typisch Dietmar. Vermutlich war er der Einzige, der hier noch Miete zahlte. Außer ihm bewohnten nur ein paar Punks das Haus, und für die war es nicht ratsam, bei Kümmernissen die Polizei einzuschalten.
Durch den ab dem zweiten Stock dunklen Hausflur tastete ich mich nach oben. Dietmars Wohnungstür stand sperrangelweit offen.
Kaum hatte ich die Schwelle übertreten, kam ich mir vor wie Catweasel, der auf seiner Suche nach dem dreizehnten Tierkreiszeichen versehentlich auf ein amerikanisches Teenager-Happening geraten war. Um mich herum tummelten sich lauter wild gestikulierend auf sich einredende junge Menschen. Sie wippten in den Knien zum Takt der Mumpfmusik. Mir wurde schwindelig von all den Wortfetzen, dem Tabaksqualm, den kosmetischen Lockstoffen der Frauen! Letztere standen in ihrer Intensität dem Duft meiner Girls in nichts nach.
Ich durchkämmte Flur, kleines Zimmer, großes Zimmer - und sah nur Fremde. Waren das alles Erstsemestler?
„Da schau her”, vernahm ich nahe meinem Ohr eine kräftige Männerstimme. „Herzlich willkommen in Vorpolen!”
Ehe ich wusste, was los war, hatte Dietmar meinen Kopf an seine Zehnkämpferschulter gepresst. „Alter Bayernknecht, wie stehen die Aktien?”
Ich schluckte, wegen der Aktien. Dass es Dietmar, wie ich wusste, tatsächlich interessierte, was ich so trieb, war ein Problem! Sollte ich Dietmar gestehen, dass ich ihn angelogen hatte? Dass ich, statt ordentlich in Bayern zu knuffen, ein paar Straßen von hier entfernt zusammen mit zweihundertneunundvierzig Marihuana-Stecklingen in meiner Bude hockte, dass ich mit drei Gestalten aus der Halbwelt verkehrte und mir davon eine halbe Million versprach?
„Was soll los sein?” Ich zuckte die Schultern. „Frühstücken, den ganzen Tag hucken und nach dem Abendfilm ins Bett fallen.”
Dietmar verschonte mich mit weiteren Fragen. Das war sehr lieb von ihm, in der Klemme blieb ich trotzdem. Was sollte ich jetzt sagen? Meine Small-Talk-Fertigkeiten gingen gerade gegen minus Unendlich. Mich danach zu erkundigen, was sein Studium machte, erschien mir zu billig. Stumm stand ich vor ihm und bereute, dass ich seine Einladung angenommen hatte.
„Wie geht′s eigentlich Conny?”, gelang mir zu guter Letzt die Rettung. Offenbar hatte ich doch noch nicht alles vergessen: Dietmar nach seiner Freundin zu fragen, war das sicherste Mittel, ihn in Vorhand zu bringen. Prompt überzog sich sein Gesicht mit einem Strahlen: „Conny ist die glücklichste Frau der Welt!” Er blinzelte mir zu. „Das hoffe ich zumindest.”
„So lange ich mich Nacht für Nacht an diese starke Schulter schmiegen darf, ist es schon so”, mischte sich Conny ein. Sie küsste ihn auf die Wange.
„Hi Pratze, schön, dass du gekommen bist”, wandte sie sich an mich, und auch ich bekam ein Küsschen verpasst. Conny trug ein enges, weinrotes Oberteil und war ein bisschen beschwipst. Beides stand ihr ausgesprochen gut.
„Schnapp dir&rime;n Bier, fühl dich wie zu Hause!” Dietmar legte den Arm um Connys Taille, und beide tauchten im Getümmel der Gäste ab.
Dietmars Rat folgend, langte ich in den nächsten Bierkasten und ließ es zischen. Erleichtert, etwas in der Hand zu haben, schob ich mich ins Wohnzimmer, vors offene Fenster. Die zigarettenrauchgeschwängerte Luft war hier am ehesten zu atmen. Außerdem konnte ich mir jetzt aussuchen, ob ich die verwaiste Straße oder das Gewimmel in Dietmars Bude betrachtete. Nach Connys Freundschaftskuss und dem ersten Schluck aus der Flasche kam ich mir schon nicht mehr ganz wie das hässliche Wesen vom anderen Stern vor. Außerdem hatte es was entspannendes, auf einer Fensterbank zu sitzen und all diesen fremdartigen Wesen zuzugucken.
Ein vertrauter Duft stieg mir in die Nase. Kein Zweifel, ganz in meiner Nähe brannte ein Joint! Einen Moment fühlte ich mich, als wäre ich gerade heimgekommen. Das gab′s doch nicht: Es war Tine, die den Joint in ihrer Hand hielt. Sie stand im Türrahmen, zwischen Dietmars Bruder Kai-Uwe und einem Semmelblonden im karierten Hemd. Mein Puls ging sofort schneller.
Während ich mich zu Tine durchkämpfte, fühlte ich mich derart euphorisch, dass ich drauf und dran war, sie zur Begrüßung in meine Arme zu schließen.
Gerade noch rechtzeitig konnte ich abbremsen. Tine hatte mich kurz und fragend angeschaut - und sich wieder dem Semmelblonden zugewandt. Begleitet von einem Augenaufschlag, der mich traf wie ein Leberhaken, reichte sie ihm den Joint. Dazu schenkte sie ihm ein Lächeln, für das die Bezeichnung schmachtend eine glatte Untertreibung war. Er nahm einen halbherzigen Zug und reichte die Tüte an Kai-Uwe weiter. Tine packte den karierten Arm des Semmelblonden und zog ihn mit sich davon.
„Wir gehen ne Runde abtanzen, Jungs!”, rief sie uns zu.
Ich stand neben Kai-Uwe wie bestellt und nicht abgeholt. Das Bier ließ mich aufstoßen und füllte meinen Mund mit bitterem Aroma.
„Wenn du den Frauen nicht klarmachen kannst, dass du der Star des Abends bist, lassen sie dich schnell links liegen”, hatte mir Dietmar mal anvertraut. Genau das hatte Tine gerade mit mir getan, deutlich genug, dass ich endgültig die Faxen dicke hatte.
„Hallo Michael”, sprach mich Kai-Uwe an, „na, wie läufts denn so?”
„Ganz phantastisch.”
„Willste auch mal?” Kai-Uwe blinzelte auf den Joint in seinen zierlichen Informatikerfingern. „Na komm schon. Mach mal was Verwegenes.”
Verwegen, echote es in mir.
„Na, los!”
„Nee, lass mal”, druckste ich, drückte Kai-Uwe meine Bierflasche in die Hand und strebte dem Ausgang zu.
Wie ein Irrer eilte die Treppen runter, bog um die nächste Ecke. Der Partylärm in meinem Rücken verebbte. Was bildeten sich diese Frauen eigentlich ein? Der Star des Abends! Hätte ich mit einer BMW die Treppenstufen hochfahren sollen? Wie auch immer, mir fehlte das Zeug zum Star, und basta! Mit eingezogenem Kopf schlich ich durch die Nacht heimwärts.

Ich hatte mir gerade die Bettdecke über die Ohren gezogen, da piepte mein Handy. Es war Dietmar.
„Mensch Pratze, warum bist′n so schnell abgehauen?”, drang seine Stimme aus dem Krach. „Bin ja gar nicht mehr dazu gekommen, mit dir anzustoßen! Liebst mich wohl gar nicht mehr?”
Ich hatte keine Lust, mir irgend welche Ausflüchte aus den Fingern zu saugen und erzählte ihm kurzerhand die Geschichte meines missglückten Tine-Wiedersehens. Dietmars Antwort: schallendes Lachen.
„Na toll!”, brummte ich in den Hörer, „bist′n echter Freund!”
„Sorry, Pratze.” Noch immer konnte er sich kaum einkriegen. „Vielleicht hätte ich′s dir lieber sagen sollen?”
„Was denn?”
„Wart mal.”
Dietmar war offenbar dabei, ein ruhigeres Plätzchen zu suchen. „Mensch, Pratze!” meldete er sich zurück, „die Kleine hier auf der Party, das ist nicht Tine, sondern Bine, ihre Zwillingsschwester! Und du interessierst dich für Tine? Warum hast du mir das nie gesagt? Hätte ich sie glatt eingeladen!” Wieder wurde er von Lachen geschüttelt. „Lass mal, Pratze, ich kenne die beiden ganz gut, und kann sie trotzdem nicht auseinanderhalten.”

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Freitag, 9. Februar 2007
Folge 10 (Woche vom 29.01.07 bis zum 04.02.07)
Pratzke-Homepage

Pingel hatte zwischen zwei Messebaujobs die Dauer der Lichtphase von achtzehn auf zwölf Stunden verkürzt und meine Anlage damit von der Wachstums- auf die Blühphase umgestellt. In der Natur ist dieser Punkt mit der Sommersonnenwende, dem Kürzerwerden der Tage erreicht. Indoor verkürzt man einfach die Strahlungszeit der Lampen. Sobald dies geschehen ist, hören die Girls auf, in die Höhe zu schießen und bilden wie wild Blüten, um sich zu vermehren.
„Sie hören ihre biologische Uhr ticken und kriegen Torschlusspanik”, lautete der Kommentar der Labertasche, „sind eben auch bloß Frauen.”
Mit anderen Worten: die Pflanzen begannen, die harzreichen, für uns so entscheidenden Buds zu bilden.

Wieder einmal von meinem wöchentlichen Besuch bei NETTO zurückgekehrt, wollte ich den Schlüssel ins Schloss stecken - als ich bemerkte, dass meine Tür nicht abgeschlossen war.
War ich senil geworden, oder war da wer in der Wohnung? Mit angehaltenem Atem klickte ich den Schnapper auf, öffnete die Tür einen Spalt und horchte in den Flur.
Schritte, im „Verbotenen Zimmer”! Mein Puls arbeitete auf Hochtouren. Was jetzt? Wegrennen? Vorm Haus hatte kein Polizeiwagen gestanden, oder?
Ich ließ ein paar Sekunden verstreichen, dann zog ich mir die Schuhe aus, trat auf Zehenspitzen über die Schwelle in den Flur.
„Scheiße, Mist, verdammter!”, drang Schussels Stimme aus dem Anlagenzimmer. Mein Puls ging wieder runter. Ich holte meine Schuhe rein, drückte die Wohnungstür ins Schloss und betrat das „Verbotene Zimmer.”
„Wass′n los?”, fragte ich den durch den Raum tobenden Schussel.
Er blieb stehen, als hätte der Blitz in seine Locken eingeschlagen. Wild gestikulierend zeigte er auf eine der Pflanzen. Ich verstand noch immer nicht.
„Mann, Pratze”, schrie er auf, „wir haben Pulleralarm! Das da ist kein Girl! Ein Kerl ist das, verdammte Scheiße! Ich hab die Ventilatoren abgestellt, aber zu spät! Er hat schon Pollen abgelassen!”
Eine der Pflanzen überragte ihre Schwestern um ein gutes Stück. Bei genauerer Betrachtung sahen ihre Blüten ein wenig anders aus als die der Umstehenden. Diese wiesen lauter zarte, flaumigweiße Narben auf, welche in winzigen, grünen Fruchtknoten steckten. Die Blüten der größeren Pflanze bestanden dagegen aus winzigen, grünlichweißen Kelchen, die rispenartig an den Zweigen und von der Spitze des Haupttriebs herabhingen. Jede Rispe war mit einem halben Dutzend beutelartiger Gefäße bestückt.
Ich sah zu Schussel. „Und jetzt?”
Schussel langte in den Garten und versuchte, den Topf mit dem Eindringling herauszufischen. Seine Hände zitterten, dass ich fürchtete, er würde sämtliche umstehenden Pflanzen umwerfen. Zumindest staubte es noch einmal heftig aus den Beutelchen, als er den Übeltäter herausgehoben bekam.
Schnurstracks verschwand er mit der Pflanze in die Küche. Als ich hinzu kam, hatte er sie bereits aus der Erde gerissen. Wutentbrannt stopfte er sie in eine Mülltüte.
Es dauerte eine Weile, bis er soweit war, sich auf dem Küchenstuhl niederzulassen und das Silberdöschen zu zücken. Mühevoll ließen seine Finger den Joint entstehen. Noch immer zitternd, entzündete er ihn und nahm einen tiefen Zug.
Augenblicklich entspannten sich seine Züge. Mich dagegen quälte die Ungewissheit: Was hatte dieser Vorfall zu bedeuten?
Schussel schüttelte seine Locken. „Hat das Schwein echt seine Pollen abgelassen. Schlimm genug, das Ganze.”
„Wie schlimm?”
„Total schlimm.”
Seine Hand malte einen Kreis in die Luft. „Die Ventilatoren, weißt?”
„Was ist mit den Ventilatoren? Mensch, rück raus mit der Sprache!”
Erst einmal war es jedoch Zeit für den nächsten Zug. „Wir müssen davon ausgehen, dass er etliche Girls bestäubt hat.”
„Und ... was heißt das?”
„Die Bestäubten bilden Samen aus”, erklärte Schussel. „Sie stecken ihre ganze Power in die Samen und scheren sich einen feuchten Kehricht um die Buds, weißt? Bedeutet eine beträchtliche Minderung unseres Ertrags, das Ganze.”
Wie beträchtlich? - wollte ich fragen, doch ich ließ es bleiben. Die Worte der Labertasche gingen mir durch den Kopf - wie fies wir zu den Girls waren. Jetzt hatten sie sich genommen, wonach ihnen zumute war.
„Wie kann das sein, dass da auf einmal eine Pflanze mit männlichen Blüten auftaucht?”, musste ich nun doch fragen. „In der Mu-Ki-Anlage stehen doch nur Weibchen!”
Schussel zuckte mit den Schultern. „Bei ungünstigen Umweltbedingungen kann′s passieren, dass eine weibliche Pflanze männliche Blüten bildet, weißt? Als Abwehrreaktion, um ihre Fortpflanzung zu sichern.”
Zwittrigkeit, ungünstige Umweltbedingungen - hatte ich die Girls unsachgemäß behandelt?, durchfuhr es mich siedend heiß. Ging dieser Unfall auf meine Kappe?
Schussel nickte mir freundlich zu und drückte den Joint auf dem Deckel des Silberdöschens aus.

Der nächste Schock folgte, als wenig später die Beleuchtungsanlage ausfiel. Zuerst dachte ich, mein Zeitgefühl würde mich im Stich lassen, doch der Blick auf die Computeruhr bestätigte, dass hier was nicht stimmte.
Bei der Indoor-Aufzucht wird das Licht immer in einem bestimmten Takt ein- und ausgeschaltet. Fallen die Lampen aus, ist die Dunkelphase unnatürlich verlängert. Die Pflanzen kommen aus dem Takt und tun nicht mehr das, was sie tun sollen - in unserem Fall: Buds bilden, was das Zeug hält!
Stunden verrannen, und die blöden Lampen gingen nicht an! Wie reagierten die Girls? Hörten sie auf, Blüten zu bilden? Bildeten sie männliche, verkümmerten sie gar?
Ich knöpfte mir die Steuerungsboxen der Lampen vor, schraubte sämtliche Sicherungen heraus. Alle waren intakt, ich wechselte sie trotzdem komplett aus - keine Reaktion!
Ich rief Pingel an. Ehe er zu Wort kam, hatte ich ihm den Vorfall geschildert. Das Reden erleichterte mich. Gleich würde er zu mir kommen und alles in Ordnung bringen.
„Mann, Pratze!”, grummelte er missgelaunt, „iss sicher bloß ne Sicherung gekommen.”
„Das kann nicht sein! Ich hab alle durchgecheckt!”
„Und ich hab nen schiet Arbeitstag hinter mir! Ruf morgen an, klar?”
„Mensch Pingel, hier ist deine Arbeit!”, rief ich in die tote Leitung - und kontrollierte noch einmal sämtliche Stecker, Lüsterklemmen, die Sicherungen sämtlicher Steuerungseinheiten - ohne Befund.
Sollte ich die Speziallampen auseinandernehmen? Zum Glück fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, wie diese Dinger aufgebaut waren. Auseinander bekam ich sie allemal, aber dann?
Als Pingel am folgenden Nachmittag zu mir kam, klappte er im Flur den Sicherungskasten auf, schüttelte den Kopf und drückte die Hauptsicherung wieder rein. Den Blick, mit dem er mich im Schein der brennenden Lampen ansah, werde ich nie vergessen.

Meine Blackouts kamen nicht von ungefähr. Seit die Anlage in Betrieb war, litt ich unter einem fürchterlichen Koller. Nichts lief mehr normal! Ich war schrecklich hellhörig geworden, was Geräusche im Treppenhaus anging. Die Türklingel wurde mein schlimmster Feind. Ertönte sie, durchfuhr es mich jedes Mal: Jetzt holen sie dich!
Glücklicherweise fand ich bald heraus: Nicht jedes Klingeln glich dem anderen. Ein kurzes Schellen, das zugleich oder kurz danach an den Wohnungstüren unter mir ertönte, war kein Grund zur Aufregung. Es handelte sich entweder um die Müllabfuhr oder um einen Schüler, der seinen Job als Werbungsbote noch ernst nahm.
Einen weiteren, entscheidenden Unterschied machte es, ob an der Tür besagtes Schellen oder ein kurzes, trockenes Piepen erklang. Hörte sich Ersteres mit einiger Phantasie bedrohlich nach einem Martinshorn an, bedeutete es jedoch, dass der Erzeuger noch unten stand und vorerst absolut ungefährlich war. Piepte es jedoch, stand der Eindringling bereits vor meiner Tür, und jedes noch so winzige Geräusch konnte mich verraten.
Die Türklingel-Phobie war längst nicht die einzige Erscheinungsform meines Anlagenkollers. Eines Nachmittags stellte ich fest, dass ich kein Brot mehr im Haus hatte und deshalb, entgegen meiner Gewohnheit, noch mal raus musste. Einkäufe, Behördengänge und ähnliche Expeditionen in die Außenwelt erledigte ich normalerweise früh am Morgen. Da hatte ich noch keine Marihuanastauden angefasst, meine Finger waren also weder verklebt, noch rochen sie allzu sehr nach Gras.
Ich griff Geld und Schlüssel und sprang in den Hausflur. Einen Stock tiefer lief mir der Freund von Renate, meiner Nachbarin, über den Weg. Seit ich bei seinem Einzug einen Schrank mit hochgetragen hatte, hielten wir manchmal ein kleines Schwätzchen im Treppenhaus.
„Na Micha, sieht man dich auch mal wieder?” Er streckte mir seine Hand entgegen. Ich folgte dem Reflex und reichte ihm meine. Als mir einfiel, dass meine Finger voller Harz waren, war es zu spät. Renates Freund schüttelte meine Hand - zu fest, zu lange! Als er sie wieder losließ, krabbelte er sich, einem Juckreiz folgend, an der Nase.
Um Himmels Willen, jetzt riecht er es! Mein Herz drosch derart laut gegen meine Brust, dass ich fürchtete, er könnte es hören. Ich stotterte irgendwas von einem dringenden Termin und hastete die Treppen runter.
Bei NETTO war ich noch immer völlig benommen vor Angst. Wie Falschgeld stolperte ich zwischen den Regalen herum. Beim Bezahlen wechselte ich dreimal die Kassenschlange, weil ich glaubte, verdächtige Blicke seitens der Kundschaft bemerkt zu haben.
Am nächsten Morgen begegnete mir Renate im Treppenflur. Grußlos stapfte sie an mir vorbei. Oh Gott - sie weiß es! Ihr Freund hatte ihr seine Hand unter die Nase gehalten, und nun war ihr klar, dass sie Tür an Tür mit einem Gangster wohnte! Hatte sie mich bereits angezeigt, oder wartete sie damit, bis sie einen stichhaltigen Beweis in der Hand hielt?
Verbarrikadiert in meiner Bude malte ich mir aus, wie Renate und Barti eine zu allem entschlossene Bürgerwehr gegen meine Tür führten. Meine Angst war so groß, dass ich mich kaum noch im „Verbotenen Zimmer” aufhielt. Das satte Grün der Girls hätte mich sicher beruhigt. Wie lange war es her, dass ich bei ihnen gestanden, sie bewundert und ihnen zugerufen hatte, sie mögen wachsen? Meine Euphorie war nackter Angst gewichen. Ich versuchte, die Existenz der Anlage zu vergessen - freilich auch keine Lösung! Rückte die Polizei an, könnte ich sie kaum abspeisen mit: „Das ist das Zimmer von meinem Untermieter, da komm ich gar nicht rein.” Und dann: Gute Nacht, Michael Pratzke.

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Montag, 29. Januar 2007
Folge 9 (Woche vom 22.01.07 bis zum 28.01.07)
Pratzke-Homepage

Auf Gummiknien stieg ich die zwei mal neun Stufen hinunter, fixierte die Tür vor meiner Nase und klopfte. Barti schien auf mich gewartet zu haben, so schnell machte er auf. Ich folgte ihm in seine Stube - erleichtert, dass er darauf verzichtet hatte, bei meinem Erscheinen wieder herumzutoben. War er heiser vom Schreien? Stumm stand er vor mir, das Gesicht zerknittert wie sein Schlafanzug. Hinter ihm tropfte es von der Zimmerdecke. An einigen Stellen ging ein dünner Wasserfaden nieder. Bartis Arme hingen herab, aus seinen Barthaaren perlten die Tropfen wie bei einer Springbrunnenfigur. Er war mindestens so erledigt wie ich - das musste ich ausnutzen!
Ich holte tief Luft und redete mir die Seele aus dem Leib, wie peinlich mir diese Geschichte sei, dass ich alles mit meiner Versicherung regeln und notfalls den gesamten Schaden aus eigener Tasche bezahlen würde. Barti stand regungslos vor mir, im wahrsten Sinne des Wortes ein begossener Pudel.
„Ich werde mich der Sache stellen, hören Sie?”, leitete ich mein Finale ein. „Ihnen wird keinerlei Schaden entstehen, im Gegenteil! Dafür bürge ich - mit meinem Kopf!„
Damit streckte ich ihm meine Hand entgegen. Barti war so verdutzt, dass er prompt einschlug. Er wirkte sogar ernsthaft gerührt. Jetzt durfte ich nicht auf halber Strecke stehen bleiben! Als Gegenleistung für meinen Schwur nötigte ich ihm das Versprechen ab, auf keinen Fall die Hausverwaltung einzuschalten. Glücklicherweise fiel mir gerade noch rechtzeitig die alte Guerilla-Taktik des falschen Geständnisses ein. So gestand ich Barti, dass ich das über seiner Stube liegende Zimmer ohne das Wissen der Hausverwaltung - also streng illegal - untervermietet hätte und ganz sicher fristlos gekündigt würde, falls er den Vorfall meldete. Das Aquarium meines Untermieters sei im übrigen auch mir schon lange ein Dorn im Auge gewesen. Als ich Barti hoch und heilig versprach, dass über ihm, zumindest solange ich hier lebte, niemals wieder ein Aquarium stehen würde, langte er ein zweites Mal nach meiner Hand.
Während wir händchenhaltend in seiner Stube standen, tropfte es weiter von der Decke - genau auf die Stelle, auf der bis vorhin eine weiße Ledercouch gestanden hatte. Was konnte es hässlicheres geben als eine weiße Ledercouch? Sah ich es richtig, würde ich Barti nun genau diese ersetzen müssen. Dagegen war Pingels Vierhundertmark-Teppich ein Schnäppchen.

Meinen Partnern verschwieg ich die Geschichte, zu sehr fürchtete ich ihren Spott. Wem ich mein Unglück nicht verschweigen durfte: meiner Haftpflichtversicherung.
Nachdem ich einen Tag lang um mein Handy herumgeschlichen war wie ein Sprengmeister um sein erste Bombe, griff ich schließlich zu, wählte die Nummer meiner Versicherungstante - und sprudelte los. Ich erzählte ihr, dass ich mich gerade für längere Zeit außerhalb der Stadt befände. Während meiner Abwesenheit sei mein Aquarium ausgelaufen und habe einen beträchtlichen Wasserschaden in der Wohnung unter mir verursacht. Verschämt fragte ich, ob ich diesen Fall über meine Haftpflichtversicherung regeln könne. „Nur bin ich ja”, beeilte ich mich, hinzuzufügen: „nahezu die ganze Zeit nicht vor Ort!”
„Da machen Sie sich man keine Sorgen”, streichelte die Stimme der Versicherungstante mein Ohr. „Zur Erfassung des Schadens müssen wir ja nicht in Ihre Wohnung, sondern in die drunter! Hab ich Sie richtig verstanden, ist da der Schaden entstanden, ne?”
„Ja, ja, genau!”
„Na, denn iss ja gut.” Sie ließ ein Räuspern folgen. „Das Ganze hat ja nu leider einen Haken, ne?”
„Was für einen Haken?” Meine Stimme flatterte.
„Nu, Herr Pratzke! Ihre Haftpflicht kann ja nu nicht noch den Schaden in Ihrer Wohnung übernehmen, ne!”
„Ach so!”, stöhnte ich erleichtert. „Das macht nichts, wissen Sie? Bei mir sind ja bloß die Dielen nass geworden!”
„Na, denn iss ja man gut, ne? Machen Sie sich keine Sorgen, min Jung. So wie Sie mir alles geschildert haben, ist dat Ganze ein typischer Fall für Ihre Haftpflichtversicherung, ne?”

Die folgenden Tage verbrachte ich horchend an der Wohnungstür. Niemand wollte zu mir. Nur zu Barti kam einer, um den Schaden zu taxen, wie ich durch den Türspalt aufschnappte. Ich hoffte sehr, dass der Typ kein Freund von weißen Ledercouchs war.
Zwei Wochen später erhielt ich ein Schreiben, in dem mir meine Versicherung dazu gratulierte, dass ich mir ihres Erachtens nichts hatte zu schulden kommen lassen. Es folgte der Nachsatz, dass der von mir geschilderte Sachverhalt also keinesfalls Gegenstand meiner Haftpflichtversicherung sein könne. Als mein Haftpflichtversicherer könnten sie leider nur im Falle eines Fehlverhaltens meinerseits aktiv werden.
Nach einer kurzen Panikattacke rief ich noch einmal bei der Versicherung an, diesmal gleich in der Zentrale. Ich ratterte dem mit rheinländischem Akzent sprechenden Angestellten brav meine Schadensnummer herunter und erzählte ihm, dass mir beim Aufstellen des Aquariums ein Kieselstein unter das Becken gerutscht sei. Dessen Existenz habe, insbesondere nach dem Einfüllen des Wassers und der damit verbundenen Gewichtszunahme, Spannungen im Glaskörper erzeugt. Diese hätten während meiner Abwesenheit dazu geführt, dass das Glas gerissen sei und das Wasser genannten Sachschaden bei meinem Nachbarn verursacht hatte. Am Ende meiner Rede wagte ich den vorsichtigen aber zweifelsohne notwendigen Vorstoß, dass ich das alles bereits bei der Schadensmeldung angegeben hätte. Schließlich gab ich ihm mein Ehrenwort, dass ich keinesfalls über meine an die Haftpflicht- angekoppelte Hausratversicherung Ansprüche auf Rückerstattung des Geldwertes der toten Fische erheben würde.
Eine weitere Woche später teilte mir die Versicherung mit, dass nach einer erneuten Prüfung der Sachlage nun doch ein Fehler meinerseits vorläge und sie die eintausendachthundert Mark, auf die der Wasserschaden getaxt worden war, übernehmen würden.
Damit war ich Barti los und um die Erfahrung einer gerade so abgewendeten Katastrophe reicher. Meinen Fernseher verbannte ich in den Keller. Betrat ich das Anlagenzimmer, zwang ich mich fortan zu höchster Konzentration und Umsicht.

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