Montag, 22. Januar 2007
Folge 8 (Woche vom 15.01.07 bis zum 21.01.07)
Pratzke-Homepage

Unverändert grauer Himmel, seit Wochen nun schon. Das Pflegen der Anlage war mir zur Routine geworden. Eine Unlust hatte sich in mir breit gemacht, die gut zum trüben Wetter passte. Zwar freute ich mich noch immer an den heranwachsenden Pflanzen im Anlagenzimmer, doch verbrachte ich meine Zeit inzwischen lieber vorm Fernseher. Noch immer lief BAUSCH UND BOGEN, diese Familienserie, in der Natascha Hennecke die Hauptrolle spielte.
Ich war verrückt nach Natascha. Seit Wochen hockte ich in meiner Wohnung wie der letzte Mönch einer untergegangenen Religion. Nataschas Lippen machten mir schmerzhaft klar, dass es noch etwas anderes gab, als marihuanapusselnd in der Bude zu hocken.
Zweimal am Tag musste ich die Pumpe für das Gießwasser anstellen, einmal morgens, einmal am Abend. Einer der Kniffe beim Betrieb einer Marihuana-Aufzuchtanlage ist, dass man von dem mit Düngemittel angereicherten Gießwasser mehr einleitet als nötig. Das abfließende Wasser läuft durch ein System von Regenrinnen und sammelt sich schließlich im Ablaufbehälter. Mit ihm wird ein Teil der beim Stoffwechsel der Pflanzen anfallenden Schadstoffe herausgespült, damit deren Konzentration nicht zu groß wird in den kleinen Töpfen.
Ich stellte wie gewohnt die Pumpe an und wartete. Es dauerte immer eine Weile, bis das Wasser die Regenrinnen durchfloss und in die Sammelbehälter plätscherte. In einem Anflug von Langeweile warf ich einen Blick auf die Uhr der Lichtsteuerung. Genau in dieser Minute begann BAUSCH UND BOGEN! Um nicht Nataschas ersten Augenaufschlag zu verpassen, rannte ich rüber in mein Zimmer und kam gerade noch rechtzeitig vor der Flimmerkiste zum liegen.
Meine Heldin war schön wie eh und je, und wie immer wartete tief in mir etwas darauf, dass sie aus dem Fernseher in mein Zimmer stieg oder mich wenigstens anrief.
Tatsächlich vernahm ich in der Werbepause aus der Küche den Klingelton meines Handys. Mir war klar, dass es nicht Natascha war, dennoch entschloss ich mich, ranzugehen. Als ich raus auf den Flur trat, erstarrte ich zur Salzsäule. Das heißt, nicht ganz. Mein Herz schlug wie verrückt gegen meine Brust.
Die Tür zum „Verbotenen Zimmer” stand offen, auf seinem Boden gewahrte ich einen gewaltigen See. Die Pumpe röhrte im Leerlauf. Das bedeutete, der gesamte Inhalt des Gießwasserbeckens - knapp dreihundert Liter Wasser - hatten sich in den Raum ergossen.
Bum, bum, bum, hämmerte es unter meinem Hemd. Schussel und ich hatten Plastikfolie auf dem Fußboden ausgelegt - um die Dielen zu schützen und für den Fall, dass das Entwässerungssystem undicht würde wie bei Pingel im Tower. An den Wänden hatten wir die Folie hochgeschlagen, dass sie eine Art Wanne bildete. Wunderbar, doch in der Mitte, den Rand zweier Bahnen entlang, war sie geklebt. Hielt sie dort dicht?
Das Wasser war kurz davor, über die Schwelle zu treten. Zum Glück wohnte ich im Altbau. Über die Jahrzehnte hatte sich die Holzbalkendecke in der Mitte des Raumes abgesenkt und bildete eine Mulde. Andernfalls hätte ich mir die bange Frage, ob die Folie dicht hielt, sparen können. Doch auch so verblieb keine Zeit für Mutmaßungen.
Ich stürzte ins Bad, griff Messbecher und Eimer und schöpfte los. Bald kam ich mir vor wie ein Rekrut, der den Kompanieflur mit der Zahnbürste säubern musste. Mindestens ebenso sinnlos war das Ganze auch. Nach zehn Eimern hatte sich der Wasserspiegel kaum gesenkt. Niemals würde ich so die Fluten dämmen! „Tu was!”, schrie ich mich an, doch das half mir auch nicht weiter. Oder doch?
Einer Eingebung folgend, warf ich den Messbecher in die Ecke und durchkämmte meine Wohnung nach saugfähigem Material. Was immer ich greifen konnte - Wolldecken, Handtücher, der Inhalt meines Wäscheschranks - alles warf ich ins Anlagenzimmer, um die Wassermassen zu binden, bevor sie den Weg des geringsten Widerstands wählten und durch die Holzbalkendecke in die Etage unter mir flossen.
Die Plane wird das Wasser aufhalten, wisperte eine beruhigende Stimme in meinem Kopf.
Warum hast du die Folie mit Schussel verlegt? - lamentierte eine zweite, wring um dein Leben! - schrie die dritte, während der Herzschlag noch immer mein Hemd vibrieren ließ.
Tatsächlich, der Pegel sank, zusehends. Nach einer Stunde emsigen Aufsaugens und Wringens streckte ich mich, bis zum Äußersten erschöpft, auf dem Flurfußboden nieder. Es sah wirklich so aus, als wäre nichts nach unten gedrungen.
Allein, ich traute dem Frieden nicht, holte Schrubber und Feudel aus dem Bad. Nachdem ich alles halbwegs trocken gewischt hatte, untersuchte ich die Folie. Sie war nicht beschädigt. Auch die Klebenaht schien nichts durchgelassen zu haben.
Um gänzlich sicher zu gehen, schnitt ich die Folie um den Mitteltisch herum auf - und starrte entgeistert auf die Dielen: Unterm Tisch hatte sich eine kleine Pfütze gebildet.
Wenn nun doch was durchgesickert war? Ich kannte mich gut genug, um zu wissen, dass mich diese Frage nicht loslassen würde, solange sie unbeantwortet blieb. So gab ich mir einen Ruck und stattete dem unter mir einen Besuch ab.

Nach dem dritten Klingeln näherten sich drinnen schlurfende Schritte. Die Tür wurde geöffnet. Ein widerwillig dreinschauendes Bartgesicht im gestreiften Schlafanzug blinzelte mich an. „Maaan, solln dat, um die Zeit? Hab die Woche Frühschicht!” „Das Aquarium meines Untermieters ist ausgelaufen”, entschuldigte ich mich artig. „Ich wollte bloß mal fragen, ob vielleicht etwas Wasser durch Ihre Wohnzimmerdecke gesickert ist, wissen Sie?”
„Momang!” Mit schlurfenden Schritten entfernte sich der Bartmann. Bei seiner Rückkehr schüttelte er den Kopf. Seine Miene signalisierte noch immer Verstimmung, doch die Erleichterung, gerade um Haaresbreite einer Katastrophe entronnen zu sein, zauberte ein Lächeln in die Mitte seines Barts.
„Na, denn man tau”, brummte Barti und drückte mir die Tür vor der Nase zu. Erleichtert stieg ich nach oben. Nicht auszudenken, wenn das Wasser die Wohnung des Bartmanns überschwemmt und er Feuerwehr und Hausverwaltung eingeschaltet hätte.

Ich war also noch mal mit einem blauen Auge davongekommen. Dumm nur, dass ich die Folie um den Mitteltisch herum aufgeschnitten hatte, ohne sie anschließend zu erneuern oder wenigstens zu kleben. Ich dachte wohl, dass mir so ein Patzer nur einmal unterlaufen würde.
Es dauerte genau eine Woche - da passierte mir genau die gleiche Geschichte ein zweites Mal. So blöd kann man doch gar nicht sein - genau das wären meine Worte gewesen, hätte mir ein anderer diese Geschichte erzählt. Tatsächlich war es haargenau die gleiche Situation: BAUSCH UND BOGEN fing an, kurz, nachdem ich die Pumpe angestellt hatte. Ich stürzte in mein Zimmer und Nataschas erster Augenaufschlag ließ mich vergessen, was ich nicht vergessen durfte.
Diesmal wurde ich bereits vor der Werbepause aus meinen Träumen gerissen - nicht vom Piepen meines Handys, sondern durch eine Klingel-Orgie an meiner Tür. Das erste Läuten hatte ich ignoriert wie jegliches Türgeräusch. Als jedoch heftig gegen die Tür getreten wurde und ich dazu wütende, plattdeutsche Flüche vernahm, überfiel mich das grässlichste Déjà-vu-Erlebnis meines Lebens:
Bartmann - Pumpe - Wasser! - ratterte es in meinem Hirnkasten. Wieder der Ablaufbehälter übergelaufen, wieder mehrere hundert Liter Wasser im Zimmer - und keine Folie mehr da, die es aufhielt! Das klaffend offenstehende Loch befand sich in der Zimmermitte, dem tiefsten Punkt des Raumes. Ich befand mich direkt vorm schwarzen Höllenschlund - auf ewig verloren, vollbrachte ich nicht augenblicklich das Unmögliche.
In den Flur stürzen, im Anlagenzimmer die im Leerlauf arbeitende Pumpe ausstellen, die Tür zuknallen - das alles war eine einzige Bewegung. Zwischendurch schrie ich „Ja, ja, ich komm ja schon!” in Richtung Wohnungstür. Nur zu gern hätte ich jetzt sofort mit dem Dämmen der Fluten begonnen, doch musste ich mich zuerst um den rasenden Bartmann kümmern.
„Mach dat Brett auf, oder ich lass dat Ding von der Feuerwehr aufbrechen!”, schallte es mir entgegen.
Mit einem Satz war ich an der Tür. Ich wartete Bartis nächsten Tritt ab und öffnete sie einen kleinen Spalt weit. „Tut mir leid! Das Aquarium von meinem Untermieter, aber ich hab′s gleich ...”
Weiter kam ich nicht. Bartis nächster Sturmlauf zwang mich dazu, mich mit aller Kraft gegen die Tür zu stemmen.
„Ich hol die Feuerwehr!”, schnaufte es, und Bartis Schulter rammte mit aller Wucht das Brett.
„Dürfte jetzt kaum noch was nachlaufen!”, brüllte ich in seinen nächsten Anlauf - eine komplette Lüge. Während ich hier vollkommen sinnlos mit Barti rang, schwappte es im „Verbotenen Zimmer” munter weiter.
„Schiet Aquarium - wie oft denn nu noch!” Der Körper des Bartmanns ließ meine Tür ein weiteres Mal erbeben. Barti war kleiner und leichter als ich, doch die Wut der Verzweiflung machte aus ihm einen ernstzunehmenden Gegner. Nur mit Mühe parierte ich seine Attacken, die nun in immer kürzeren Abständen kamen.
Zum aller ersten Mal in meinem Leben dachte ich daran, dass ich im Sternbild der Zwillinge geboren wurde. Wären wir jetzt tatsächlich zwei, könnte einer von uns die Tür verteidigen, während sich der Andere um die Flut im „Verbotenen Zimmer” kümmerte.
Noch immer machte Barti keine Anstalten, Ruhe zu geben. Immerhin nahm die Wucht seiner Angriffe allmählich ab. Aber auch meine Kräfte schwanden. Meine unwiderruflich letzte Ankündigung, retten zu wollen, was noch zu retten sei, ließ Barti zur Besinnung kommen und nach einem letzten, laschen Tritt den Rückzug antreten.
Die Schlacht hatte ich gewonnen, aber noch herrschte kein Frieden. Unverzüglich machte ich mich an die Rettungsarbeiten im „Verbotenen Zimmer”. Ich ersparte mir die Aktion mit dem Messbecher und rückte dem unheilvollen See sofort mit dem saugfähigen Inventar meiner Wohnung zu Leibe. All meine Decken und Klamotten hatte ich inzwischen gewaschen und getrocknet. Ich wusste noch, wo alles lag.
Dank meiner Übung ging mir das Ganze bedeutend besser von der Hand als vor einer Woche. Als ich das Wasser soweit gebunden hatte, dass kaum noch was nach unten lief, stand einmal mehr der Canossa-Gang zu Barti an. Obwohl durch meinen soeben aufgestellten persönlichen Rekord im Wischen und Auswringen an den Rand der totalen Erschöpfung gelangt, hätte ich tausend mal lieber eine weitere Tankladung aufgewischt, als jetzt da runter zu gehen. Was half′s? Selbst der inoffizielle Titel eines baltischen Wischmeisters würde mich nicht vorm Knast bewahren, wenn mich Barti bei der Hausverwaltung anzeigte - falls er nicht längst die Feuerwehr alarmiert hatte!

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Sonntag, 14. Januar 2007
Folge 7 (Woche vom 08.01.07 bis zum 14.01.07)
Pratzke-Homepage

Diszipliniert pusselte ich mich durch den Januar. „Zeigt’s mir, weiter so, wachst, was das Zeug hält!“ – beschwor ich die Girls, besuchte ich sie im „Verbotenen Zimmer“. Das Studium von Omas Pflanzenbuch brachte ebenfalls Abwechslung in meinen Alltag. Gedanken an den Junkie und das freiliegende Elektrokabel schob ich beiseite, ebenso vermied ich es, an die Sprüche der Labertasche oder an Schussels Belgiengeschichte zu denken.
Was mir indes Sorgen bereitete: Seit Silvester kam Schussel immer seltener vorbei, um mir Barren abzunehmen. Die stapelten sich derweil in der Kühlbox.
„Lass mal, Pratze, ist ganz gut, wenn wir anständig was auf Halde haben“, beschwichtigte Schussel, als ich ihn auf den nachlassenden Absatz ansprach.
„Wieso ist das gut?“
„Um auf Dauer erfolgreich zu sein, ist es wichtig, einen Stamm von Kilo-Kunden zu halten“, sprach er zu mir wie zu einem trotzigen Spielkameraden. „Wenn die Sommer-Ernte ansteht, kommen wir ohne die nicht aus, weißt? Und wenn einer von denen schon jetzt mal ein Kilo haben will, kann ich nicht sagen, ich hab nicht genug da. Das wäre viel schlechter fürs Geschäft, als diese leichte Absatzschwankung.“
Ich nickte. Vielleicht hatte er ja recht, schließlich betrieb er dieses Geschäft schon eine Weile.
Kurz nach unserem Gespräch ließ Schussel tatsächlich etwas von einem Kilo-Kunden durchblicken, der bei ihm auf der Matte stehe und nahm einen Gutteil der Barren an sich.

Pingels Anlage bereitete uns Kopfzerbrechen. Seit Anfang des Jahres jobbte Pingel als Elektriker beim Messebau. Hatte er einen Auftrag, war er oft eine ganze Woche lang nicht in der Stadt. Kevin kümmerte sich derweil um seine Pflanzen.
Der Hauptstrang der Heizungsrohre im Tower verlief durch das Anlagenzimmer. Die Bauarbeiter hatten offenbar den Fußbodendurchbruch nicht richtig abgedichtet. Als Kevin während Pingels Abwesenheit etwas Gießwasser danebenging, sickerte es in die Wohnung unter ihm.
Bei seiner Rückkehr wurde Pingel von einem erzürnten Nachbarn empfangen. Geistesgegenwärtig erzählte er dem Mann, seiner Freundin sei beim Saubermachen ein Eimer Wasser umgekippt. Der Nachbar schluckte die Geschichte und ließ auf Pingels Bitte die Hausverwaltung aus dem Spiel. Nicht unerheblich für sein Verhalten dürfte gewesen sein, dass ihm Pingel zusicherte, die Renovierung des Zimmers zu übernehmen und ihm obendrein einen Teppich zu ersetzen, der angeblich ein paar Tropfen abbekommen hatte.
Pingel zog ein langes Gesicht, als ich ihm unter stummer Zustimmung der anderen erklärte, dass für solche individuellen Fehler der aufzukommen habe, dem der Fehler unterlaufen sei. Murrend erklärte er sich bereit, die Renovierung der Nachbarwohnung aus eigener Tasche zu bezahlen, ebenso die vierhundert Mark für den Teppich.
Ich wunderte mich selbst ein wenig über meine Resolutheit. Es ärgerte mich einfach, dass Pingel diesen Messebaujob angenommen hatte, statt seine Arbeitskraft in den Dienst unserer Firma zu stellen.

Bald nach unserer Zusammenkunft verspürte ich ein Kratzen im Hals. Das kommt von der trockenen Heizungsluft, dachte ich und stellte eine Schale Wasser auf den Heizkörper.
Das Kratzen wurde stärker. Am folgenden Morgen fühlte ich mich zudem schlapp. Mir glühte die Stirn, meine Finger waren eiskalt. Am Abend hatte ich lediglich dreiviertel meines Pensums geschafft. Wie betäubt sank ich in den Schlaf.
Als ich erwachte, war mir speiübel, und mein Schädel fühlte sich an wie nach der Nacht im SCHLAGBAUM. Der Hals wund vom Husten, die Nase völlig zu – an Pusseln war nicht mehr zu denken. Selbst lesen erwies sich als völlig unmöglich. Zudem potenzierten sich durch die Anstrengung die Schmerzen in meinem Schädel. Mich abzulenken, schaltete ich den Fernseher ein.
Die Flimmerkiste blieb mein Begleiter, bis ich spät am Abend aus Fieberträumen aufschreckte. Die dumpfsten Talk-Show-Gäste, das Personal sämtlicher amerikanischer Familienserien, die Wale des Polarmeers, sich ruckartig bewegende japanische Riesenreptilien und Natascha Hennecke wurden meine Gefährten. Nett und rücksichtsvoll waren sie alle. Sie unterhielten sich mit gedämpften Stimmen und gaben mir das Gefühl, nicht ganz allein zu sein auf dieser Welt.
Am dritten Abend meiner Matratzen-Haft trafen sich die Jungs bei mir. Meine Wohnung war so etwas wie unser Basislager geworden. Gab es was zu besprechen, geschah es in meiner Küche oder drüben, im „Verbotenen Zimmer.“
Worum es an diesem Abend ging, davon bekam ich nichts mit. Ich hörte, wie meine Kollegen nacheinander eintrudelten. Jeder steckte kurz seinen Kopf durch den Türrahmen, Pingel brummte: „gute Besserung“. Bald darauf drangen aus der Küche ihre gedämpften Stimmen und der Geruch von verbrennendem Marihuana. Davon muss ich eingenickt sein.
Als ich erwachte, stand Schussel vor meiner Matratze. In der Hand eine dampfende Schale Kakao, lächelte er freundlich auf mich herunter. „Und? Ziemlich beschissen, was?“
„Kannste laut sagen“, krächzte ich.
Schussel hockte sich auf die Matratze und holte ein klebriges, schwarzes Kügelchen aus seiner Silberdose. „Pass mal auf, Pratze“, sagte er fürsorglich, „das tun wir jetzt mal schön in deinen Kakao, und dann geht’s dir schon bald viel, viel besser, weißt?“
Er ließ das Kügelchen in die Flüssigkeit plumpsen und rührte sorgfältig um. Als er mir die Schale hinhielt, war ich zu erledigt, um abzulehnen. Außerdem befand ich mich in einem Zustand, in dem ich bereitwillig nach jedem Strohhalm griff, der mir Linderung versprach. Vorsichtig nippte ich am Kakao. Sein Aroma ließ mich an brütende Hitze und tropische Gewächse denken. Nun denn! In kleinen Schlucken trank ich die Tasse leer. Willkommen im Club – las ich in Schussels Augen, dann glitt ich in den Schlaf zurück.

Das erste, was ich registrierte, als ich zu mir kam: Mein Zimmer fühlte sich anders an. Es war größer geworden – und das Licht so bunt, als hingen hundert Lichterketten in der Luft. Ständig veränderte sich seine Farbe. Angenehm warm war es um mich herum, und meine Bettdecke umschmiegte mich mit einer Zärtlichkeit, die mich unwillkürlich an die streichelnden Hände einer Frau denken ließ. Das ist untertrieben, es war mehr als das! Mit einer solchen Zärtlichkeit war ich noch nie von einer Frau liebkost worden. Es waren unzählig viele Frauenhände, die mich überall zugleich berührten. Wohlig wollte ich meine Arme nach ihnen ausstrecken – und wusste plötzlich nicht mehr, wie das ging. War ich gelähmt, wirr im Kopf, alles beides?
Konzentrier dich, ermahnte ich mich und versuchte, von fünf abwärts zu zählen – was sich äußerst schwierig gestaltete, weil ich ständig vergaß, bei welcher Zahl ich gerade gewesen war. Schließlich doch bei Null angelangt, nahm ich all meine Kraft zusammen, richtete mich ein kleines Stückchen auf – und glaubte meinen Augen nicht. Am Fußende meiner Matratze saß Natascha Hennecke und schenkte mir einen verliebten Blick.
Es dauerte einige Augenblicke, bis ich begriff: Ihr Blick galt nicht mir, sondern ihrem Filmpartner. Ja, klar, BAUSCH UND BOGEN hieß die Familienserie, vor ein paar Tagen war der Pilotfilm gelaufen.
Als ich meinen Kopf wieder in die Kissen sinken ließ, fühlte es sich an, als glitt ich ganz langsam einen weichen Abgrund hinunter. In meinem trockenen Mund ein süßer, würziger Geschmack. Das schwarze Kügelchen – entsann ich mich. Schussel hatte mir was in den Kakao getan – Goldstaub, eine milde Gabe unserer Girls.
Er hatte mir eine Dosis verpasst, die wohl eher seinem Konsum entsprach. Ich fühlte mich, als schwebe ich auf einem Luftkissen. Wie durch Watte vernahm ich aus der Küche das Gerede der Jungs. Ein milder Schein drang zum Fenster herein. Mit einem Mal war ich hellwach.
Wie wunderbar – da draußen herrschte kein grauer Winter mehr! Ich lag auch nicht mehr krank in einem engen, mit Marihuana-Verarbeitungs-Maschinerie vollgestellten Zimmer. Aber wo war ich? Ich schloss die Augen und gewahrte ein grell buntes Flimmern. Fester presste ich sie zusammen. Das Flimmern wurde stärker, die Farben intensiver. Ich lag in meinem kleinen, hölzernen Kinderbett! Immer, wenn ich zu früh ins Bett geschickt worden war, hatte ich mich mit diesem Spiel getröstet.
Saßen nebenan etwa meine Eltern? Wie alt war ich eigentlich? Und wieso sah ich plötzlich mit geschlossenen Augen Doppelbilder? Schon wieder teilten sie sich! Sie taten es wieder und wieder – bis ich mich inmitten eines riesigen Kaleidoskops befand. Immer schneller ordneten sich seine bunt flimmernden Flächen neu an.
Genau so muss der Kleine Fuchs die Welt sehen, schoss es durch meinen Kopf. Der Kleine Fuchs – der Schmetterling, von dem ich als letztes in GARTEN, TIER, PFLANZEN gelesen hatte! Die Buchseiten waren auf wundersame Weise zum Leben erwacht – und die ganze Welt ein einziges buntes Mosaik, betrachtete man sie durch zwei Facettenaugen mit vielen hundert Augenkegeln.
Schwerelos glitt ich durch die Frühlingsluft, meine Flügel wusste ich von Millionen orangefarbener Schuppen bedeckt. Es musste Frühling sein, der Kleine Fuchs fliegt schließlich nur dann.
Unter mir eine endlose Frühlingswiese, fehlte eigentlich bloß noch eine schöne Blüte. Noch einmal verstärkte ich den Druck meiner Lider und suchte das Kaleidoskop nach orangefarbenen oder gelben Flächen ab.
Da! In der Mitte leuchtete es gelb – ein riesiges Feld Löwenzahn! Seine weit ausgebreiteten Kronenblätter streckten sich mir entgegen, als warteten sie nur darauf, dass ich mich auf ihnen niederließ und mich an ihrem dicken, süßen Nektar labte.
Ich ließ mich fallen, mitten rein in das weiche, gelbe Blütengemach. Was für ein Überfluss! Welche Mühe sich die Natur gab – und das alles für die wenigen Monate, die so ein Schmetterlingsleben dauerte. Über welch unermessliche Reichtümer sie verfügte. Wie ärmlich nahm sich dagegen die halbe Million aus, die ich aus unserem Gras-Geschäft zu gewinnen dachte.
Mit dem Gedanken an das Geld drang etwas anderes in mein Bewusstsein – ebenfalls etwas streng Biologisches: Ich musste pinkeln, nötiger als je zuvor.
Ich riss die Augen auf und war augenblicklich kein Schmetterling mehr. Verschwunden waren Wiese und Löwenzahn, es stank nach Gras, der Fernseher flimmerte. Ich lag auf meiner Matratze wie eine dicke, plumpe Raupe, die gerade einen halben Ozean ausgesoffen hatte. Der wollte nun mit aller Macht wieder raus. Aber wie sollte ich in meinem Zustand ins Bad gelangen? Konnte ich mich überhaupt bewegen? Musste ich jetzt wie ein hilfloser Säugling ins Bett pullern? Bekamen die Jungs das mit, war ich erledigt! Auf keinen Fall durften sie was merken! Angstschweiß trat mir auf die Stirn, lief mir die Achselhöhlen hinunter.
Du kannst laufen! – feuerte ich mich an – Pratzke! Du bist in der Lage, aufzustehen und zu laufen, wo immer du hin willst. Du schaffst es, musst nur langsam machen, eine Bewegung nach der anderen! Aber warum? Das anschwellende Drücken zwischen meinen Beinen brüllte die Antwort bis in den letzten Zipfel meines Körpers.
Vorsichtig zog ich mein linkes Bein ein Stück an – tatsächlich, es funktionierte. Als nächstes breitete ich beide Arme aus, drückte die Ellenbogen fest auf die Matratze und richtete mich auf. Auch das ging problemlos. Nun musste ich mich auf die Seite drehen und den ersten Fuß auf den Boden setzen. Ich ließ mich fallen, stieß mich ab – und schon stand ich neben meiner Bettstatt.
Der Schwindel, den ich befürchtet hatte, blieb aus. Ich fühlte mich, als wäre meine Haut bis eben von einer starren Kruste umgeben gewesen. Ein angenehmes Gefühl, doch ich durfte mich ihm nicht hingeben! Was wollte ich gleich? Aufs Klo – so schnell, als irgend möglich.
Wie war das mit der Fortbewegung? Instinktiv hob ich meinen linken Fuß, schob ihn ein Stück vorwärts und stellte ihn wieder auf dem Boden ab. Der erste Schritt, es hatte funktioniert! Auf die Art machte ich weiter, hob Fuß um Fuß, schob mich vorwärts, auf die Zimmertür zu. Mit aller Kraft konzentrierte ich mich darauf, nicht darüber nachzudenken, was ich hier tat. Sobald ich es herausbekam, würde ich unweigerlich über meine Beine stolpern und lang hinschlagen.
Inzwischen hatte ich die Zimmertür passiert, den Flur betreten. Er war länger als in meiner Erinnerung. Aus Richtung Küche weißer Dunst. Die Stimmen der Jungs klangen so, als säßen sie unter Wasser.
Verheißungsvoll leuchtete mir die Badtür entgegen. Ich konnte plötzlich nachempfinden, was für ein erhebendes Gefühl es für Kevin jedes Mal sein musste, sich ihr zu nähern. Zu Hause hatte er schließlich nur ein zugiges Außenklo, eine halbe Treppe tiefer. „Ne prima Maisonettewohnung!“, zog ihn Pingel gern auf.
Die Freude über mein Luxus-Badezimmer erlosch schlagartig, als ich die Klinke heruntergedrückt, die Badtür in meinem Rücken geschlossen hatte und sich meinen Augen das verschlossene Klobecken präsentierte.
Den Klodeckel anheben, ihn obenhalten, mir gleichzeitig die Hose runterziehen und auch noch so zielen, dass ich die Schüssel traf – eine unüberwindbare Hürde! Niemals würde ich es schaffen, dieser komplizierten Bedienungsanleitung zu folgen. An Hinsetzen war erst recht nicht zu denken. Der Druck in meinem Unterleib war inzwischen so gewaltig, dass ich fürchtete, jeden Moment zu platzen.
Wie eine rettende Insel schob sich das Waschbecken vor meine Augen – ich stand direkt daneben! Erschöpft und überaus dankbar lehnte ich mich gegen das Becken. Den Kopf an die Wand gestützt, schob ich meinen Slip beiseite – und ließ los.
Hart klatschte der Strahl ins leuchtend weiße Porzellan. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass ich gerade das unmöglich Geglaubte vollbracht hatte. Nie zuvor hatte ich etwas derart Befreiendes erlebt. Als ich fertig war, fühlte ich mich um etliche Kilo leichter und einen wunderbaren Augenblick lang versöhnt mit mir und der ganzen Welt!

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Montag, 8. Januar 2007
Folge 6 (Wochen vom 25.12.06 bis zum 07.01.07)
Pratzke-Homepage

Das flaue Gefühl von Heiligabend ließ mich auch am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags nicht los. Ich saß in meiner bis unter die Decke nach Marihuana stinkenden Bude und wagte nicht, rauszugehen. Machte ich die Augen zu, sah ich mich neben Schussel in Labers Kombi sitzen: die Rückbank voller Gras, wir hoffnungslos eingekeilt zwischen zwei gewaltigen Trucks, vor uns der Zollbeamte mit dem Teddygesicht.
Wie lange würde es dauern, bis Schussel durch ein ähnliches Missgeschick unsere gesamte Operation auffliegen ließ? Eine einzige Unvorsichtigkeit genügte, und wann war dieser Kerl je vorsichtig? Ich musste Pingel anrufen! Selbst mit Laber würde ich reden – sobald er wieder im Lande war!
Erst gar keinen Verdacht aufkommen lassen, dachte ich und entfernte die Diwandecke vom Küchenfenster. Mein Blick fiel auf Schwibbögen und Weihnachtsgeflacker. In den Fenstern, auf den Balkonen rings umher funkelte es bunt. Mich überkam das dringende Verlangen, teilzuhaben an diesem Schauspiel. Lieber Weihnachten als Knast! Ich hastete zum Radio und suchte, bis ich einen Sender mit weihnachtlicher Musik fand.
„Könnt ihr nicht lauter?“ – feuerte ich den Kinderchor an, der mir sein „Stille Nacht, Heilige Nacht“ entgegenschmetterte. Genau das brauchte ich jetzt: Zuckersüße Geborgenheit, verpackt in buntem Stanniol unterm Weihnachtsbaum. Schade, dass ich keinen besaß. Schussels Monstergesteck zählte nicht. Aber war ich nicht von lauter kleinen Bäumen umgeben? Es waren zweihundertundfünfzig Stück, um genau zu sein, nebenan im „Verbotenen Zimmer?“
Die Girls hatten tatsächlich an mich gedacht. Genau jetzt begannen sie, wie verrückt zu wachsen! Ich staunte Bauklötzer, wie sie loslegten. Dabei war das im Grunde völlig logisch: Bevor die Pflänzchen zu mir in die Anlage gekommen waren, steckten sie in Steinwollblöcken. In denen hatten sie gewurzelt und mit dem Gießwasser jede Menge Nährstoffe aufgenommen. Nach dem Umtopfen in die Erde mussten sie erst einmal ihre Fühler ausstrecken, sich orientieren in der neuen Umgebung.
So zumindest stand es in GARTEN, TIER, PFLANZEN, dem dicksten von Großmutters Büchern. In dem Kapitel war es zwar nicht um Marihuana-Stauden gegangen, aber warum sollte, was für Bohnen und Tomaten zutraf, nicht auch für meine Girls gelten?
Kurz vor Weihnachten hatte ich angefangen, in Großmutters Wälzer zu schmökern. Nun war es gekommen, wie es geschrieben stand. Die Girls wuchsen so schnell, dass ich meinte, ihnen dabei zugucken zu können. Wie viele Euro legten sie pro Tag zu, wie viel waren sie inzwischen wert?
Ich betrachtete ihren Einsatz als mein Weihnachtsgeschenk. Voller Ungeduld wartete ich darauf, dass ich rübergehen durfte, um die Pumpe anzustellen. Bald reichte es mir nicht mehr, die Girls nur zum Gießen zu sehen. So ging ich auch zwischendurch ins „Verbotene Zimmer“, berührte ehrfürchtig ihre neuen Blättchen, freute mich daran, wie sie größer und größer wurden. In ihrer Nähe war meine permanente Angst vor der Entdeckung ausgeschaltet. Ich pflegte diese wunderbaren Gewächse – was sollte daran schlecht sein?

Zwischen den Feiertagen hatte sich Schussel angekündigt, um mir eine kleine Einweisung in die Symptome möglicher Pflanzenkrankheiten zu geben. Mir war nicht wohl bei der Aussicht auf das Wiedersehen mit unserem schwarzen Schaf. Um so mehr überraschte mich Schussels Auftreten.
Auffallend aufgeräumt erzählte er mir vom Mehltau, von Grau- und Weißschimmel, deren Ausbreitung wir unbedingt verhindern müssten. Danach weihte er mich in die Geheimnisse von Bi 58, dem Beschützer unserer Girls vor stechenden und saugenden Insekten ein. Er schien sich auszukennen in der Materie.
Beim Blick auf meine kleine Landwirtschaftsbibliothek bekam er ein Lächeln ins Gesicht. „Na Pratze, immer noch der alte Studi? Wenn du magst, bring ich dir ein Buch mit, das hast du garantiert nicht! Eins nur über Hanf, weißt? Meiner Meinung nach das Beste, was zur Zeit auf dem Markt ist.“
Was bestimmt daran liegt, dass du nur das eine kennst, fuhr es mir durch den Kopf. Ich ließ die Worte nicht über meine Lippen. Schließlich freute ich mich über seine Anteilnahme.
„Na klar, bring’s mit.“
Schussel nickte, griff in seine Umhängetasche und holte nicht etwa sein Silberdöschen raus, sondern eine Rolle Angelsehne. Er deutete auf die Wände – dorthin, wo Pingel ein paar Dachlatten angeschraubt hatte, über deren Verwendung ich bisher nicht nachgedacht hatte.
„Von den Latten aus spannst du die Sehne in sechzig Zentimeter Höhe über den Tischen, kreuz und quer durch den Raum wie ein Netz“, erklärte Schussel. „Als Stütze für die Pflanzen, weißt? Damit verhindern wir, dass sie später durch ihre eigene Last umknicken.“
Ich war gerührt von seiner Geschäftigkeit.
Schussel strahlte mich an: „Das mit dem Pusseln geht auch schon ganz gut, was?“
Als ich nickte, strahlte er gleich noch mehr. „Machst du wirklich prima, muss ich schon sagen. Der Verkauf läuft auch spitzenmäßig! Apropos! Die Barren von Heiligabend sind so gut wie vertickt. Ich bräuchte dringend neue, weißt? Hast du welche da, so zehn Stück? Können ruhig paar mehr sein.“
Ich öffnete den Kühlwürfel und präsentierte ihm die fertigen sechzehn Barren.
„Spitze“, frohlockte er, „die würde ich glatt alle mitnehmen. Gerade zwischen Weihnachten und Neujahr reißen mir die Kunden das Zeug regelrecht aus der Hand. Das Jahresendgeschäft, weißt?“
„Nur zu!“ Ich freute mich über diesen Umstand, schließlich kam er unserer Firma zugute. Außerdem war ich erleichtert über jedes Gramm Dope, das meine Wohnung verließ.
Als ich die Tür hinter Schussel ins Schloss drückte, fragte ich mich, ob ich das alles eben nur geträumt hatte. Sicherheitshalber schaute ich noch einmal im Kühlwürfel nach – die Barren waren tatsächlich weg.

Gleich am nächsten Tag kam Schussel noch einmal, um mir besagtes Hanfbuch zu bringen. Nun kam ich endgültig ins Grübeln. Hatte ich mich derart in ihm getäuscht? Hatte Schussel bei seinen Missgeschicken vielleicht wirklich nur ein bisschen zu viel Pech auf einmal gehabt?
Auf alle Fälle ließ sich das Ganze um etliches besser an, als es noch vor ein paar Tagen den Anschein gehabt hatte. Ich verbrachte viel Zeit bei meinen Pflanzen, las in den Büchern und natürlich in Schussels Hanf-Bibel – obgleich ich es seltsam fand, wie begeistert sie darin über die Produktion von Marihuana schrieben. Gerade so, als wäre der Grasanbau das edelste Handwerk unter der Sonne.
Mein Zimmer erinnerte inzwischen an eine kleine Manufaktur. Die Kisten mit der alten Ernte – Pingel und die Labertasche hatten immer mehr davon angeschleppt – türmten sich in die Höhe. In der Zimmermitte, neben der Stiege mit den Buds, thronte der Pollinator. Er sah aus wie eine Waschmaschine ohne Wasseranschluss. In der Ecke stand die gusseiserne Presse, vor der Couch lag eine große Plastikfolie mit meinem Tagespensum zu verarbeitender Stauden.
An einem Tag bekam ich in etwa hundert Gramm verkaufsfertiges Dope gepusselt. Das ergab, gerechnet auf Kilo-weisen Verkauf, fünfhundert Euro. In einer Woche käme ich also auf dreitausendfünfhundert, und sicher vertickte Schussel nicht alles im Kilo-Pack! Verkaufte er jeweils nur ein paar Gramm, stieg der Preis schnell auf das Doppelte! Wie viel wir wohl inzwischen zusammen hatten? Und ein Ende der Pusselei war nicht abzusehen. Bei Pingel und Kevin standen in Kürze neue Ernten an.
Bei aller Euphorie war mir klar, dass wir den Gewinn aus unseren Indoorernten nicht verprassen durften. Das Geld müssten wir reinvestieren – in Equipment für die große, sommerliche Outdoor-Aktion. Dazu fielen jeden Monat diverse Nebenkosten wie Miete und Strom an.
Die Firma zahlte ja auch die Kosten der Mutterpflanzen-Bude sowie für Pingels Wohnung im Neubaugebiet. Im achten Stock des höchsten Wohnsilos der Stadt hatte er letztes Jahr eine Zweiraumwohnung bezogen. Das größere Zimmer beherbergte eine Anlage, fast so groß wie meine. Laber hatte in einer Abstellkammer eine kleinere Anlage zu laufen. Dafür bekam er monatlich eine Pauschale ausgezahlt.
Zur Tarnung und auch, weil es ein bisschen Spaß in die Sache brachte, hatten wir uns Spitznamen für die Anlagen ausgedacht: Die mit unseren Müttern nannten wir Oma, Pingels war der Tower. Meine Anlage hieß Autobahn, weil die Girls so ein rasantes Wachstumstempo vorlegten. Labers Anlage schließlich nannten wir Dunkelkammer. Der fensterlose Raum sah genau wie eine solche aus.
Wenn das so weitergeht, wird das die am leichtesten verdiente halbe Million meines Lebens, dachte ich. Dazu erhielt ich ganz nebenbei einen kostenlosen Lehrgang in spezieller Pflanzenkunde. Derart angenehm hatte ich mir meine Kriminalität gar nicht vorgestellt.

***

Sylvester kam mit dem Glockenläuten von St. Georg und dicken Schneeflocken. Laber war noch immer mit Silvana in Thailand, Pingel und Schussel unterwegs von Anlage zu Anlage. Sie hatten beschlossen, die Nacht im Tower zu verbringen. Die Fenster des Plattenbaus lagen so, dass man über Stadt und Dom zum Bodden schauen konnte – bester Blick aufs Feuerwerk also. Schussel hatte mich gefragt, ob ich mitkommen wolle. Mir aber war eher danach, in aller Ruhe darüber zu sinnieren, was mir das neue Jahr bringen würde. Außerdem fürchtete ich, draußen einen Bekannten zu treffen, dem ich mich erklären müsste. Schließlich arbeitete ich offiziell in Bayern und hätte sicher eine Menge zu erzählen.
Um Mitternacht saß ich in meinem Zimmer. Statt des üblichen Leitungswassers hatte ich mir zur Feier des Tages eine Flasche Gerolsteiner genehmigt. Der Gefechtslärm der Silvesternacht drang an mein Ohr. Einen Moment überlegte ich, den Fernseher einzuschalten, doch ich war nicht in der Stimmung für DINNER FOR ONE oder eine feuchtfröhliche Unterhaltungs-Show.
Meine Gedanken gingen zu Marion. Sollte ich sie anrufen, ihr alles Gute wünschen – ganz unverfänglich, wie zu Silvester üblich? Wie würde sie meinen Gruß aufnehmen, nach der Nummer im SEEBLICK und meiner schnöden Abfuhr auf dem Treppenabsatz? Außerdem war sie garantiert auf einer Party. Wer außer mir hockte Silvester allein in seiner Bude? Und wenn ich doch den Fernseher einschaltete? Vielleicht kam auf ARTE was Interessantes? Oder war es vernünftiger, eine Runde zu pusseln?
Obwohl ich nur Mineralwasser getrunken hatte, war mir der Kopf wie vernagelt – und die Decke fiel mir auf den Kopf. Kunststück! Die letzten Wochen hatte ich ununterbrochen in meiner Zelle gehockt, allein mit mir und den Girls. Ich verspürte plötzlich das dringende Bedürfnis nach Straßenpflaster unter meinen Schuhsohlen, nach Wind, der mir um die Nase wehte – nach Außenwelt! Vielleicht doch in den Tower, mir von den Jungs erzählen lassen, wie das Feuerwerk war? Irgend etwas in mir sträubte sich gegen die Gesellschaft meiner Kollegen. Trotzdem musste ich raus hier!
Vorm Fenster tanzten noch immer die Schneeflocken. Dichtes Treiben, die Jungs dürften nicht allzu viel gesehen haben vom Feuerwerk. Und noch etwas bedeutete dieser Himmel: Selbst Dietmar würde mich nur schwer erkennen, wenn ich mit tief ins Gesicht gezogener Wollmütze durch die Straßen lief. Außerdem feierte er bestimmt draußen in Altwarben.
Falls mir dennoch ein Bekannter vor die Füße stolperte, erzählte ich eben, dass ich gerade auf Urlaub sei und im übrigen keine Lust habe, über meinen Job zu reden.

Die Luft war nass und kalt, um die Null Grad. Der Schnee würde nicht liegen bleiben. Vor mir schossen ein paar angetrunkene Enddreißiger ihre letzten Glücksraketen in den Dunst. Zwischen den Häusern hing das dumpfe Aroma abgebrannter Feuerwerkskörper.
Ich hatte mir keine bestimmte Route vorgenommen, doch ahnte ich bereits, wohin mich meine Füße tragen würden: Zum Dom, dem mittelalterlichen Giganten aus Backstein. Zum ersten Mal hatte ich ihn mit meinen Eltern besucht – vor etwa hundert Jahren, in einem unserer Ostseeurlaube. „Wir unternehmen heute einen Abstecher ins Boddenstädtchen“, hatte Vater festgelegt. Was wir sonst noch besichtigten, habe ich vergessen, nur der Dom ist mir im Gedächtnis geblieben.
Immer, wenn ich heute ein wenig Beistand brauche, suche ich ihn auf. Stehe ich in seinem hoch aufstrebenden Inneren, glaube ich das Ansinnen seiner Bauherren zu spüren, die unendliche Größe des Weltalls abzubilden. Obwohl atheistisch erzogen, ist mir, wenn ich das Schiff von West nach Ost durchschreite, als mache ich mich auf den Weg aus der Finsternis, dem kommenden Licht entgegen. Genau danach war mir jetzt!
Der Dom hatte sicher geschlossen, aber schon, wenn ich das riesige Bollwerk betrachtete, würde ich den Hauch der Ewigkeit spüren. Das Phänomenalste war allerdings ein Blick vom Turm! Die Stadt, das ganze Land, bis runter zum Bodden – alles sah von dort oben wie eine überdimensionale Modelleisenbahnplatte aus.
Da war er auch schon: Tief schwarz, von Schneeflocken umtanzt streckten sich Schiff und Turm gen Himmel. Mich wunderte, dass das Gemäuer gar nicht angestrahlt wurde. War es schon so spät, oder musste die Stadt Energie sparen? Mein Herz schlug schneller, als ich näher ans Gemäuer trat. Vorm Eingang blieb ich stehen. Meine Hand legte sich auf die eiskalte, schwere Klinke. Vorsichtig drückte ich sie nach unten. Sie gab nach. Ächzend öffnete sich die Tür. ...

***

„Kommst du? Wir wollen noch auf den Turm“, sagte eine Frauenstimme. Irritiert schaute der kleine Junge zu dem bärtigen Mann hinauf, der da, weit über ihm, an einem Kreuz hing.
Was macht’n der da? – hätte er jetzt am liebsten gefragt, doch Mama hatte ihr Wartegesicht aufgesetzt, und Vater nestelte an seinem Fotoapparat herum. Offenbar klemmte wieder was.
Angenehm kühl war es in dieser riesigen Steinhöhle. Und es knallte so herrlich, wenn man seine Sandalen auf den Fußboden klatschen ließ. Was aber trieb dieser Mann mit dem Bart? Warum hing er da an dem Kreuz? Es war doch sicher langweilig da oben.
Er wird schon wissen, was er macht, beruhigte sich der Junge. Schließlich war das da oben ein Erwachsener, und die wussten immer, warum sie all die langweiligen Dinge taten. Außerdem sah der Mann eigentlich ganz zufrieden aus.
Ob es ein tolles Echo gab, wenn man hier etwas rief? Der Junge dachte plötzlich überhaupt nicht mehr daran, dass er heute eigentlich eine Sandburg hatte bauen wollen oder seinen Plastik-Tanklaster mit Meerwasser befüllen. Das Wasser konnte man prima über Mamis Beine laufen lassen. Laut und vergeblich hatte er gequengelt, als Papa gestern verkündete, dass sie heute, statt zum Strand zu gehen, Sehenswürdigkeiten angucken würden.
Jetzt war er froh, seine Sandalen auf das Pflaster knallen zu lassen, hier in diesem dunklen, kühlen Gewölbe. Nur, das Echo zu testen, traute er sich nicht. Etwas Strenges hatte diese Höhle, etwas, das noch viel strenger war als Vater, strenger sogar als die Großmutter, wenn sie ihn tadelte, dass er immer nur von allem den Kopf abbiss. Außerdem irritierte ihn der komische Bartmann da oben am Kreuz. Was der wohl von Beruf war? Der Junge nahm sich ganz fest vor, keinesfalls den gleichen Beruf zu wählen.
„Michael?“ Mamis Stimme war eine Spur energischer geworden. „Vom Turm aus kann man bestimmt das Meer sehen.“
„Auch unseren Strandkorb?“
„Vielleicht? Aber nun komm!“
Aufgeregt folgte der Junge seinen Eltern. Den Mann in der unbequemen Haltung hatte er längst vergessen.

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