Montag, 25. Dezember 2006
Folge 5 (Woche vom 18.12. bis zum 24.12.)
Pratzke-Homepage

Endlich unterlagen meine Tage wieder einer gewissen Ordnung! Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen pusselte ich Kevins alte Ernte. Alle zwölf Stunden schlurfte ich über den Flur ins Anlagenzimmer, stellte die Pumpe an und passte auf, dass alle zweihundertfünfzig Stecklinge ihr Wasser bekamen.
Mickrig und klein steckten sie in den Töpfen. Offenbar hatten sie sich noch nicht entschieden, ob sie eingehen oder gedeihen wollten.
Ich sah zu, dass ich das Gießen möglichst schnell hinter mich brachte. Ich mochte die kümmerlichen Strünke nicht. Ihre bloße Existenz brachte mich in Teufels Küche! Würden sie jemals Buds tragen?

Es schellte: drei Mal kurz, einmal lang. Welcher Depp hatte da seinen Schlüssel vergessen? Es war der Laberkopf.
„Was macht der Geheimauftrag?“, begrüßte ich ihn. Ich war noch immer verstimmt wegen seines Amsterdam-Abstechers.
Kevin sah mich an, ohne Show und aufgesetztes Grinsen. „Geht dich nichts an.“
An mir vorbei stiefelte er ins Anlagenzimmer und baute sich vor dem Gießwasserbottich auf.
„Ist ja fast leer, das Ding.“ Er musterte mich wie der Oberlehrer den Klassendeppen. „Wenn du ihn wieder auffüllst, vergiss auf keinen Fall, den Dünger hinzuzugeben, du weißt Bescheid?“
Ich hatte keinen blassen Schimmer, und das wusste er genau!
„Die Düngung beinhaltet fünf Komponenten“, ging er zum ich-erklär-dir-das-alles-nur-einmal-Ton über. „Bei der Erstbefüllung hab ich das exakte Mischungsverhältnis für den optimalen pH-Wert ermittelt. Wenn du es annähernd genau so bringst, erleben wir hier drin schon bald das Wunder der Natur, comprende?“
Er deutete auf die Kanister und Chemikalien-Fläschchen unter einem der Pflanztische. „Von dem Canazym gibst du 20 Milliliter mit rein, vom CoCo A einen dreiviertel Messbecher, vom CoCo B nen halben – alles so, wie’s geschrieben steht, claro?“
Erst jetzt fiel mir auf, dass sämtliche Behältnisse säuberlich beschriftet waren.
„Hab’s verstanden“, knurrte ich – zum ersten Mal froh darüber, dass das Grienen auf Kevins Gesicht zurückkehrte. Ohne sein Getue war er mir unheimlich. Das Grienen war seine Maske, was verbarg sich dahinter?
Die Hände auf dem Rücken verschränkt, drehte er eine Runde um die Tische, deutete mit süffisanter Miene auf die Pflänzchen.
„Ist doch eigentlich fies von uns, was?“
„Wie – fies?“
„Erst geilen wir die Girls mordsmäßig auf, geben ihnen schön zu trinken, halten ihnen die Lampe, dass sie Lust kriegen, Blüten auszubilden – und dann lassen wir sie keinen einzigen Kerl sehen.“
Ich nickte gelehrig. Noch vor ein paar Minuten hatte ich diesen Kerl zur Rede stellen wollen.
„Wir sind sogar noch fieser“, fuhr er fort: „Erst machen wir sie spitz wie Schmidts Katze, und wenn sie denken, jetzt kommen die Kerle, nieten wir sie um und hängen sie zum Trocknen auf die Leine. Nee, nee, chico.“ Er schüttelte den Kopf. „Richtig fiese Kriminelle sind wir, muss ich schon sagen.“
Mit wiegendem Oberkörper verließ er das Anlagenzimmer. Bevor ich ihm folgte, warf ich einen Blick auf die Pflänzchen. Sie taten mir leid.

Kevins Vortrag hatte ich entnommen, dass es sich bei den Buds um die unbefruchteten weiblichen Blütenstände handelte. Es erschreckte mich, wie wenig ich über die „Girls“ wusste. Ich nahm mir fest vor, Großmutters Landwirtschaftsbücher einmal genauer anzusehen. Nicht noch einmal wollte ich derart hilflos vor dem Laberkopf stehen.
Zunächst einmal stand jedoch die alte Ernte auf meinem Programm. Bald hatte ich etliche Kartons fertig gepusselt. Die Kisten türmten sich und machten mein Zimmer kleiner. Neben ihnen lehnten zwei Müllsäcke an der Wand, einer gefüllt mit Blättern, der andere mit Stängeln. Eine mit Buds gefüllte Stiege stand in der Raummitte. Die Pflanzenteile sonderten ungehindert ihren Geruch ab. Er war so intensiv, dass ich meine Zimmertür stets geschlossen hielt. Tagsüber traute ich mich nicht, das Fenster zu öffnen.
Warum holte Schussel das Zeug nicht ab? Er war für den Verkauf zuständig, das „Verticken“. Wieso drehte er sich nicht endlich und sorgte dafür, dass mir das Zeug aus den Augen kam und endlich aufhörte, meine Bude mit dem verräterischen Geruch zu füllen. Ich wählte Schussels Nummer.
„Was ist los!“, schnauzte ich in den Hörer, „hol endlich dein Grünzeug ab, oder soll ich’s dir vor die Tür stellen?“
„Is ja gut, is ja gut“, wiegelte er ab. „Ich bin grad bei dir in der Nähe, da komm ich gleich mal längs.“

An mir vorbei wollte Schussel ins Anlagenzimmer schlüpfen. Ich stellte mich ihm in den Weg und zeigte stumm auf meine Zimmertür. Schussel senkte den Blick, vollführte mit schlenkernden Armen eine scharfe Linkskurve und betrat meine Opiumhöhle. Er hockte sich vor die Buds-Kiste.
„Ist schon schade“, murmelte er, während die Blüten durch seine Finger rieselten.
„Was ist schade?“
„Sind zu viele Kleine dabei, weißt? Die könnte ich nie verticken.“
„Ach nee! Soll ich das Zeug wegschmeißen und die letzten Wochen unter Beschäftigungstherapie verbuchen, oder was?“
„Nicht doch“, erwiderte Schussel, als spräche er zu einem bockigen Spielkameraden. „Wir pressen unsere Ware sowieso zu Barren, weißt? Jeweils fünfundzwanzig Gramm, rechteckig, zwei mal fünf Zentimeter, zwei Zentimeter hoch – einfach ein ideales Packmaß. Vier Barren sind hundert Gramm, die nehmen nicht mehr Platz weg als eine Zigarettenschachtel. Kannst sie prima im Gefrierfach aufbewahren, weißt? Ich hol mir bei Bedarf welche ab.“
Damit war seine Welt wieder in Ordnung. Mir dagegen schmeckte es überhaupt nicht, dass das Dope weiter bei mir lagern sollte.
„Wir sollten das trennen“, warf ich ein. „Für den Staatsanwalt bin ich sonst Anbauer und Dealer.“
Schussel sah mich irritiert an, dann trat ein Leuchten in seine Augen. „Kein Problem, Pratze! Ich hab noch einen Kühlwürfel im Keller, da kannst du die Barren prima reintun, weißt?“
„Mein Problem ist nicht der Kühlwürfel, mein Problem ist, dass ich nicht das ganze Dope in meiner Wohnung haben will.“
„Das Ganze bedeutet ein Stück mehr Arbeit“, setzte sich Schussel verblüffend selbstverständlich über meinen Einwand hinweg. „Wir schleudern das Harz von den Blättern und pressen es zusammen mit den Buds, weißt? Du hast doch die Blätter aufgehoben?“
Ich zeigte stumm auf die Plastiksäcke an der Wand.
„Sehr gut!“ Schussel nickte. „Da haben wir eine gute Resteverwertung, weißt? Kommt nichts um bei uns. Wenn du willst, bring ich dir morgen alles vorbei, was du brauchst: Waage, Presse, Kühlwürfel, den Polli –“
„Den was?“
„Den Pollinator!“ wiederholte er sanft. „Eine Schleuder, mit der du das Harz von den Blättern runterholst.“ Seine Miene bekam etwas Verschmitztes. „Und dann bring ich dir noch was feines mit, o.k.?“

Der Grund für seine freudige Erregung waren ein paar unscheinbare Metallplättchen. „Die legst du beim Pressen zwischen die Barren, weißt?“
In die Plättchen war in Handarbeit ein windschiefes Hanfblatt eingraviert.
„Meine Schmuckstückchen.“ Schussels Finger strichen über das Metall. „Wären beinahe draufgegangen, als sie meine Wohnung durchsucht haben. Nach dem Ding an der belgischen Grenze, weißt?“
„Ach, ja?“
„Ja! Die Bullen haben wie verrückt rumfotografiert, aber meine Plättchen haben sie nicht mitgenommen. Dachten wahrscheinlich, die sind nicht wichtig, Deppen, die.“
„Und dann schleppst du die Dinger zu mir?“
„Wieso denn nicht?“, erwiderte Schussel kleinlaut. „Ist doch ne super Geschäftsidee! Will sie mir patentieren lassen, weißt? Ehe ein anderer damit ankommt.“
„Tolle Idee!“ Ich hatte Mühe, mich im Zaum zu halten. „Wirklich richtig super, Alter! Wenn wir in Früchtewürfel machen würden, hätte es sogar was originelles. Aber so heißt es nichts weiter, als dass die Polizei genau nachvollziehen kann, wo unsere Barren herkommen, kapierst du das nicht?“
„Wieso denn?“, erwiderte Schussel bockig.
„Mann! Das ist so, als würden wir unsere Namen auf die Dinger schreiben! Wenn das in dem Knast, in den wir dann einfahren, die Runde macht, gibt das sicher eine prima Lachnummer. Die einzigen, die nicht mitlachen, werden wir vier sein!“
Schussel blies die Backen auf, vollführte eins, zwei Ansätze, etwas zu entgegnen, ließ seine Schultern sinken und gab keinen Mucks mehr von sich. Auch nicht, als ich seine Plättchen in den Müll warf. Den Eimer entleerte ich zwei Höfe weiter.

Zur Presse gehörte eine schwere, altertümliche Hohlform aus Gusseisen. Die Menge für jeweils vier Grasbarren passte hinein. Diese musste ich zwölf Stunden lang pressen. Statt Schussels signierter Metallplättchen benutzte ich Trennblätter aus stabilem Kunststoff, die ich aus einem Uni-Hefter schnitt.
Die Pflänzchen im Anlagenzimmer hatten sich inzwischen ausnahmslos dazu durchgerungen, nicht einzugehen. Schussel kam brav alle paar Tage vorbei, um eine Ladung Barren abzuholen. Die Labertasche verschonte mich mit weiteren Besuchen. Pingel sah hin und wieder nach der Anlage oder holte sich etwas Gras zum Rauchen.
Selbst bei geschlossener Zimmertür wusste ich stets, wer mich gerade heimsuchte. Huschte jemand übern Flur, und als nächstes klappte die Badtür – war es der Laberkopf. Während Schussels Gang bei allem Ungelenken etwas katzenhaft leises hatte, neigte Pingel zu hemmungslosem Poltern.
Bald nervte es mich, wenn ich ihn wieder schnaufend über den Flur stapfen hörte. Riss er auf dem Rückweg meine Zimmertür auf, um mir zwischen Tür und Angel ein paar Fragen zur Zuverlässigkeit der Schaltung zu stellen, wehte der Gestank von ranzigem Bratenfett zu mir herein. Ein Gruß vom fettigen Horst, der Frittenbude am Bahnhof. Hing Pingel der Magen zwischen den Kniekehlen, kehrte er dort ein. Vermischt mit dem Geruch der Girls, erzeugte Horsts Fettaroma jedes Mal ein gefährliches Würgen in meinem Hals.
„Ich kann dir auch was kochen!“, rief ich ihm das nächste Mal zu.
Pingel erwiderte nichts darauf, doch als er wieder auftauchte, kam er ohne Horsts Gestank. Eilig machte ich mich daran, Pingel eine Portion Bratkartoffeln zuzubereiten. Ich kam mir ein bisschen komisch vor dabei. Schon seit ewigen Zeiten hatte ich nicht mehr für jemand anderen gekocht.
Bei mir gab es kein ranziges Fettgemansche. Ich bereitete die Bratkartoffeln so zu, wie ich es von Großmutter kannte: gebraten in ganz wenig Butter, mit geröstetem Speck und Zwiebelwürfelchen, einem Ei, gewürzt mit Pfeffer und etwas Thymian.
Pingel wischte sich die Hände an der Hose ab, als ich den Teller vor ihm auf den Küchentisch stellte. Er nahm Platz, schaute zu mir, blickte auf den dampfenden Teller, wieder zu mir – und haute rein. Ich konnte zugucken, wie sich der Teller leerte.
Dieser Kerl war ein Vulkan. Nur zu gut erinnerte ich mich an seinen Wutanfall im Anlagenzimmer und daran, wie er im SCHLAGBAUM den Kapuzenmann vom Hocker gezerrt hatte. Jetzt saß er vor mir und schaufelte friedlich Bratkartoffeln in sich hinein, aber was geschah schon einen Augenaufschlag später? Ich hatte keine Ahnung, und das machte mir Angst.
„Kann ich dich mal was fragen?“, sagte ich in sein Kieferknacken.
Pingel schaute kauend auf. Inzwischen hatte er den Bratkartoffelberg fast vollständig vertilgt. „Wass’n?“
„Was machen wir eigentlich, wenn wir mal Probleme kriegen? Ich meine, im Sommer, draußen, auf dem Feld.“
„Wass’n für Probleme?“, fragte Pingel und polkte ein Stück Speck aus seinen Zähnen.
„Wenn wir zum Beispiel merken, dass sich welche über unsere Pflanzen hermachen. Greifen wir die dann an, oder was?“
Das Nashorn auf Pingels Schulter hob und senkte sich. „Die werden doch nicht so blöd sein und klauen, wenn wir auf’m Feld sind.“
„Und wenn doch? Ich meine, wenn wir sie überraschen?“
Wieder wippte das Nashorn auf und nieder.
„Wenn wir da draußen jemanden stellen!“ wurde ich deutlicher, „was machen wir dann mit dem? Fesseln und knebeln, oder was?“
Pingel ließ die letzte Fuhre Bratkartoffeln in seinem Mund verschwinden. „Würde ich so nicht machen“, murmelte er und piekte mit der Gabel die Krümel auf. „Ist viel zu aufwändig.“
Wenigstens hatte er nicht ja gesagt.

Wie aus dem Nichts prangte der Heilige Abend auf dem Kalenderblatt. Das ganze Gewese um Weihnachten hat mich nie sonderlich bewegt, doch an diesem Heiligen Abend spürte ich etwas, was ich so noch nicht kannte. Bis jetzt hatte es mir nie etwas ausgemacht, allein zu sein – jetzt fühlte ich mich einsam.
Pingel verbrachte die Feiertage bei seinen Eltern, Laber war mit Silvana nach Thailand geflogen.
Bei Schussel sah es anders aus. Er lebte allein. Sein Vater war früh gestorben, seine Mutter hatte er nie kennen gelernt. Die Kindheit verbrachte er bei seiner Tante. Deren Mann ließ ihn schon als kleinen Jungen spüren, dass er ihn für einen Versager hielt.
Ich kam mir plötzlich ziemlich schofelig vor, weil ich in letzter Zeit oft so unfreundlich zu ihm gewesen war. Klar hatte er Mist gebaut, aber waren wir nicht so was wie Kumpels? Mehr noch! Schussel war der Einzige in der Truppe, vor dem ich keine Angst zu haben brauchte. Also war es gleich doppelt wichtig, dass ich den Draht zu ihm nicht verlor!
Kurzentschlossen zückte ich mein Handy. Schussel ging sofort ran.
„Was machst’n heute abend?“
„Weiß noch nicht so genau.“
„Pass auf, Schussel! Du bist allein, ich auch – komm doch einfach vorbei! Wir tun uns eine Tiefkühlpizza in den Herd und pusseln ein bisschen – das Ding von Ravensburger, meine ich!“
„Wieso Ravensburger? Ach so! Klar, ich komm längs!“

„Hier!“ Sein sorgloses Klein-Jungen-Lächeln im Gesicht, hielt er mir ein Monster von Weihnachtsgesteck hin. Es war gespickt mit grünen Kerzen und schwarzbraunen Tannenzapfen aus Styropor.
„Hab ich von meiner Tante.“ Schussel strahlte. „Dachte mir, da haben wir es bisschen gemütlicher, weißt?“
Schweigend legte ich das Gesteck in eine Ecke, in der ich es nicht ansehen brauchte und riss einen Tetra-Pack Glühwein auf. Schussel füllte sich ein Glas mit Leitungswasser, nahm am Küchentisch Platz und baute einen Joint. Vorsorglich hatte ich eine alte Kompottschale als Aschenbecher bereitgestellt.
Ich verhängte das Küchenfenster mit meiner Diwandecke. Die Nachbarn sollten nicht sehen, welcherart Bastelei wir hier nachgingen. Schussel rauchte derweil seinen Joint. Ich warf eine CD in die Anlage, holte einen Karton Gras, und wir fingen an zu pusseln.
Leider hatte ich ausgerechnet meine Lieblingsscheibe erwischt. Paris, das Live-Doppelalbum von Supertramp, Marions Weihnachtsgeschenk vom letzten Jahr. Unzählige Male hatten wir es zusammen im Bett gehört. Sofort sah ich Marion vor mir auf dem Treppenabsatz stehen. Sie trug ihre enorm gut sitzende, rote Jeans. Ihre braunen Augen brannten auf meiner Wange, ihre blutroten Lippen machten, dass es zerrte in meiner Brust.
Hilfesuchend sah ich zu Schussel. Als er meinen Blick erwiderte, fragte ich schnell: „Wie war das eigentlich, als sie dich hochgezogen haben, damals an der Grenze?“
Sein Mund verzog sich zu einem gequälten Grinsen, dass es mir sofort leid tat, ihm die Frage gestellt zu haben. Ich hatte mich bloß von Marion ablenken wollen, ohne Supertramp ausschalten zu müssen.
„Die Belgiengeschichte“, seufzte Schussel und senkte den Kopf. „War schon ganz schönes Pech, was ich da hatte.“
Er pusselte einen Moment wie ferngesteuert weiter, dann säuberte er sorgfältig seine Hände und langte nach dem Silberdöschen. Während seine Finger den Joint entstehen ließen, trat ein Leuchten in seine Augen. In aller Ruhe entzündete er sein Bauwerk, nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch zur Decke.
„Ich war damals mit Constanze zusammen, weißt?“
„Die überspannte Physiotherapeutin, der du die Praxis ausgebaut hast?“
„Genau die.“ Ein Lachen ließ seine Brust erbeben. „Sie hat immer drauf bestanden, dass ich ihren Namen so komisch französisch ausspreche, weißt? Ihre Tochter hat ziemlich genervt, aber ich glaub, Constanze hat mich wirklich geliebt. Ein bisschen zumindest.“
Und wie sie dich geliebt hat. So lange, bis du ihr die Praxis für den Materialpreis übergeben hast. „Klar hat sie dich geliebt.“ Ich log nicht gerne, aber Schussel sah einfach zu traurig aus.
„Wir sind zu dritt nach Holland gefahren. Tulpenblüte, Amsterdam, der Königinnengeburtstag, die ganze Stadt ein riesiger Flohmarkt, weißt? Das wollte Constanze unbedingt erleben.“
Seine Schultern zuckten. „Was lag näher, als dass ich mit ihr längs fahre und dabei gleich bisschen was einkaufe, weißt? Gerade, wo ich auf meinem letzten Holland-Trip José kennen gelernt hatte, den Großhändler aus Togo, der vor paar Jahren sein Vertriebssystem in Amsterdam aufgebaut hat.“
„Klar“, erwiderte ich wie der geborene Dope-Schnäppchenjäger.
„Constanze hab ich nichts von den schwarzen Platten in ihrem Kofferraum erzählt.“ Schussels Augen blinzelten zur Diwandecke. „Fünfhundert Gramm reinster schwarzer Afghane, allererste Qualität, weißt?“
Ich ahnte zumindest.
„Ich hab Constanze überredet, dass wir noch einen Abstecher nach Belgien machen. Dachte, ist unauffälliger, wenn ich über Belgien einreise, weißt? Die Kleine mit an Bord, und Constanze sieht auch nicht aus wie eine, die mit Dope dealt. Außerdem hatte ich gehört, dass sie die Zollkontrollen an der belgischen Grenze abgeschafft hätten. Sah nach einer todsicheren Nummer aus, das Ganze.“
Seine Mundwinkel sanken nach unten, als wären sie ihm zu schwer geworden. „Wäre vielleicht wirklich alles gutgegangen, wenn ich nicht kurz vor der Grenze auf die One-Way-Spur für LKW geraten wäre. Sah komisch aus, Constanzes Cabrio zwischen den ganzen Brummis. Was soll’s, hab ich gedacht, wird schon nichts passieren. Außerdem kam ich eh nicht mehr runter von der blöden Spur. War ja alles total dicht, weißt?“
Schussels Augen waren so rot wie neulich im SCHLAGBAUM.
„Der Zöllner, dem wir im Schritttempo entgegenrollten, hat mich angegrient mit seinem Teddy-Gesicht. Sah echt locker aus, der Typ, weißt? Hinten hatte er die Haare sogar bisschen länger. Als wir neben ihm stehen, fragt er mich auf Französisch, ob wir was zu verzollen haben. Ich dachte, das ist ein Wink von ihm, weißt? Wo er doch unser deutsches Kennzeichen gesehen haben muss! Hab ihm gesagt, dass ich ihn nicht verstehe, worauf er mich im astreinen Hochdeutsch fragt: ‚Haben Sie Drogen gekauft?’“
Schussel fasste sich an die Stirn, als müsse er sich vergewissern, dass sie noch da war. „Mensch Pratze – wie der mich angeguckt hat! Als wüsste er ganz genau, was Phase ist, weißt? Und er sah so gutmütig aus. Hat gegrient bis zu den Ohren! Da hab ich ihm gesagt, dass ich ein paar Gramm dabei hab, zum Eigenverbrauch, weißt? Hab gedacht, er bleibt bei seinem Teddygrienen, hebt den Zeigefinger und sagt: ‚Na, dann fahren Sie mal weiter, viel Spaß noch.’ Hat er aber nicht. ‚Rechts ran, Motor abstellen und alle Mann aussteigen!’ – hat er gesagt, und nicht mal freundlich!“
Schussel blies seine Wangen auf wie ein zu Unrecht in die Ecke beordertes Hortkind. „Die haben natürlich nicht bloß die zwei Gramm in meiner Hosentasche gefunden, sondern auch die schönen, schwarzen Platten im Kofferraum.“
Seine Empörung verlieh der Geschichte eine eigenwillige Komik.
„Da bist du ja ein glatter Selbststeller“, sagte ich schnell, um nicht lachen zu müssen. „Darauf hättest du mildernde Umstände kriegen müssen, weißt du das?“
Schussel erwiderte nichts. Er saß da, in sich zusammengesackt wie ein kaputter Luftballon. Augenblicklich tat mir mein letzter Satz leid.
„Na ja“, murmelte Schussel nach einer Weile, „ich hatte wohl Glück im Unglück. Die haben nicht mal das Auto beschlagnahmt. Constanze konnte denen klarmachen, dass sie von dem Afghanen im Kofferraum nichts gewusst hat, weißt? War ja auch wirklich so.“
Er sah mich an. „Du glaubst ja gar nicht, wie die losgehen kann. Richtig durchbohrt hat die mich mit ihren Augen, weißt? Selbst die Zöllner sind einen Schritt zurückgetreten. Dazu das Geheule von der Kleinen. Die hatte plötzlich Schiss, wegen den vielen, wildfremden Männern um uns rum, weißt? Aber das schlimmste war echt Constanzes Blick.“
Schussel senkte den Kopf. „War dann auch bald vorbei mit uns. Zuerst hat sie’s abgelehnt, mit mir zu rauchen, dann wollte sie mich nicht mehr bei sich im Bett haben.“
An dieser Stelle wurde es mir eindeutig zu traurig. „Wie ging’s weiter?“, fragte ich rasch, „mit der Polizei, meine ich.“
„Na, ja. Die haben mir den Prozess gemacht. Anderthalb Jahre auf Bewährung.“
Anderthalb Jahre, Bewährung – echote es in mir. Meine Trauer war schlagartig verflogen. Statt dessen breitete sich in meinem Bauch einmal mehr das unheilwitternde Grummeln aus.
„Und in dieser Bewährungszeit steckst du noch mittendrin?“
„Ja, klar. Wieso?“
Mir wurde speiübel. Anderthalb Jahre auf Bewährung! Wenn sie Schussel das nächste Mal hochzogen, wanderte er mit hundertprozentiger Sicherheit in den Knast! Er schwebte in höchster Gefahr, und mit ihm wir alle. Schussel besorgte das für unsere Operation nötige Know-How – auf Rechnung, aus dem Großmarkt. Schussel vertickte die Barren, die ich tagein, tagaus pusselte, presste – mit meinen Fingerabdrücken versah!
„Wenn die dich hochziehen, bist du fällig, und wir stehen alle mit auf der Abschussliste, ist dir das klar?“
Meinem Blick ausweichend, rutschte er auf seinem Stuhl herum. Ob sie ihn bereits beschatteten, sein Telefon abhörten?
„Besorg dir bloß ein neues Handy! Gleich, wenn dieser Weihnachtskram vorbei ist! Hast du mich verstanden? Ist dir bewusst, dass die dich möglicherweise abhören?“
Sein zögerliches Nicken war alles andere als beruhigend.

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Montag, 18. Dezember 2006
Folge 4 (Woche vom 11.12. bis zum 17.12.)
Pratzke-Homepage

„Was guckst’n so, im Auto ist noch mehr“, hieß Pingels ruppiger Kommentar, während er an mir vorbei in das leere Zimmer polterte. Der Seesack auf seinem Rücken war prall gefüllt. In den Händen hielt er einen Packen Plastikrohre, eine Rolle Schlauch hing über seiner Schulter. Als er mich auf seinem Weg nach draußen noch immer an der Tür stehen sah, hielt er an und brummte: „Was’n jetzt schon wieder?“
„Ich will nicht mit dir im Treppenhaus gesehen werden.“
Der Hüne schüttelte den Kopf, riss die Tür auf und polterte nach unten. Wir einigten uns darauf, dass Pingel die Sachen im Flur abstellte, und ich schaffte sie ins Zimmer. Ungehalten wurde er nur, als er bemerkte, dass er ein Bauteil vergessen hatte und noch mal losfahren musste.
Knapp zwei Stunden später hatte er alles beisammen, was er brauchte. Zimmer und Flur waren mit vielerlei Dingen vollgestellt: Tischböcke, Platten, Bottiche, eine Pumpe, jede Menge Rohre, Schläuche, Regenrinnen, drei alte Ventilatoren, Speziallampen und allerlei Elektrobauteile, über deren Verwendung ich nicht nachdachte.
Ächzend zog sich Pingel die Uniformjacke aus. Ein olivgrünes Camouflage-Muskelshirt gab den Blick auf zwei massige Schultern frei. Auf die linke war ein Nashorn tätowiert. Es hatte kurze, stämmige Beine und einen massiven Körper. Ohne das wuchtige Horn hätte ich es für ein Wildschwein gehalten. Verstohlen beäugte ich das Bildchen, während Pingel daran ging, an den Wänden Punkte anzuzeichnen.
„Für Dübel?“, fragte ich, um nicht weiter auf seine Schulter zu starren. Pingel sah mich an, als sei er verwundert über meine Anwesenheit.
„Da kommen Haken rein, zur Befestigung der Schienen, klar? Kannst ja schon anfangen mit Bohren, die Zehner sind’s.“
Froh, etwas gefunden zu haben, mit dem ich mich nützlich machen konnte, legte ich los.
Mit einigem Unbehagen bemerkte ich, dass mich Pingel die ganze Zeit über nicht aus den Augen ließ. Gerade so, als warte er darauf, dass mir ein Werkzeug aus der Hand fiel oder dass ich mich sonst irgendwie blöd anstellte. Ich bin es gewohnt, zu arbeiten und möchte behaupten, handwerklich nicht gerade ungeschickt zu sein. Pingels wachsamer Blick in meinem Rücken machte mich jedoch zusehends nervös. Kaum hatte ich tatsächlich einen Dübel schief in der Wand versenkt, ließ er seinen Hammer auf die Dielen fallen und presste Luft durch die Nase. „Alter!“, brauste er auf. „Ich kann so nich arbeiten, klar!
Sein Atem wurde wieder ruhiger.
„Das geht nicht gegen dich, Pratze. Bin’s gewohnt, so was allein zu machen, klar? Ruf Laber an. Der müsste noch’n paar Kisten getrocknete Marihuanapflanzen bei sich rumstehen haben. Von der letzten Ernte, muss dringend verarbeitet werden, das Zeug. Hilf ihm dabei, und ich mach hier weiter, klar? Ist uns allen am besten geholfen.“
Ehe ich Piep sagen konnte, fand ich mich, meines Hammers beraubt, im Flur wieder. Pingel schloss die Tür zum Anlagenzimmer, kurz darauf vernahm ich von drinnen Hämmern, Bohren und Schrauben. Ich fühlte mich wie ein überflüssiger Hilfsarbeiter auf einer Baustelle in der Fremde.

Kevin wartete vor seinem Haus auf der Straße und rauchte. Auf der Rückbank seines alten Kombis stapelten sich Bananenkisten.
„Ist doch o.k., wenn du das Zeug in deiner Wohnung pusselst, oder?“, empfing er mich und schnippte seine Kippe in den Rinnstein.
„Ja, klar. Aber warum bin ich hergelatscht, wenn du eh alles allein trägst?“
„Bist du wenigstens mal rausgekommen. Los, steig ein!“
Kevin wohnte in einer Einbahnstraße. Er fuhr sie in verkehrter Richtung raus. An der Kreuzung hielt er an und drehte sich betont langsam erst nach links, dann nach rechts.
„Bullen, wo seid ihr?“ – brüllend, trat er das Gaspedal durch. Die Reifen quietschten. Grienend deutete Kevin nach hinten zu den Kisten.
„Ist doch mal ein netter Studentenjob, was? Durch die Gegend kutschen, den Wagen voll mit guten Sachen, die das Leben leichter machen!“
Ich zwang mir ein Lächeln ab. Labertasche – dieser Name war echt passend für diesen Kerl.
„Zeit ist Geld, compañero!“ hieß sein nächster Spruch. „Ich würde also sagen, wir verlieren keine kostbaren Sekunden und nehmen den kürzesten Weg zu dir, o.k.?“
Die Bedeutung seiner Worte wurde mir klar, als wir kurz darauf in die mit einem Sackgassenschild versehene Oberwallgasse bogen. An ihrem Ende befand sich eine kopfsteingepflasterte Durchfahrt – allerdings nur für Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr. Laber raste auf die Durchfahrt zu und holte tief Luft – sicher, um gleich zu Bremsetreten und Bullen-Spruch anzusetzen. Unvermittelt knallte er den Rückwärtsgang rein und setzte in die direkt vor der Sperre gelegene Parklücke.
„Was soll das jetzt?
„Schnauze!“, stieß er hervor. „Bleib cool! Bin gleich wieder da!“
Er riss die Tür auf und rannte los. Im Rückspiegel sah ich ihn in einem Hauseingang verschwinden. Als ich wieder nach vorn schaute, gewahrte ich auf der anderen Straßenseite, direkt vor meiner Nase, einen grün-weißen Polizeitransporter. Eine junge Polizistin mit blondem Pferdeschwanz lümmelte kaugummikauend auf dem Beifahrersitz und sah zu mir rüber.
Mit äußerster Mühe zwang ich mich, ruhig sitzen zu bleiben und vor allem, nicht nach hinten zu schauen, zu den Kisten mit den „guten Sachen, die das Leben leichter machen“ – wenn man sich mit ihnen nicht gerade am helllichten Tag auf offener Straße von einer Polizeistreife aufgreifen ließ.
Noch immer ruhte der Blick der Politesse auf mir. Kalter Angstschweiß klebte mir das Hemd an den Rücken. Was machte die da drüben? Lauerte sie auf Idioten wie uns, die illegal die Feuerwehrdurchfahrt passierten? Kam sie jetzt rüber, forderte sie über Funk Verstärkung an?
‚Ich hab hier zwei Verdächtige in einem alten Kombi! Der eine ist abgehauen, der andere sitzt im Wagen und glotzt mich blöd an. Ich glaub, der hat die Hosen voll. Knöpft ihn euch mal vor. Auf der Rückbank liegen paar Kisten, würde mich nicht wundern, wenn da Drogen drin sind.’
So viel Pech hab ich nicht verdient – flehte ich zu sämtlichen Schicksalsgöttinnen dieser Welt. Die Polizistin tat vorerst nichts, was wie der Ruf nach Verstärkung aussah. Sie saß einfach nur da, mit mahlenden Wangenknochen – und sah mich an. Wartete sie vielleicht nur auf ihren Kollegen, der gerade belegte Brötchen und Kaffee für die Frühstückspause organisierte?
Quälende Minuten verstrichen. Der Blick der Polizistin ruhte nun schon so lange auf mir, dass man unter anderen Umständen eine eindeutige Absicht dahinter vermuten könnte. Sie war jünger als ich, höchstens Mitte zwanzig. Wann hatte mich zum letzten Mal eine Frau so angeschaut?
Wäre ich Polizist geworden, dürfte ich jetzt Kaffee und Wurstbrötchen für sie besorgen, statt schweißtriefend mit mehreren hundert Gramm Marihuana in Labers blödem Kombi zu sitzen.
Wie sie wohl mit offenem Haar aussah, ohne die Uniform? Ich schloss die Augen und sah sie im kurzen, blauen Kleid auf meinem Küchenschrank sitzen. Gerade Haltung, schlank und durchtrainiert von den Leibesübungen auf der Polizeischule, zeigte sie mir ihre langen, solariumsgebräunten Beine – da ließ mich das Klappen der Autotür zusammenfahren.
Blöder Träumer, jetzt bist du geliefert! – durchfuhr es mich, doch es waren keine Greifer im Kampfanzug, die mich aus dem Wagen zerrten. Die Labertasche war von seinem Pseudo-Besuch im Haus an der Ecke zurückgekehrt. Hatte er die ganze Zeit im Hauseingang gewartet, ob sie mich hops nehmen würden?
In aller Seelenruhe startete er den Wagen. Der Polizistin schenkte er im Vorbeifahren sein Filmgrienen. Sie schüttelte ihren Zeigefinger in unsere Richtung und hatte ein Lächeln für ihn parat.
„Was’n, hermano?“, schnalzte Laber. „Schon vergessen? Ist doch streng legal, was wir hier machen!“
Ich sah starr nach vorne und verfluchte mich dafür, dass ich mich zum Laberer ins Auto gesetzt hatte. Ein kleiner Trost war mir, dass er gleich die ganzen Bananenkisten allein hoch tragen würde. Warum sollte es ihm besser ergehen als Pingel?

Mit Labers getrockneten Cannabispflanzen begann die Illegalität in meiner Wohnung ein paar Tage eher als geplant. Das war mir recht. Je eher es losging, desto schneller war es ausgestanden.
Ich stopfte meine Klamotten in Müllsäcke, nahm die Zwischenbretter aus dem Kleiderschrank und verstaute die Graskisten darin. Die Pflanzen waren jeweils in zwei sorgsam verschlossenen Müllbeuteln verpackt – damit sie frisch blieben, wie ich dachte.
Nach einer kurzen Einweisung durch Schussel fing ich also an, Gras zu pusseln. Ich riss die Stängel auseinander, dann die Blätter. Mit einem Klappmesser entfernte ich die kleinern Blättchen, bis nur noch die harzhaltigen Blütenstände übrig blieben.
Pingel errichtete währenddessen auf der anderen Seite des Flurs die Anlage. Noch immer zog er es vor, allein zu arbeiten. Selbst den Laberer mochte er nicht dabei haben. So zumindest interpretierte ich den Klang seiner Stimme, wenn sie hinter verschlossener Tür diskutierten. Ich wollte gar nicht wissen, was sich im „Verbotenen Zimmer“ abspielte. Meine Miete samt Betriebskosten trug von nun an die Firma, allein das hatte mich zu interessieren. Von morgens bis abends über den Stauden zu sitzen, war mein Teil der Arbeit, die anderen erledigten ihren!
Marihuana-Pusseln ist die erste halbe Stunde eine halbwegs angenehme Beschäftigung. Spätestens dann sind deine Finger völlig mit einer schwarzen, harzartigen Schmiere verklebt.
„Ein Zeichen für die hervorragende Qualität unserer Buds“, erklärte mir Schussel. „Ist blanker Goldstaub, was du da an den Händen hast, weißt? Bestes THC. Kratz es von deinen Fingern und sammle es in einem Glas! Ist prima Schwarzer Afghane, weißt? Der Rolls-Royce unter den Cannabisprodukten.“
Ich setzte das Klappmesser an und versuchte, die zähe, schwarze Masse von meinen Fingern zu schaben.
Doch meine Hände klebten nicht nur. Sie rochen immer intensiver nach Marihuana – selbst, wenn ich sie am Abend mit Seifenlauge behandelt hatte. Überhaupt breitete sich der dumpfe, feuchte Raubtiergeruch in der ganzen Wohnung aus. Deswegen also die sorgfältige Verpackung! Doch auch die nützte nichts, war die Folie erst eingerissen. Der verräterische Gestank durchdrang einfach alles! Würde er nicht auch ins Treppenhaus dringen?

Türklingeln ließ mich hochschnellen wie ein Pilot aus seinem Schleudersitz. Was war los, was zu tun? Es hat geklingelt, und ich muss aufmachen – erinnerte ich mich. So zu tun, als wäre ich nicht zu Hause, war purer Unsinn. Das Gehämmere aus dem Anlagenzimmer war garantiert im ganzen Haus zu hören. Pingel arbeitete munter weiter. Das Klingeln schien ihn nicht im Geringsten zu stören.
Und schon wieder schellte es. Waren das die Nachbarn, die sich über den Lärm beschwerten, oder schon die Polizistin mit dem Pferdeschwanz, zusammen mit einer Gruppe Kampfanzugträger?
Wir sind Kriminelle, aber was wir machen, ist streng legal – klang die Stimme der Labertasche in meinem Ohr, als ich mich mit weichen Knien der Wohnungstür näherte. Meine Nerven zu schonen, verzichtete ich auf den Blick durch den Spion. Ich riss die Tür auf und guckte mit heruntergeklappter Kinnlade ins Treppenhaus.
Marion stand vor mir, die Lippen tief dunkelrot geschminkt. Wollte sie mich zur Rede stellen, ihre Sachen holen – oder mir eine letzte Chance geben? Sie trug ihre enge, rote Jeans und sah bezaubernd aus.
Aus dem „Verbotenen Zimmer“ drang emsiges Hämmern. Marion tat, als bemerke sie es nicht. Unverwandt sah sie mir ins Gesicht. Heftiges Kribbeln auf meiner Haut. Tu was! Nur, was? Sollte ich Marion die Tür vor der Nase zuschlagen oder sie in meine Arme schließen? Mir war stark nach letzterem, doch wie sollte ich ihr den Geruch meiner Finger erklären? Was würde sie dazu sagen, dass im großen Zimmer ein Glatzkopf in Tarnklamotten und mit Nashorn auf der Schulter die Fenster mit Plastikfolie abklebte?
Marion versuchte ein Lächeln. „Wollte mal gucken, wie’s dir geht.“
Ich nickte stumm. Meine Linke umklammerte die Türklinke. Fürchtete ich, Marion wolle mich überwältigen, ins „Verbotene Zimmer“ stürmen und uns auffordern, sie zur Polizei zu begleiten?
„Hab grade ziemlich viel um die Ohren“, brummte ich.
„In der Uni warst du auch nicht“, erwiderte Marion. „Nicht, dass du denkst, ich spioniere dir nach. Ich hab mir nur Sorgen gemacht.“
Ich wusste, sie sagte die Wahrheit. Sie würde uns nicht verpfeifen. Aber was würde sie tun, wenn sie schnallte, was hier vor sich ging?
Den Kopf schütteln, mich in mein Zimmer ziehen? „Michael, du bist ein Kindskopf, wenn du ernsthaft daran glaubst, auf die Art deine Schulden zu tilgen oder gar deinen Lebensunterhalt zu bestreiten.“ Ich hatte es genau im Ohr, wie sie das „ernsthaft“ aussprach.
„Hab keine Zeit für die Uni“, erwiderte ich barsch.
Ihr Blick brannte auf meinem Gesicht. Jetzt nicht schwach werden! An Marion vorbei starrte ich auf die Streben des Treppengeländers.
„Bin gerade am Renovieren, ... wegen meinem neuen Untermieter“, fing ich an, dann schossen die Worte nur so aus mir heraus:
„Ich muss mich beeilen. Hab einen Job angenommen, in Bayern. Jede Menge Knufferei, dafür gibt’s am Ende ordentlich Schütte. Tut mir leid, aber ich hab absolut keine Zeit. Kann dich nicht mal reinbitten.“
Meine Kanonade hatte gesessen. Marion schaute nun ebenfalls an mir vorbei. Mir war zum Heulen, und auch Marion schien mit den Tränen zu kämpfen. Bitte nicht! Doch Marion blieb fair.
Ohne ein Wort machte sie kehrt und stieg die Treppen nach unten. Sie ging, ohne sich umzusehen. Die Wohnungstür wurde mir so schwer wie ein Burgtor, als ich sie ins Schloss drückte. Hätte Marion auch nur eine Träne gezeigt, wäre die Festung nicht zu halten gewesen.
„Wer war’n das?“, rief Pingel aus dem Anlagenzimmer.
„Niemand“, gab ich zurück und machte mich wieder an die Arbeit.

Marions Besuch hatte mir schmerzhaft klargemacht, dass ich fortan den Eremiten geben musste – bis die halbe Million eingefahren war. Auch wenn es wehtat – ich musste es vermeiden, durch eine dumme Unachtsamkeit aufzufliegen.
Meinem Freund Dietmar und den anderen Kommilitonen erzählte ich die Geschichte vom Job in Bayern, die mir bei Marions Besuch spontan eingefallen war. Stand erst die Anlage, war es still in meiner Wohnung. Ab dann würde ich weder ans Telefon noch an die Tür gehen. Für den Kontakt mit meinen Partnern genügte das Handy.
Meine Partner – das nächste Problem! Waren die drei einschlägig bekannt? Zumindest bei Schussel wusste ich es. Er war vorbestraft, irgendwas mit Rauschgift an der belgischen Grenze. Für den genaueren Hergang hatte ich mich nie interessiert. Nun saßen wir in einem Boot.
Die Drei bauen nicht zum ersten Mal Gras an, versuchte ich, mich zu beruhigen. Bisher schien ja alles gut gegangen zu sein. Dennoch sollte ich mich auf keinen Fall noch einmal mit ihnen in der Öffentlichkeit sehen lassen. Kein weiterer Besuch im SCHLAGBAUM, keine Fahrt in Labers Kombi. Auch im Treppenhaus durfte ich mich nicht mit ihnen zeigen.
Damit sie ohne Aufsehen zu mir gelangten, händigte ich ihnen Wohnungs- und Haustürschlüssel aus. Hatten sie die vergessen, mussten sie unten klingeln: Dreimal kurz, einmal lang – der Code war mir eingefallen, als ich beim Pusseln den Anfang von Beethovens Neunter vor mich hin gepfiffen hatte. Auf ein anderes Klingelzeichen reagierte ich nicht, ebenso wenig auf das Telefon. Ich bin auf Montage in Bayern – zog den Stecker und basta!

Nach einer halben Woche stand die Anlage nahezu betriebsbereit im „Verbotenen Zimmer.“ Dass sich Schussel in dieser Zeit auffallend rar machte, war besonders für Pingel ein katastrophaler Umstand. Schussel war sein Ansprechpartner für Beschaffung und Transport des Equipments. Stieß Pingel im Anlagenzimmer einen Fluch aus, wusste ich, dass Schussel wieder mal ein falsches Bauteil angeschleppt oder einen Termin nicht eingehalten hatte. Schussels Angewohnheit war es zudem, genau dann mit Pingels Auto zur Beschaffung fehlender Teile unterwegs zu sein, wenn Pingel den Wagen selber brauchte.
Bald hatte Pingel nur noch hasserfüllte Flüche für „den Kollegen von der Materialbeschaffung“ übrig. Sein Gebrüll ging mir auf die Nerven. Ich versuchte, einfach nicht mehr hin zu hören. Angst und bange wurde mir jedoch, als mir Pingel in einer Pause erzählte, auf welche Art und Weise Schussel das benötigte Material besorgte.
Schussel war offiziell Hartz IV-Empfänger, was ihn jedoch nicht davon abgehalten hatte, ein Gewerbe anzumelden. „Gartendesign Schosterek“ hieß seine Firma. Diesen Schachzug hatte er vollführt, um im Großhandel die für den Anlagenbau notwendigen Materialien zum günstigen Wiederverkaufspreis zu bekommen.
Als ich das erfuhr, musste ich mich erst mal setzen. Ein Gewerbe, Schussel – war er völlig übergeschnappt? Das Finanzamt würde wissen wollen, wo die zum Wiederverkaufspreis erworbene Ware abgeblieben war!
„Seid ihr alle wahnsinnig?“, sagte ich entgeistert.
„Was’n nun schon wieder?“ Pingel sah mich erstaunt an.
„Schussel hat tatsächlich dieses Gewerbe angemeldet?“
Pingel nickte. „Ja, wieso?“
„Wieso?“, brauste ich auf. „Dieser Trottel kauft auf Rechnung genau die Teile, die man für den Aufbau der Marihuana-Aufzuchtanlage braucht, die hier in meiner Bude steht, und du fragst, was los ist?“
„Reg dich ab“, brummte Pingel. „Deine ist ja nicht die einzige Anlage. Außerdem kannst du dir aus den gleichen Bauteilen eben so gut ein Gewächshaus oder nen Orchideen-Wintergarten einrichten.“
„Ach, ja?“
„Ja, klar!“ Pingel schien amüsiert über meine Unwissenheit. „Du kannst freilich auch nach Rostock fahren, in den nächstbesten Grow & Head-Shop gehen und dem Verkäufer erzählen, was du vorhast. Der packt dir alles fein sauber in Tüten, allerdings zu nem komplett anderen Preis!“
„Echt?“
„Mann, Pratze“, stöhnte Pingel, „du kannst in Deutschland alles kaufen, was du zum Marihuana-Anbau brauchst! Du darfst das Zeug nur nicht anbauen, klar?“

Inzwischen war das „Verbotene Zimmer“ kaum wiederzuerkennen. Es erinnerte jetzt eher an ein Laboratorium als an eine menschliche Behausung. Die Fenster waren abgeklebt, Ventilatoren, Scheinwerfer und Bewässerungssystem warteten darauf, ihren Dienst aufzunehmen. Auf den im Karree aufgestellten Tischen standen zweihundertundfünfzig mit Kokoserde gefüllte Töpfe für die Stecklinge bereit, die Schussel bereits in der Mutterpflanzen-Anlage geschnitten hatte. Die Pflänzchen steckten in Steinwollblöcken, hatten gewurzelt und wollten zu mir geschafft und in die Töpfe eingepflanzt werden – in meine beinahe betriebsbereite Anlage. Ihr fehlten lediglich ein Anschlussstutzen für das Bewässerungssystem sowie die computergestützte Steuerung für Licht und Bewässerung – das Herzstück also, ohne das die Anlage nichts war als jede Menge zusammengeschraubtes Baumaterial. Pingel sollte die Steuerung zu seinem Bruder, einem Computerfreak schaffen, um sie neu programmieren zu lassen.
„Wenn wir ein neues Projekt starten, übernehmen wir nicht einfach das alte Equipment, wie es verdammte Anfänger tun würden“, hatte mir Laber erklärt.

Am achten Montagetag regte sich Pingel mordsmäßig darüber auf, dass Schussel zum wiederholten Mal den falschen Anschlussstutzen angeschleppt hatte. Als ihn der Schusselige auch noch auf sein Auto warten ließ, nahm das Unheil seinen Lauf.
Pingel knallte die Tür des Anlagenzimmers zu, und ich hörte ihn drinnen derart toben, dass ich fürchtete, er würde nun sein Bauwerk in Schutt verwandeln. Oder kam er gleich heraus, um seine Wut an mir auszulassen? Was wusste ich, auf welche Art sich der Kerl abreagierte? Mir war mehr als mulmig.
Nach ein paar Minuten wurde es unvermittelt still im „Verbotenen Zimmer.“ Kurz darauf trat Pingel auf den Flur, in jeder Hand einen Werkzeugkoffer.
Was immer du jetzt sagen willst, lass es – sagte sein Blick. Die Lippen aufeinandergepresst, stapfte er an mir vorbei. Leise klappte die Wohnungstür.
Anderntags wartete ich vergeblich auf Pingel, ebenso am darauffolgenden. Er tauchte einfach nicht auf. Auch telefonisch konnte ich ihn nicht erreichen. Ich saß wie auf Kohlen. Jedes Geräusch im Treppenhaus ließ mich hoffnungsvoll innehalten – jedes Mal stieß mich die nachfolgende Stille ein Stück tiefer in die Verzweiflung. Wir kamen nicht einen Schritt weiter ohne Pingel und dieses Steuerteil! Wie lange hielten die Stecklinge in ihren Steinwollblöcken durch? Mussten sie nicht längst in die Erde? War alles verloren, noch ehe es begonnen hatte?
Es war grausam, nichts tun zu können – außer Warten. Mich abzulenken, stellte ich die abgedrehtesten Verlustrechnungen an. Die waren völlig haltlos, was wusste ich von Graspflanzen? Ich rechnete dennoch. Mit selbsterfundenen „Halbwertzeiten“ von Marihuana die abenteuerlichsten Gleichungen aufzustellen, hielt mich zumindest davon ab, wie ein Angestochener von Wand zu Wand zu laufen.
Nach drei Tagen half auch das nichts mehr. Ich ignorierte meine Abscheu vor Kevins Sprüchen und wählte seine Handynummer.
„Pingel ist weg!“, schrie ich gegen das Rauschen an meinem Ohr.
„Was? Wieso denn?“, übertönte Kevins Stimme den Lärm.
„Er wollte zu seinem Bruder, die Steuerung für die Klima-Anlage neu programmieren lassen! Aber das ist jetzt schon drei Tage her!“
„Aha! War vorher was mit Schussel?“
„Na ja, das Übliche eben! Pingel hat rumgebrüllt, wegen einem Bauteil und dem Auto.“
„Hat er noch gebrüllt, als er aus deiner Tür ist?“
„Wart mal, ... nein. Da war er ganz ruhig. Erstaunlich ruhig sogar.“
„Oh, oh, oh!“, sang Kevin in mein Ohr. „Wenn unser hermano so weit ist, braucht er mindestens eine Woche, um wieder auf Normaltemperatur zu kommen. Ruf ihn jetzt bloß nicht an! Und mich rufst du besser auch nicht an, also dann...“
„Aber die Stecklinge!“, brüllte ich in das Getöse.
„Die kacken ab, aber Scheiß drauf!“, brüllte Kevin zurück. „Ist längst nicht so schlimm, als wenn du Pingel jetzt an die Strippe kriegst. Der ist gerade ein Rennwagen im roten Drehzahlbereich, comprende? Tranquilo, hombre, er wird wieder auftauchen. Ist er bis jetzt immer. Ich meld mich, wenn ich wieder im Land bin!“
„Im Land? Wo um Himmels Willen steckst du?“
Im Hintergrund hörte ich eine Frauenstimme, sie klang unwirsch.
„Kurz vor der Holländischen Grenze“, flüsterte Kevin. „Ist gewissermaßen ein Geheimauftrag, claro?“
Die Frauenstimme wurde lauter.
„Was bist du?“, brüllte ich. „Was für ein Geheimauftrag!“
„Flüstere ich dir, wenn ich wieder da bin. Ich muss Schluss machen.“
Die Verbindung brach ab. Ich stand im Flur, das Handy ans Ohr gepresst und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Als ich wieder klar im Kopf war, hämmerte ich Schussels Nummer in die Tasten.

Schussels Augen huschten die Wände auf und ab, während er am Küchentisch saß und meinem Bericht lauschte. Er rutschte auf seinem Stuhl herum wie ein Pennäler, der etwas ausgefressen hatte. Erst, als ich fertig war, fiel die Anspannung von ihm ab.
„Da kannste nichts machen, ist eben seine spezielle Art der Stressbewältigung, weißt?“, erklärte er schulterzuckend. Pingels Verschwinden nahm er hin wie einen unerwarteten Regenguss, vor dem er sich gerade in meine Küche gerettet hatte.
„Und die Pflanzen? Mensch, der Zeitplan!“, brüllte ich ihm meine Wut ins Gesicht. „Was, wenn die Stecklinge den Bach runtergehen? Machen wir erst mal in Tomaten, oder wie! Und was soll das mit Kevins Geheimauftrag?“
„Wieso Tomaten?“ fragte Schussel, ehrlich erstaunt. „Und was für ein Geheimauftrag?“
„Das frage ich dich, Mensch! Ich hab gerade mit der Labertasche telefoniert! Der Kerl ist auf dem Weg nach Holland!“
„Ach so“, winkte Schussel ab. „Wird er mal wieder seine Freundin ausführen müssen. Silvana steht auf Amsterdam, weißt? Van Gogh-Museum, die vielen Grachten, die Coffee-Shops. Sie wird ihn so lange genervt haben, bis er nur noch ja sagen konnte. Vielleicht bringt er ein paar Samen mit. Hat er gesagt, wann er wieder da ist?“
Ich fühlte mich außer Stande, ihm zu antworten. Was faselte dieser Kerl von Samen und Grachten, während hier der Hauptdeich brach! Ich dachte an meine Schulden, die zweihundert Euro Mietausfall zuzüglich Betriebskosten, das verlorene Semester, daran, dass ich keinen Job und inzwischen auch keine Freundin mehr hatte. Als wäre das nicht genug, amüsierte sich dieses Großmaul in Amsterdam.
„Besser, du gehst jetzt“, brummte ich in Richtung Schussel.

Anderntags kam Pingel mit einem silbernen Metallkoffer zur Wohnungstür hereinspaziert. Ohne ein Wort verschwand er im Anlagenzimmer. Zehn Minuten später ging die Tür wieder auf: „Komm mal, muss dir erklären, was du zu machen hast.“
Kurz darauf brachte Schussel die Kisten mit den Jungpflanzen. Kevin erschien mit ein paar Kanistern und Chemikalienfläschchen und machte sich am Gießwasserbottich zu schaffen. Schussel und ich setzten die Stecklinge in die Töpfe, Pingel nahm die Anlage in Betrieb.
Auch wenn mir nicht zum Feiern war, zumindest fiel mir ein gewaltiger Stein vom Herzen. Offenbar hatten sich die Jungs abgesprochen. Beruhigend, zu wissen, dass das Ganze auch ohne mich funktionierte. Ich nahm mir vor, in Zukunft besser auf meine Nerven zu achten. Jetzt war ich heilfroh, dass die Stecklinge ordnungsgemäß in der Anlage standen. Hätten sie noch länger ohne Erde auskommen müssen – ich mochte gar nicht daran denken.

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Montag, 11. Dezember 2006
Folge 3 (Woche vom 04.12. bis zum 10.12.)
Pratzke-Homepage

Es zog unangenehm in der alten Tordurchfahrt. Kalter Nebel hing in der Luft. Ich befand mich in Wiesenhügel, nur ein paar Straßen vom SCHLAGBAUM entfernt. Bier und Tequila – mir kam der Kaffee hoch, dachte ich daran. Den ganzen Tag hatte mich ein schwerer Kater ans Bett gefesselt. Inzwischen hatte sich die Übelkeit bis auf ein Drücken in der Magengegend zurückgezogen. In meinem Schädel trieb indes noch immer der Mann mit dem Hämmerchen sein Unwesen, und ich fror erbärmlich.
Mit trüben Augen glotzte ich auf den Hinterhof. Geradezu standen ein paar Mülltonnen. Die verbeulten, ehemals runden Vehikel stammten zweifelsohne noch aus Ostzeiten. Auf einer saß eine schwarze Katze. Sie sah aus, als lauere sie hier seit Stunden auf ihr Abendessen, das sich wohl hinter einer der Nachbartonnen verkrochen hatte.
Neben den Tonnen erhob sich ein mit morbidem Charme ausgestattetes Mehrfamilienhaus. Sein großflächig abgefallener Putz machte den Hauptteil des die Mülltonnen umgebenden Schutthaufens aus. An der Hauswand lehnte ein Klapp-Fahrrad. Das heisere Kläffen eines Köters wehte herüber. Alles hier sah aus, als warte es seit Ewigkeiten auf die Abrissbirne – so wie ich auf meine Partner.
Sie wollten mir hier so eine Anlage zeigen, wie sie in Kürze auch bei mir stehen würde. Ich sollte mir das Ding anschauen und danach endgültig zusagen.
Warten hat etwas Zerstörerisches, zumindest, wenn man so funktioniert wie ich. Schon immer hasste ich diese Zeiten, in denen es nichts zu tun gab. Ich fühle mich dann so schrecklich hilflos und stelle mir Fragen, die nicht gut tun: Wer bin ich? Was tue ich hier? Was habe ich erreicht?
So sehr ich meinen katergeplagten Schädel anstrengte – auf keine der Fragen fand ich etwas, was auf die Positivseite gehörte. Sollte ich zu Marion gehen, ihr erklären, warum ich sie so angefahren hatte und sie bitten, zusammen mit mir ein neues Leben anzufangen? Ich könnte die verhauenen Prüfungen nachholen, mein Studium zu Ende bringen...
Ein Poltern ließ mich zusammenfahren, schrilles Quieken drang an mein Ohr. Meine Augen tasteten den Hof ab. Etwas hatte sich verändert. Richtig – die Katze saß nicht mehr auf ihrer Mülltonne. Sie hatte ihre Maus erwischt und sich getrollt.
Sollte ich es ihr nicht gleich tun? Diese Geschichte bleiben lassen, ehe ich richtig tief in ihr versank? Dieser Hinterhof schien alles andere als der Ausgangspunkt eines erfolgreichen ‚Projekts’ zu sein, und war das Ausbleiben meiner Kompagnons nicht ebenfalls ein deutlicher Wink? Warum ging ich nicht? Aus Trotz? Oder fehlte mir nur jede Idee, wie ich sonst Omas Geld zurückgewinnen, meine Schulden bezahlen, meinem Leben einen Sinn geben konnte?
Schnell lenkte ich meine Gedanken zu den zweitausend Pflanzen. Ich sah sie vor mir wie ein gewaltiges Blumenbeet, oder besser noch – als würden wir Tomatenpflanzen aussetzen. Tomatenpflanzen mit Geldscheinen dran, und wir waren harmlose Schrebergärtner, die ihr Feld bestellten.
Und was für ein Feld! Die Zahlen auf Schussels Zettel ratterten durch meinen Kopf: Eine Pflanze erbrachte zweihundertundfünfzig Gramm Gras, also 1 250 Euro. Das Ganze mal zweitausend machte zwei komma Millionen. Fünfhunderttausend abgezogen, blieben zwei Millionen übrig, eine halbe Million für jeden!
Wären die drei in diesem Moment in der Tordurchfahrt erschienen, wäre ich ihnen um den Hals gefallen. Los Leute, lasst uns anfangen! Je eher wir säen, desto eher ernten wir! – hätte ich überglücklich in die Winternacht gebrüllt.
Aber sie kamen nicht, und so kehrten meine Zweifel zurück. Die Zahlen auf Schussels Zettel – waren sie überhaupt realistisch? Entstammten sie nicht eher seinen hoffnungslos optimistischen Wunschträumen? Ich wusste, wie chaotisch es bei ihm zuging.
Aber – war ich besser?
Mein Ausflug an die Uni, war das nicht auch wieder nur eine meiner kurzatmigen Ideen, ein typisches Immer-nur-den-Kopf-Abbeißen? Magister der Sozialpädagogik – was wollte ich damit bestellen? Hatte ich vielleicht nur angefangen zu studieren, um der Öde der Bauerei zu entkommen? Nach neun Semestern war ich vom Abschluss noch immer weit entfernt.
Von der Straße her näherten sich Schritte. Drei Gestalten schälten sich aus dem Nebel: meine Kompagnons, und sie schienen bester Laune zu sein.

„Hi Pratze, schön dass du da bist. Wartest du schon lange?“
Schussel streckte mir seine Hand entgegen. Als er mich mit seinen Hundeaugen ansah, brachte ich keinen der Flüche, die ich mir gerade noch für ihn zurechtgelegt hatte, über meine Lippen.
„Worauf warten wir?“, drängelte Pingel.
Über den vollgemüllten Hof trotteten wir zum Eingang des Mietshauses. Die Haustür quietschte entsetzlich, schien jedoch ansonsten funktionstüchtig zu sein. Im Hausflur stand ein Duftgemisch aus Wischwachs und Kohlsuppe. Der Treppenlichtautomat knallte, als Kevin das Licht einschaltete. Auf knarrenden Holzstufen stiegen wir aufwärts. Im obersten Stockwerk schloss Schussel eine Tür auf.
Wir betraten eine Wohnung, gegen die sich der SCHLAGBAUM als Hort der Gemütlichkeit ausnahm. Schmutzig graue Tapete hing in Fetzen am dunklen Putz. Rissiger, graugrüner Linoleumfußboden, ein Schrank, bei dem es sich zweifelsfrei um einen NVA-Spind handelte, Stühle, Tisch – alles war von einer schmierigen Dreckschicht überzogen. Aus der Spüle drang ein auf Fäulnis deutender Gestank. Im Becken lag ein Spritzbesteck.
„Ist ein Junkie, der das Lustschloss hier bewohnt“, erklärte Kevin. „Ein sauberer Deal. Wir legen die Miete, er betreut die Anlage, comprende? Kostet uns ansonsten keinen Pfennig. Wir zahlen nicht mal den Strom.“
Ich presste meine Lippen aufeinander. Jetzt bloß nicht an Bier, Tequila oder den alten Mann denken! Vorbei an Bergen aus Müll, Klamotten und Pizzaschachteln, über leere Flaschen und Geschirr hinweg, gelangten wir vor eine verschlossene Tür. Schussel steckte einen Schlüssel ins Schloss, die Tür tat sich auf, und mir klappte die Kinnlade runter.
Schwüle Hitze schlug mir entgegen. Im grellen Lichtschein erhob sich ein Wald riesiger Pflanzen, die mich im ersten Augenblick an Palmen denken ließen. Die Bäume standen auf Tischen, dicht an dicht, in großen, bauchigen Blumenkübeln. Animalischer Raubkatzengeruch hing in der Luft. Genau so hatte ich mir den Urwald vorgestellt: Unbarmherzige Fruchtbarkeit im ewigen Sonnenschein, fehlte bloß, dass im Hintergrund der Amazonas rauschte!
Langsam gewöhnten sich meine Augen an das grelle Licht. An der Decke erkannte ich Schienen. Auf ihnen fuhren Lampen hin und her.
„Zweitausendvierhundert Watt Power für unser Glück“, schnarrte Kevins Stimme in meinem Rücken. Auf den Tischen erkannte ich ein kompliziertes Geflecht dicker Schläuche, von denen alle paar Zentimeter ein Bündel dünnere abgingen. Diese führten in die Bottiche. Auf den Dielen standen Wassertank und Auffangbecken.
„Das Be- und Entwässerungssystem“, erklärte Schussel. „Das hier ist unsere Mutter-Kind-Anlage, weißt? Du siehst hier die Mutterpflanzen, von denen wir bei Bedarf die Stecklinge schneiden – auch die, die schon bald in deiner Anlage stehen! Ist einfach die sicherste Methode, weißt? Durch die Mütter können wir uns zu neunundneunzig Komma neun Prozent sicher sein, dass wir es später mit weiblichen Pflanzen zu tun haben.“
Ich nickte, obgleich ich keine Ahnung hatte, was daran so gut war.
„Du siehst hier nichts Geringeres als das Herzstück unserer Operation“, ließ sich Kevin vernehmen. In seiner Stimme lag etwas Forderndes. Ich spürte die Blicke der Jungs in meinem Rücken. Klar, sie warteten darauf, dass ich etwas sagte. Doch so geschwätzig wie gestern sollten sie mich nicht noch einmal erleben.
Dieser animalisch riechende Urwald verwirrte mich. Ich musste zusehen, dass ich meinen Kopf wieder klar bekam. Bedenken hatte ich genug. Es störte mich, dass ihr sogenanntes Herzstück in dieser Bruchbude stand. Auch von deren Besitzer war ich alles andere als begeistert, und wie war das mit dem Strom? Ich nahm meinen Blick von den Pflanzen, drehte mich zu den Jungs um.
„Frisst doch jede Menge Energie, so eine Anlage“, begann ich, den Blick auf Schussel gerichtet. „Wer bezahlt das eigentlich?“
Schussels Kinderlächeln erstarb. Hilfesuchend linste er zu Kevin.
Der zuckte die Achseln. „Wir jedenfalls nicht!“
Mein Blick fiel auf das dicke Elektrokabel, das links der Tür, neben einem Schaltkasten, in der Wand verschwand. Ich ließ die Jungs im Anlagenzimmer stehen, verfolgte die Leitung. Sie führte quer durch die Küchenmüllhalde, weiter über den Flur, aus der Wohnung heraus ins Treppenhaus. Frei hängend, verschwand sie auf dem Treppenabsatz in einem vorsintflutlichen Zählerschrank. Die zerbeulte Blechtür stand offen. Aus dem Schrank drang leises Surren.
Ich aktivierte das Flurlicht. In einem der Wechselstromzähler drehten sich munter die Rädchen. Schweiß trat mir auf die Stirn. Um sicherzugehen, dass das Gesehene keine Wahnvorstellung war, schloss ich die Augen, machte sie wieder auf – und stürzte in die Wohnung zurück.

„Das geht schon über zwei Jahre so“, erwiderte Schussel auf meine entsetzte Frage, ob sie alle wahnsinnig seien. „Und es funktioniert“, fügte er kleinlaut hinzu.
Ich fasste mich an den Kopf. „Seit ihr komplett bescheuert? Ein Wunder, dass ihr noch nicht aufgeflogen seid! Das Kabel quer durch das Treppenhaus in den Zählerschrank, noch auffälliger geht’s wohl nicht?“
„Wem soll da was auffallen?“ Schussel klang ehrlich erstaunt.
„Zum Beispiel dem Vermieter, du Penner!“
Schussels Kopf zuckte zurück, als hätte ich ihm ins Gesicht geschlagen.
„Scheiß auf den Vermieter“, meldete sich Kevin. „Der Typ sitzt irgendwo bei Nürnberg. Solange der jeden Monat seine Miete plus Betriebskosten überwiesen bekommt, schert der sich nen feuchten Kuhschiss um die Bruchbude hier. Wir könnten hier eben so gut einen Puff aufmachen, und den würde das nicht interessieren. Und die paar Omas, die hier wohnen, kriegen gleich gar nichts mit.“
Schussel nickte. Siehst du, alles halb so wild – sagte sein Blick.
„Träumt ihr, oder was?“, ließ ich weiter Dampf ab. „Mensch, das Kabel im Treppenhaus! Habt ihr überhaupt eine Ahnung, wie viel Strom der Lampenpark hier frisst? Dazu das Pumpensystem, wer weiß, was da noch alles dranhängt? Soviel verbraucht kein Treppen- und Kellerlicht der Welt, selbst wenn es Tag und Nacht brennt und jeder Tag achtundvierzig Stunden hätte, ist euch das eigentlich klar?“
Die Drei sahen sich an, als hätte ich ihnen einen Vortrag über die Wichtigkeit des Reisanbaus in China gehalten.
„Was jetzt!“, brummte der Hüne. „Bist du dabei oder nicht?“
Sein Ton verriet, dass er keine Lust auf Diskussionen hatte. Zu diskutieren gab es hier tatsächlich nichts. Nur noch eines war zu tun: Tschüs sagen, die Treppen runter und ab nach Hause!
Und meine Schulden, die halbe Million? Die Zahl hatte mich fixiert wie das Kerzenlicht die Motte. Aber diese Kerle, die Bruchbude, der Junkie, das Spritzbesteck, die Anlage am Treppenlichtautomat – am Ende dieses Wegs winkte der Knast, nicht das große Geld. Und wenn doch?
Dreimal Nein! Ich musste schleunigst raus aus dieser irrsinnigen Geschichte. Aber wäre das nicht wieder nur ein Kneifen, ein typisches nur-den-Kopf-Abbeißen? Außerdem, warum sollte ich nicht auch einmal Glück haben im Leben? Nur ein einziges Mal! Gab es möglicherweise einen dritten Weg? Auf alle Fälle hatte ich jetzt und hier eine Entscheidung zu fällen.
Ich sah die Drei der Reihe nach an, fasste mir ein Herz. „Solange euer bestes Stück an einer Strippe hängt, der man einfach nur nachgehen muss, um euch hochzuziehen, habe ich offiziell nichts mit euch zu tun! Ich will nirgendwo zusammen mit euch gesehen werden. Wer immer diese Bruchbude bewohnt – ich will ihn nicht zu Gesicht bekommen. Ich hab diese Wohnung niemals betreten, dieses Zimmer nie gesehen. Sollte was schief gehen, weiß ich nicht mal, wo Wiesenhügel liegt! Wenn das für euch o.k. ist, bin ich dabei.“
Die drei standen vor mir wie die Orgelpfeifen und sahen mich an. Endlose Sekunden verstrichen, der erwartete und insgeheim erhoffte Widerspruch ließ auf sich warten.
„In Ordnung“, brummte der Hüne, als säßen wir am Frühstückstisch, und ich hätte ihn gebeten, mir mal eben die Butter zu reichen. Schussels Gesicht zeigte deutliche Zeichen von Erleichterung. Kevin bekundete seine Zustimmung mit einem Nicken, das eines Cosa-Nostra-Paten würdig gewesen wäre. So einfach war das?
Na dann, halbe Million, ich komme!

***

Meine erste Amtshandlung im Auftrag der Operation Wiesenhügel: Ich musste meinen neuen Untermieter loswerden. Ich kam mir ein bisschen schofelig vor. Außerdem würden mir die zweihundert Euro fehlen, die mir dieser Thomas im Voraus gezahlt hatte. Wer eine halbe Million verdienen will, darf wegen zweihundert Euro nicht weinen! Stand erst mal die Anlage, würde die „Firma“ die Miete übernehmen.
Als Thomas das nächste Mal, beladen mit einem riesigen Rucksack, bei mir aufkreuzte, setzte ich eine betretene Miene auf und ließ ihn wissen, dass wir zwei ein großes Problem hätten. Ehe er irgend etwas entgegnen konnte, konfrontierte ich ihn mit der traurigen Geschichte von Theresa – meiner letzten Untermieterin. Diese, zugleich meine langjährige Geliebte, habe nach ihrem Auszug bemerkt, dass sie mich mehr liebe, als je für möglich gehalten. Ich zuckte innerlich zusammen bei der Vorstellung, mit dieser unordentlichen Zicke irgend etwas in dieser Richtung zu tun zu haben – aber schnell weiter! Weil sie mich so sehr liebe, habe sie Hals über Kopf ihr Semester in Paris sausen lassen und warte nun auf gepackten Koffern darauf, dass sie zu mir zurückkommen könne.
Ich sah zu, dass ich während meiner Rede möglichst zerknirscht aussah. Dabei achtete ich jedoch auf eine gewisse Schärfe meiner Stimme. Die sollte Thomas unmissverständlich klarmachen, dass ihm jetzt nicht ernsthaft danach sein könne, mein Liebesglück zu zerstören, indem er stur auf der Gültigkeit unserer Vereinbarung bestand.
Ich hatte genau ins Schwarze getroffen. Thomas’ Nasenzucken verriet, dass er mich am liebsten auf den Mond geschossen hätte. Allein die unbarmherzige Härte meiner Situation hielt ihn davon ab, auch nur den Versuch eines Widerspruchs zu starten.
„Lass mal“, beeilte ich mich, unsere Unterredung zum Abschluss zu bringen, ehe sich das Blatt womöglich wendete: „Ist eben nicht einfach mit den Frauen. Ich war von Anfang an dagegen, dass sie weggeht, aber sie musste es ja unbedingt ausprobieren. Sie ist eben noch jung.“ Meine Stimme wurde brüchig: „Und sie fehlt mir, wie verrückt, das kannst du dir echt nicht vorstellen, Alter!“
Thomas sah jetzt sehr zerknirscht aus. Ich musste aufpassen, dass ich nicht durch ein Lachen alles zunichte machte.
„Mach dir keinen Kopf“, leitete ich meinen Schluss ein. „Such dir in aller Ruhe was anderes. So lange du noch nichts gefunden hast, bist du mein Gast.“
Murrend griff er nach den zwei grünen Scheinen in meiner Hand.

Von nun an sah ich zu, dass ich mich, wann immer Thomas in der Wohnung auftauchte, ans Telefon klemmte und mit „Theresa“ sprach.
„Ja, du fehlst mir auch sehr, mein Schatz, besonders nachts, wenn ich aufwache und du nicht bei mir bist. Aber bald haben wir es geschafft, und dann werden wir uns nie mehr trennen, nie wieder, hörst du?“
Solch Gesäusel schickte ich in den Hörer, sobald Thomas in der Nähe war. Ich redete immer laut genug, damit ihm ja nicht entging, was für ein tolles Paar wir waren, und wie sehr wir unter unserer Trennung litten – die nur er beenden konnte, indem er endlich verschwand.
Thomas und ich haben kein einziges Wort mehr gewechselt. Nach nicht mal einer Woche war er weg. Ich fühlte mich mehr als erleichtert. Es war mir immer schwerer gefallen, diesen Unsinn aus den Fingern zu saugen. Jetzt aber konnte ich meinen Kompagnons melden: Die Luft ist rein.

Eine halbe Stunde später traten Pingel und Kevin über meine Schwelle. Besonders Ersterer schien kein Freund ausschweifender Begrüßungsszenarien zu sein. „Will das Zimmer sehen, klar?“, brummte er, während sich Kevin nach dem Klo erkundigte.
Wie Schussel durchmaß der Hüne den Raum mit seinen Schritten. „Kolossal groß, das Ding“, bemerkte er sichtlich gut gelaunt, „und zwei Außenwände! Wird’s im Sommer durch unsere Lampen nicht überhitzt. Schiete nur, dass hier kein Ofen mehr steht.“
Trotz des offensichtlichen Handicaps wirkte er noch immer zufrieden.
„Was soll’s, organisieren wir die Entlüftung über die Fenster, alles machbar.“ Er griff in seine Beintasche und holte einen Zimmermannsbleistift hervor. „Außerdem kann uns da nicht so’n Schiet passieren wie neulich dem in Rostock.“
Ich schluckte. „Was ist dem denn passiert?“
„Haben ihn hochgezogen“, brummte Pingel und malte auf Kopfhöhe Kreuze an die Wand. „Wollte die Entlüftung übern Schornsteinzug organisieren. Hat nen Ventilator drangehängt, der die feuchte Abluft nach oben durch die Esse blasen sollte – an und für sich eine gute Lösung.“
Seine Schultern zuckten. „War aber frisch saniert das Haus. Gab da drin keine Wohnung mit Ofenheizung mehr, und den Kamin, tja, den haben sie oben dicht gemacht.“
Pingel stieß den Atem durch die Nase aus. „Hat sich die feuchte Luft natürlich gestaut unterm Dach. Hat nicht lange gedauert, da hat’s in der nagelneuen Dachgeschosswohnung ordentlich von der Decke getropft. Erst haben sie gedacht, das Dach ist undicht. War’s aber nicht. Als es trotzdem weiter gesuppt hat, ist ihnen das feuchte Mauerwerk an der alten Esse aufgefallen. Da haben sie die Wohnungen durchkämmt. Stand unser Kollege ziemlich blöd da mit seiner voll bestückten Anlage.“
Aufs äußerste schockiert verharrte ich im Zimmer, während Pingel in den Flur tappte. Ich hörte, wie er den Sicherungskasten öffnete. Nach einem kurzen Check auch hier zufriedenes Nicken.
„Whow, neue Leitungen! Ist hier in der Gegend alles andere als der Standard.“ Er zog seine Stirn in Falten. „Du glaubst ja nicht, was in manchen Hütten für vorsintflutliche Strippen rumhängen.“
Ich glaubte es, und er widmete sich wieder den Sicherungen. „Alles super soweit, aber für die Anlage brauchen wir separate Kreise.“ Er klappte den Kasten zu.
„Alles in Ordnung, Pratze. Sind genügend freie Anschlüsse da, ansonsten hätte ich bisschen was basteln müssen.“
„Klingt so, als wärst du Fachmann auf dem Gebiet.“ Ich wollte auch etwas zu unserer Unterhaltung beitragen, wo der wortkarge Hüne schon mal dabei war, mit mir zu kommunizieren.
„Hab Betriebselektriker gelernt“, brummte er und deutete zum Fenster. „Da drüben, in der Krautfabrik. Nach der Abwicklung hab ich mir vom Arbeitsamt ne Fortbildung bezahlen lassen. Alarmanlagen!“ Er lachte bitter. „Dachte, ich wäre besonders schlau, wo doch alle scharf drauf waren, ihren West-Kram zu sichern. Aber Pustekuchen. Solange hier in der Gegend die Alarmanlagen mit Hundefutter funktionieren, kann ich sonst was zusammenbasteln und kriege keinen Auftrag an Deck.“
Ich wollte etwas bedauerndes einwerfen, doch Pingel winkte ab. „Lass gut sein, Pratze. Man kann die ganzen Hundeviecher nicht alle umbringen. Die wollen auch bloß leben. Wer weiß, vielleicht schaff ich mir auch mal einen an.“
Er lächelte. „Außerdem gibt’s ja noch andere Sachen, die man machen kann, oder?“
„Aber claro!“, antwortete der in diesem Augenblick aus der Toilette tretende Kevin. Seinem Gesicht nach war sein Aufenthalt dort erfolgreich verlaufen.
„Und, hermanos, wie stehen die Aktien?“
„Von meiner Seite aus alles klar“, brummte Pingel.
Ich sah es genau so. Ging das so weiter, war die halbe Million bald eingefahren. Pingels Art, ohne Umschweife an die Sache heranzugehen, hatte meine Sympathie.
„Na, dann!“ Kevin sah mich herausfordernd an. „Schieb die drei Mille rüber, und wir können subito auf Start gehen!“
„Welche drei Mille?“, fragte ich entgeistert. „Davon war nie die Rede!“
„Wo lebst du eigentlich?“ Kevin hatte jetzt den selben Tonfall drauf wie neulich Nacht im SCHLAGBAUM. „Wir brauchen jede Menge Equipment, Chico! Eine Lichtanlage samt Steuerung – meinst du, die wächst auf Bäumen, zum Nulltarif? Denk an die Lampen! Die müssen beweglich an der Decke angebracht werden, dazu kommen Spezialtische mit Regenrinnen, eine Pumpe, ein Leitungssystem, das jeden einzelnen Topf mit Wasser versorgt, schon vergessen?“
Er trat auf mich zu. Wollte er mir wieder seinen Zeigefinger in die Brust rammen?
„In Spitzenzeiten stehen tausend Töpfe in deiner Anlage. Willst du die alle einzeln mit der Kanne gießen, oder was?“
„Mach nicht so’n Wind, Labertasche!“, schob Pingel den Gelhaarigen beiseite. „Pass auf“, wandte er sich an mich: „Ich muss die Fenster mit Spezialfolie abkleben – innen weiß, dass sie das Licht reflektiert und außen schwarz. Nicht gerade billig, das Gelumpe, aber da sieht’s aus, als ob niemand zu Hause ist. Für die Lüftung brauche ich zwei Ventilatoren. Einer, der die Luft ansaugt und einer, der sie wieder abstößt, das Ganze unsichtbar für Blicke von außen. Dazu kommt das, was die Labertasche aufgezählt hat. Alles zusammen kostet in etwa Dreitausend.“ Er nickte mir zu: „Jeder von uns hat das Geld für seine Anlage gelegt. Keiner kann dich zwingen, es auch zu tun. Bezahlst du sie, ist das dein Einstand, klar?“
Das klang schon anders – trotzdem kam mir das Ganze einen Tick zu plötzlich. Woher sollte ich dreitausend Euro nehmen? Sicher, bei meinen Schulden kam es auf ein paar Tausender mehr auch nicht an. Außerdem, es sollte endlich losgehen! Jeder Handgriff brachte mich meiner halben Million ein Stückchen näher, oder etwa nicht? Und wenn das Ganze nur ein mieser Trick war? Ich rückte das Geld heraus, und das war’s?
„Was ist nun?“ Kevin klang ungeduldig.
„Hab kein Geld“, knurrte ich, „keinen Cent, um es genau zu sagen. Ich kann euch was von meinen Schulden abgeben, das ist alles.“
Kevin gab keinen Mucks von sich. Pingel schien nachzudenken, dann sah er mir fest in die Augen.
„Was soll’s. Muss die Firma das Geld vorschießen. Wir verrechnen den ganzen Schiet später.“
„Wir ziehen dir die drei Mille von deinem Gewinn ab“, ließ sich Kevin vernehmen.
„In Ordnung“, erwiderte ich – erleichtert, dass mir die Beiden nicht einfach nur Geld abknöpfen wollten. „Ich lege das Geld, sobald ich es habe, aber nur gegen Quittung!“
Der Hüne nickte. „Wenn’s dir hilft?“

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