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Montag, 4. Dezember 2006
Folge 2
michael pratzke, 13:51h

Ich schaute aus dem Fenster in das abendliche Schneetreiben. Marions Blick ruhte auf mir. Eng aneinandergeschmiegt waren wir durch den Schnee gestapft, und nun saßen wir im weihnachtlich geschmückten Gastraum des SEEBLICK.
Sie hatte nichts gesagt oder sich sonst irgend etwas anmerken lassen. Ich wusste dennoch, sie hatte genau registriert, dass seit Schussels Besuch etwas mit mir passiert war. War jetzt nicht der ideale Augenblick, sie einzuweihen? Sollte ich ihr nicht endlich erzählen, was ich zu tun gedachte, um aus meinem alles vermiesenden Schuldenloch herauszukommen? Auf alle Fälle musste ich jetzt etwas sagen.
„Du, sag mal“, fing ich an.
„Ja?“, erwiderte Marion – ein wenig schnippisch, wie ich fand.
„Ich meine ... hättest du was dagegen, wenn ich uns heute mal einlade?“
Auf Marions Gesicht breitete sich augenblicklich ihre Die-Lehrerin-ist-böse-Miene aus. „Bei deinen Schulden? Ich glaub, du spinnst!“
„Und wenn ich eine Idee habe, wie ich meine Schulden loswerde?“
„Was willst du anstellen? Eine Bank überfallen? Würde ich von abraten.“
„Keine Bank, aber vielleicht so etwas in der Richtung, weißt du?“
Marion stützte den Kopf auf ihre Hände. „Entschuldige, Michael, aber im Gegensatz zu dir hab ich einen anstrengenden Arbeitstag hinter mir. Mir ist jetzt nicht nach Spinn-Geschichten. Vielleicht nach dem Wein, o.k.? Hast du überhaupt schon gewählt?“
Wie aufs Stichwort trat die Kellnerin an unseren Tisch. Ich ließ zuerst Marion ihre Bestellung aufgeben. Als ich an der Reihe war, bestellte ich eine Fischsoljanka – das mit Abstand billigste Gericht auf der Karte. Dazu wählte ich ein Glas Leitungswasser. Die Kellnerin rümpfte die Nase, dann verließ sie uns.
Marion begnügte sich mit einem missbilligenden Augenaufschlag. Sie war klug genug, jetzt nichts zu sagen. Beim Streiten kannten wir uns aus. Die folgenden Minuten blieb es still an unserem Tisch. Als sich die Kellnerin wieder näherte, griffen wir schweigend nach unseren Servietten.
Jeglicher Appetit war mir vergangen, mein Magen wie zugeschnürt. Es hatte keinen Sinn, Marion etwas von Schussels „Projekt“ zu erzählen. Bestenfalls würde sie das Ganze nicht für voll nehmen.
Und schlimmstenfalls? Ganz kalt wurde mir auf einmal, trotz des Heizkörpers in meinem Rücken.
Es gab nur eine Möglichkeit: Wenn ich tatsächlich bei Schussel mit einstieg, musste ich mich von ihr trennen. Marion oder Marihuana, ein Dazwischen gab es nicht!
Etwas Warmes war auf meinem Unterarm gelandet, Marions Hand. „Entschuldige, Micha, ich bin heute ein bisschen genervt, hörst du?“
„Hmmm.“
„Und?“, fragte Marion sanft, „hilfst du mir ein bisschen beim Wein?“
Erst jetzt bemerkte ich Karaffe und leeres Weinglas vor meiner Nase. Marion hatte offenbar für mich mitbestellt.
Sie war eine Meisterin der Organisation, das wusste nicht nur ich. Als Einzige ihres Jahrgangs hatte sie direkt nach dem BWL-Studium eine Anstellung im Boddenstädtchen gefunden. In der hiesigen Filiale einer Heimelektronik-Kette organisierte sie den Einkauf.
Marion wartete mein Nicken ab und befüllte mein Glas aus der Karaffe. Wir stießen an. Der Wein schmeckte voll und erdig. Nach einem kurzen Zögern gaben wir uns einen Kuss. Nicht nur streiten, auch das Versöhnen hatten wir drauf. Wie wir uns im Schein der cremefarbenen Tischkerze gegenübersaßen, sah Marion jetzt unheimlich warm und sanft aus. Das Kerzenlicht machte ihre Züge ganz weich, dass mir sehr danach war, nach ihrer Hand zu greifen. Ich konnte ihr nicht böse sein oder gar einen Streit vom Zaum brechen, um ihn als Anlass für unsere Trennung zu nehmen.
„Ich könnte diesen Hans-Jürgen auf den Mond schießen“, drang Marions Stimme an mein Ohr. „Der Kerl hört mir einfach nie zu. Hat der doch echt schon wieder die Warenbestellung erst nachmittags rausgegeben!“
Marion war also nahtlos zu ihrem Lieblingsthema übergegangen. Sie liebte es, mir von ihrer Arbeit zu erzählen – normalerweise der beste Grund für eine Auseinandersetzung. Spätestens, wenn sie versuchte, mich einzubinden mit Fragen wie: „Was würdest du mit so einem Mitarbeiter machen?“ oder „Sag mal, muss ich mir das bieten lassen?“, müsste ich loslegen.
Marion redete und redete, doch mit dieser Kerze zwischen uns war ich drauf und dran, ihr gesamtes Programm mit einem zärtlichen Nicken zu schlucken. Wollte ich mich wirklich von ihr trennen? Was war so schlimm daran, dass wir uns im Bett besser verstanden als bei solchen Gesprächen?
Gebannt schaute ich auf den weichen Flaum auf ihrem Arm – von dem ich wusste, dass er sich aufrichtete, sobald ich ihn berührte. Ich hatte große Lust, ihre Härchen zu berühren, nicht nur die auf ihrem Arm. Mir war total danach, ihr etwas völlig unsinnig Liebes zu sagen.
Handypiepen ließ Marion verstummen. War das etwa meins? Peinlich, aber jetzt war es eh zu spät. Ich ging ran.
Am anderen Ende eine aufgeregte, männliche Stimme: „Pratze, es geht los! Kannst du in zwanzig Minuten im SCHLAGBAUM sein?“
Schussel! Ich schimpfte mich einen Volltrottel, weil ich das Telefon nicht ausgestellt hatte – da dämmerte mir, dass Schussels Anruf womöglich der Schlüssel zur Lösung meines Problems war.
„Klar, ich komme!“, schnarrte ich, „wenn du mir sagst, wo das ist!“
„Was?“ Schussel klang entgeistert. „Du kennst den SCHLAGBAUM nicht?“
Im milden Kerzenlicht sah ich Marions Gesichtszüge entgleisen.
„Natürlich kenne ich den nicht, du Depp!“, wies ich Schussel zurecht, als säße ich allein am Tisch. „Wenn ich ihn kennen würde, müsste ich kaum nach dem Weg fragen, oder?“
Während ich seiner umständlichen Wegbeschreibung lauschte, linste ich immer wieder zu Marion. Leg auf! Noch gibt es ein Zurück! War nicht gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, Schussel zu sagen, dass er sich sein ‚Projekt’ an den Hut stecken konnte?
Betont gleichgültig sahen Marions Augen an mir vorbei. Ein spöttischer Zug zuckte um ihre Mundwinkel. Wie ich sie dafür hasste! Na klar, es war ihr suspekt, dass ich etwas am Laufen hatte, von dem sie nicht die Bohne verstand. Wie konnte das sein? Ich war doch nur der kleine Studi, der einfach Glück gehabt hatte, sie getroffen zu haben. Wie oft hatten wir das alles schon durch?
Wollte ich der auf Schussels Anruf todsicher folgenden Belehrung entgehen, blieb mir nur eins: Mit dem Auflegen sah ich Marion fest in die Augen und sagte: „Ich weiß, du hast einen schweren Arbeitstag hinter dir, und das mit deinem Hans-Jochen ...“
„Hans-Jürgen!“
„Von mir aus auch der! Hör zu, Marion. Es interessiert mich einen feuchten Kehricht, mit wem du deine Arbeitstage verlebst! Dein ganzer Lampenladen geht mir mindestens eben so nahe, wie dir mein Leben! Wenn ich mal eine Nanny brauche, melde ich mich. Ansonsten betrachte diesen Lebensabschnitt als beendet.“
Die letzten Sätze taten mir sofort leid, aber jetzt waren sie heraus. Ehe mich das Feuer wieder verließ, erhob ich mich, bedankte mich bei der zum aller ersten Mal fassungslosen Marion für die Einladung zum Essen und verließ die weihnachtlich geschmückte Gaststätte.
Das Schneetreiben hatte aufgehört, die Luft war klar und eisig. Die Abkühlung tat mir gut. Langsam kehrte mein Puls zum Normalwert zurück. Jetzt bloß nicht umdrehen!
Nach Schussels Beschreibung lag der SCHLAGBAUM mitten in Wiesenhügel. Ich stapfte den verschneiten Deichweg stadteinwärts. Hinter den Speichertürmen stieg ich den Wall hinab, passierte den Kohlenhof und stand wenig später vorm ehemaligen Speisesaal des Eisenwerks.
Aus dem abbruchreifen Gemäuer drang dumpfes, rhythmisches Bummern. Die Fassade war über und über mit Graffitis beschmiert. Durch die vergitterten Fenster konnte ich nichts erkennen. SCHLAGBAUM stand in großen Krakeln auf der Bunkertür, die als Eingang diente. Wäre ich nicht besser im SEEBLICK geblieben? Ich sah Marions Gesicht im Kerzenschein – warum war ich so gemein zu ihr gewesen? Es war nicht unser erster Streit. Sollte ich nicht umkehren und alles war gut?
Nichts war gut. Marion war weg, genau wie Omas Sechzigtausend, meine verhauenen Uni-Prüfungen, meine Zuversicht, auf normalem Weg aus dem Schlamassel raus zu kommen. Meine Hand griff nach dem Hebel der Bunkertür.
Als lumpiger Sozialpädagoge verkehrte ich längst nicht in so noblen Lokalitäten wie Medizin- oder Jurastudenten – einen Ort wie diesen hatte ich dennoch nie zuvor betreten. Hämmernde Musik ließ das düstere Gewölbe erbeben. Dicker Tabaksqualmnebel hing in der Luft. Genau so musste sich die Hölle anfühlen.
Ich erkannte die Konturen von Gestalten, die ein paar Stehtische umlagerten. Soweit ich sehen konnte, alles Männer. Die meisten trugen abgewetzte Lederjacken.
Links belagerte eine Menschentraube den Tresen. Hinter ihm erkannte ich zwei kahlrasierte Rausschmeißertypen in tarnfarbenen Muskelshirts. Sie zapften Bier und lagerten in rasender Geschwindigkeit den Inhalt von Schnapsflaschen in Gläser um.
Mit schüchternem Blick suchte ich die Stehtische ab, dann den Tresen. Schussel konnte ich nirgends ausmachen. Meine Augen tränten vom Rauch. Bald konnte ich nicht weiter sehen, als bis zu dem alten Mann direkt vor mir.
Wir standen etwas abseits. Der Alte steckte in einem schäbigen Filzmantel, seinen Kopf bedeckte ein Lederhut. Er machte fortwährend seinen Mund auf und zu, als führe er eine Unterhaltung. Vor ihm befand sich nichts als der Biertisch.
Plötzlich griff er sich an den Bauch und krümmte sich wie unter Krämpfen nach vorn. Er riss sich den Lederhut vom Kopf, beugte sich noch weiter vor und kotzte unter heftigem Würgen hinein. Mir war, als hörte ich es plätschern. Eine beißende Wolke drang mir in die Nase. Schon spürte auch ich ein Drücken in der Magengegend.
Ich stand wie versteinert, konnte meine Augen nicht abwenden von dem alten Mann. Seine Würgeschreie passten genau in den Beat der Musik. Mit abnehmender Wucht der Krämpfe verlor er den Takt. Als er fertig war, blickte er sich verstohlen um, bedeutete mir fahrig, ich solle den Mund halten – und setzte sich den Hut wieder auf den Kopf.
Das Rumoren in meinem Magen wurde stärker. Mit beiden Händen hielt ich mir den Mund zu und wendete mich ab, um es dem Alten nicht gleich zu tun.
Ohne weiteren Zwischenfall gelangte ich bis zur Theke. „Bier!“, rief ich über den Tresen „ein großes, bitte!“
Die Glatzköpfe verzogen keine Miene. Auch sonst machten sie keinerlei Andeutung, dass sie meinen Hilfeschrei wahrgenommen hatten. Zwei Augenblicke später stand ein frisch gezapfter halber Liter vor meiner Nase. Ich knallte zwei Euro vierzig auf die Theke, setzte den Humpen an und trank ihn zur Hälfte leer. Der rotzige Sound aus den Boxen ließ meine Hosenbeine vibrieren. In diesem Höllenbunker konnte man einfach nur saufen. Noch immer sah ich vor mir den Alten mit dem Hut in der Hand.
Mein Bier war fast leer, als ich Schussel durch die Bunkertür treten sah. Er kam nicht allein. Ein kahlgeschorener Hüne in gefleckten Militärklamotten begleitete ihn, dazu ein Milchbart mit schwarz gegeltem Haar. Er trug ein dunkles Jackett, darunter leuchtete ein blütenweißes Hemd. Fehlte nur der Schlips, und er würde einen prima Versicherungsvertreter abgeben. Obwohl Schussels Begleiter alles andere als vertrauenseinflößend aussahen, war ich erleichtert, nicht mehr allein hier ausharren zu müssen und drängelte mich zu ihnen durch.
Schussel schien erblindet. Er bemerkte mich nicht einmal, als ich direkt vor ihm stand. Ich tippte ihm auf die Schulter, da durchfuhr ein Zucken seinen Körper. In Zeitlupe wandte er mir den Kopf zu und stierte mich an, als wäre ich ein Alien. Seine weit aufgerissenen, roten Augen erinnerten an ein schlechtes Blitzlichtfoto. Wurden etwa alle verrückt in diesem Laden?
Endlich das Kinderlächeln. „Das ist er!“, rief Schussel seinen Begleitern zu. Die beäugten mich aus den Augenwinkeln.
„Ich geh schon mal vor!“, der Hüne deutete mit einer zackigen Kopfbewegung zum hinteren Ende der Stampe, „Plätze besorgen.“
Ich schaute ihm hinterher und sah, wie er einen Lederjacken-Mann an den Schultern packte und ihn wie selbstverständlich von seinem Barhocker auf den Fußboden setzte. Ein Kerl mit Brille und Zickenbart schickte sich an, einzugreifen. Der Glatzkopf nahm ihn ins Visier, da winkte der Brillenträger ab und kümmerte sich um den am Boden Liegenden.
Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut. War die Aktion des Hünen eine Drohung? Genau so ergeht es dir, wenn du nicht spurst?
„Kommst du?“
Schussel drückte mir ein großes Bier in die Hand. Ich trottete ihm hinterher. Als wir den Tisch erreicht hatten, war dieser vollständig geräumt. Der Hüne hieß uns, Platz zu nehmen.
Ich erwischte den Hocker des Lederjackenmannes. Schussel setzte sich neben mich, Hüne und Gelhaar uns gegenüber. Sie blickten durch mich hindurch, als wäre ich gar nicht anwesend. Als sie damit fertig waren, steckten sie die Köpfe zusammen und tuschelten. Tauschten sie sich aus, ob ich ihrer Meinung nach o.k. war? Ich bemühte mich, ihnen eine unbewegte Miene entgegenzusetzen.
Schussel strahlte noch immer wie ein Honigkuchenpferd. „Das ist also mein Freund Micha! Michael Pratzke, aber alle nennen ihn einfach Pratze“, stellte er mich genauer vor, als wir ausgemacht hatten.
Während mich seine Begleiter beäugten, redete Schussel davon, wie super alles laufen würde – jetzt, da endlich „alle an Bord“ seien. Wir müssten nur ordentlich die Ärmel hochkrempeln, und nach einem Jahr harter Arbeit wären wir reich. „Und zwar richtig reich“, fügte er mit einem Ausdruck altväterlicher Gewissheit hinzu. Seine Begleiter nickten. Das Gesicht des Glatzkopfs hatte beinahe etwas Freundliches bekommen.
Ich konzentrierte mich wieder auf Schussels Rede. Sie hatte Feuer! Nie zuvor hatte ich ihn derart überzeugend argumentieren hören! Es klang schlüssig, was er da sagte. Ja, mehr noch – Schussel verfügte über ein Überzeugungstalent, welches eines Strukturvertriebs-Managers würdig gewesen wäre.
Lag es daran, dass ich entgegen meiner Gewohnheit bereits das zweite Bier intus hatte? Mir wurde auf einmal ganz leicht. Ja, es war richtig gewesen, Marion den Laufpass zu geben! Ich würde jetzt ein Jahr rackern, und dann ließ ich es mir gut gehen!
Überhaupt, warum machte ich es mir immer so schwer? Von dem Geld könnte ich mir glatt einen Doktortitel kaufen! Was sprach dagegen, dass ich auf diese Weise ein angesehener Sozialwissenschaftler wurde, der ab und zu im Fernsehen auftrat und sich jedes Jahr von ein paar unterbezahlten Ghostwritern ein Buch schreiben ließ? Selbst mit meinem missglückten Börsendeal konnte ich mich auf einmal anfreunden. Hätte ich Omas Erbe nicht vergeigt, säße ich jetzt nicht hier – lediglich zwei Semester von einer halben Million entfernt.
Schussel strich ein zerknittertes Blatt Papier auf dem Tisch glatt. Aufmerksam studierte ich die darauf notierten Zahlen: Ausgehend von zweitausend Pflanzen, die einen Ertrag von jeweils zweihundertundfünfzig Gramm einbrachten, welcher zum Preis von fünf Euro pro Gramm – schließlich würde unsere Ware erstklassig sein – verkauft würde, das Ganze gerechnet auf kiloweise Abgabe, abzüglich der anfallenden Nebenkosten für Strom, Miete und Equipment sowie der zu erwartenden Verluste durch Tierfraß, Diebstahl, ungünstige Witterungsverhältnisse – waren es tatsächlich zwei Millionen, die da schwarz auf grau und durch meinen getrübten Blick etwas verschwommen auf dem Papier standen.
Die Nebenkosten hatte Schussel akribisch aufgelistet. Ganz oben standen fünfzigtausend Euro zur Anschaffung eines alten Gehöfts. Dem folgten vier Posten von jeweils unter tausend Euro für Nachtsichtgeräte. Dann kamen die Kosten für unsere Wohnungsmieten und den Ankauf eines alten Transporters. Weiter unten standen kleinere Beträge für Dünger, Pflanzenschutzmittel sowie Arbeitsklamotten und dergleichen.
„Bei Neuanschaffungen und zu erwartenden Verlusten war ich bewusst großzügig.“ Schussel entzündete den beim Reden gebauten Joint. „Damit wir ein kleines Polster haben, weißt? Außerdem, wir arbeiten ja nicht nur mit zweitausend Pflanzen.“
„Wiesenhügel 2007 heißt der Big Bang!“, übernahm Gelhaar das Wort. „Auf gut deutsch: wir bringen zweitausend und sieben Girls auf die Weide, comprende?“
„Und du hast dieses Zimmer frei?“, platzte der Hüne dazwischen. Sein Blick bescherte mir eine Gänsehaut.
„Das hab ich dir doch erzählt“, schaltete sich Schussel ein. Seine Hundeaugen leuchteten mich an. „Wir brauchen dein Zimmer für die Aufzuchtanlage, die Indoor-Ernte, weißt? Unsere logistische Basis.“
Ach, die schon wieder. „Ja, klar, ich hab dieses Zimmer frei“, brummte ich in Richtung Glatzkopf.
Um mich herum geballtes Aufatmen.
„Also, dann“, tönte Gelhaar, „herzlich willkommen im Club der Schönen und Reichen! Ich bin Kevin und der Herr da drüben ist Pingel. Wirst schon noch merken, warum der so heißt.“
Obwohl mir sein amerikanischen Filmen entlehnter Ton nicht gefiel, fühlte ich mich geehrt ob der plötzlich ausgebrochenen Freundlichkeit. Die Mundwinkel des Hünen verbogen sich, als wollten sie ein Lächeln andeuten. Kevin schwang sich vom Hocker.
„Ich werd mal ne anständige Runde ordern, Chicos – auf Kosten der Firma!“ Er setzte das zwischen seinen Lippen wippende Zigarillo in Brand und entschwand Richtung Tresen.
Wir blieben noch lange im SCHLAGBAUM. Je mehr ‚anständige Runden’, bestehend aus großem Bier und Tequila, auf unserm Tisch landeten, desto weniger missfiel mir dieser Ort.
Schussel berichtete mit stolzgeschwellter Brust, wie er mich beim Kneipenausbau kennengelernt hatte. Er wurde nicht müde, meine „logistischen“ Fähigkeiten zu preisen. Als er auch noch davon schwärmte, dass ich einer der wenigen sei, auf die man sich stets „hundert pro“ verlassen könne, stieg mir der Vorschusslorbeer endgültig zu Kopf.
„Männer!“, ergriff ich das Wort, trotz suffbedingtem Zungenklemmer merklich enthemmt: „Nicht, dass wir uns falsch verstehen! Genaugenommen hätte ich absolut keine Ahnung von dem, was wir da vorhaben, wenn ...“
„Das macht absolutamente nada“, funkte mir Kevin dazwischen und blies eine Ladung Rauchkringel zur Decke. Pingel nickte bedächtig, und Schussel baute unterm Tisch den nächsten Joint.
„Ich war noch nicht fertig“, meldete ich mich zurück. „Was ich sagen wollte – ich würde nicht mal wissen, wie so eine Graspflanze überhaupt aussieht, wenn“ – ich erhob meinen Zeigefinger – „wenn ich nicht mal bei einem Kommilitonen so einen Topf auf dem Fensterbrett hätte stehen sehen. So einen ganz speziellen Topf, versteht ihr?“
Kevins Blick ließ ahnen, dass ich gerade einen Fehler beging. Ich hatte kaum zu Ende geredet, da stieß er mir seinen Zeigefinger in die Brust. Sein Gesicht zeigte ein Grienen, das er sich von George Coolplay abgeguckt haben musste. Beißender Schnapsatem bestürmte meine Nase.
„Jetzt pass mal gut auf, chico!“ Er ließ eine elendig lange Pause folgen. „Ich will, dass du deine Lauscher jetzt ganz weit aufmachst!“
Kevin hatte nicht nur Coolplays Grinsen drauf – auch den Tonfall seines Synchronsprechers traf er genau. Zermürbend langsam schoben sich die Worte über seine Lippen, und noch immer bedrängte mich sein Finger.
„Wir sind hier keine Studenten, die mal so nebenbei zehn Gramm machen wollen und sich wer weiß wie cool dabei vorkommen, claro? Wir wollen auch nicht die Gesellschaft ficken, hombre! Kohle wollen wir machen, sonst nichts! Mit diesen Müslifressern und ihren Töpfen aufm Balkon haben wir nichts zu tun. Wir sind Profis!“
Was wollte der Kerl von mir? Wie weit ging er noch, wozu war er in seinem Zustand fähig?
„Ich will dir noch was flüstern, hombre“, schwappte mir die nächste Schnapswolke entgegen. „Sobald wir diesen Laden verlassen haben, sind wir genau das, was Justitia eine kriminelle Vereinigung nennt, capito? Aber der Witz daran ist, bei uns läuft alles streng legal ab, comprende? Alles streng legal!“
Jede Faser in mir hoffte, dass er nun fertig war mit seiner Belehrung. Und wirklich, nach einem letzten Aufblitzen seines Film-Grienens zog er seinen Finger zurück, wandte sich ab und starrte mit trüben Augen ins Bier.
Kaum hatte Hilfs-Coolplay von mir abgelassen, erwachte der Hüne zum Leben. Mit grimmiger Miene deutete er auf die vor uns versammelten Tequilas. „Genug, Leute! Will heute kein Gequatsche mehr hören.“ Er erhob sein Glas. „Nich viel snacken, Kopp in Nacken!“
Wie auf ein stummes Kommando erhoben die Anderen ihre Gläser. Sie warteten, bis ich ebenfalls soweit war, dann stürzten sie den Schnaps hinunter und knallten die leeren Gläser auf den Tisch.
„Ah lecker. Wir nehmen noch ne Runde, klar?“, krakeelte Pingel quer durch den Saal, der sich inzwischen merklich geleert hatte. Er wartete das Nicken der Tresenglatzen ab, dann wandte er sich wieder uns zu. „Wer morgen keinen Brausebrand hat, ist selber schuld.“
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Montag, 27. November 2006
Folge 1 - So kalt wie im Dezember, so heiß wird’s im Juni
michael pratzke, 11:37h

Der Himmel war so bleiern, wie ihn nur der November hinbekam. Seit Stunden prasselte der Regen gegen mein Küchenfenster, eine Sintflut in kleinen Dosen. Noch mehr ärgerten mich allerdings die Marihuanaschwaden in der Luft.
„Ich arbeite mit zwei Leuten zusammen, weißt? Ganz entspannte Sache.“ Schussel nippte an seinem Kaffee und stellte die Schale achtlos auf die Untertasse zurück. Offenbar hatte er sie nicht wiedererkannt. Die Schalen und einiges andere an Geschirr hatte ich in der Kneipe mitgehen lassen, die ich vor fünf Jahren zusammen mit ihm umgebaut hatte. Bei der Gelegenheit lernten wir uns kennen.
Ewigkeiten schien er wie vom Erdboden verschluckt. Nun saß er an meinem Küchentisch und qualmte mir die Bude voll – das alles nur, weil mir zwei Tage zuvor die Decke auf den Kopf gefallen war.
Grauer Himmel und Dauerregen hatten mich völlig zermürbt. Als das Getrommel gegen meine Fenster aussetzte, hatte ich mich auf den Weg runter zum Fährhafen gemacht. Kurz hinterm Bahnhof erwischte mich der nächste Schauer. Im Handumdrehen war ich nass bis auf die Haut. Mit jedem Schritt drang kaltes Wasser in meine aufgeweichten Schuhe. Fluchend drehte ich um. Am Bahnhofsvorplatz, die ranzige Dunstglocke von HORTS’S IMBISS hatte ich bereits passiert, trottete mir aus der Kanalstraße ein hochgewachsener, langhaariger Schlacks entgegen. So lief nur einer: Schussel.
Auf den ersten Blick sieht er wie die Idealbesetzung des hilfsbereiten Jungen von nebenan aus. Groß und schlank, dazu eine glänzend schwarze Lockenmähne, hätte seine Erscheinung fast etwas von einem Adonis – wären da nicht seine hängenden Schultern, der krumme Rücken, dazu seine unnachahmliche Art, beim Gehen in den Knien einzuknicken und mit den Armen herumzuschlenkern. Schussel bewegt sich gerade so, als wäre er nie der Pubertät entwachsen; als käme er nicht zurecht mit seinem plötzlich in die Höhe geschossenen Körper.
„Hi Micha“, begrüßte mich ein vollgeregneter Hans im Glück. „Na, was treibst du so?“
Das war eine Eröffnungsfrage, die mich, wäre nicht so ein gutmütiger Junge wie Schussel der Fragesteller, vor ein ernsthaftes Problem gestellt hätte. Kein Anderer hätte sich wohl mit meinem übellaunigen „Nüscht!“ zufriedengegeben. Was sollte ich ihm erzählen? Dass ich seit Jahren halbherzig Sozialpädagogik studierte? Dass ich dringend zwanzigtausend Euro brauchte?
Schussel schluckte mein „Nüscht!“ wie einen süßen Drops und stellte seine Augen auf Hundeblick.
Was jetzt? Ihn zu fragen, was er ‚so trieb’, konnte ich mir sparen. Die ihn kannten, wussten, er baute Gras an und verkaufte es. Überhaupt dealte er mit allem, was ihm in die Finger kam. Fahrräder, Uhren, Autoersatzteile waren sein Metier – alles, was irgendwie mit Schrott zu tun hatte. Seine Hauptbeschäftigung war jedoch das mit dem Gras.
„Hast du eigentlich noch diese Wohnung, in der das eine Zimmer frei ist?“, fragte er in einem Ton, als zöge er in Erwägung, bei mir einzuziehen.
„Wieso willst’n das wissen?“, fragte ich zurück. „Biste mal wieder wo rausgeflogen?“
„Nein, nein.“ Er strich sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht. „Ist bisschen komplizierter, der Fall, weißt? Ist hier auch nicht der richtige Ort, darüber zu palavern. Wenn du willst, komm ich in den nächsten Tagen längs und erzähl dir alles, o.k.?“
Ich war so verdutzt über seine sanfte Bestimmtheit, dass ich zusagte. Das heißt, ich sagte nichts – was Schussel, wie ich wusste, als freundliche Einladung verstand. Es war mir egal. Schon oft hatte er etwas angekündigt, was er, bedingt durch seinen chaotischen Lebenswandel, doch nicht einhielt.
Doch nun saß er hier, seit über einer Stunde. Ich hatte so lange mit ihm geredet, wie seit Wochen mit keinem Menschen mehr. Gerade hatte ich ihm auf seine erneute Frage nach meinem Befinden gestanden, dass ich absolut in der Luft hing – insbesondere, was das Finanzielle betraf.
Das ganze Übel begann mit Großmutters Tod im Frühjahr. Nebst ein paar Landwirtschaftswälzern ihres Großvaters hatte sie mir die für meine Verhältnisse gigantische Summe von sechzigtausend Euro vererbt. Nach all dem Klein-Klein von Bau-Huckerei und Bafög sah ich durch Großmutters Geld über Nacht die einmalige Chance, endlich etwas mit Perspektive zu machen!
Und, was „machte“ man mit Geld? Mehr Geld natürlich, soviel, wie nur irgend möglich. Vergiss alles, was du über Bauspar-Pläne, oder Festzinssparen gehört hast und geh dahin, wo die Millionen am Fließband gemacht werden: an die Börse! Ich besorgte mir ein paar Finanzmagazine und folgte den darin gegebenen Tipps. Die mussten schließlich wissen, wovon sie redeten. Tatsächlich legten meine Aktien rasant an Wert zu.
Als diese Entwicklung rückläufig war und Großmutters Erbe binnen weniger Wochen auf ein knappes Drittel zusammengeschmolzen war, tat ich das als zu vernachlässigendes Zwischentief ab und legte ordentlich nach. Ich nahm einen Kredit auf.
Weitere acht Wochen später hatte sich mein einstiger Reichtum in satte zwanzigtausend Euro Schulden verwandelt. Die drückten arg auf meinen Schultern, und die Zeit drängte. Das erste Mahnungsschreiben der Hausverwaltung war bereits in meinem Briefkasten gelandet. Noch half mir mein Überziehungskredit, aber auch Telekom, Energieversorger und Krankenkasse bestanden ungerührt auf meinen Zahlungen. In spätestens zwei Monaten flog ich aus der Wohnung, fiel mir nicht schleunigst was ein. Ich war zu allem bereit, doch mein Hirn war wie vernagelt. Zur Uni ging ich seit Wochen nicht mehr, dümpelte statt dessen in meiner Bude herum. Ich stand vor einer Schranke, die einfach nicht aufgehen – die sich niemals öffnen würde, bekam ich nicht schnellstens den richtigen Chip in die Hände.
Das alles hatte ich Schussel anvertraut und in ihm einen überaus geduldigen Zuhörer gefunden.
„Dumme Sache, das Ganze.“ Seine Stimme klang mitfühlend, ein Leuchten trat in seine Augen. „Vielleicht habe ich eine Idee, wie du da wieder rauskommst.“
Schussel blinzelte mir zu, während seine Finger in aller Ruhe den nächsten Joint bauten. Er zündete ihn an, rauchte – und streifte die Asche auf der Untertasse ab.
„Aber bei dir läuft’s prima, ja?“, fragte ich schnell, um meinem Ärger über das achtlos verdreckte Geschirr nicht Luft machen zu müssen.
Schussel nickte. „Ich glaub, wir sind auf dem richtigen Weg. Wenn wir dranbleiben, wird das ein ganz großes Ding, weißt? Letzten Sommer haben wir schon mal ein Projekt durchgezogen ... leider nicht so erfolgreich.“
Ist bei dir jemals etwas anders als ‚nicht so erfolgreich’ gelaufen? – erwiderte ich stumm. Seit ich Schussel kannte, war jedes seiner sogenannten ‚Projekte’ nach euphorischem Beginn jämmerlich den Bach runter gegangen.
„Aber wir haben aus unseren Fehlern gelernt“, fügte er eilig hinzu, als hätte er meine Gedanken gelesen. Überhaupt schien Schussel ein sehr gutes Gespür für meine Stimmung zu haben. Sonst hätte er wohl kaum von dieser ‚ganz entspannten Sache’ angefangen, von der er wissen musste, dass sie mich normalerweise nicht die Bohne interessierte.
Letzten Sommer hatte mir mein Kommilitone Dietmar ein Pflänzchen auf seinem Fensterbrett gezeigt. Die Blätter sahen wie zerfranster Ahorn aus. „Na und?“ hatte ich gefragt, worauf mir Dietmar mit Verschwörermine erklärte: „Das ist Marihuana!“
Dietmar war alt genug. Er musste wissen, was er tat. Ich konnte mit der Kifferei nichts anfangen und hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich das für den Rest meines Lebens so handhaben wollte.
„Wie gesagt“, spann Schussel seinen Faden weiter, „wir haben aus unseren Fehlern gelernt und stecken grad mitten in den Vorbereitungen für das ganz große Projekt. Wiesenhügel 2007 heißt das Zauberwort, weißt?“
„Ach, ja?“
Entschiedenes Nicken. „Nächsten Sommer bringen wir zweitausendundsieben Marihuanapflanzen aufs Feld, alles bis ins letzte durchgeplant. Läuft’s halbwegs normal, springen gut zweieinhalb mio dabei raus. Das Einzige, was wir noch bräuchten, wäre eine personelle Aufstockung – ein vierter Mann.“
Er zwinkerte mir zu. „Ist dann einfach entspannter, weißt? Sind immerhin mehr als zweitausend Pflanzen, die da gehegt und gepflegt werden wollen. Und, was soll ich sagen, weit mehr als zwei Millionen, das reicht auch dicke für vier.“
Über zwei Millionen – schon wieder dieses vermaledeite Geld, noch dazu völlig illegal! Und doch kam ich nicht dagegen an; Schussels Geplapper ließ mich an etwas denken, was mir unter normalen Umständen niemals in den Sinn gekommen wäre. Aber was waren normale Umstände? Seit diese zwanzigtausend Euro Schulden auf meinen Schultern lasteten, waren mir nur noch Pannen unterlaufen. In Rekordzeit rauschte ich durch zwei Prüfungen. Traf ich mich mit Marion, war ein Streit so sicher wie das Amen nach dem Vaterunser.
„Sind ’ne ganze Reihe manueller Tätigkeiten, die bei so einem Projekt anfallen“, fuhr Schussel fort. „Bei der Menge benötigen wir einfach eine breitere logistische Basis, weißt?“
Logistische Basis – wo hatte er bloß diese Vokabel aufgeschnappt?
„Als Erstes bräuchten wir einen geeigneten Standort für eine Aufzuchtanlage! Hast du nicht drüben das große Zimmer frei?“
Das habe ich gerade neu untervermietet – hätte ich Schussel an dieser Stelle klipp und klar zu verstehen geben können, dass ich mit derlei Geschichten nichts zu tun haben wollte.
Das mit der Neuvermietung war übrigens die Wahrheit. Vor drei Wochen hatte es Theresa, meine Untermieterin, endgültig aufgegeben, sich weiter mit mir herumzustreiten und war Hals über Kopf ausgeflogen. Am selben Tag hängte ich in der Mensa Zettel auf: Zimmer zu vermieten! Wieso sollte ich allein die Kosten für eine Wohnung aufbringen, die viel zu groß für mich war? Sowieso hatte ich bei jedem Euro, den ich aus der Hand gab, diese elendigen Zwanzigtausend vor Augen.
Drei Tage später schob Thomas, ein blasser Maschinenbauer, anstandslos die von mir im Voraus verlangten zwei grünen Scheine über den Tisch – obwohl er erst nächsten Monat einziehen würde. Und jetzt hatte Schussel meinen Weg gekreuzt. Mir nichts dir nichts hatte er sich in meine Küche gefläzt und meine Untertasse mit seiner Joint-Asche verschmutzt. Er hatte nicht mal nach einem Aschenbecher, geschweige denn danach gefragt, ob er hier überhaupt kiffen durfte.
Statt dessen plapperte er von diesen Millionen! Eine halbe Million für jeden – verdammt viele Nullen! Mit dieser Summe hätte ich nicht nur mit einem Schlag meine Schulden getilgt, sondern darüber hinaus ein ordentliches Pfund in der Tasche – etwas mit Hand und Fuß, wie es Großmutter ausgedrückt hätte. Überhaupt, war ich Oma das nicht schuldig? Sicher hatte sie mir ihr sauer Erspartes nicht vermacht, damit ich es an der Börse verzockte.
„Das Zimmer hab ich noch“, hörte ich mich sagen, „willst’s mal sehen?“
„Ja klar, deshalb bin ich hier.“
Wir traten in den Flur. An mir vorbei drängte Schussel in den bis auf ein leeres Regal, einen Hocker und Thomas’ zusammengerollten Futon kahlen Raum und durchmaß ihn mit prüfenden Schritten. „Wahnsinn!“ Er klatschte in die Hände, dass es von den Wänden widerhallte. „Die Hütte ist wie gemacht für unsere Anlage, völlig genial, Pratze! Und auch noch Nordseite, einfach super, weißt?“
Ich verstand nicht, was an der Nordseite so toll war, doch Schussel war längst einen Schritt weiter. Er deutete in die Tiefe des Raumes: „Hier stellen wir jeweils vier Tische hintereinander auf, und am Fenster zwei quer, weißt? Damit haben wir gut und gerne Platz für tausend Pflanzen! Würde sich sogar lohnen, hier gleich im Winter eine satte Indoor-Ernte einzufahren. Kohle einspielen, die logistische Basis für die Sommeraktion!“
Schon wieder diese ‚logistische Basis’.
„Anschließend ziehen wir hier die Hälfte der Pflanzen vor, die wir im Frühjahr, gleich nach den Eisheiligen aufs Feld bringen, weißt?“
Schussel strahlte bis zu den Ohren wie ein glücklicher Junge unterm Weihnachtsbaum. „Das Ding ist wie gemacht für unsere Aktion! Was ist, Pratze, Interesse?“
Ich lehnte im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt und zuckte mit den Schultern. „Klingt ja erst mal ganz nett, was du sagst. Und das Geld, na ja ... ich könnte es brauchen.“
„Mach dir keinen Stress!“ Schussel riss seine Arme in die Höhe, wollte er der Liste meiner Bedenken zuvor kommen? „Überleg dir alles ganz in Ruhe! Wenn du willst, zeig ich dir mal so eine Anlage, auch in einer Altbauwohnung, weißt?“
Auf seinem Gesicht erschien das Kinderlächeln. „Einige kleine Umbauten wären hier schon nötig, aber wenn das Ganze vorbei ist, genügen paar Handgriffe, und alles sieht aus wie vorher. Als wäre nichts gewesen, weißt? Nur, dass dein Sparstrumpf aus allen Nähten platzt. Na, wie klingt das?“
Meine Schultern zuckten erneut.
„Pass auf, Micha!“, rief Schussel, inzwischen völlig elektrisiert. „Ich stelle dich einfach mal meinen Leuten vor! Wir peilen zusammen die andere Anlage! Solange du nicht zugesagt hast, erfährt niemand deinen Namen, deine Adresse, deine Hobbys – absolut nichts, in Ordnung? Wir treffen uns ganz entspannt in einer Kneipe, und du guckst dir die Jungs mal an.“
Damit streckte er mir seine Hand entgegen. Sein Händedruck glich der Konsistenz einer Buttercremetorte.
„Danke für den Kaffee“, wandte er sich zum Gehen. An der Tür noch einmal das Kinderlächeln. „Pratze, vertrau mir, das wird super!“
War ich völlig übergeschnappt? Ich und Grasanbau – das passte schlechter zusammen als Sauerkraut und Himbeersoße. Nicht nur, dass ich noch niemals gekifft hatte - ich rauche ja nicht mal normale Zigaretten. Nie zuvor hatte ich etwas mit Pflanzen, geschweige denn mit deren großangelegtem Anbau am Hut gehabt. Seit Großmutters Tod standen diese Landwirtschaftswälzer in meinem Bücherregal, das war’s aber auch schon!
Warum also hatte ich Schussel nicht unverrichteter Dinge vor die Tür gesetzt? Zwei Fakten sprachen dagegen. Zum ersten die unumstößliche Tatsache, dass mich meine Schulden zu Boden drückten, zum Zweiten die überaus verlockende Aussicht auf fünfhunderttausend steuerfreie Euro. Eine halbe Million Gründe also – dass ich mir die ganze Sache zumindest einmal anschaute.
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Mittwoch, 22. November 2006
Eine halbe Million Gründe - Prolog
michael pratzke, 12:13h

Irgendwo in Vorpommern, in einem Boddenstädtchen und seiner herrlichen Umgebung wird es spielen, das mit Abstand größte Abenteuer im Leben des Michael Pratzke, genannt Pratze.
Ab dem 27. November 2006 lässt Dich Pratze, seines Zeichens grundsolider Student der Sozialpädagogik, an seinem Abenteuer teilhaben. Woche für Woche wird er Dir an dieser Stelle des Netzes erzählen, was er unter normalen Umständen niemals getan hätte. Aber die Umstände sind nicht normal, und das Pratze tut, was er tut, dafür gibt es
Eine halbe Million Gründe
Der Plot
Michael Pratzke, Anfang dreißig und bisher ein grundsolider, braver Student, hat das von seiner Großmutter geerbte kleine Vermögen an der Börse verspielt. Als er durch weitere Fehlspekulationen in ein Schuldenloch gerät und aus seiner Wohnung zu fliegen droht, bricht seine Welt endgültig zusammen. Da bietet ihm sein Kumpel Schussel unverhofft die Mitarbeit an einem Marihuana-Deal an, der jedem Beteiligten eine halbe Million einbringen soll. In seiner Ausweglosigkeit glaubt Pratze an die Chance des schnellen Geldes. Kurz darauf steht eine mit mehreren Hundert Jungpflanzen bestückte Marihuana-Aufzuchtanlage in seiner Wohnung und nichts ist mehr, wie es war...
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