Von allen verkorksten Frühlingstagen war der Herrentag der schlimmste. Seit Wochen war es herrlich warm, selbst spät am Abend konnte man getrost im T-Shirt rumlaufen. Die Witterung lud alle in der Stadt Gebliebenen ein, im Biergarten zu sitzen oder, wenn man wie ich übertrieben sparsam war, am Boddenstrand zu liegen und den Beach-Volleyballerinnen zuzuschauen. Die Frauen zeigten bereits erstaunlich viel Bein...
Es war ein solcher warmer Abend, und ich schaute nicht nach Frauenbeinen. Ich lümmelte nicht am Bodden und saß auch nicht im Biergarten. Zusammen mit Pingel befand ich mich auf dem Weg in die Mu-Ki-Anlage. Pingel hatte mir am Telefon barsch mitgeteilt, dass das Herzstück dringend unserer Hilfe bedürfe.
Ich war sauer auf Laber. Die Pflege der Mu-Ki-Anlage war seine Aufgabe. Gerade jetzt, da wir uns aufmachten, den durch seine Schlampigkeit entstandenen Schaden zu beheben, war er mit Silvana nach Amsterdam gedüst. Und wir Daheimgebliebenen hatten seine Arbeit an der Backe!
Anders als der Pingelige hatte ich mich zähneknirschend mit einem weiteren versauten Feiertag abgefunden. Pingel stapfte neben mir durch die laue Nacht und wurde nicht müde, gegen Laber gerichtete Flüche auszustoßen.
„Dem hau ich paar in die Fresse“, schnaufte er und spuckte aufs Straßenpflaster. „Soll mal in meine Reichweite kommen, dem klopp ich das Gesicht dick, klar?“
Ich hörte längst nicht mehr hin, nickte nur von Zeit zu Zeit und ließ meinen Gedanken ihren Lauf. Im Nu war ich weit weg von dem brabbelnden Glatzkopf neben mir, der Stadt am Bodden, unserer ganzen, vertrackten Operation. Mich umgab nur noch die warme Mainacht. Seidenweich strich die Luft über meine Haut. Ich kniff die Augen zusammen und sah Marion. Nackt stand sie vor mir im Mondlicht. Ich konnte es fühlen, wie sich ihr schwarzer Flaum langsam aufrichtete - wie immer, wenn ich meine Hand über ihre Haut gleiten ließ. Jetzt war es der Wind, der uns beide streichelte. Gleich würde ich sie in meine Arme schließen - und sie zuckte zusammen, weil ich sie auf eine bestimmte Stelle ihres Nackens küsste.
Um ein Haar wäre ich mit voller Wucht gegen Pingel gerammt. Aus heiterem Himmel hatte er seine Laufrichtung geändert. Ich riss die Augen auf und registrierte, dass wir die Tordurchfahrt zum vollgemüllten Hinterhof erreicht hatten. Ich war zurück in Wiesenhügel.
Muffige Treppenhausluft schlug uns entgegen. Wir stiegen die knarrenden Stufen zu Labers Zweitwohnung rauf. Pingel fluchte, weil er den Schlüssel nicht gleich fand.
Die Bude machte einen aufgeräumten Eindruck. Flur, Küche und Wohnzimmer hatte Laber, sicher auf Druck von Silvana, halbwegs wohnlich hergerichtet.
Um so schockierender der Anblick unserer Anlage: Massenweise vertrocknete Blätter hingen an den Müttern herab. Viele der noch grünen Blätter waren silbrig gesprenkelt.
„Ungeziefer“, kam es matt über Pingels Lippen. Seine Wut hatte beim Anblick der gebeutelten Pflanzen totaler Niedergeschlagenheit Platz gemacht. Ich spürte ein Drücken in meiner Brust. Wo sollten wir anfangen? Gab es hier überhaupt noch was zu retten? Waren wir nicht viel zu spät?
Wir nahmen die Pflanzen aus der Anlage heraus, um sie - eine jede einzeln - gründlich zu pflegen. Zuerst entfernten wir die trockenen Blätter, damit sich zusammen mit dem abfließenden Gießwasser kein schimmliger Matsch bildete.
Nicht lange, und zu unseren Füßen lag ein riesiger Laubhaufen. Jedes Blatt, um das ich die Mütter dezimierte, tat mir weh. Einige Triebe waren gänzlich abgestorben, bei vier Pflanzen kam jegliche Hilfe zu spät. Wir mussten sie entsorgen, eine kranke Pflanze gefährdete die Gesundheit der übrigen.
Wie sollten wir von den restlichen vitale Stecklinge bekommen? Ich dachte an die fünfhundert Stück, um die Schussel unsere geschundenen Mütter vor kurzem dezimiert hatte und verspürte das dringende Bedürfnis, etwas zu zerschlagen. Wie ging es erst meinem Mitstreiter?
Vorsichtig linste ich zu Pingel rüber. Die Lippen fest aufeinander gepresst, verarztete er fürsorglich seine Patientin.
Wir standen in der hochsommerlich aufgeheizten Mu-Ki-Anlage und mühten uns stumm und verbissen, zu retten, was vielleicht nicht mehr zu retten war. Der Schweiß lief mir in den Hosenbeinen hinab.
Arbeiten, bei denen ich befürchte, dass sie bereits vollkommen sinnlos sind, führen bei mir schnell zu lähmender Apathie. So zuckte ich nicht mal mit der Wimper, als der Pingelige seine Pflanze stehen ließ und grummelnd das Zimmer verließ. Ich hätte auch nicht gezuckt, wenn er nun gegangen wäre, um mal wieder für eins, zwei Wochen abzutauchen.
Pingel kehrte zurück, zwei Flaschen STIER-BIER in der Hand. Er hielt mir eine hin. Die Tropfen, die am Flaschenhals herunterperlten, deuteten darauf hin, dass sie viel Zeit in einem Kühlschrank verbracht hatte.
„Hier“, brummte Pingel, „hat uns die Labertasche dagelassen.“
Die vertrockneten Hanfblätter in meinen Händen glitten zu Boden. Meine Finger umschlossen die kühle Flasche. Wir ließen uns auf dem Fußboden nieder.
Begleitet von einem wohligen Grunzen, streckte Pingel seine Beine aus. Es folgte ein Doppel-Zischen, die Kronkorken fielen zu Boden, und wir stießen an. Ich setzte die Flasche an meine Lippen. Nie zuvor hatte mir ein Bier derart gut geschmeckt.
Wir tranken zügig, in großen Schlucken. Pingel deutete auf die Laubberge um uns herum. „Fast wie Urlaub, was?“
Ich rollte das kalte Glas über meine verschwitzte Stirn. „Ja. Wie in den Tropen, kurz nach einem Hurrikan.“
Pingels Blick ging schräg nach oben zur Zimmerdecke. „Was meinst′n du, Pratze? Soll′n wir den Schiet hier wirklich zu dritt durchziehen?“
„Wie meinst du das?“
„Die Outdoor-Geschichte meine ich, die neuen Standorte! Sollten wir die wirklich alle drei kennen, oder vielleicht besser nur ... wir zwei?“
In meinem Schädel ratterten die Zahnräder. Kannten nur Pingel und ich die Standorte, wäre Laber draußen. Wollten wir uns von ihm trennen, wäre jetzt die letzte Gelegenheit. Wusste er, wo die Girls standen, konnte er uns die Ernte vor der Nase wegklauen.
Pingel saß in seiner Ecke und wartete auf meine Antwort. War es nicht naheliegend, Laber einfach rauszuschmeißen? Bei der Arbeit war er keine Hilfe. Überhaupt, was wollten wir uns nach der Nummer hier noch alles von ihm bieten lassen?
Und wenn er uns bei der Polizei verpfiff? Solange in meinem „Verbotenen Zimmer“ die Anlage stand, war ich in Gefahr - jeden Tag, rund um die Uhr. Und wer sagte mir, dass mich Pingel nicht gerade auf die Probe stellte? Die Beiden kannten sich schon eine Ewigkeit. Das hier war nicht das erste Ding, das sie zusammen drehten.
Pingel stierte noch immer zur Zimmerdecke. Er würde noch Stunden so verharren, wenn es sein musste.
„Komm, wir ziehen das zu dritt durch“, gab ich mir einen Ruck. „Ist vielleicht besser so, für uns alle.“
Pingels Grunzen klang widerwillig. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass er erleichtert war über meine Antwort. Wir tranken aus und widmeten uns wieder unseren Patientinnen.
Wenn wir Pech hatten, gab es am Ende überhaupt keinen Gewinn, über den wir uns streiten mussten. Ein fataler Gedanke! Glücklicherweise war ich zu müde, ihn weiter zu verfolgen.
Ein warmer Frühlingsmorgen nahm uns in die Arme, als wir durch die Toreinfahrt auf die Straße traten. Das Bild der erbarmungswürdigen Pflanzen in meinem Kopf wollte weder weichen, noch einem schöneren Platz machen. Pingel war zu erschöpft zum fluchen.
Nebeneinander her trotteten wir bis zur Uferstraße. Dort trennten sich unsere Wege. Pingels Rechte deutete einen Abschiedsgruß an, dann bog er nach links ab, in Richtung Neubauviertel.
Mein Weg führte weiter geradeaus. Mechanisch bog ich in meine Straße ein. Den Gestank der Krautfabrik nahm ich nicht mehr wahr. Ich öffnete die Haustür und stieg hinauf. Wie ein Stein fiel ich ins Bett. Vielleicht würde ich von der üppigen Suse aus der Pharmazie träumen.
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Mairegen auf die Saaten, dann regnet es Dukaten
Auf einmal war es Frühling geworden, und bis zum Wieder-Einschalten der Anlage blieben nur noch ein paar Tage. Nun würde sie beginnen, die alles entscheidende Outdoor-Aktion der Operation Wiesenhügel. Und war bisher auch alles schiefgegangen, was nur irgend schief gehen konnte - neues Spiel, neues Glück! Bedeutete es nicht sogar ein gutes Omen, wenn die Generalprobe danebenging?
Der zu erwartende Gewinn war von einer Halben auf das gute Drittel einer Million zusammengeschrumpft, auch das war noch jede Menge Geld.
Mit Geld bekam ich jetzt überhaupt immer mehr zu tun. Nach Schussels Ausscheiden war ich zum Kassenwart befördert worden. Ich hatte einen halbherzigen Versuch unternommen, mich dem Amt zu entziehen, indem ich auf meine schlechten Erfahrungen aus der Kinderzeit verwies. Daheim im Sportverein hatten sie mich zum Kassieren der Mitgliedsbeiträge verdonnert. Mehr als einmal musste ich einen Groschen von meinem Taschengeld dazu tun, um die Kasse auf Stand zu halten - ein finanzielles Desaster für eine Kinder-Geldbörse.
Hier lag der Fall freilich anders. Es war mir recht, wenn das Geld, das uns Schussel für die Barren zahlte, bei mir landete. Nur so konnte ich sicher sein, dass es meine Kollegen nicht verjubelten. Unsere Einkaufsliste für die Outdoor-Aktion war lang genug: Eine Sense mussten wir anschaffen, dazu einen Spaten zum Ausheben der Pflanzlöcher. Die teuren Nachtsichtgeräte hatten wir ersatzlos gestrichen, aber drei Walkie-Talkies samt Head-Set standen auf der Liste. Mit den Funkgeräten konnten wir uns über kleinere Entfernungen unauffällig verständigen. Außerdem erschienen sie uns sicherer. Wer wusste, ob sie früher oder später nicht wirklich unsere Handys anzapften?
Laber bestand auf Natur-Dünger aus Hornspänen. Weiterhin sei der Einsatz von Bi 58 unumgänglich. Um die Chemikalie auf dem Feld auszubringen, mussten wir eine Pumpspritze besorgen. Wir brauchten spezielle Kartons für den Transport der Pflanzen, dazu leere Kanister, Schafswolle, Arbeitshandschuhe, ein Fernglas, drei Stirnbandlampen zu fünfunddreißig Euro das Stück und ein paar Schäufelchen.
Abgesehen von der Liste war besonders eines wichtig für das Gelingen unseres Unternehmens: Die richtigen Standorte für unsere Girls! Im letzten Jahr hatten die Jungs dabei wenig Sorgfalt walten lassen. So hatten sie auf Schussels Geheiß über hundert Pflanzen rings um einen alten Hochspannungsmast ausgesetzt. Den ganzen Sommer über hegten und pflegten sie sie. Ein paar Tage vor der Ernte waren alle Girls fein säuberlich vom Halm geschnitten. Nicht ein Hanfblättchen hatten ihnen die Diebe da gelassen. Als sie auf dem Feld standen wie eine Touristengruppe, die gerade ihren Bus verpasst hatte, rückte Schussel damit heraus, dass ihm genau an dieser Stelle im Vorjahr das Gleiche passiert sei.
Bei der Standortwahl geht es vor allem darum, dass die Girls optimale Wachstumsbedingungen vorfinden. Draußen, in freier Wildbahn erfahren sie ja längst nicht so viel Pflege und Zuwendung wie in einer Indoor-Anlage. Neue Standorte mussten her, und die Jungs setzten in ihrer Faulheit große Hoffnungen auf mich.
„Mein Kombi steht zu deiner Verfügung“, sagte Laber und streckte mir mit großer Geste die Autoschlüssel hin. Pingel nickte. Es schien ihnen tatsächlich ernst zu sein.
Also steckte ich wie in besten Uni-Tagen meine Nase in Großmutters Bücher. Bei unserer nächsten Zusammenkunft beglückte ich meine Kollegen mit einem Referat, das sich gewaschen hatte.
„Was unsere Girls vor allem brauchen, ist eine schwach saure Bodenreaktion, im Idealfall also einen pH-Wert von Fünf Komma Sieben“, ging ich gleich in die vollen. „Haben wir den, bedeutet das eine optimale Ausgangsbasis für die Nährstoffaufnahme, womit wir beim nächsten Schwerpunkt wären.“
Über den Nasen meiner Zuhörer hatten sich tiefe Falten gebildet.
„Wir brauchen nährstoffreiche, feuchte Böden, damit es bei unseren Girls nicht zu Mangelerscheinungen kommt. Eine optimale Versorgung mit Stickstoff ist unabdingbar für schnelles, üppiges Wachstum, Phosphor stärkt ihre Wurzeln und Kalium fördert die Resistenz gegenüber Krankheiten!“
So lauteten meine Worte, genau so hatten sie in GARTEN, TIER, PFLANZEN gestanden. Bei der Lektüre hatte ich zunächst ähnlich hilflos aus der Wäsche geguckt wie nun meine Kameraden. Glücklicherweise rückten die Autoren des Wälzers anschließend mit dem praktischen Hinweis heraus, dass es sogenannte Zeigerpflanzen gab, deren vermehrtes Vorkommen auf bestimmte Bodeneigenschaften schließen ließ. So deuteten ausgedehnte Flächen der Großen Brennnessel auf eine optimale Stickstoffversorgung hin.
„Also, auf zur Brennnessel!“, röhrte Pingel, als ich geendet hatte. Er wirkte erleichtert, dass es nun endlich ans Trinken ging, während der Laberkopf ein wenig säuerlich dreinschaute.
Soviel zur theoretischen Seite meiner Standortsuche. Die praktische gestaltete sich schwieriger. Auf meiner ersten, ausgedehnten Spritztour entdeckte ich ein sicher viertausend Jahre altes Hünengrab - doch nichts, was auf gute Wachstumsbedingungen für unsere Girls hindeutete.
Auf der Lichtung eines feuchten Eichenmischwaldes wurde ich, wie zum Trost, anderweitig fündig: Direkt am Weg erstreckte sich ein dichter Rasen aus Bärlauch. Laut GARTEN, TIER, PFLANZEN besaß dieser einen kräftigen Geschmack, der an Schnitt- und Knoblauch erinnerte. Leider stand dort aber auch, das es mit dem Beginn der Blüte giftig ist und daher nicht mehr zum Verzehr geeignet.
Der Frühling war außergewöhnlich warm. Bereits zu Ostern, hatte mich Dietmar per SMS zu seiner Frühlingseröffnungsparty draußen in Altwarben eingeladen. Ostern hatte jedoch das Ende meiner Indoor-Ernte angestanden. Die letzten Girls kamen vom Halm, ich war also gleich doppelt an meine Bude gefesselt gewesen.
Die nächste Einladung folgte jetzt und galt Dietmars Mitte-Mai-Fest. Inzwischen hatten wir sommerlich heiße Temperaturen, und der Himmel war so blau, wie er nur sein konnte. Was läge da näher, als raus nach Altwarben zu fahren?
Vor ein paar Jahren hatte Dietmar das Grundstück seiner Oma geerbt. Es lag am Rande des kleinen Dorfs. Ein einstöckiges Fachwerkhaus mit moosbewachsenen Biberschwänzen stand darauf.
Das Häuschen ließ mich immer an die Behausung einer Hexe denken. Von den Fensterrahmen blätterte seit Jahren die rote Farbe. An der Feldsteinfassade des Giebels kletterte wilder Wein empor. Die Gartenpforte stand stets einladend offen, was wohl daran lag, dass sie zu brüchig war, als dass man sie hätte schließen können.
Der Weg zum Haus wurde überwuchert vom üppigen Grün des Vorgartens. In ihm gediehen vor allem Wildkräuter. Immerhin lugten jedes Jahr ein paar Ringelblumen und weißblühende Geranien aus dem Gestrüpp. Am Zaun, zur Dorfstraße hin, hatte sich eine rote Heckenrose durchgesetzt.
Ich sehnte mich danach, an dem windschiefen Holzschuppen zu lehnen, der hinterm Haus - mitten auf einer großen, wilden Wiese, umgeben von ein paar Apfelbäumen - friedlich dem Ende seiner Tage entgegendämmerte.
Nicht nur das verträumte Hexenhaus mit dem verwunschenen Garten - das ganze Dorf sieht aus, als wäre die Zeit stehen geblieben. Wie schutzsuchende Kinder gruppieren sich die krüppelwalmgedeckten Häuschen um die mittelalterliche Feldsteinkirche. Eine im Sommer angenehmen Schatten spendende Lindenallee verbindet das alte Dorf mit Neuwarben, das sich entlang der Straße zum ehemaligen Gutshof erstreckt. Vorbei an kleinen Katen am Wegrand gelangt man zum Gutshof mit dem Herrenhaus. Es wird flankiert von den Überresten der Wirtschaftsgebäude. Ihren Grundmauern nach müssen sie einmal sehr imposant gewesen sein.
Durch den wilden Park am Herrenhaus führt der Weg hinunter zum Neuwarbener See. Das klare Wasser zwingt einen im Sommer regelrecht dazu, hinein zu steigen und rauszuschwimmen, vielleicht zu der schilfumwachsenen Insel mit der großen Erle.
Das Gutshaus hatte trotz des ZU VERKAUFEN - Transparents keinen Investor aus den alten Ländern dazu bewegen können, in Neuwarben einen Land-Puff oder ein Spielkasino aufzuziehen. Auch Tagungshotels gab es inzwischen viel zu viele. Dieses Fleckchen Erde samt Dietmars Hexenhäuschen war noch unberührt von der neuen, hektischen Welt, in der ich Großmutters Erbe in einen Berg Schulden verwandelt hatte.
Musste ich nun dafür büßen? Während ich in meiner Bude saß, standen die Apfelbäume um den alten Schuppen in voller Blüte. Das Wasser des Neuwarbener Sees wartete darauf, mich nach einem ausgedehnten Spaziergang zu erfrischen. Alles hätte gepasst, stünde da nicht diese Anlage in meinem „Verbotenen Zimmer.“
Genau an dem Tag, an dem mich Dietmars Nachricht erreichte, nahm ich sie wieder in Betrieb. Die Stecklinge für die Outdoor-Aktion mussten vorgezogen werden. Traurig schaute ich auf das Display meines Mobiltelefons. Gönn dir was komm zum maispaß tine ist auch da, dahinter vier Ausrufezeichen.
Natürlich hätte ich meine Kompagnons bitten können, sich das Wochenende um meine Anlage zu kümmern, doch das brachte ich nicht fertig. Um nichts in der Welt wollte ich die Labertasche um einen Gefallen bitten. Pingel musste sicher arbeiten und bekam womöglich einen Tobsuchtsanfall, wenn ich ihn fragte.
Überhaupt - Altwarben, das Hexenhaus, Sommernächte mit quakenden Fröschen - das würde mich bloß unnötig durcheinanderbringen. Ich hatte einen Job zu erledigen, mehr als eine drittel Million stand auf dem Spiel! In meiner Küche arbeitete die Wapotec-Kanone, an der Decke hingen noch gut einhundert getrocknete Stauden, die danach schrieen, dass ich sie pusselte. Mein Platz war hier, in meinem Verlies - nicht in Dietmars Paradiesgarten!
Die traurige Wahrheit hinter diesen vernünftig klingenden Erwägungen war, dass ich nach der Verwechslungsgeschichte an Dietmars Geburtstag eine Heiden-Angst hatte, einmal mehr baden zu gehen. Tine! Sofort stand sie wieder vor mir - zwischen Biertonne und Grill. Ich spürte ihren Duft in der Nase, sah uns die Lindenallee entlang spazieren, vorbei am Gutshaus, hinunter zum See. Selbst das Konzert der Frösche klang mir in den Ohren.
An eben jenem Mai-Wochenende, während ich in meiner Bude hockte und verbissen Marihuana pusselte, fand Tine ihren Mann fürs Leben. Während des Festes ging Dietmar mit ihr von einem zum anderen, um sie zu verkuppeln. Inzwischen ist sie schwanger.
Dietmar fühlte sich schon immer dafür verantwortlich, dass wir alle unser Glück fanden. Bei mir gab er sich ganz besonders Mühe. Um mich zu seinem nächsten Fest anlässlich des Herrentags zu laden, beließ er es nicht bei einer SMS. Er rief an.
„Mensch Pratze, alter Vorzeigeknuffer! Lass die Arbeit Arbeit sein und komm raus nach Altwarben. Ich veranstalte eine kleine Herrentagsparty, garantiert nicht damenfrei!“ - agitierte er mich mit brutaler Herzlichkeit.
„Ich garantiere dir einen glühenden Grill, und die Wassertonne ist bis oben mit Bierflaschen gefüllt. Die Suse ist übrigens auch da“, streute er die nächste Ladung Salz auf meine wunde Seele. „Die Suse, weißte doch, die von der Pharmazie!“
Die üppige Suse mit dem Schlafzimmerblick - ich hatte mich nie getraut, sie anzusprechen, und Dietmar legte sie mir auf den Präsentierteller! Garantiert hatte er längst vorgehorcht, was sie so von mir hielt. Dietmar war keiner, der einen ins offene Messer rennen ließ.
Es war zum Heulen! Ich konnte seine Einladung nicht annehmen! Da war ein Gatter in meinem Kopf, und es war unten, hoffnungslos. Ich war eingesperrt, ohne Chance auf Begnadigung, bevor die OPERATION WIESENHÜGEL erfolgreich ausgestanden war.
„Ist echt schade“, brummte ich in den Hörer, „nächste Woche kommen die neuen Bauteile. Glaub nicht, dass mich die Lederhosen da weglassen.“
„Probier′s wenigstens!“, ließ Dietmar nicht locker. „Wird dir gut tun, einfach mal abschalten!“
„Ja klar, danke für die Einladung“, beendete ich das Gespräch und nahm eine Ladung Girls von der Leine.
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Labers Wohnungsübernahme ging ebenfalls nahezu problemlos über die Bühne. Natürlich hatte die Frau von der Hausverwaltung etliche Fragen, die unzähligen Bohrlöcher an Decke und Wänden des Anlagenzimmers betreffend. Der Junkie soll darauf nur gemeint haben, dass das alles schon so ausgesehen hätte, als er eingezogen sei. Das Zimmer habe er im übrigen nie genutzt. Stimmte ja auch. Einen feuchten Kehricht hatte er sich um das Wohl unserer Mütter geschert!
Die von der Hausverwaltung habe komisch geguckt - aber schließlich ihren Segen gegeben. Sicher war sie heilfroh, die Bruchbude so glimpflich neuvermietet zu haben. Auch wir konnten zufrieden sein. Wir waren den Junkie los und hatten die Mu-Ki-Anlage unter unseren Fittichen - streng legal und hoch offiziell.
Nach dieser Geschichte hatte ich endgültig die Schnauze voll vom nervtötenden Auf- und Abbau der Anlagen. Anders meine Kollegen.
„Wir stellen bei Holger eine Anlage auf!“, verkündete Schussel, als er wieder einmal aufkreuzte, um mir eine Ladung Barren abzukaufen. „Ist ein super Ausgleich, weißt? Jetzt, wo Labers Dunkelkammer vom Netz ist.“
„Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?“, murrte ich, „und wer um Himmels Willen ist Holger?“
Schussel zuckte die Schultern. „Ein Kumpel. Hat mir schon manches Hek abgekauft, weißt? War doch total in Ordnung von ihm, dass wir unsere Muttis unterstellen konnten.“
„Was konnten wir?“
„Na die Mutterpflanzen! Als wir sie evakuieren mussten, haben wir sie fix zu Holger geschafft, weißt? Bei der Gelegenheit kam uns die Idee, eine Anlage bei ihm aufzustellen.“
Daher wehte also der Wind. Dieser Holger hatte die Mutterpflanzen unter der Bedingung aufgenommen, dass wir ihm eine Anlage spendierten.
„Der hat uns in der Hand, Chico“, bestätigte die Labertasche meine Vermutung. Das Geschäft war abgemachte Sache. Schussel erleichterte unsere geschundenen Mütter um zweihundertfünfzig Stecklinge. Pingel erklärte sich zähneknirschend bereit, das Ding aufzubauen.
Damit diese Geschichte nicht noch mehr an unserem Gewinn fraß, wollte er die Bauteile von Labers Dunkelkammer verwenden. Natürlich dauerte es ewig, bis Schussel defekte oder fehlende Teile neu beschafft hatte. Selbstredend mussten die Stecklinge wieder viel zu lange in ihren Steinwollblöcken ausharren. Längst hatten die Pflänzchen diese durchwurzelt. Als Schussel sie in die Anlage brachte, waren die meisten schon ordentlich angeschimmelt. Schussel winkte ab: „Ist schon o.k. so, weißt?“
Zwei Wochen später war der vermehrte Blattfall selbst für ihn nicht mehr zu übersehen. Schussel nahm Holgers Anlage vom Netz, ging ein zweites Mal zu den Müttern und dezimierte sie um weitere zweihundertfünfzig Stecklinge.
Ich hatte endgültig genug von seinen Ideen. Auch Labers großmäuliges Getue konnte ich im Moment nicht gebrauchen. Um meine Stimmung nicht weiter in die Miesen zu drücken, mied ich die beiden, wo ich nur konnte.
Der Einzige, der mir nicht auf die Nerven ging, war Pingel. Mochte er sich noch so vermuffelt und grimmig geben, auf ihn konnte ich mich wenigstens verlassen - einmal abgesehen von seinen gelegentlichen Aussetzern. Bekam er ein Problem, legte er selbst Hand an, es zu lösen.
Allerdings war Pingel momentan auch nicht gerade der wandelnde Sonnenschein. Er arbeitete viel auf den Messen, schlief kaum und schien auch sonst, Lydia hin, Lydia her, nicht gerade bester Dinge zu sein. Um sich halbwegs fit zu halten, kokste er. Knurrte sein Magen, schaute er beim FETTIGEN HORST vorbei. Ich beschloss, ihn mal wieder zum Essen einzuladen. Ihm würde es gut tun, und ich hatte zur Abwechslung etwas Gesellschaft. Ich kam mir auch gar nicht mehr komisch vor, als ich in der Küche stand und Großmutters Kartoffelgericht zubereitete.
Kurz darauf saß mir Pingel gegenüber und verschlang gierig Bratkartoffeln.
„Die nimmt dir keiner weg“, versuchte ich, ihn zu einer zivileren Form der Nahrungsaufnahme zu bewegen - vergeblich. Ich schob meinen Teller beiseite. Über den schlingenden Kahlkopf hinweg stierte ich zur Wand.
Was für ein Leben! Ich kam nicht aus der Bude raus, kannte keine Freunde mehr, von Frauen ganz zu schweigen, draußen begann der Frühling, und ich saß hier mit einem Kerl, der laut schnaufend Bratkartoffeln vertilgte.
„Musst du unbedingt so schlingen?“
Pingel hielt inne, griente mich kauend an. „Da schaffe ich mehr“, murmelte er mit vollen Backen und haute wieder rein.
Ich hätte meinen Teller an die Wand klatschen können, doch ich riss mich zusammen. Schließlich war ich auf Pingels Mitarbeit angewiesen. Nicht auszudenken, wenn er seine Drohung, aus der Firma auszusteigen, wirklich wahrmachte.
Als er alles Essbare von seinem Teller heruntergespachtelt hatte, lehnte er sich zurück und machte sich an den Bau eines Joints.
„Kaffee?“, fragte ich.
Er nickte.
„Was willst du eigentlich machen mit deinem Geld?“, fragte ich, als wir vor unseren Tassen saßen. Pingel sog genüsslich den Rauch in die Lungen. „Am liebsten abhauen“, brummte er, „weit weg von dem ganzen Schiet hier, in die Staaten vielleicht.“
Er schloss die Augen. „Würde mir′n Stück Land kaufen, irgendwo im Süden. Eine eigene Ranch, auf der ich die Waffengewalt hab, klar?“
„Und was machst du da, den lieben langen Tag?“
„Gras anbauen, aber ganz auf die Ruhige! Den Pissern, die auf die Idee kommen, mir auf′n Sack zu gehen, würde ich schon zeigen, wo′s langgeht!“
„Wie kommst du gerade auf die USA?“, hakte ich nach, ehe er näher darauf eingehen konnte, wie er mit denen verfuhr, die es darauf anlegten, ihn auf seinem Anwesen zu stören.
Pingel streckte die Beine aus. „War mal drüben, vor paar Jahren, zusammen mit Laber. Super Trip! Immer geiles Wetter, der Highway so weit, dass du kein Ende siehst, coole Musik aus′m Autoradio - und immer genügend Dope da.“
„Dort gekauft?“
Pingel sah mich an, als hätte ich ihn etwas äußerst Obszönes gefragt. „Bin doch nicht lebensmüde, und lass mir von irgend nem abgedrehten Crack-Nigger gepanschtes Schit verticken! Nee, nee, Pratze, das Gras haben wir schön aus Deutschland mitgebracht.“
Ein Lachen gluckste aus ihm heraus. „Schussel hat′s uns vertickt. Bei der Gelegenheit haben wir ihn kennen gelernt. War der einzige, der gepresste Barren im Angebot hatte. Im Zeltsack haben wir sie rübergeschmuggelt.“
Ich schluckte. „Und wenn sie euch erwischt hätten? Soweit ich weiß, verstehen die Amis da keinen Spaß!“
Pingel griente. „Haben uns aber nicht erwischt.“
„Aber, wenn? Was wäre gewesen, wenn sie euch doch erwischt hätten?“
„Was weiß ich? Hätten wir eben erzählt, dass wir das Zelt erst am letzten Abend in Deutschland gekauft haben, in Kreuzberg, bei nem alten Türken, klar?“
Pingel beugte sich über den Tisch zu mir rüber. „Pass mal auf, Pratze“, murmelte er mit weicher Stimme, „dein Problem ist, dass du alles immer so pessimistisch siehst.“
Er sah mich eine Weile schweigend an, dann schüttelte er den Kopf: „Das tut nicht gut ... auf Dauer.“
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Die Nacht bekam ich kein Auge zu. Meine Wut auf die fahrlässige Labertasche hielt mich immerhin davon ab, mir vor Angst in die Hosen zu machen oder in einer Panikattacke die Polizei anzurufen: „Mein Name ist Michael Pratzke, ich bin Marihuanabauer und möchte mich gern stellen. Sie brauchen mich nicht abzuholen, ich komme vorbei, da hab ich′s hinter mir.“
Würde ich das morgen durchstehen? Was, wenn dieser Besichtigungstermin tatsächlich eine Falle war und mich statt eines Mitarbeiters der Hausverwaltung eine Hundertschaft Polizei, angeführt von einem Einsatzleiter der Drogenfahndung, erwartete?
Im Morgengrauen bekam ich für eine halbe Stunde die Augen zu. Beim Aufwachen war ich mir sicher: Ich werde nicht den Selbststeller geben, sondern kämpfen.
Noch völlig übermüdet begab ich mich gegen Mittag auf den Weg ins Neubau-Ghetto. Die Sonne schien freundlich auf die Stadt herab. Wie sorglos die Leute aussahen, die an mir vorbei liefen! Wo würde ich das Ende dieses Tages erleben? Führte mich mein nächster Spaziergang die Wände eines Gefängnishofs entlang?
Reiß dich zusammen, Pratzke, es geht um mehr als eine drittel Million! Ich hatte eine Aufgabe vor mir, die es zu lösen galt - und Schluss! Mein Schritt wurde forscher.
Wenige Meter weiter fielen die nächsten Zweifel über mich her. Brachte ich meine Rolle als Baulude glaubwürdig rüber? Was, wenn dieser Hausverwaltungstyp den Schwindel witterte - wenn er partout in das andere Zimmer wollte?
Vorm Eingangsportal stand ein Mittvierziger im karierten Hemd und rauchte. Erstaunlich kräftig war der Typ. Seine Linke hielt eine abgeschabte, braune Ledertasche.
Die Aufregung ließ meine Hände zittern. Ich steckte sie in die Taschen meiner Arbeitshose, die ich in der Nacht mit Kettenschmiere präpariert hatte. Im feinsten Bauluden-Schlenderschritt nahm ich Kurs auf meinen Gegenspieler.
„Tach! Sind Sie der Kollege vonner Hausverwaltung?“, präsentierte ich ihm meine sorgsam zurechtgelegten Begrüßungsworte.
„Aber klar doch!“, erwiderte er mit markiger Vorarbeiterstimme und reichte mir seine Pranke. Sein Händedruck ließ meine Knochen knacken.
„Ich hoff doch, die ham hier nen Fahrstuhl!“, verschleierte ich mein Wissen um den kaputten Lift.
„Wir werden sehen.“ Der Verwaltungsmann ließ seine Kippe fallen und zerdrückte sie unter der Schuhsohle. Wir gingen rein, vorbei an den Briefkästen, zum Fahrstuhl. Der Verwalter drückte auf den Aufzugsknopf. Es rumpelte im Schacht - die Türen taten sich auf! Fassungslos stand ich vor der Kabine.
„Kommse, kommse, wir essen zeitig!“, donnerte der Verwalter.
Lautes Quietschen, als er die Tür zuzog, alsdann erschütterte heftiges Ruckeln die Kabine. Ab ging′s nach oben.
Verstohlen betrachtete ich meinen Gegenüber und nahm zur Kenntnis: Das war ein Berserker mit windgegerbtem Gesicht, wie ich es von Seglern kannte. Ich sah es vor mir, wie er mir seine Aktentasche in die Hand drücken und mit einem lässigen Tritt die verschlossene Zimmertür zur Preisgabe unseres Geheimnisses zwingen würde. Warum funktionierte der schrottige Fahrstuhl so plötzlich? War dieser Kerl wirklich von der Hausverwaltung? Ein erneuter Ruck erschütterte die Kabine. Mein Gegenüber riss die Tür auf.
Unsere Schritte hallten über den Kompanieflur. Vor Pingels Tür blieben wir stehen. Betont umständlich kramte ich den Wohnungsschlüssel aus meiner Hose. Den Schlüsselring hatte ich mit einem ölverschmierten Pappschild versehen, auf dem Pingels Adresse stand.
„Ich glaub, der isses.“ Ich wartete das Nicken des Verwalters ab und steckte den Schlüssel ins Loch.
Ich kam gar nicht erst dazu, mein vorbereitetes „keine Ahnung, um welches Zimmer es hier eigentlich geht“ zu bringen. Der Verwaltungstyp war im Anlagenzimmer, ehe ich Piep sagen konnte. Hatte er den Braten gerochen? Mit angehaltenem Atem dackelte ich ihm hinterher.
Pingel hatte ganze Arbeit geleistet. Die Ausstattung des Raums glich original der, in welcher wir neulich beieinandergesessen hatten. Pingel hatte sogar ein zweisitziges Sofa aufgetrieben, um das Ganze ein bisschen wohnlich aussehen zu lassen. Die Löcher in der Raufaser waren mit Silikon verschmiert, der Fußboden mit graugrüner Auslegeware bedeckt. Nichts deutete darauf hin, dass hier bis vor ein paar Stunden eine Marihuana-Aufzuchtanlage gearbeitet hatte.
Derart ermuntert, sog ich vorsichtig etwas Luft durch die Nase ein. Sie roch nach WC-Frisch, kein bisschen nach Dope.
Der Wohnungsverwalter hockte in der Ecke vor dem Heizungsrohr. Er nestelte am Fußbodenbelag, knurrte etwas unverständliches. Plötzlich wandte er sich um und fixierte mich mit einem Blick, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Ich sage Ihnen!“, donnerte er los, „wenn dieser Wasserschaden durch Pfusch bei der Ausführung der Fassadenarbeiten zustande gekommen wäre!“
Damit erhob er sich und stapfte in den Flur. Ich brauchte einen Moment, zu begreifen, dass seine plötzliche Strenge wohl meinem Handwerkerkostüm geschuldet war. Meine Verkleidung hatte bewirkt, dass er in mir den Komplizen aller schludernden Baufirmen sah.
Unheilvolles Klappern drang an mein Ohr.
Ich trat auf den Flur - das Herz blieb mir stehen. Der Berserker hatte sich vor Pingels „Verbotenem Zimmer“ aufgebaut und rüttelte entschlossen an der Türklinke.
„Da weiß ich jetzt auch nicht weiter“, schrie ich fast. „Mein Chef hat mir nur den Wohnungsschlüssel gegeben.“
Der Verwalter hielt inne. Wieder durchbohrte mich sein Blick.
Ich zuckte mit den Schultern in bester Schussel-Manier und deutete auf die Papptür. „Soweit ich weiß, stehen da die Sachen von seiner Ex drin. Leben in Trennung, die beiden. Sie hat sich da bisschen blöd, wissen Sie? Hat wahrscheinlich Schiss, dass was wegkommt von ihren Plünnen.“
„Kannst du machen nichts, musst du gucken zu“, brummte der Verwalter. Seine Pranke glitt von der Klinke. „Ist eben immer das gleiche Theater.“
Mit schleppendem Schritt tappte er Richtung Wohnungstür. Meine Bemerkung hatte offenbar gnadenlos seine wunde Stelle freigelegt. Das tat mir leid, aber darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen.
Die Hand schon an der Wohnungstür, hielt der Berserker plötzlich inne. Kopfschüttelnd wühlte er ein dickes Schlüsselbund aus seiner Aktentasche und machte kehrt.
„Aber, das geht doch nicht!“, fuhr ich ihn an, vor lauter Aufregung wohl etwas zu heftig. „Ich meine , die Frau macht einen Höllen-Stress, so, wie die gerade drauf ist! Der Meister hat da immer mal was gucken lassen, wenn Die mal wieder Telefonterror in der Firma gemacht hat, wissen Sie?“
Der Berserker hielt inne, überlegte einen Moment - dann winkte er ab und wandte sich erneut dem Ausgang zu. Hatten mich die guten Geister doch noch nicht verlassen! Nun brauchte ich bloß noch die gemeinsame Fahrstuhlfahrt zu überstehen.
„Wie spät iss′n?“, fragte ich, nachdem ich die Stahltür zugedrückt hatte und sich die Kabine ruckelnd auf den Weg nach unten begab.
„Zehn nach Zwei“, murmelte der Verwaltungsmann.
„Mensch, super!“ Endlich hatte ich einen offiziellen Grund zum Jubeln.
Der Verwalter hob seinen Blick. „Was iss′n daran super?“
„Das perfekte Timing! Es ist jetzt so spät, dass es keinen Sinn mehr macht, noch mal auf der Baustelle aufzukreuzen, weißt? Das heißt: Feierabend für heute!“
Der Verwalter nickte mir zu, offensichtlich ein wenig neidisch. Dann waren wir unten. Ich ließ mir noch einmal die Hand quetschen und sah zu, dass ich Land gewann.
Zwei Häuserecken weiter rief ich Pingel an, um ihm zu sagen, dass er nach Hause kommen konnte. In meiner Bude angelangt, pellte ich mir die Arbeitsklamotten vom Leib und ließ mich aufs Bett fallen. Ich war mindestens so erledigt wie nach einem langen, schweren Arbeitstag auf dem Bau.
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Somit war unsere geschrumpfte Mannschaft wieder an Deck. Die Operation Wiesenhügel konnte weitergehen - nur noch mit der Hälfte der Pflanzen, aber immerhin. Meine Indoor-Ernte war unter Dach und Fach, die Anlage deaktiviert. Erst in gut einer Woche würde ich sie wieder in Betrieb nehmen, um die Stecklinge für die alles entscheidende Outdoor-Aktion vorzuziehen.
Bis dahin bedeutete sie keine Gefahr für mich, und ich hatte genügend Zeit, das „Verbotene Zimmer“ zu desinfizieren, Tische und Wasserschläuche zu reinigen, die Wände vom Schimmel zu befreien und vor allem, endlich einmal zur Ruhe zu kommen.
Die Zeit war mir noch längst nicht zu lang geworden, als mein Handy piepte.
„Tach! Schön, deine Stimme zu hören“, begrüßte mich Pingel ungewohnt herzlich. „Ich brauch deine Hilfe.“
„Was gibt′s denn?“
„Erinnerst du dich an meinen Wasserschaden?“
„Die Geschichte mit dem Teppich?“
„Genau, der Teppich“, knurrte Pingel, nun doch wieder miesepetrig. „Hab nen Schrieb von der Hausverwaltung gekriegt. Die wollen sich meine Bude angucken. Hab denen gesagt, dass das schon ewig her ist, aber Schietkram, die wollen trotzdem kommen. Halb zwei, morgen Nachmittag.“
„Die wollen ins Anlagenzimmer?“
„Klar ins Anlagenzimmer!“, erwiderte Pingel. „Hab die Anlage ins andere Zimmer geschafft. Ist bloß so, dass ich morgen zu dem Verwaltungs-Fuzzy schlecht sagen kann, ich hab keinen Schlüssel für das andere Zimmer - falls der das auch sehen will, klar?“
Das konnte er wirklich nicht.
„Hab denen erzählt, dass ich auf Montage bin, aber einem aus der Firma die Schlüssel in die Hand drücke, dass er den Verwalter in meine Wohnung reinlässt, klar?“
„Klar, und an dem Schlüsselbund, das du deinem Arbeitskollegen gibst, fehlt natürlich der Schlüssel für das Anlagenzimmer ... weil da die Sachen von Lydia drinstehen!“
„Genau so! Also, bis morgen zur Schlüsselübergabe“, beendete Pingel das Gespräch.
Das klang nicht nach Erholung. Zumindest die unangenehme Arbeit der Anlagenevakuierung hatte Pingel bereits erledigt!
Ich hatte kaum das Handy weggelegt, da wurde meine Wohnungstür aufgeschlossen. Ein entgeistert dreinblickender Laberkopf stand im Flur und wedelte einen bedruckten Wisch durch die Luft.
„Du kommst sofort mit nach Wiesenhügel! Außerdem rückst du auf der Stelle die verdammte Wapotec-Kanone raus, oder es gibt ein Unglück, claro?“
Ich sah ihn verständnislos an. Was sollte das werden?
„Es brennt, Chico, und zwar gewaltig! Hier, lies selbst!“ Er hielt mir den Wisch hin.
Das Schreiben kam von der Hausverwaltung seiner Maisonette-Wohnung. Mieter hatten sich über einen dumpfen Geruch im Hausflur beschwert. Der Sache auf den Grund zu gehen, wünschte man umgehend eine Wohnungsbesichtigung.
Ich stand starr vor Schreck. Pingels Anruf, Labers Brief - war das ein dummer Zufall oder der untrügliche Beweis dafür, dass sich die Schlinge um unsere Hälse zusammenzog? Hatte Schussel ausgepackt, um seine Haut zu retten? Nach der Handy-Geschichte traute ich ihm alles zu.
„Die Wapotec-Kanone nehme ich gleich mit!“, plärrte Laber in mein Ohr. „So, und jetzt zieh dich an! Dalli, dalli, ich warte unten.“
Er machte kehrt und schickte sich an, einen grandiosen Abgang auf meine Dielen zu legen.
Mein „Schnauz hier bloß nicht so rum!“ ließ ihn abrupt innehalten. Er drehte sich auf den Hacken um und sah mich verdutzt an. Auch ich war verunsichert. Es war das erste Mal, dass ich ihm die Stirn geboten hatte. Ich spürte, wie Laber durch mein Zögern wieder Oberwasser bekam.
„Du bist der Letzte, der hier das Maul aufzumachen hat!“, grollte ich, gerade noch rechtzeitig. „Weil dir der Arsch auf Grundeis geht, brauchst du hier noch lange nicht den Affen machen. Und die Kanone bleibt hier! Im Gegensatz zu dir hab ich die ganze Bude voller Girls hängen!“
„Ist ja gut“, erwiderte Laber mit erhobenen Händen.
„Und die Geschichte mit deiner Hausverwaltung ist nur die Spitze des Eisbergs!“, machte ich weiter. „Pingel hat den gleichen Mist an der Backe, und darüber reden wir jetzt, zu dritt!“
Laber nahm die Hände runter, ging in die Küche und ließ sich am Tisch nieder. Ich zückte mein Telefon. Es war mal wieder höchste Zeit für eine Krisensitzung.
„Was denn nun schon wieder“, drang Pingels Brummstimme an mein Ohr. „Hab doch gesagt, ich komm morgen mit dem Schlüssel vorbei!“
„Es geht nicht um den Schlüssel! Wir haben ein neues Problem. Die Quartiermacher von Nummer zwei machen Ärger!“
„Man, wovon sprichst du? Geht′s auch auf deutsch?“
„Labers Hausverwaltung wünscht eine Wohnungsbesichtigung, und zwar umgehend. Ist das deutsch genug?“
Vom anderen Ende drang Gefluche. „O.k., kommt vorbei“, meldete sich Pingel zurück.
„Das halte ich im Moment für zu gefährlich.“
„Ist ja gut!“, stöhnte er auf. „Ich komme rum.“
„Spinnst du?“, fuhr ich ihn an. „Du kommst her, und in deinem Schlepptau marschieren die grünen Männchen, oder was? Nee, nee, wir treffen uns draußen, auf neutralem Boden!“ Ich schaute auf die Uhr. „In einer Stunde auf dem Deichweg, in Ordnung?“
„Nu mach mal halblängs“, knurrte Pingel.
„Hast du ne Macke, Chico?“, rief Laber aus der Küche.
„Kapiert ihr′s nicht?“, brüllte ich um mich, „das ist kein Spaß mehr!„
Ich hatte mich derart ereifert, dass es klingelte in meinen Ohren. Mein Hals war so eng, dass ich kaum Luft bekam.
„Ist ja gut“, erklang Pingels Stimme aus weiter Ferne. Sicher hielt er das Telefon von sich weg. „In einer Stunde vor den Speichern, in Ordnung?“
„In Ordnung“, röchelte ich und drückte das Handy aus. Als ich aufblickte, sah ich in Labers Augen. Sie blickten ungewohnt ängstlich.
„Alter, das wird schon wieder“, murmelte er schüchtern. „Hab mitgehört. In einer Stunde am Kanal.“
Damit wandte er sich zum Gehen. Die Finger auf der Türklinke, drehte er sich noch einmal um. „Chico, ich werde da sein.“
„Wart mal!“ stoppte ich seine Hand.
„Was denn noch?“
„Wieso sollte ich eigentlich mit nach Wiesenhügel kommen?“
„Na ja“, druckste Laber, „unser Junkie ist zu einer Art Nobelbehausung gekommen. Hat auf Rügen ne Hütte geerbt und will jetzt die Flocke machen.“
„Na, und?“
„Für den Fall hatten wir doch ausgemacht, dass ich die Mu-Ki-Bude übernehme.“
„Ja, und weiter?“
„Morgen früh ist Wohnungsübergabe.“ Laber zuckte die Schultern. „Die Hausverwaltung besteht auf einem Besichtigungstermin.“
Die Kiesel knirschten unter meinen Füßen. Die Sonne versank in den Wiesen hinterm Kanal. War die Ruhe des Deichwegs der trügerische Vorbote des über uns hereinbrechenden Orkans? Mit Ausnahme von meiner waren all unsere Anlagen bedroht. Drei Hausverwaltungen verlangten innerhalb eines Tages mit unterschiedlichen Begründungen den Zutritt zu den Anlagenzimmern. Ein Träumer, wer da an Zufall glaubte.
Obendrein hätte ich Laber eine reinhauen können für die Unverfrorenheit, mit der er mich für den Abbau der Mu-Ki-Anlage einteilen wollte. Das Ding bis morgen früh verschwinden zu lassen, war kein Pappenspiel - aber wo hatte Laber gesteckt, als ich seine Hilfe gebraucht hatte?
War uns überhaupt noch zu helfen? Ich schaute in das rot leuchtende Wasser zu meiner Linken. War diese Musterausgabe eines Sonnenuntergangs der letzte, den ich ohne Gitter vor der Nase erlebte?
Mir Mut zu machen, schritt ich schneller aus. Bald erblickte ich zur Rechten die Umrisse der Speichertürme. Zwei Gestalten lungerten auf dem Deichweg herum - der eine dünn, der andere massig. Irritiert warf ich einen Blick auf meine Armbanduhr. Meine Kollegen waren überpünktlich. Offenbar ging ihnen eben so die Muffe wie mir. Der Himmel über den Speichern hatte sich unterdessen bedrohlich schwarz gefärbt. Schon immer hasste ich die Wechselhaftigkeit des April.
„Schönen Dank für die Einladung, Hombre!“ Laber deutete nach oben. „Sobald es anfängt zu pissen, siehst du mich von hinten, und zwar directamente!“
„Ich würde noch lauter brüllen“, fauchte ich und drehte mich um. So weit ich erkennen konnte, war mir niemand gefolgt. Auch auf der anderen Seite des Deichwegs war keine Menschenseele zu sehen.
„Die Bullen sitzen in ihren Wannen und amüsieren sich über unser Stelldichein“, versuchte Laber einen Witz. Nicht einmal er konnte darüber lachen.
Pingel kaute auf seiner Unterlippe, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Blick verriet Ratlosigkeit. In meinem Kopf sah es nicht besser aus.
„Bleibt mal ganz unruhig, Chicos!“, beendete Laber das Schweigen. „Das ist nur ein dummer Zufall, comprende?“
„Du meinst, ne dumme Aneinanderreihung von Zufällen“, murrte Pingel.
„Wir haben keine Wahl.“ Meine Stimme klang ungewohnt fest. „Ob wir wollen, oder nicht, wir müssen das Spiel mitspielen, das diese Hausverwaltungen, und hoffentlich nur die, mit uns spielen.“
„Soweit geh ich mit, Hombre“, erwiderte Laber. „Was heißt das im Klartext?“
„Dass du es genau so machst wie Pingel. Du kennst seine Geschichte?“
Laber und Pingel nickten.
„Du meinst, ich rufe die Hausverwaltungs-Chicos an, flüstre ihnen, dass ich grad auf Derby bin und mich melde, sobald ich wieder im Lande weile?“
„Genau so!“, knurrte Pingel. „Bis dahin pennst du in der Mu-Ki-Bude. Wir ernten deine Anlage ab, demontieren alles, und wenn diese Fuzzys deine Bude betreten, hat′s die Dunkelkammer nie gegeben.“
Nun war es an mir und Laber, zu nicken. Saß uns die Polizei tatsächlich im Nacken, waren wir geliefert. Falls nicht, würden wir durch dieses Manöver die nötige Zeit gewinnen, zumindest Labers Anlage verschwinden zu lassen.
Ungünstiger lag der Fall bei der Mu-Ki-Anlage sowie bei Pingels Bude im Tower. Hier gab es kein Zurück. Die morgigen Termine waren nicht mehr zu stoppen. Sie mussten ausgestanden werden - letzterer von Michael Pratzke als Ausputzer.
„Was ist mit der Mu-Ki-Anlage?“, fragte ich.
„Wird in den Keller umgelagert“, erwiderte Laber. „Schussel ist schon dabei.“
„Und die Mütter?“
Die gut zwei Meter großen Pflanzen waren das schwerwiegendste Beweismittel gegen uns. Trotzdem konnten wir sie nicht entsorgen. Sie bildeten die Basis für unsere große Outdoor-Aktion.
„Die Mütter kommen an einen sicheren Ort“, tönte Laber, als könne er meine Gedanken lesen.
„Kümmert sich Schussel drum“, fügte Pingel hinzu.
Schussel? Sollte ich mich über diese Nachricht freuen? Allerdings hatte ich auch keine bessere Idee auf Lager.
„Damit sind wir ja wohl durch“, meldete sich Pingel zu Wort. „Wir kümmern uns um die Mu-Ki-Anlage, und du machst Feierabend“, wandte er sich an mich. „Hast ja Morgen deinen großen Auftritt.“
Er hielt mir seinen Wohnungsschlüssel hin. Zitternd griff ich danach und verstaute ihn in meiner Hosentasche.
„Lass mal, Hombre“, sagte Laber mit tröstender Stimme, „wenn die uns auf′m Kieker haben, nehmen sie morgen nicht nur dich hopps.“
"Kriegste schon hin, den Schietkram", brummelte der Pingelige.
Mir war übel, meine Knie zitterten, und ich wünschte mir, noch einmal die Vorschule wiederholen zu dürfen.
„Ist doch eh sinnlos, das Ganze“, machte ich meinem Herzen Luft.
„Wieso?“, fragten meine Kollegen im Chor.
„Mann! Drei Wohnungsverwaltungen an einem Tag, das ist doch nie und nimmer ein Zufall.“
Laber schüttelte den Kopf. „Sind nur zwei“, sagte er leise, „das mit der Mu-Ki-Bude weiß ich schon seit zwei Wochen.“
In diesem Augenblick begann der Regen.
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