Von allen verkorksten Frühlingstagen war der Herrentag der schlimmste. Seit Wochen war es herrlich warm, selbst spät am Abend konnte man getrost im T-Shirt rumlaufen. Die Witterung lud alle in der Stadt Gebliebenen ein, im Biergarten zu sitzen oder, wenn man wie ich übertrieben sparsam war, am Boddenstrand zu liegen und den Beach-Volleyballerinnen zuzuschauen. Die Frauen zeigten bereits erstaunlich viel Bein...
Es war ein solcher warmer Abend, und ich schaute nicht nach Frauenbeinen. Ich lümmelte nicht am Bodden und saß auch nicht im Biergarten. Zusammen mit Pingel befand ich mich auf dem Weg in die Mu-Ki-Anlage. Pingel hatte mir am Telefon barsch mitgeteilt, dass das Herzstück dringend unserer Hilfe bedürfe.
Ich war sauer auf Laber. Die Pflege der Mu-Ki-Anlage war seine Aufgabe. Gerade jetzt, da wir uns aufmachten, den durch seine Schlampigkeit entstandenen Schaden zu beheben, war er mit Silvana nach Amsterdam gedüst. Und wir Daheimgebliebenen hatten seine Arbeit an der Backe!
Anders als der Pingelige hatte ich mich zähneknirschend mit einem weiteren versauten Feiertag abgefunden. Pingel stapfte neben mir durch die laue Nacht und wurde nicht müde, gegen Laber gerichtete Flüche auszustoßen.
„Dem hau ich paar in die Fresse“, schnaufte er und spuckte aufs Straßenpflaster. „Soll mal in meine Reichweite kommen, dem klopp ich das Gesicht dick, klar?“
Ich hörte längst nicht mehr hin, nickte nur von Zeit zu Zeit und ließ meinen Gedanken ihren Lauf. Im Nu war ich weit weg von dem brabbelnden Glatzkopf neben mir, der Stadt am Bodden, unserer ganzen, vertrackten Operation. Mich umgab nur noch die warme Mainacht. Seidenweich strich die Luft über meine Haut. Ich kniff die Augen zusammen und sah Marion. Nackt stand sie vor mir im Mondlicht. Ich konnte es fühlen, wie sich ihr schwarzer Flaum langsam aufrichtete - wie immer, wenn ich meine Hand über ihre Haut gleiten ließ. Jetzt war es der Wind, der uns beide streichelte. Gleich würde ich sie in meine Arme schließen - und sie zuckte zusammen, weil ich sie auf eine bestimmte Stelle ihres Nackens küsste.
Um ein Haar wäre ich mit voller Wucht gegen Pingel gerammt. Aus heiterem Himmel hatte er seine Laufrichtung geändert. Ich riss die Augen auf und registrierte, dass wir die Tordurchfahrt zum vollgemüllten Hinterhof erreicht hatten. Ich war zurück in Wiesenhügel.
Muffige Treppenhausluft schlug uns entgegen. Wir stiegen die knarrenden Stufen zu Labers Zweitwohnung rauf. Pingel fluchte, weil er den Schlüssel nicht gleich fand.
Die Bude machte einen aufgeräumten Eindruck. Flur, Küche und Wohnzimmer hatte Laber, sicher auf Druck von Silvana, halbwegs wohnlich hergerichtet.
Um so schockierender der Anblick unserer Anlage: Massenweise vertrocknete Blätter hingen an den Müttern herab. Viele der noch grünen Blätter waren silbrig gesprenkelt.
„Ungeziefer“, kam es matt über Pingels Lippen. Seine Wut hatte beim Anblick der gebeutelten Pflanzen totaler Niedergeschlagenheit Platz gemacht. Ich spürte ein Drücken in meiner Brust. Wo sollten wir anfangen? Gab es hier überhaupt noch was zu retten? Waren wir nicht viel zu spät?
Wir nahmen die Pflanzen aus der Anlage heraus, um sie - eine jede einzeln - gründlich zu pflegen. Zuerst entfernten wir die trockenen Blätter, damit sich zusammen mit dem abfließenden Gießwasser kein schimmliger Matsch bildete.
Nicht lange, und zu unseren Füßen lag ein riesiger Laubhaufen. Jedes Blatt, um das ich die Mütter dezimierte, tat mir weh. Einige Triebe waren gänzlich abgestorben, bei vier Pflanzen kam jegliche Hilfe zu spät. Wir mussten sie entsorgen, eine kranke Pflanze gefährdete die Gesundheit der übrigen.
Wie sollten wir von den restlichen vitale Stecklinge bekommen? Ich dachte an die fünfhundert Stück, um die Schussel unsere geschundenen Mütter vor kurzem dezimiert hatte und verspürte das dringende Bedürfnis, etwas zu zerschlagen. Wie ging es erst meinem Mitstreiter?
Vorsichtig linste ich zu Pingel rüber. Die Lippen fest aufeinander gepresst, verarztete er fürsorglich seine Patientin.
Wir standen in der hochsommerlich aufgeheizten Mu-Ki-Anlage und mühten uns stumm und verbissen, zu retten, was vielleicht nicht mehr zu retten war. Der Schweiß lief mir in den Hosenbeinen hinab.
Arbeiten, bei denen ich befürchte, dass sie bereits vollkommen sinnlos sind, führen bei mir schnell zu lähmender Apathie. So zuckte ich nicht mal mit der Wimper, als der Pingelige seine Pflanze stehen ließ und grummelnd das Zimmer verließ. Ich hätte auch nicht gezuckt, wenn er nun gegangen wäre, um mal wieder für eins, zwei Wochen abzutauchen.
Pingel kehrte zurück, zwei Flaschen STIER-BIER in der Hand. Er hielt mir eine hin. Die Tropfen, die am Flaschenhals herunterperlten, deuteten darauf hin, dass sie viel Zeit in einem Kühlschrank verbracht hatte.
„Hier“, brummte Pingel, „hat uns die Labertasche dagelassen.“
Die vertrockneten Hanfblätter in meinen Händen glitten zu Boden. Meine Finger umschlossen die kühle Flasche. Wir ließen uns auf dem Fußboden nieder.
Begleitet von einem wohligen Grunzen, streckte Pingel seine Beine aus. Es folgte ein Doppel-Zischen, die Kronkorken fielen zu Boden, und wir stießen an. Ich setzte die Flasche an meine Lippen. Nie zuvor hatte mir ein Bier derart gut geschmeckt.
Wir tranken zügig, in großen Schlucken. Pingel deutete auf die Laubberge um uns herum. „Fast wie Urlaub, was?“
Ich rollte das kalte Glas über meine verschwitzte Stirn. „Ja. Wie in den Tropen, kurz nach einem Hurrikan.“
Pingels Blick ging schräg nach oben zur Zimmerdecke. „Was meinst′n du, Pratze? Soll′n wir den Schiet hier wirklich zu dritt durchziehen?“
„Wie meinst du das?“
„Die Outdoor-Geschichte meine ich, die neuen Standorte! Sollten wir die wirklich alle drei kennen, oder vielleicht besser nur ... wir zwei?“
In meinem Schädel ratterten die Zahnräder. Kannten nur Pingel und ich die Standorte, wäre Laber draußen. Wollten wir uns von ihm trennen, wäre jetzt die letzte Gelegenheit. Wusste er, wo die Girls standen, konnte er uns die Ernte vor der Nase wegklauen.
Pingel saß in seiner Ecke und wartete auf meine Antwort. War es nicht naheliegend, Laber einfach rauszuschmeißen? Bei der Arbeit war er keine Hilfe. Überhaupt, was wollten wir uns nach der Nummer hier noch alles von ihm bieten lassen?
Und wenn er uns bei der Polizei verpfiff? Solange in meinem „Verbotenen Zimmer“ die Anlage stand, war ich in Gefahr - jeden Tag, rund um die Uhr. Und wer sagte mir, dass mich Pingel nicht gerade auf die Probe stellte? Die Beiden kannten sich schon eine Ewigkeit. Das hier war nicht das erste Ding, das sie zusammen drehten.
Pingel stierte noch immer zur Zimmerdecke. Er würde noch Stunden so verharren, wenn es sein musste.
„Komm, wir ziehen das zu dritt durch“, gab ich mir einen Ruck. „Ist vielleicht besser so, für uns alle.“
Pingels Grunzen klang widerwillig. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass er erleichtert war über meine Antwort. Wir tranken aus und widmeten uns wieder unseren Patientinnen.
Wenn wir Pech hatten, gab es am Ende überhaupt keinen Gewinn, über den wir uns streiten mussten. Ein fataler Gedanke! Glücklicherweise war ich zu müde, ihn weiter zu verfolgen.
Ein warmer Frühlingsmorgen nahm uns in die Arme, als wir durch die Toreinfahrt auf die Straße traten. Das Bild der erbarmungswürdigen Pflanzen in meinem Kopf wollte weder weichen, noch einem schöneren Platz machen. Pingel war zu erschöpft zum fluchen.
Nebeneinander her trotteten wir bis zur Uferstraße. Dort trennten sich unsere Wege. Pingels Rechte deutete einen Abschiedsgruß an, dann bog er nach links ab, in Richtung Neubauviertel.
Mein Weg führte weiter geradeaus. Mechanisch bog ich in meine Straße ein. Den Gestank der Krautfabrik nahm ich nicht mehr wahr. Ich öffnete die Haustür und stieg hinauf. Wie ein Stein fiel ich ins Bett. Vielleicht würde ich von der üppigen Suse aus der Pharmazie träumen.
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