Sonntag, 20. Mai 2007
Folge 24 (Woche vom 07.05.07 bis zum 13.05.07)
Pratzke-Homepage

Mairegen auf die Saaten, dann regnet es Dukaten

Auf einmal war es Frühling geworden, und bis zum Wieder-Einschalten der Anlage blieben nur noch ein paar Tage. Nun würde sie beginnen, die alles entscheidende Outdoor-Aktion der Operation Wiesenhügel. Und war bisher auch alles schiefgegangen, was nur irgend schief gehen konnte - neues Spiel, neues Glück! Bedeutete es nicht sogar ein gutes Omen, wenn die Generalprobe danebenging?
Der zu erwartende Gewinn war von einer Halben auf das gute Drittel einer Million zusammengeschrumpft, auch das war noch jede Menge Geld.
Mit Geld bekam ich jetzt überhaupt immer mehr zu tun. Nach Schussels Ausscheiden war ich zum Kassenwart befördert worden. Ich hatte einen halbherzigen Versuch unternommen, mich dem Amt zu entziehen, indem ich auf meine schlechten Erfahrungen aus der Kinderzeit verwies. Daheim im Sportverein hatten sie mich zum Kassieren der Mitgliedsbeiträge verdonnert. Mehr als einmal musste ich einen Groschen von meinem Taschengeld dazu tun, um die Kasse auf Stand zu halten - ein finanzielles Desaster für eine Kinder-Geldbörse.
Hier lag der Fall freilich anders. Es war mir recht, wenn das Geld, das uns Schussel für die Barren zahlte, bei mir landete. Nur so konnte ich sicher sein, dass es meine Kollegen nicht verjubelten. Unsere Einkaufsliste für die Outdoor-Aktion war lang genug: Eine Sense mussten wir anschaffen, dazu einen Spaten zum Ausheben der Pflanzlöcher. Die teuren Nachtsichtgeräte hatten wir ersatzlos gestrichen, aber drei Walkie-Talkies samt Head-Set standen auf der Liste. Mit den Funkgeräten konnten wir uns über kleinere Entfernungen unauffällig verständigen. Außerdem erschienen sie uns sicherer. Wer wusste, ob sie früher oder später nicht wirklich unsere Handys anzapften?
Laber bestand auf Natur-Dünger aus Hornspänen. Weiterhin sei der Einsatz von Bi 58 unumgänglich. Um die Chemikalie auf dem Feld auszubringen, mussten wir eine Pumpspritze besorgen. Wir brauchten spezielle Kartons für den Transport der Pflanzen, dazu leere Kanister, Schafswolle, Arbeitshandschuhe, ein Fernglas, drei Stirnbandlampen zu fünfunddreißig Euro das Stück und ein paar Schäufelchen.

Abgesehen von der Liste war besonders eines wichtig für das Gelingen unseres Unternehmens: Die richtigen Standorte für unsere Girls! Im letzten Jahr hatten die Jungs dabei wenig Sorgfalt walten lassen. So hatten sie auf Schussels Geheiß über hundert Pflanzen rings um einen alten Hochspannungsmast ausgesetzt. Den ganzen Sommer über hegten und pflegten sie sie. Ein paar Tage vor der Ernte waren alle Girls fein säuberlich vom Halm geschnitten. Nicht ein Hanfblättchen hatten ihnen die Diebe da gelassen. Als sie auf dem Feld standen wie eine Touristengruppe, die gerade ihren Bus verpasst hatte, rückte Schussel damit heraus, dass ihm genau an dieser Stelle im Vorjahr das Gleiche passiert sei.
Bei der Standortwahl geht es vor allem darum, dass die Girls optimale Wachstumsbedingungen vorfinden. Draußen, in freier Wildbahn erfahren sie ja längst nicht so viel Pflege und Zuwendung wie in einer Indoor-Anlage. Neue Standorte mussten her, und die Jungs setzten in ihrer Faulheit große Hoffnungen auf mich.
„Mein Kombi steht zu deiner Verfügung“, sagte Laber und streckte mir mit großer Geste die Autoschlüssel hin. Pingel nickte. Es schien ihnen tatsächlich ernst zu sein.

Also steckte ich wie in besten Uni-Tagen meine Nase in Großmutters Bücher. Bei unserer nächsten Zusammenkunft beglückte ich meine Kollegen mit einem Referat, das sich gewaschen hatte.
„Was unsere Girls vor allem brauchen, ist eine schwach saure Bodenreaktion, im Idealfall also einen pH-Wert von Fünf Komma Sieben“, ging ich gleich in die vollen. „Haben wir den, bedeutet das eine optimale Ausgangsbasis für die Nährstoffaufnahme, womit wir beim nächsten Schwerpunkt wären.“
Über den Nasen meiner Zuhörer hatten sich tiefe Falten gebildet.
„Wir brauchen nährstoffreiche, feuchte Böden, damit es bei unseren Girls nicht zu Mangelerscheinungen kommt. Eine optimale Versorgung mit Stickstoff ist unabdingbar für schnelles, üppiges Wachstum, Phosphor stärkt ihre Wurzeln und Kalium fördert die Resistenz gegenüber Krankheiten!“
So lauteten meine Worte, genau so hatten sie in GARTEN, TIER, PFLANZEN gestanden. Bei der Lektüre hatte ich zunächst ähnlich hilflos aus der Wäsche geguckt wie nun meine Kameraden. Glücklicherweise rückten die Autoren des Wälzers anschließend mit dem praktischen Hinweis heraus, dass es sogenannte Zeigerpflanzen gab, deren vermehrtes Vorkommen auf bestimmte Bodeneigenschaften schließen ließ. So deuteten ausgedehnte Flächen der Großen Brennnessel auf eine optimale Stickstoffversorgung hin.
„Also, auf zur Brennnessel!“, röhrte Pingel, als ich geendet hatte. Er wirkte erleichtert, dass es nun endlich ans Trinken ging, während der Laberkopf ein wenig säuerlich dreinschaute.

Soviel zur theoretischen Seite meiner Standortsuche. Die praktische gestaltete sich schwieriger. Auf meiner ersten, ausgedehnten Spritztour entdeckte ich ein sicher viertausend Jahre altes Hünengrab - doch nichts, was auf gute Wachstumsbedingungen für unsere Girls hindeutete.
Auf der Lichtung eines feuchten Eichenmischwaldes wurde ich, wie zum Trost, anderweitig fündig: Direkt am Weg erstreckte sich ein dichter Rasen aus Bärlauch. Laut GARTEN, TIER, PFLANZEN besaß dieser einen kräftigen Geschmack, der an Schnitt- und Knoblauch erinnerte. Leider stand dort aber auch, das es mit dem Beginn der Blüte giftig ist und daher nicht mehr zum Verzehr geeignet.

Der Frühling war außergewöhnlich warm. Bereits zu Ostern, hatte mich Dietmar per SMS zu seiner Frühlingseröffnungsparty draußen in Altwarben eingeladen. Ostern hatte jedoch das Ende meiner Indoor-Ernte angestanden. Die letzten Girls kamen vom Halm, ich war also gleich doppelt an meine Bude gefesselt gewesen.
Die nächste Einladung folgte jetzt und galt Dietmars Mitte-Mai-Fest. Inzwischen hatten wir sommerlich heiße Temperaturen, und der Himmel war so blau, wie er nur sein konnte. Was läge da näher, als raus nach Altwarben zu fahren?
Vor ein paar Jahren hatte Dietmar das Grundstück seiner Oma geerbt. Es lag am Rande des kleinen Dorfs. Ein einstöckiges Fachwerkhaus mit moosbewachsenen Biberschwänzen stand darauf.
Das Häuschen ließ mich immer an die Behausung einer Hexe denken. Von den Fensterrahmen blätterte seit Jahren die rote Farbe. An der Feldsteinfassade des Giebels kletterte wilder Wein empor. Die Gartenpforte stand stets einladend offen, was wohl daran lag, dass sie zu brüchig war, als dass man sie hätte schließen können.
Der Weg zum Haus wurde überwuchert vom üppigen Grün des Vorgartens. In ihm gediehen vor allem Wildkräuter. Immerhin lugten jedes Jahr ein paar Ringelblumen und weißblühende Geranien aus dem Gestrüpp. Am Zaun, zur Dorfstraße hin, hatte sich eine rote Heckenrose durchgesetzt.
Ich sehnte mich danach, an dem windschiefen Holzschuppen zu lehnen, der hinterm Haus - mitten auf einer großen, wilden Wiese, umgeben von ein paar Apfelbäumen - friedlich dem Ende seiner Tage entgegendämmerte.
Nicht nur das verträumte Hexenhaus mit dem verwunschenen Garten - das ganze Dorf sieht aus, als wäre die Zeit stehen geblieben. Wie schutzsuchende Kinder gruppieren sich die krüppelwalmgedeckten Häuschen um die mittelalterliche Feldsteinkirche. Eine im Sommer angenehmen Schatten spendende Lindenallee verbindet das alte Dorf mit Neuwarben, das sich entlang der Straße zum ehemaligen Gutshof erstreckt. Vorbei an kleinen Katen am Wegrand gelangt man zum Gutshof mit dem Herrenhaus. Es wird flankiert von den Überresten der Wirtschaftsgebäude. Ihren Grundmauern nach müssen sie einmal sehr imposant gewesen sein.
Durch den wilden Park am Herrenhaus führt der Weg hinunter zum Neuwarbener See. Das klare Wasser zwingt einen im Sommer regelrecht dazu, hinein zu steigen und rauszuschwimmen, vielleicht zu der schilfumwachsenen Insel mit der großen Erle.
Das Gutshaus hatte trotz des ZU VERKAUFEN - Transparents keinen Investor aus den alten Ländern dazu bewegen können, in Neuwarben einen Land-Puff oder ein Spielkasino aufzuziehen. Auch Tagungshotels gab es inzwischen viel zu viele. Dieses Fleckchen Erde samt Dietmars Hexenhäuschen war noch unberührt von der neuen, hektischen Welt, in der ich Großmutters Erbe in einen Berg Schulden verwandelt hatte.
Musste ich nun dafür büßen? Während ich in meiner Bude saß, standen die Apfelbäume um den alten Schuppen in voller Blüte. Das Wasser des Neuwarbener Sees wartete darauf, mich nach einem ausgedehnten Spaziergang zu erfrischen. Alles hätte gepasst, stünde da nicht diese Anlage in meinem „Verbotenen Zimmer.“
Genau an dem Tag, an dem mich Dietmars Nachricht erreichte, nahm ich sie wieder in Betrieb. Die Stecklinge für die Outdoor-Aktion mussten vorgezogen werden. Traurig schaute ich auf das Display meines Mobiltelefons. Gönn dir was komm zum maispaß tine ist auch da, dahinter vier Ausrufezeichen.
Natürlich hätte ich meine Kompagnons bitten können, sich das Wochenende um meine Anlage zu kümmern, doch das brachte ich nicht fertig. Um nichts in der Welt wollte ich die Labertasche um einen Gefallen bitten. Pingel musste sicher arbeiten und bekam womöglich einen Tobsuchtsanfall, wenn ich ihn fragte.
Überhaupt - Altwarben, das Hexenhaus, Sommernächte mit quakenden Fröschen - das würde mich bloß unnötig durcheinanderbringen. Ich hatte einen Job zu erledigen, mehr als eine drittel Million stand auf dem Spiel! In meiner Küche arbeitete die Wapotec-Kanone, an der Decke hingen noch gut einhundert getrocknete Stauden, die danach schrieen, dass ich sie pusselte. Mein Platz war hier, in meinem Verlies - nicht in Dietmars Paradiesgarten!
Die traurige Wahrheit hinter diesen vernünftig klingenden Erwägungen war, dass ich nach der Verwechslungsgeschichte an Dietmars Geburtstag eine Heiden-Angst hatte, einmal mehr baden zu gehen. Tine! Sofort stand sie wieder vor mir - zwischen Biertonne und Grill. Ich spürte ihren Duft in der Nase, sah uns die Lindenallee entlang spazieren, vorbei am Gutshaus, hinunter zum See. Selbst das Konzert der Frösche klang mir in den Ohren.

An eben jenem Mai-Wochenende, während ich in meiner Bude hockte und verbissen Marihuana pusselte, fand Tine ihren Mann fürs Leben. Während des Festes ging Dietmar mit ihr von einem zum anderen, um sie zu verkuppeln. Inzwischen ist sie schwanger.
Dietmar fühlte sich schon immer dafür verantwortlich, dass wir alle unser Glück fanden. Bei mir gab er sich ganz besonders Mühe. Um mich zu seinem nächsten Fest anlässlich des Herrentags zu laden, beließ er es nicht bei einer SMS. Er rief an.
„Mensch Pratze, alter Vorzeigeknuffer! Lass die Arbeit Arbeit sein und komm raus nach Altwarben. Ich veranstalte eine kleine Herrentagsparty, garantiert nicht damenfrei!“ - agitierte er mich mit brutaler Herzlichkeit.
„Ich garantiere dir einen glühenden Grill, und die Wassertonne ist bis oben mit Bierflaschen gefüllt. Die Suse ist übrigens auch da“, streute er die nächste Ladung Salz auf meine wunde Seele. „Die Suse, weißte doch, die von der Pharmazie!“
Die üppige Suse mit dem Schlafzimmerblick - ich hatte mich nie getraut, sie anzusprechen, und Dietmar legte sie mir auf den Präsentierteller! Garantiert hatte er längst vorgehorcht, was sie so von mir hielt. Dietmar war keiner, der einen ins offene Messer rennen ließ.
Es war zum Heulen! Ich konnte seine Einladung nicht annehmen! Da war ein Gatter in meinem Kopf, und es war unten, hoffnungslos. Ich war eingesperrt, ohne Chance auf Begnadigung, bevor die OPERATION WIESENHÜGEL erfolgreich ausgestanden war.
„Ist echt schade“, brummte ich in den Hörer, „nächste Woche kommen die neuen Bauteile. Glaub nicht, dass mich die Lederhosen da weglassen.“
„Probier′s wenigstens!“, ließ Dietmar nicht locker. „Wird dir gut tun, einfach mal abschalten!“
„Ja klar, danke für die Einladung“, beendete ich das Gespräch und nahm eine Ladung Girls von der Leine.

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