Labers Wohnungsübernahme ging ebenfalls nahezu problemlos über die Bühne. Natürlich hatte die Frau von der Hausverwaltung etliche Fragen, die unzähligen Bohrlöcher an Decke und Wänden des Anlagenzimmers betreffend. Der Junkie soll darauf nur gemeint haben, dass das alles schon so ausgesehen hätte, als er eingezogen sei. Das Zimmer habe er im übrigen nie genutzt. Stimmte ja auch. Einen feuchten Kehricht hatte er sich um das Wohl unserer Mütter geschert!
Die von der Hausverwaltung habe komisch geguckt - aber schließlich ihren Segen gegeben. Sicher war sie heilfroh, die Bruchbude so glimpflich neuvermietet zu haben. Auch wir konnten zufrieden sein. Wir waren den Junkie los und hatten die Mu-Ki-Anlage unter unseren Fittichen - streng legal und hoch offiziell.
Nach dieser Geschichte hatte ich endgültig die Schnauze voll vom nervtötenden Auf- und Abbau der Anlagen. Anders meine Kollegen.
„Wir stellen bei Holger eine Anlage auf!“, verkündete Schussel, als er wieder einmal aufkreuzte, um mir eine Ladung Barren abzukaufen. „Ist ein super Ausgleich, weißt? Jetzt, wo Labers Dunkelkammer vom Netz ist.“
„Was hat das Eine mit dem Anderen zu tun?“, murrte ich, „und wer um Himmels Willen ist Holger?“
Schussel zuckte die Schultern. „Ein Kumpel. Hat mir schon manches Hek abgekauft, weißt? War doch total in Ordnung von ihm, dass wir unsere Muttis unterstellen konnten.“
„Was konnten wir?“
„Na die Mutterpflanzen! Als wir sie evakuieren mussten, haben wir sie fix zu Holger geschafft, weißt? Bei der Gelegenheit kam uns die Idee, eine Anlage bei ihm aufzustellen.“
Daher wehte also der Wind. Dieser Holger hatte die Mutterpflanzen unter der Bedingung aufgenommen, dass wir ihm eine Anlage spendierten.
„Der hat uns in der Hand, Chico“, bestätigte die Labertasche meine Vermutung. Das Geschäft war abgemachte Sache. Schussel erleichterte unsere geschundenen Mütter um zweihundertfünfzig Stecklinge. Pingel erklärte sich zähneknirschend bereit, das Ding aufzubauen.
Damit diese Geschichte nicht noch mehr an unserem Gewinn fraß, wollte er die Bauteile von Labers Dunkelkammer verwenden. Natürlich dauerte es ewig, bis Schussel defekte oder fehlende Teile neu beschafft hatte. Selbstredend mussten die Stecklinge wieder viel zu lange in ihren Steinwollblöcken ausharren. Längst hatten die Pflänzchen diese durchwurzelt. Als Schussel sie in die Anlage brachte, waren die meisten schon ordentlich angeschimmelt. Schussel winkte ab: „Ist schon o.k. so, weißt?“
Zwei Wochen später war der vermehrte Blattfall selbst für ihn nicht mehr zu übersehen. Schussel nahm Holgers Anlage vom Netz, ging ein zweites Mal zu den Müttern und dezimierte sie um weitere zweihundertfünfzig Stecklinge.
Ich hatte endgültig genug von seinen Ideen. Auch Labers großmäuliges Getue konnte ich im Moment nicht gebrauchen. Um meine Stimmung nicht weiter in die Miesen zu drücken, mied ich die beiden, wo ich nur konnte.
Der Einzige, der mir nicht auf die Nerven ging, war Pingel. Mochte er sich noch so vermuffelt und grimmig geben, auf ihn konnte ich mich wenigstens verlassen - einmal abgesehen von seinen gelegentlichen Aussetzern. Bekam er ein Problem, legte er selbst Hand an, es zu lösen.
Allerdings war Pingel momentan auch nicht gerade der wandelnde Sonnenschein. Er arbeitete viel auf den Messen, schlief kaum und schien auch sonst, Lydia hin, Lydia her, nicht gerade bester Dinge zu sein. Um sich halbwegs fit zu halten, kokste er. Knurrte sein Magen, schaute er beim FETTIGEN HORST vorbei. Ich beschloss, ihn mal wieder zum Essen einzuladen. Ihm würde es gut tun, und ich hatte zur Abwechslung etwas Gesellschaft. Ich kam mir auch gar nicht mehr komisch vor, als ich in der Küche stand und Großmutters Kartoffelgericht zubereitete.
Kurz darauf saß mir Pingel gegenüber und verschlang gierig Bratkartoffeln.
„Die nimmt dir keiner weg“, versuchte ich, ihn zu einer zivileren Form der Nahrungsaufnahme zu bewegen - vergeblich. Ich schob meinen Teller beiseite. Über den schlingenden Kahlkopf hinweg stierte ich zur Wand.
Was für ein Leben! Ich kam nicht aus der Bude raus, kannte keine Freunde mehr, von Frauen ganz zu schweigen, draußen begann der Frühling, und ich saß hier mit einem Kerl, der laut schnaufend Bratkartoffeln vertilgte.
„Musst du unbedingt so schlingen?“
Pingel hielt inne, griente mich kauend an. „Da schaffe ich mehr“, murmelte er mit vollen Backen und haute wieder rein.
Ich hätte meinen Teller an die Wand klatschen können, doch ich riss mich zusammen. Schließlich war ich auf Pingels Mitarbeit angewiesen. Nicht auszudenken, wenn er seine Drohung, aus der Firma auszusteigen, wirklich wahrmachte.
Als er alles Essbare von seinem Teller heruntergespachtelt hatte, lehnte er sich zurück und machte sich an den Bau eines Joints.
„Kaffee?“, fragte ich.
Er nickte.
„Was willst du eigentlich machen mit deinem Geld?“, fragte ich, als wir vor unseren Tassen saßen. Pingel sog genüsslich den Rauch in die Lungen. „Am liebsten abhauen“, brummte er, „weit weg von dem ganzen Schiet hier, in die Staaten vielleicht.“
Er schloss die Augen. „Würde mir′n Stück Land kaufen, irgendwo im Süden. Eine eigene Ranch, auf der ich die Waffengewalt hab, klar?“
„Und was machst du da, den lieben langen Tag?“
„Gras anbauen, aber ganz auf die Ruhige! Den Pissern, die auf die Idee kommen, mir auf′n Sack zu gehen, würde ich schon zeigen, wo′s langgeht!“
„Wie kommst du gerade auf die USA?“, hakte ich nach, ehe er näher darauf eingehen konnte, wie er mit denen verfuhr, die es darauf anlegten, ihn auf seinem Anwesen zu stören.
Pingel streckte die Beine aus. „War mal drüben, vor paar Jahren, zusammen mit Laber. Super Trip! Immer geiles Wetter, der Highway so weit, dass du kein Ende siehst, coole Musik aus′m Autoradio - und immer genügend Dope da.“
„Dort gekauft?“
Pingel sah mich an, als hätte ich ihn etwas äußerst Obszönes gefragt. „Bin doch nicht lebensmüde, und lass mir von irgend nem abgedrehten Crack-Nigger gepanschtes Schit verticken! Nee, nee, Pratze, das Gras haben wir schön aus Deutschland mitgebracht.“
Ein Lachen gluckste aus ihm heraus. „Schussel hat′s uns vertickt. Bei der Gelegenheit haben wir ihn kennen gelernt. War der einzige, der gepresste Barren im Angebot hatte. Im Zeltsack haben wir sie rübergeschmuggelt.“
Ich schluckte. „Und wenn sie euch erwischt hätten? Soweit ich weiß, verstehen die Amis da keinen Spaß!“
Pingel griente. „Haben uns aber nicht erwischt.“
„Aber, wenn? Was wäre gewesen, wenn sie euch doch erwischt hätten?“
„Was weiß ich? Hätten wir eben erzählt, dass wir das Zelt erst am letzten Abend in Deutschland gekauft haben, in Kreuzberg, bei nem alten Türken, klar?“
Pingel beugte sich über den Tisch zu mir rüber. „Pass mal auf, Pratze“, murmelte er mit weicher Stimme, „dein Problem ist, dass du alles immer so pessimistisch siehst.“
Er sah mich eine Weile schweigend an, dann schüttelte er den Kopf: „Das tut nicht gut ... auf Dauer.“
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