Dienstag, 17. April 2007
Folge 20 (Woche vom 09.04.07 bis zum 15.04.07)
Pratzke-Homepage

Fünf Tage nach der denkwürdigen Veranstaltung in meiner Küche piepte mein Handy, eine SMS vom Laberkopf: p ist da warte unten eile geboten!
Ich legte das Pusselzeug beiseite, schrubbte mir fix die Hände und begab mich nach unten. Mir war unwohl. Die übliche Abkühlungszeit des Pingeligen war längst nicht herum. In welcher Verfassung würden wir ihn vorfinden?
Der rote Kombi stand an der gewohnten Stelle. Labers Augen versteckten sich hinter einer Sonnenbrille. Seine Miene wirkte angespannt, als er den Wagen startete.
Die Aprilsonne tauchte den klobigen Plattenbauturm in mildes Licht. Ein gutes Omen? Schweigend näherten wir uns dem schmutziggelben Eingangsportal. Die Tür stand offen, sie besaß kein Schloss mehr. WOHNHAFT für blöde Wichser stand in großen Krakeln auf der Wand gegenüber dem Fahrstuhl. Um das A war ein Kreis gezogen.
Laber sah mich an. „Glaubst du an Wunder, Chico?“
„Nee, wieso?“
Er drückte den Aufzugsschalter. Nichts passierte. „Schade, und ich dachte, heute ist der Tag, an dem er geht.“ Er deutete zu den Treppen. „Acht mal sechzehn Stufen, das hält jung, Hombre.“
Von Stockwerk zu Stockwerk wurden meine Beine schwerer. Das lag nicht nur an meinem schlechten Trainingszustand. Endlich las ich an der Wand die Zahl acht.
Der lange, neonlichtbestrahlte Gang ließ mich an einen Kompanieflur denken. Rechts und links befanden sich die Soldatenstuben. Abgestandener Schweißgeruch erfüllte die Luft, jeden Augenblick würde der Pfiff des Diensthabenden zu Waffenreinigen, Gefechtsalarm oder ähnlichen Vergnügungen rufen. Vor Pingels Tür blieben wir stehen. Laber betätigte die Klingel.
Von drinnen schlurfende Schritte, die Tür ging auf.
„Tach“, begrüßte uns Pingel und gab den Eingang frei. Blanker, grüner Linoleumfußboden, die raufasertapezierten Wände strahlend weiß - im ersten Moment kam ich mir wie bei einer Wohnungsbesichtigung vor. Allerdings sah Pingel nicht wie ein Makler aus. Barfuss, in Uniformhose und ärmellosem Unterhemd erinnerte er mich eher an amerikanische Kriegsfilme. Der Soldat mal ganz privat.
Das Zimmer mit der Anlage war verschlossen. Das andere sah aus, als sei sein Bewohner gerade am Ausziehen. Drei Plastikstühle, um ein kleines Holztischchen gruppiert, bildeten das Mobiliar. Auf dem Boden lag eine Matratze mit einem blauen Schlafsack. In der Ecke standen zwei Bundeswehr-Rucksäcke - Pingels Kleiderschrank.
Wir nahmen Platz: Laber und ich auf der einen, Pingel auf der anderen Seite des Tischchens. Konzentriert stierten wir aneinander vorbei. Mein Blick lief die stoßgeklebten Ränder der Tapete entlang.
„Ich denk mal“, ergriff Laber das Wort, „es ist das Beste, wenn wir Ende des Monats unsere Anlagen wieder anschmeißen. Gleich nach den Eisheiligen sollten wir die ersten Pflanzen soweit haben, dass wir sie raussetzen...“
„Was soll′n der Schiet?“, fiel ihm Pingel ins Wort, „das ist für mich jetzt absolut nicht wichtig, klar?“
„Was ist denn jetzt wichtig für dich?“ Labers Stimme klang gereizt.
Pingel verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich muss erst mal für mich klären, ob ich den ganzen Schiet überhaupt noch will!“
Mir wurde der Hals eng. Wollte Pingel aussteigen? Das wäre das Ende.
„Dass du was willst?“, wurde die Labertasche einen Tick lauter. „Was ist los mit dir? Wohl vom Fisch bespuckt, was?“
Im nächsten Augenblick hallte ein Poltern von den Wänden wider. Das Tischchen knallte gegen mein Knie. Ehe ich begriff, was hier ablief, war Pingel mit einem gewaltigen Satz bei Laber. Er hatte ihn am Kragen gepackt und scheinbar mühelos zu sich raufgezogen.
„Ich will dir sagen, wozu ihr hier seid!“, fauchte er und schüttelte die Labertasche wie eine Gummipuppe. „So lange ihr mit diesem Assi zusammensteckt, bin ich draußen, klar?“
Das war sein Problem?
„Wir haben nichts mehr mit Schussel zu tun!“ - überschlug sich meine Stimme. „Schussel ist kein Thema mehr! Er ist draußen!“
Pingel schickte mir einen fragenden Blick. Offenbar konnte er nicht recht glauben, was seine Ohren da gehört hatten.
Ich nickte ihm aufmunternd zu.
Pingel rüttelte noch einmal an Labers Kragen, dann lockerte er den Griff und setzte ihn auf den Stuhl zurück. „Wartet mal“, murmelte er und verschwand aus dem Zimmer.
Er kehrte mit einer Flasche Rum sowie drei Wassergläsern zurück. Laber hatte indes das Tischchen wieder auf seinen Platz gestellt.
Obgleich sich die Stimmung nun rasant entspannte, fühlte ich noch immer die Starre in meinen Gliedern. Ich bekam das Bild des wutschnaubenden Hünen nicht aus dem Kopf. Im ersten Schrecken hatte ich befürchtet, er wolle Laber das Genick brechen.
Längst waren beide wieder bei bester Laune. Schnell wurden sie sich einig, dass wir uns nach Schussels Ausscheiden mit den geplanten zweitausend Pflanzen übernehmen würden.
„Lasst uns nur noch tausend Girls raussetzen“, schlug Laber vor. Das klang vernünftig, doch wurde ich das ungute Gefühl nicht los, dass er vor allem kalte Füße bekam, was den Arbeitsaufwand betraf.
„Was soll′s? Ist zwar nur noch die Hälfte vom Gewinn, aber auch bloß die halbe Knufferei!“, haute er prompt in die von mir befürchtete Kerbe. Pingels Augen blickten bereits wieder glasig. Nach dem Schrecken von eben ein weiterer Absturz - zu viel für heute! Mich übermannte das Verlangen, etwas für die Hebung der Moral zu tun.
„Moment mal, Jungs!“, meldete ich mich zu Wort. „Dass sich die Arbeit halbiert, kann schon sein, aber unser Gewinn bleibt trotzdem deutlich über der Hälfte!“
Laber nahm seine Sonnenbrille herunter und sah mich an. Sein Blick war der des Stars auf den Statisten, der sich anschickte, die Hauptrolle zu übernehmen.
„Ach ja?“, brummte Pingel interessiert.
„Guckt doch mal“, machte ich weiter. „Ausgehend von zweitausend Pflanzen, die jeweils zweihundertundfünfzig Gramm zu fünf Euro abwerfen - gerechnet auf kiloweisen Verkauf und abzüglich der halben Million Nebenkosten - ergab das einen Gewinn von zwei Millionen, den wir durch vier teilen mussten, soweit alles klar?“
Die beiden nickten.
„Gut. Gehen wir nun aber von eintausend Pflanzen aus, deren Ertrag wir zu genannten Bedingungen verticken, ergibt das einen Gewinn von einer und einer viertel Million. Bei den Nebenkosten können wir gut und gerne auf zweihundertundfünfzigtausend runtergehen. Den technischen Schnick-Schnack passen wir den neuen Gegebenheiten an. Was also bleibt, ist eine Million, die wir aber nur noch durch drei zu teilen haben. Jeder ist also mit dreihundertdreiunddreißigtausend-dreihundertdreiunddreißig Euro und dreiunddreißig Eurocent dabei!“
Labers Miene zeigte das Filmgrienen. „Klingt ja fast nach einem Lottogewinn, Hombre“, tönte er, und Pingel schenkte die nächste Runde ein.

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