Mittwoch, 4. April 2007
Folge 18 (Woche vom 26.03.07 bis zum 01.04.07)
Pratzke-Homepage

Eine schöne Arbeit hatte ich mir da aufgehalst. Die erste Schwierigkeit bestand darin, Schussel überhaupt ans Telefon zu kriegen. Nach jedem Versuch wechselte ich die Telefonzelle. Die Polizei sollte nicht sofort auf mich kommen, falls sie Schussels Telefon abhörte. Binnen weniger Tage hatte ich wohl tausend Mal ergebnislos seiner Mailboxstimme gelauscht. Nach dem tausend und ersten Anruf hatte ich ihn am Apparat.
„Schön, dass ich dich erwische! Bevor du in Urlaub fährst, brauch ich unbedingt die Abrechnung, hörst du? Bringst du mir das Kassenbuch rum, oder soll ich längs kommen?“
Es blieb still. Bereute Schussel, dass er rangegangen war?
„Was iss′n jetzt mit der Abrechnung?“, legte ich nach.
„Ist blöd, gerade“, kam es vom anderen Ende. „Jetzt im Moment meine ich, weißt?“
„Was ist blöd?“
„Der Zeitpunkt. ... Bin grade unterwegs, weißt?“
„Und wann bist du nicht mehr unterwegs?“
„Weiß nicht ... pass auf, ich ruf dich die Tage zurück.“
„Nicht die Tage - sofort!“ rief ich in die abgebrochene Funkverbindung.

Nach anderthalb Tagen Schonfrist begab ich mich erneut auf Telefonzellen-Tour.
„Ist bisschen blöd, dass mit der Abrechnung, weißt?“, bekam ich als nächstes zu hören.
„Was ist blöd mit der Abrechnung?“
„Na, ich hab das alles in nem Pappkarton rumzuliegen, weißt?“
„Na und? Schreib alles auf einen Zettel, hefte die Quittungen ab, und ich hole sie mir. Wo liegt das Problem?“
„Ja, klar, aber...“
„Was, aber?“
„Ist gerade total ungünstig, weißt? Aber heute Abend hab ich ganz in deiner Nähe zu tun. Da komm ich fix mal längs, o.k.?“
Mir war klar, dass ich mit dem Essen nicht auf ihn zu warten brauchte. Was spielte dieser Kerl für ein Spiel? War ihm nicht klar, dass ich nicht locker ließ, bis ich ihn hatte?
Am Abend klingelte mein Handy. Es war Pingel.
„Wie weit bist′n mit eurer Abrechnung?“
Unsere Abrechnung ist das, wollte ich sagen, doch ich schluckte es runter. Als ich Pingel erklärt hatte, wie die Sache stand, wurde sein Atem hörbar lauter.
„Pass auf, Pratze!“, presste er hervor, „ich weiß, du kannst nichts dafür, klar? Aber wenn ich nicht bald weiß, was los ist mit unserer Kohle, könnt ihr den Schietkram alleine weitermachen! Wenn dieser Assi nicht ratz-fatz mit der Kohle rausrückt, prügle ich jeden Cent einzeln aus ihm raus, klar?“

Diesmal verzichtete ich auf den Gang zur Telefonzelle. Ich wählte Schussels Nummer und vertraute der Mailbox an, dass ich am folgenden Morgen unwiderruflich zu ihm käme, um endlich Licht ins Dunkel unserer Abrechnungsgeschichte zu bringen.
Punkt acht Uhr stand ich vor Schussels Haustür. Ich setzte zum dritten Klingeln an, als der Summer schnarrte.
Schussel empfing mich im Treppenhaus, sein Kinderlächeln im Gesicht. Er steckte in einer schwarzen Monteurskombi, mindestens drei Nummern zu groß. Der herumschlackernde Stoff machte seinen schmächtigen Körper noch dünner.
„Schön, dass du da bist! Komm doch rein“, gab er die Tür frei.
Ich trat in einen dunklen Flur. Nach zwei Schritten sträubten sich meine Füße, weiter vorzudringen in diese Mischung aus Müllhalde und Baustelle. Von den Flurwänden rieselte der Putz. Die Tapete war geschrumpft und hatte sich zu grau-grünen Klumpen zusammengezogen. An den Wänden des ersten Zimmers, in das ich wegen der fehlenden Tür freie Sicht hatte, fehlte sie ganz. Lediglich von der Decke hing sie in stalaktitenförmigen Flatschen herab. Die Dunkelheit kam daher, dass die linke Fensterhälfte mit einer braunen Hartfaserplatte vernagelt war. Unterm Fenster fehlten ein paar Dielen. Grüner Schimmel zog sich die Wände hinauf.
„Lass uns in mein Zimmer gehen“, lotste mich Schussel weiter.
Hinter dem nächsten leeren Türrahmen lag die Küche. Dreckiger Abwasch stapelte sich in der Spüle. Drei bunt schimmernde Fliegen tummelten sich um eine lindgrüne Deckenlampe, die vermutlich niemals hip gewesen war.
„Da müssen wir lang!“ Schussel zeigte auf die Tür am Ende des Flurs, die einzige noch vorhandene. Ich öffnete sie und konnte gerade noch rechtzeitig meinen Kopf einziehen. Die Öffnung reichte nur bis knapp über meine Nasenspitze. Das obere Ende des Türblatts verblieb am Rahmen, um ein Haar wäre ich gegen das Brett gerannt.
Als ich nach dem ersten Schrecken ins Zimmer trat, sah ich den Grund für diese eigenwillige Konstruktion. Direkt vor der Tür hatte Schussel sein Hochbett positioniert - so tief, dass man die Tür unmöglich öffnen konnte. Wohl deshalb hatte er das Türblatt durchgesägt und den oberen Teil in den Rahmen genagelt.
Ich befand mich in Schussels Guter Stube. Wenigstens schimmelte es hier nicht. Der Raum war sogar halbwegs aufgeräumt. Im krassen Gegensatz zum Rest der Wohnung stand die Tafel: eine festlich gedeckte Holztür, auf zwei Böcke gelegt. Auf der Tür hatte Schussel ein Frühstückbuffet gerichtet, das sich in jedem besseren Hotel hätte sehen lassen können:
Käselaibe lagen auf Salatblättern, umrahmt von tropischen Früchten. Zumindest nahm ich an, dass die Dinger aus den Tropen kamen. Ich hatte sie nie zuvor gesehen. Dazu gab es mit Basilikumblättern garnierte Butterstückchen, frische Milch und Säfte von Orange bis Pfirsich-Mango - alles mit der Aufschrift Bio. Auch das Brot hatte garantiert nicht im Regal eines stinknormalen Bäckerladens gelegen.
„Setz dich, greif zu“, lud mich Schussel ein.
Ich ließ mich am Tisch nieder. Was sollte ich als erstes nehmen? Schussel hatte es wirklich drauf, eine Tafel herzurichten. Schüchtern angelte ich mir eine Schnitte aus dem Brotkorb. Wie viele verschiedene Sorten Käse es gab! Diese Köstlichkeiten! Was mochte das alles gekostet haben? Ich dachte an den spärlichen Inhalt meines Kühlschranks. Was hier vor mir stand, spielte in einer anderen Liga.
Genau das beunruhigte mich: Woher nahm Schussel als langjähriger ALG II-Empfänger das Geld für eine derart exklusive Ernährung? Er hatte doch nicht...
„Gibt′s das eigentlich jeden Tag bei dir?“, fragte ich vorsichtig.
„Na klar!“ Schussel strahlte. „Kannst ruhig öfter kommen.“ Genussvoll biss er in seine dick belegte Scheibe Vollkornbrot. Die Schnitte auf meinem Teller war noch immer unberührt.
„Ist einfach sauberer, das Zeug, weißt?“ Schussel piekte eine Käseecke vom Salatblatt. „Ist nicht so viel Gift drin wie bei dem Pamps aus der Kaufhalle. Die meisten haben echt keine Ahnung, was sie da an giftigen Substanzen in sich reinstopfen.“
Giftige Substanzen - wieder so eine Wendung, die sich äußerst seltsam anhörte, kam sie aus Schussels Mund. Er tafelte also immer derart fürstlich? Schlagartig war mir der Appetit vergangen, ganz im Gegensatz zu meinem Gegenüber. Der wollte gar nicht mehr aufhören zu mampfen.
„Würdest du jetzt bitte die Quittungen holen?“, unterbrach ich die gefräßige Stille.
Schussel schaute von seinem Teller auf. Nach einem irritierten Blick in mein Gesicht leckte er sich die Finger ab, erhob sich von der Tafel und brachte mir einen speckigen Pappkarton. Er war bis unter den Rand gefüllt mit Quittungen - völlig unsortiert, einige durchgerissen, andere geknüllt.
Ich schob Käse, Tropenfrüchte sowie den Teller mit meiner jungfräulichen Biobrotscheibe beiseite und schüttete den Quittungshaufen aufs Tischtuch.
„Die sortieren wir jetzt! Erst einmal nach dem Datum, anschließend danach, ob wir sie wegschmeißen oder aufheben müssen, wegen geltender Garantieansprüche, hast du gehört?“
Einen Flunsch im Gesicht, schob auch Schussel seinen Teller beiseite.

Gut drei Stunden später hatten wir den Zettelberg so weit geordnet, dass man halbwegs von Buchführung sprechen konnte. Alle Quittungen waren entsprechend sortiert und in den von mir mitgebrachten Heftern abgelegt. Alles in allem hatten wir laut Rechnungssumme Ausrüstung im Wert von über dreißigtausend Euro angeschafft.
Ich war freudig überrascht, dass wir schon so viel Kapital in unsere Operation gesteckt hatten. Schließlich war das Geld von uns erwirtschaftet, nicht geborgt. Dazu war ich kolossal erleichtert, dass wir endlich Ordnung in unsere Geschäfte gebracht hatten.
Schussel konnte meine Euphorie offenbar nicht teilen, doch das war mir egal. Ich war erledigt vom Papierkrieg und verspürte das dringende Bedürfnis, diesen Saustall zu verlassen. Das Befremden meines Bruders und seiner Melanie verstand ich jetzt allemal.

Als ich meinen Kompagnons das Ergebnis meines Basteltags in Schussels Bruchbude darlegte, sahen sie mich scheel an, besonders der Pingelige. Ich spürte, wie sich etwas in ihm nach oben arbeitete, das von einem ‚danke für die Mühe, die du dir da gemacht hast′, weit entfernt war. Seine Pranke massierte das Nashorn auf seiner Schulter, während seine Gesichtsfarbe ins Rötliche wechselte.
„Ich will nicht wissen, wie viel Kohle dieser Assi ausgegeben hat. Ich will wissen, wie viel noch da ist!“

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