Montag, 12. März 2007
Folge 15 (Woche vom 05.03.07 bis zum 11.03.07)
Pratzke-Homepage

Schussels Missgeschick zwang uns zum Handeln. Polizei und Staatsanwaltschaft hatten ihn am Haken, und wer konnte wissen, was die im Zuge ihrer Ermittlungen noch alles herausfanden? Wir mussten uns von Schussel trennen, zumindest organisatorisch, so viel war klar. Nur, wie? Er besaß das Know-how zur Produktion und verfügte zudem über die zum Verticken der Ware nötigen Kontakte. Ich konnte mich schlecht an den Straßenrand stellen und unser Dope aus dem Kofferraum verkaufen.
Es half nichts, wir mussten uns zusammensetzen. Nur gemeinsam kamen wir aus dieser vertrackten Situation heraus. Ich schlug ein gemeinsames Frühstück bei mir vor. Vielleicht kam einem von uns beim Biss ins Brötchen die zündende Idee.

Laber stellte ein Glas Marmelade von seiner Schwiegermutter auf den Tisch, Pingel steuerte eine halbe Salami bei und Schussel ein selbstgebackenes Brot. Wo nahm er bloß die Ruhe zum Backen her? Beim Decken des Tisches stach mir Pingels Miene ins Auge. Ein Vulkanausbruch lag in der Luft, und mit dem Tee-Eingießen ging es los.
„Du verschissener Penner!”, bellte der Hüne, „hab dir zig Mal gesagt, du sollst die Scheiße mit Boris lassen. Wieso lag überhaupt so viel Dope bei dir rum, hä?"
Laber kaute an seinem Brötchen und äugte aufmerksam in die Runde. Schussels Seitenblick auf mich bescherte mir einen ausgewachsenen Schweißausbruch. Nun hatte es Pingel sogar zugegeben! Sie wussten alle Bescheid über Schussels Bockmist! Ich war jetzt selbst ein rauchender Vulkan, doch anders als Pingel durfte ich die glühende Lava nicht rauslassen. Still dasitzen musste ich und hoffen, dass Schussel den anderen nicht anvertraute, warum die vielen Barren in seiner Bude gelegen hatten.
„Besser, du lässt dich erst mal nicht mehr in den Anlagen blicken”, versuchte ich, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Mit angehaltenem Atem wartete ich auf die Reaktion der Anderen.
Schussel nickte, Laber goss sich Tee nach, Pingel steckte sich einen Kanten Salami in den Mund. Seine Kieferknochen knackten. Die erste Angriffswelle war vorüber.
Einträchtig leerten meine Gäste den Brötchenkorb. Gefräßige Stille erfüllte den Raum. Schließlich langte auch ich zu. Ich war der Einzige, der von Schussels Brot aß. In der Aufregung musste ich seinen Hinweis überhört haben, dass er eine Portion Schwarzen Afghanen in den Laib eingebacken hatte.
Die Stimmung entspannte sich weiter, als Pingel eine Flasche Rum aus seinem Rucksack zauberte. Schussel sprang auf, Gläser besorgen, Laber schnalzte mit der Zunge, und selbst ich konnte jetzt einen Schnaps vertragen.
Im Gegensatz zu mir beließen es die Jungs nicht bei dem einen. Nach der dritten Runde war klar, dass es heute zu keinem Entschluss in Sachen Schussel kommen würde. Der Ernst unserer Lage hatte - zumindest in den Köpfen der Anderen - der uneingeschränkten Vorfreude auf baldigen Reichtum Platz gemacht. Mir fehlten die Nerven für eine Rückkehr zur Diskussion.
„Scheiß auf den Knast!”, stieß die Labertasche den Schusseligen an. „Das sitzt du auf einer Arschbacke ab, Chico!”
Schussel nickte. In sich gekehrt hockte er auf seinem Stuhl.
„Nun zu uns, Hermanos”, wandte sich Laber an Pingel und mich. „Sobald die Kohle an Deck ist, lassen wir mal so richtig den Mond platzen! Wird höchste Zeit! Natürlich nicht hier, sondern da, wo die Kuh fliegt, comprende? In Hamburg, oder besser gleich in Berlin. Na, ist das ein Vorschlag?”
Niemand sagte etwas.
„Aber claro, eine super Idee ist das!”, klatschte Laber sich selbst Beifall, sichtlich begeistert von seiner Idee.
„Wir mieten uns ne Kneipe! Was sag ich, ein ganzes Haus mieten wir an! Und da lassen wir uns das Essen nur so kommen - und nicht nur das, Compagneros! Der Champagner muss in Strömen fließen, und Nutten müssen dabei sein, Scheiß auf das Geld!”
„Jau, schiet auf dat Geld!”, röhrte der Pingelige.
Schussel verzog seinen Mund zu einem gequälten Lächeln. Ich sagte nichts, hob mein Glas, nippte einen Schluck Rum. Ich hatte den Anschluss verloren beim Alkoholkonsum der Anderen, stand draußen und betrachtete meine Kameraden wie durch eine Glasscheibe, die anfing, zu beschlagen. Überhaupt hatte ich das Gefühl, ganz weit weg zu sein von dieser feucht-fröhlichen Männerrunde am Rande des Abgrunds.
Mir wurde schummrig vor den Augen, die Gedanken entglitten meinem Zugriff. Mund und Hals fühlten sich an wie ein trockenes Reibeisen. Im ersten Schrecken fürchtete ich, die nächste Erkältung würde mich heimsuchen. Was war nur los mit mir? Ich konnte doch nicht betrunken sein, von nur einem Schnaps!
Mein ausgedörrter Mund, der nicht aufhörte, trocken zu sein - egal, wie viel Wasser ich in ihn hineinschüttete - brachte mich darauf, dass hier mal wieder Dope im Spiel war. Schussels Brot!

Ich schaute auf - die Anderen waren verschwunden. Mir wurde derart schwindelig, dass ich mich nicht mehr auf dem Stuhl halten konnte. Vorsichtig beugte ich mich nach vorn, fuhr meine Arme aus und ließ mich, so sacht es ging, auf allen Vieren nieder.
In mein Zimmer, in mein Bett - aber wo musste ich lang? Unendlich hoch war auf einmal der Raum. Direkt neben mir erhob sich ein steiler, schlanker Felsen, der mich irgendwie an meinen Küchenschrank erinnerte. Müdigkeit wälzte sich über mich. Ich gab ihr nach, rollte mich zusammen. Augenblicklich zog mich der Schlaf in seine warme, schwarze Höhle.
Ich erwachte auf dem Boden einer hohen, von kaltem Neonlicht durchfluteten Kammer. Draußen war es dunkel, erkannte ich durch das hohe, schmale Fenster an der mir gegenüberliegenden Wand. Das Fenster war vergittert.
Sie haben uns geschnappt! - traf es mich wie ein Knüppelschlag auf den Kopf. Ich lag im Knast, in einer verlausten Gefängniszelle!
Der nächste Blick gab mir Entwarnung. Bei dem vermeintlichen Gefängnisgatter handelte es sich um die bis auf Hüfthöhe angebrachte Sicherheitsvergitterung meines französischen Küchenfensters. Vor meinem gewohnten Blick hatte sie längst aufgehört zu existieren.
Die Pflanzen - durchfuhr mich der nächste Schock, irgendwas stimmte nicht mit ihnen! Ich musste rüber, ins „Verbotene Zimmer”, sofort!
Mit äußerster Mühe hievte ich mich Richtung Türschwelle - gerade weit genug, dass ich auf den Flur spähen konnte. Aus der Dunkelheit blitzten mich Augenpaare an.
Ich war ein einsamer, verwundeter Bauer, der sein Feld und sich von einem Rudel Wildschweine bedroht wusste. Auch die Girls spürten die Gefahr. Durch die für mich unüberwindliche Weite des Flurs und die geschlossene Zimmertür hindurch fühlte ich ihre Unruhe.
Jemand war zu ihnen vorgedrungen - aber kein Wildschwein.
„Pulleralarm!”, schob es sich kraftlos über meine staubtrockenen Lippen. Das Schlimmste war passiert, eine weitere männliche Pflanze ins „Verbotene Zimmer&rbdquo; eingedrungen.
Ich schloss die Augen und sah, wie sich ihre prall gefüllten Pollensäcke im Ventilatorwind wiegten. Knackend platzten die Staubbeutel auf, aus jedem stiebte eine dicke, gelbe Pollenwolke. Gierig reckten sich die Blütennarben den Pollen entgegen. Ich sah ihre behaarten, flaumigen Spitzen. Ganz klebrig waren sie geworden. Sie sehnten sich nach Sex!
Schon hatte sich die gelbe Wolke auf ihnen niedergelassen, hielten die klebrigen Härchen die Pollen in liebevoller Umarmung umschlungen. Ich musste zuschauen, wie die feuchten Härchen die Hüllen der eingefangenen Spermazellen aufweichten. Die hatten schon lange auf diesen Moment gewartet. Aus jedem Samen wuchs ein dünner Schlauch und drang in die Narbe. Von heftigem Quietschen begleitet, stießen die Schläuche durch die engen Flaschenhälse der Griffel ins warme, weiche Innere der weiblichen Blüten vor. Hier, im dunklen Bett des Fruchtknotens warteten, in köstliches Nährgewebe gebettet, die Eizellen schon ungeduldig auf ihre Freier.
Unter den Pollenschläuchen war indes ein erbitterter Wettlauf entbrannt. Nur der jeweils schnellste würde heil durch den Griffel gelangen und eine Eizelle abbekommen. Vergeblich meine Hoffnung, dass es keiner von ihnen schaffte. Niemand konnte die Natur aufhalten, die Girls daran hindern, sich zu nehmen, wonach ihnen gelüstete. Schon hatten sich im Inneren der Blüten unzählige Samen- und Eizellen miteinander vereint, hatte zigtausendfach die Befruchtung stattgefunden.
Als nächstes sah ich die Fruchtknoten zusehends praller werden. Unsere Girls waren schwanger und ließen ihre Babys heranwachsen - dort, wo nach unserem Willen goldene, harzreiche Blütenstände gedeihen sollten.
Auf Wiedersehen, Buds! Die Fruchthüllen brachen auf, klackend purzelten die Samenkörner heraus. Klack-klack - landeten sie auf den Pflanztischen, klack-klack - auf dem Fußboden. Auf den Dielen hatte sich bereits eine stattliche Körnerschar versammelt.
Nach kurzem Gewimmel formierten sich die Samen zu einer Kolonne und zogen los - im Gänsemarsch den Flur entlang, der Wohnungstür entgegen. Die musste ihrem Ansturm nachgeben. Mit einem vielstimmigem - klack, klack-klack - ging′s die Treppenstufen hinab, auf die Straße und geradewegs zur Polizeiwache, wo dieser elende Botanikprofessor, von dem uns Schussel erzählt hatte, schon auf sie wartete.
Da vernahm ich Tritte im Hausflur: Viele Paare schwerer Polizeistiefel auf dem Weg in den dritten Stock, zu mir! „Ich will nicht in den Knast”, hörte ich Schussels klägliche Stimme aus dem Dunkel des Flurs, dann wurde es schwarz vor meinen Augen.

Draußen graute der Morgen. In der Etage über mir wurde eine Wohnungstür aufgeschlossen. Renate war vom Brötchenholen, von der Nachtschicht oder von was auch immer zurückgekehrt.
Ich lag weder im Knast, noch lauerte im Treppenflur eine Hundertschaft Polizisten auf mich. Im „Verbotenen Zimmer” hatte sich auch kein weiteres Männchen eingeschlichen. Ächzend erhob ich mich vom Fußboden, schlurfte in mein Zimmer und ließ mich aufs Bett fallen. Mein Horrortrip hatte mich einmal mehr fühlen lassen, wie dünn das Eis unter meinen Füßen war.

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