Montag, 22. Januar 2007
Folge 8 (Woche vom 15.01.07 bis zum 21.01.07)
Pratzke-Homepage

Unverändert grauer Himmel, seit Wochen nun schon. Das Pflegen der Anlage war mir zur Routine geworden. Eine Unlust hatte sich in mir breit gemacht, die gut zum trüben Wetter passte. Zwar freute ich mich noch immer an den heranwachsenden Pflanzen im Anlagenzimmer, doch verbrachte ich meine Zeit inzwischen lieber vorm Fernseher. Noch immer lief BAUSCH UND BOGEN, diese Familienserie, in der Natascha Hennecke die Hauptrolle spielte.
Ich war verrückt nach Natascha. Seit Wochen hockte ich in meiner Wohnung wie der letzte Mönch einer untergegangenen Religion. Nataschas Lippen machten mir schmerzhaft klar, dass es noch etwas anderes gab, als marihuanapusselnd in der Bude zu hocken.
Zweimal am Tag musste ich die Pumpe für das Gießwasser anstellen, einmal morgens, einmal am Abend. Einer der Kniffe beim Betrieb einer Marihuana-Aufzuchtanlage ist, dass man von dem mit Düngemittel angereicherten Gießwasser mehr einleitet als nötig. Das abfließende Wasser läuft durch ein System von Regenrinnen und sammelt sich schließlich im Ablaufbehälter. Mit ihm wird ein Teil der beim Stoffwechsel der Pflanzen anfallenden Schadstoffe herausgespült, damit deren Konzentration nicht zu groß wird in den kleinen Töpfen.
Ich stellte wie gewohnt die Pumpe an und wartete. Es dauerte immer eine Weile, bis das Wasser die Regenrinnen durchfloss und in die Sammelbehälter plätscherte. In einem Anflug von Langeweile warf ich einen Blick auf die Uhr der Lichtsteuerung. Genau in dieser Minute begann BAUSCH UND BOGEN! Um nicht Nataschas ersten Augenaufschlag zu verpassen, rannte ich rüber in mein Zimmer und kam gerade noch rechtzeitig vor der Flimmerkiste zum liegen.
Meine Heldin war schön wie eh und je, und wie immer wartete tief in mir etwas darauf, dass sie aus dem Fernseher in mein Zimmer stieg oder mich wenigstens anrief.
Tatsächlich vernahm ich in der Werbepause aus der Küche den Klingelton meines Handys. Mir war klar, dass es nicht Natascha war, dennoch entschloss ich mich, ranzugehen. Als ich raus auf den Flur trat, erstarrte ich zur Salzsäule. Das heißt, nicht ganz. Mein Herz schlug wie verrückt gegen meine Brust.
Die Tür zum „Verbotenen Zimmer” stand offen, auf seinem Boden gewahrte ich einen gewaltigen See. Die Pumpe röhrte im Leerlauf. Das bedeutete, der gesamte Inhalt des Gießwasserbeckens - knapp dreihundert Liter Wasser - hatten sich in den Raum ergossen.
Bum, bum, bum, hämmerte es unter meinem Hemd. Schussel und ich hatten Plastikfolie auf dem Fußboden ausgelegt - um die Dielen zu schützen und für den Fall, dass das Entwässerungssystem undicht würde wie bei Pingel im Tower. An den Wänden hatten wir die Folie hochgeschlagen, dass sie eine Art Wanne bildete. Wunderbar, doch in der Mitte, den Rand zweier Bahnen entlang, war sie geklebt. Hielt sie dort dicht?
Das Wasser war kurz davor, über die Schwelle zu treten. Zum Glück wohnte ich im Altbau. Über die Jahrzehnte hatte sich die Holzbalkendecke in der Mitte des Raumes abgesenkt und bildete eine Mulde. Andernfalls hätte ich mir die bange Frage, ob die Folie dicht hielt, sparen können. Doch auch so verblieb keine Zeit für Mutmaßungen.
Ich stürzte ins Bad, griff Messbecher und Eimer und schöpfte los. Bald kam ich mir vor wie ein Rekrut, der den Kompanieflur mit der Zahnbürste säubern musste. Mindestens ebenso sinnlos war das Ganze auch. Nach zehn Eimern hatte sich der Wasserspiegel kaum gesenkt. Niemals würde ich so die Fluten dämmen! „Tu was!”, schrie ich mich an, doch das half mir auch nicht weiter. Oder doch?
Einer Eingebung folgend, warf ich den Messbecher in die Ecke und durchkämmte meine Wohnung nach saugfähigem Material. Was immer ich greifen konnte - Wolldecken, Handtücher, der Inhalt meines Wäscheschranks - alles warf ich ins Anlagenzimmer, um die Wassermassen zu binden, bevor sie den Weg des geringsten Widerstands wählten und durch die Holzbalkendecke in die Etage unter mir flossen.
Die Plane wird das Wasser aufhalten, wisperte eine beruhigende Stimme in meinem Kopf.
Warum hast du die Folie mit Schussel verlegt? - lamentierte eine zweite, wring um dein Leben! - schrie die dritte, während der Herzschlag noch immer mein Hemd vibrieren ließ.
Tatsächlich, der Pegel sank, zusehends. Nach einer Stunde emsigen Aufsaugens und Wringens streckte ich mich, bis zum Äußersten erschöpft, auf dem Flurfußboden nieder. Es sah wirklich so aus, als wäre nichts nach unten gedrungen.
Allein, ich traute dem Frieden nicht, holte Schrubber und Feudel aus dem Bad. Nachdem ich alles halbwegs trocken gewischt hatte, untersuchte ich die Folie. Sie war nicht beschädigt. Auch die Klebenaht schien nichts durchgelassen zu haben.
Um gänzlich sicher zu gehen, schnitt ich die Folie um den Mitteltisch herum auf - und starrte entgeistert auf die Dielen: Unterm Tisch hatte sich eine kleine Pfütze gebildet.
Wenn nun doch was durchgesickert war? Ich kannte mich gut genug, um zu wissen, dass mich diese Frage nicht loslassen würde, solange sie unbeantwortet blieb. So gab ich mir einen Ruck und stattete dem unter mir einen Besuch ab.

Nach dem dritten Klingeln näherten sich drinnen schlurfende Schritte. Die Tür wurde geöffnet. Ein widerwillig dreinschauendes Bartgesicht im gestreiften Schlafanzug blinzelte mich an. „Maaan, solln dat, um die Zeit? Hab die Woche Frühschicht!” „Das Aquarium meines Untermieters ist ausgelaufen”, entschuldigte ich mich artig. „Ich wollte bloß mal fragen, ob vielleicht etwas Wasser durch Ihre Wohnzimmerdecke gesickert ist, wissen Sie?”
„Momang!” Mit schlurfenden Schritten entfernte sich der Bartmann. Bei seiner Rückkehr schüttelte er den Kopf. Seine Miene signalisierte noch immer Verstimmung, doch die Erleichterung, gerade um Haaresbreite einer Katastrophe entronnen zu sein, zauberte ein Lächeln in die Mitte seines Barts.
„Na, denn man tau”, brummte Barti und drückte mir die Tür vor der Nase zu. Erleichtert stieg ich nach oben. Nicht auszudenken, wenn das Wasser die Wohnung des Bartmanns überschwemmt und er Feuerwehr und Hausverwaltung eingeschaltet hätte.

Ich war also noch mal mit einem blauen Auge davongekommen. Dumm nur, dass ich die Folie um den Mitteltisch herum aufgeschnitten hatte, ohne sie anschließend zu erneuern oder wenigstens zu kleben. Ich dachte wohl, dass mir so ein Patzer nur einmal unterlaufen würde.
Es dauerte genau eine Woche - da passierte mir genau die gleiche Geschichte ein zweites Mal. So blöd kann man doch gar nicht sein - genau das wären meine Worte gewesen, hätte mir ein anderer diese Geschichte erzählt. Tatsächlich war es haargenau die gleiche Situation: BAUSCH UND BOGEN fing an, kurz, nachdem ich die Pumpe angestellt hatte. Ich stürzte in mein Zimmer und Nataschas erster Augenaufschlag ließ mich vergessen, was ich nicht vergessen durfte.
Diesmal wurde ich bereits vor der Werbepause aus meinen Träumen gerissen - nicht vom Piepen meines Handys, sondern durch eine Klingel-Orgie an meiner Tür. Das erste Läuten hatte ich ignoriert wie jegliches Türgeräusch. Als jedoch heftig gegen die Tür getreten wurde und ich dazu wütende, plattdeutsche Flüche vernahm, überfiel mich das grässlichste Déjà-vu-Erlebnis meines Lebens:
Bartmann - Pumpe - Wasser! - ratterte es in meinem Hirnkasten. Wieder der Ablaufbehälter übergelaufen, wieder mehrere hundert Liter Wasser im Zimmer - und keine Folie mehr da, die es aufhielt! Das klaffend offenstehende Loch befand sich in der Zimmermitte, dem tiefsten Punkt des Raumes. Ich befand mich direkt vorm schwarzen Höllenschlund - auf ewig verloren, vollbrachte ich nicht augenblicklich das Unmögliche.
In den Flur stürzen, im Anlagenzimmer die im Leerlauf arbeitende Pumpe ausstellen, die Tür zuknallen - das alles war eine einzige Bewegung. Zwischendurch schrie ich „Ja, ja, ich komm ja schon!” in Richtung Wohnungstür. Nur zu gern hätte ich jetzt sofort mit dem Dämmen der Fluten begonnen, doch musste ich mich zuerst um den rasenden Bartmann kümmern.
„Mach dat Brett auf, oder ich lass dat Ding von der Feuerwehr aufbrechen!”, schallte es mir entgegen.
Mit einem Satz war ich an der Tür. Ich wartete Bartis nächsten Tritt ab und öffnete sie einen kleinen Spalt weit. „Tut mir leid! Das Aquarium von meinem Untermieter, aber ich hab′s gleich ...”
Weiter kam ich nicht. Bartis nächster Sturmlauf zwang mich dazu, mich mit aller Kraft gegen die Tür zu stemmen.
„Ich hol die Feuerwehr!”, schnaufte es, und Bartis Schulter rammte mit aller Wucht das Brett.
„Dürfte jetzt kaum noch was nachlaufen!”, brüllte ich in seinen nächsten Anlauf - eine komplette Lüge. Während ich hier vollkommen sinnlos mit Barti rang, schwappte es im „Verbotenen Zimmer” munter weiter.
„Schiet Aquarium - wie oft denn nu noch!” Der Körper des Bartmanns ließ meine Tür ein weiteres Mal erbeben. Barti war kleiner und leichter als ich, doch die Wut der Verzweiflung machte aus ihm einen ernstzunehmenden Gegner. Nur mit Mühe parierte ich seine Attacken, die nun in immer kürzeren Abständen kamen.
Zum aller ersten Mal in meinem Leben dachte ich daran, dass ich im Sternbild der Zwillinge geboren wurde. Wären wir jetzt tatsächlich zwei, könnte einer von uns die Tür verteidigen, während sich der Andere um die Flut im „Verbotenen Zimmer” kümmerte.
Noch immer machte Barti keine Anstalten, Ruhe zu geben. Immerhin nahm die Wucht seiner Angriffe allmählich ab. Aber auch meine Kräfte schwanden. Meine unwiderruflich letzte Ankündigung, retten zu wollen, was noch zu retten sei, ließ Barti zur Besinnung kommen und nach einem letzten, laschen Tritt den Rückzug antreten.
Die Schlacht hatte ich gewonnen, aber noch herrschte kein Frieden. Unverzüglich machte ich mich an die Rettungsarbeiten im „Verbotenen Zimmer”. Ich ersparte mir die Aktion mit dem Messbecher und rückte dem unheilvollen See sofort mit dem saugfähigen Inventar meiner Wohnung zu Leibe. All meine Decken und Klamotten hatte ich inzwischen gewaschen und getrocknet. Ich wusste noch, wo alles lag.
Dank meiner Übung ging mir das Ganze bedeutend besser von der Hand als vor einer Woche. Als ich das Wasser soweit gebunden hatte, dass kaum noch was nach unten lief, stand einmal mehr der Canossa-Gang zu Barti an. Obwohl durch meinen soeben aufgestellten persönlichen Rekord im Wischen und Auswringen an den Rand der totalen Erschöpfung gelangt, hätte ich tausend mal lieber eine weitere Tankladung aufgewischt, als jetzt da runter zu gehen. Was half′s? Selbst der inoffizielle Titel eines baltischen Wischmeisters würde mich nicht vorm Knast bewahren, wenn mich Barti bei der Hausverwaltung anzeigte - falls er nicht längst die Feuerwehr alarmiert hatte!

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