Montag, 25. Dezember 2006
Folge 5 (Woche vom 18.12. bis zum 24.12.)
Pratzke-Homepage

Endlich unterlagen meine Tage wieder einer gewissen Ordnung! Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen pusselte ich Kevins alte Ernte. Alle zwölf Stunden schlurfte ich über den Flur ins Anlagenzimmer, stellte die Pumpe an und passte auf, dass alle zweihundertfünfzig Stecklinge ihr Wasser bekamen.
Mickrig und klein steckten sie in den Töpfen. Offenbar hatten sie sich noch nicht entschieden, ob sie eingehen oder gedeihen wollten.
Ich sah zu, dass ich das Gießen möglichst schnell hinter mich brachte. Ich mochte die kümmerlichen Strünke nicht. Ihre bloße Existenz brachte mich in Teufels Küche! Würden sie jemals Buds tragen?

Es schellte: drei Mal kurz, einmal lang. Welcher Depp hatte da seinen Schlüssel vergessen? Es war der Laberkopf.
„Was macht der Geheimauftrag?“, begrüßte ich ihn. Ich war noch immer verstimmt wegen seines Amsterdam-Abstechers.
Kevin sah mich an, ohne Show und aufgesetztes Grinsen. „Geht dich nichts an.“
An mir vorbei stiefelte er ins Anlagenzimmer und baute sich vor dem Gießwasserbottich auf.
„Ist ja fast leer, das Ding.“ Er musterte mich wie der Oberlehrer den Klassendeppen. „Wenn du ihn wieder auffüllst, vergiss auf keinen Fall, den Dünger hinzuzugeben, du weißt Bescheid?“
Ich hatte keinen blassen Schimmer, und das wusste er genau!
„Die Düngung beinhaltet fünf Komponenten“, ging er zum ich-erklär-dir-das-alles-nur-einmal-Ton über. „Bei der Erstbefüllung hab ich das exakte Mischungsverhältnis für den optimalen pH-Wert ermittelt. Wenn du es annähernd genau so bringst, erleben wir hier drin schon bald das Wunder der Natur, comprende?“
Er deutete auf die Kanister und Chemikalien-Fläschchen unter einem der Pflanztische. „Von dem Canazym gibst du 20 Milliliter mit rein, vom CoCo A einen dreiviertel Messbecher, vom CoCo B nen halben – alles so, wie’s geschrieben steht, claro?“
Erst jetzt fiel mir auf, dass sämtliche Behältnisse säuberlich beschriftet waren.
„Hab’s verstanden“, knurrte ich – zum ersten Mal froh darüber, dass das Grienen auf Kevins Gesicht zurückkehrte. Ohne sein Getue war er mir unheimlich. Das Grienen war seine Maske, was verbarg sich dahinter?
Die Hände auf dem Rücken verschränkt, drehte er eine Runde um die Tische, deutete mit süffisanter Miene auf die Pflänzchen.
„Ist doch eigentlich fies von uns, was?“
„Wie – fies?“
„Erst geilen wir die Girls mordsmäßig auf, geben ihnen schön zu trinken, halten ihnen die Lampe, dass sie Lust kriegen, Blüten auszubilden – und dann lassen wir sie keinen einzigen Kerl sehen.“
Ich nickte gelehrig. Noch vor ein paar Minuten hatte ich diesen Kerl zur Rede stellen wollen.
„Wir sind sogar noch fieser“, fuhr er fort: „Erst machen wir sie spitz wie Schmidts Katze, und wenn sie denken, jetzt kommen die Kerle, nieten wir sie um und hängen sie zum Trocknen auf die Leine. Nee, nee, chico.“ Er schüttelte den Kopf. „Richtig fiese Kriminelle sind wir, muss ich schon sagen.“
Mit wiegendem Oberkörper verließ er das Anlagenzimmer. Bevor ich ihm folgte, warf ich einen Blick auf die Pflänzchen. Sie taten mir leid.

Kevins Vortrag hatte ich entnommen, dass es sich bei den Buds um die unbefruchteten weiblichen Blütenstände handelte. Es erschreckte mich, wie wenig ich über die „Girls“ wusste. Ich nahm mir fest vor, Großmutters Landwirtschaftsbücher einmal genauer anzusehen. Nicht noch einmal wollte ich derart hilflos vor dem Laberkopf stehen.
Zunächst einmal stand jedoch die alte Ernte auf meinem Programm. Bald hatte ich etliche Kartons fertig gepusselt. Die Kisten türmten sich und machten mein Zimmer kleiner. Neben ihnen lehnten zwei Müllsäcke an der Wand, einer gefüllt mit Blättern, der andere mit Stängeln. Eine mit Buds gefüllte Stiege stand in der Raummitte. Die Pflanzenteile sonderten ungehindert ihren Geruch ab. Er war so intensiv, dass ich meine Zimmertür stets geschlossen hielt. Tagsüber traute ich mich nicht, das Fenster zu öffnen.
Warum holte Schussel das Zeug nicht ab? Er war für den Verkauf zuständig, das „Verticken“. Wieso drehte er sich nicht endlich und sorgte dafür, dass mir das Zeug aus den Augen kam und endlich aufhörte, meine Bude mit dem verräterischen Geruch zu füllen. Ich wählte Schussels Nummer.
„Was ist los!“, schnauzte ich in den Hörer, „hol endlich dein Grünzeug ab, oder soll ich’s dir vor die Tür stellen?“
„Is ja gut, is ja gut“, wiegelte er ab. „Ich bin grad bei dir in der Nähe, da komm ich gleich mal längs.“

An mir vorbei wollte Schussel ins Anlagenzimmer schlüpfen. Ich stellte mich ihm in den Weg und zeigte stumm auf meine Zimmertür. Schussel senkte den Blick, vollführte mit schlenkernden Armen eine scharfe Linkskurve und betrat meine Opiumhöhle. Er hockte sich vor die Buds-Kiste.
„Ist schon schade“, murmelte er, während die Blüten durch seine Finger rieselten.
„Was ist schade?“
„Sind zu viele Kleine dabei, weißt? Die könnte ich nie verticken.“
„Ach nee! Soll ich das Zeug wegschmeißen und die letzten Wochen unter Beschäftigungstherapie verbuchen, oder was?“
„Nicht doch“, erwiderte Schussel, als spräche er zu einem bockigen Spielkameraden. „Wir pressen unsere Ware sowieso zu Barren, weißt? Jeweils fünfundzwanzig Gramm, rechteckig, zwei mal fünf Zentimeter, zwei Zentimeter hoch – einfach ein ideales Packmaß. Vier Barren sind hundert Gramm, die nehmen nicht mehr Platz weg als eine Zigarettenschachtel. Kannst sie prima im Gefrierfach aufbewahren, weißt? Ich hol mir bei Bedarf welche ab.“
Damit war seine Welt wieder in Ordnung. Mir dagegen schmeckte es überhaupt nicht, dass das Dope weiter bei mir lagern sollte.
„Wir sollten das trennen“, warf ich ein. „Für den Staatsanwalt bin ich sonst Anbauer und Dealer.“
Schussel sah mich irritiert an, dann trat ein Leuchten in seine Augen. „Kein Problem, Pratze! Ich hab noch einen Kühlwürfel im Keller, da kannst du die Barren prima reintun, weißt?“
„Mein Problem ist nicht der Kühlwürfel, mein Problem ist, dass ich nicht das ganze Dope in meiner Wohnung haben will.“
„Das Ganze bedeutet ein Stück mehr Arbeit“, setzte sich Schussel verblüffend selbstverständlich über meinen Einwand hinweg. „Wir schleudern das Harz von den Blättern und pressen es zusammen mit den Buds, weißt? Du hast doch die Blätter aufgehoben?“
Ich zeigte stumm auf die Plastiksäcke an der Wand.
„Sehr gut!“ Schussel nickte. „Da haben wir eine gute Resteverwertung, weißt? Kommt nichts um bei uns. Wenn du willst, bring ich dir morgen alles vorbei, was du brauchst: Waage, Presse, Kühlwürfel, den Polli –“
„Den was?“
„Den Pollinator!“ wiederholte er sanft. „Eine Schleuder, mit der du das Harz von den Blättern runterholst.“ Seine Miene bekam etwas Verschmitztes. „Und dann bring ich dir noch was feines mit, o.k.?“

Der Grund für seine freudige Erregung waren ein paar unscheinbare Metallplättchen. „Die legst du beim Pressen zwischen die Barren, weißt?“
In die Plättchen war in Handarbeit ein windschiefes Hanfblatt eingraviert.
„Meine Schmuckstückchen.“ Schussels Finger strichen über das Metall. „Wären beinahe draufgegangen, als sie meine Wohnung durchsucht haben. Nach dem Ding an der belgischen Grenze, weißt?“
„Ach, ja?“
„Ja! Die Bullen haben wie verrückt rumfotografiert, aber meine Plättchen haben sie nicht mitgenommen. Dachten wahrscheinlich, die sind nicht wichtig, Deppen, die.“
„Und dann schleppst du die Dinger zu mir?“
„Wieso denn nicht?“, erwiderte Schussel kleinlaut. „Ist doch ne super Geschäftsidee! Will sie mir patentieren lassen, weißt? Ehe ein anderer damit ankommt.“
„Tolle Idee!“ Ich hatte Mühe, mich im Zaum zu halten. „Wirklich richtig super, Alter! Wenn wir in Früchtewürfel machen würden, hätte es sogar was originelles. Aber so heißt es nichts weiter, als dass die Polizei genau nachvollziehen kann, wo unsere Barren herkommen, kapierst du das nicht?“
„Wieso denn?“, erwiderte Schussel bockig.
„Mann! Das ist so, als würden wir unsere Namen auf die Dinger schreiben! Wenn das in dem Knast, in den wir dann einfahren, die Runde macht, gibt das sicher eine prima Lachnummer. Die einzigen, die nicht mitlachen, werden wir vier sein!“
Schussel blies die Backen auf, vollführte eins, zwei Ansätze, etwas zu entgegnen, ließ seine Schultern sinken und gab keinen Mucks mehr von sich. Auch nicht, als ich seine Plättchen in den Müll warf. Den Eimer entleerte ich zwei Höfe weiter.

Zur Presse gehörte eine schwere, altertümliche Hohlform aus Gusseisen. Die Menge für jeweils vier Grasbarren passte hinein. Diese musste ich zwölf Stunden lang pressen. Statt Schussels signierter Metallplättchen benutzte ich Trennblätter aus stabilem Kunststoff, die ich aus einem Uni-Hefter schnitt.
Die Pflänzchen im Anlagenzimmer hatten sich inzwischen ausnahmslos dazu durchgerungen, nicht einzugehen. Schussel kam brav alle paar Tage vorbei, um eine Ladung Barren abzuholen. Die Labertasche verschonte mich mit weiteren Besuchen. Pingel sah hin und wieder nach der Anlage oder holte sich etwas Gras zum Rauchen.
Selbst bei geschlossener Zimmertür wusste ich stets, wer mich gerade heimsuchte. Huschte jemand übern Flur, und als nächstes klappte die Badtür – war es der Laberkopf. Während Schussels Gang bei allem Ungelenken etwas katzenhaft leises hatte, neigte Pingel zu hemmungslosem Poltern.
Bald nervte es mich, wenn ich ihn wieder schnaufend über den Flur stapfen hörte. Riss er auf dem Rückweg meine Zimmertür auf, um mir zwischen Tür und Angel ein paar Fragen zur Zuverlässigkeit der Schaltung zu stellen, wehte der Gestank von ranzigem Bratenfett zu mir herein. Ein Gruß vom fettigen Horst, der Frittenbude am Bahnhof. Hing Pingel der Magen zwischen den Kniekehlen, kehrte er dort ein. Vermischt mit dem Geruch der Girls, erzeugte Horsts Fettaroma jedes Mal ein gefährliches Würgen in meinem Hals.
„Ich kann dir auch was kochen!“, rief ich ihm das nächste Mal zu.
Pingel erwiderte nichts darauf, doch als er wieder auftauchte, kam er ohne Horsts Gestank. Eilig machte ich mich daran, Pingel eine Portion Bratkartoffeln zuzubereiten. Ich kam mir ein bisschen komisch vor dabei. Schon seit ewigen Zeiten hatte ich nicht mehr für jemand anderen gekocht.
Bei mir gab es kein ranziges Fettgemansche. Ich bereitete die Bratkartoffeln so zu, wie ich es von Großmutter kannte: gebraten in ganz wenig Butter, mit geröstetem Speck und Zwiebelwürfelchen, einem Ei, gewürzt mit Pfeffer und etwas Thymian.
Pingel wischte sich die Hände an der Hose ab, als ich den Teller vor ihm auf den Küchentisch stellte. Er nahm Platz, schaute zu mir, blickte auf den dampfenden Teller, wieder zu mir – und haute rein. Ich konnte zugucken, wie sich der Teller leerte.
Dieser Kerl war ein Vulkan. Nur zu gut erinnerte ich mich an seinen Wutanfall im Anlagenzimmer und daran, wie er im SCHLAGBAUM den Kapuzenmann vom Hocker gezerrt hatte. Jetzt saß er vor mir und schaufelte friedlich Bratkartoffeln in sich hinein, aber was geschah schon einen Augenaufschlag später? Ich hatte keine Ahnung, und das machte mir Angst.
„Kann ich dich mal was fragen?“, sagte ich in sein Kieferknacken.
Pingel schaute kauend auf. Inzwischen hatte er den Bratkartoffelberg fast vollständig vertilgt. „Wass’n?“
„Was machen wir eigentlich, wenn wir mal Probleme kriegen? Ich meine, im Sommer, draußen, auf dem Feld.“
„Wass’n für Probleme?“, fragte Pingel und polkte ein Stück Speck aus seinen Zähnen.
„Wenn wir zum Beispiel merken, dass sich welche über unsere Pflanzen hermachen. Greifen wir die dann an, oder was?“
Das Nashorn auf Pingels Schulter hob und senkte sich. „Die werden doch nicht so blöd sein und klauen, wenn wir auf’m Feld sind.“
„Und wenn doch? Ich meine, wenn wir sie überraschen?“
Wieder wippte das Nashorn auf und nieder.
„Wenn wir da draußen jemanden stellen!“ wurde ich deutlicher, „was machen wir dann mit dem? Fesseln und knebeln, oder was?“
Pingel ließ die letzte Fuhre Bratkartoffeln in seinem Mund verschwinden. „Würde ich so nicht machen“, murmelte er und piekte mit der Gabel die Krümel auf. „Ist viel zu aufwändig.“
Wenigstens hatte er nicht ja gesagt.

Wie aus dem Nichts prangte der Heilige Abend auf dem Kalenderblatt. Das ganze Gewese um Weihnachten hat mich nie sonderlich bewegt, doch an diesem Heiligen Abend spürte ich etwas, was ich so noch nicht kannte. Bis jetzt hatte es mir nie etwas ausgemacht, allein zu sein – jetzt fühlte ich mich einsam.
Pingel verbrachte die Feiertage bei seinen Eltern, Laber war mit Silvana nach Thailand geflogen.
Bei Schussel sah es anders aus. Er lebte allein. Sein Vater war früh gestorben, seine Mutter hatte er nie kennen gelernt. Die Kindheit verbrachte er bei seiner Tante. Deren Mann ließ ihn schon als kleinen Jungen spüren, dass er ihn für einen Versager hielt.
Ich kam mir plötzlich ziemlich schofelig vor, weil ich in letzter Zeit oft so unfreundlich zu ihm gewesen war. Klar hatte er Mist gebaut, aber waren wir nicht so was wie Kumpels? Mehr noch! Schussel war der Einzige in der Truppe, vor dem ich keine Angst zu haben brauchte. Also war es gleich doppelt wichtig, dass ich den Draht zu ihm nicht verlor!
Kurzentschlossen zückte ich mein Handy. Schussel ging sofort ran.
„Was machst’n heute abend?“
„Weiß noch nicht so genau.“
„Pass auf, Schussel! Du bist allein, ich auch – komm doch einfach vorbei! Wir tun uns eine Tiefkühlpizza in den Herd und pusseln ein bisschen – das Ding von Ravensburger, meine ich!“
„Wieso Ravensburger? Ach so! Klar, ich komm längs!“

„Hier!“ Sein sorgloses Klein-Jungen-Lächeln im Gesicht, hielt er mir ein Monster von Weihnachtsgesteck hin. Es war gespickt mit grünen Kerzen und schwarzbraunen Tannenzapfen aus Styropor.
„Hab ich von meiner Tante.“ Schussel strahlte. „Dachte mir, da haben wir es bisschen gemütlicher, weißt?“
Schweigend legte ich das Gesteck in eine Ecke, in der ich es nicht ansehen brauchte und riss einen Tetra-Pack Glühwein auf. Schussel füllte sich ein Glas mit Leitungswasser, nahm am Küchentisch Platz und baute einen Joint. Vorsorglich hatte ich eine alte Kompottschale als Aschenbecher bereitgestellt.
Ich verhängte das Küchenfenster mit meiner Diwandecke. Die Nachbarn sollten nicht sehen, welcherart Bastelei wir hier nachgingen. Schussel rauchte derweil seinen Joint. Ich warf eine CD in die Anlage, holte einen Karton Gras, und wir fingen an zu pusseln.
Leider hatte ich ausgerechnet meine Lieblingsscheibe erwischt. Paris, das Live-Doppelalbum von Supertramp, Marions Weihnachtsgeschenk vom letzten Jahr. Unzählige Male hatten wir es zusammen im Bett gehört. Sofort sah ich Marion vor mir auf dem Treppenabsatz stehen. Sie trug ihre enorm gut sitzende, rote Jeans. Ihre braunen Augen brannten auf meiner Wange, ihre blutroten Lippen machten, dass es zerrte in meiner Brust.
Hilfesuchend sah ich zu Schussel. Als er meinen Blick erwiderte, fragte ich schnell: „Wie war das eigentlich, als sie dich hochgezogen haben, damals an der Grenze?“
Sein Mund verzog sich zu einem gequälten Grinsen, dass es mir sofort leid tat, ihm die Frage gestellt zu haben. Ich hatte mich bloß von Marion ablenken wollen, ohne Supertramp ausschalten zu müssen.
„Die Belgiengeschichte“, seufzte Schussel und senkte den Kopf. „War schon ganz schönes Pech, was ich da hatte.“
Er pusselte einen Moment wie ferngesteuert weiter, dann säuberte er sorgfältig seine Hände und langte nach dem Silberdöschen. Während seine Finger den Joint entstehen ließen, trat ein Leuchten in seine Augen. In aller Ruhe entzündete er sein Bauwerk, nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch zur Decke.
„Ich war damals mit Constanze zusammen, weißt?“
„Die überspannte Physiotherapeutin, der du die Praxis ausgebaut hast?“
„Genau die.“ Ein Lachen ließ seine Brust erbeben. „Sie hat immer drauf bestanden, dass ich ihren Namen so komisch französisch ausspreche, weißt? Ihre Tochter hat ziemlich genervt, aber ich glaub, Constanze hat mich wirklich geliebt. Ein bisschen zumindest.“
Und wie sie dich geliebt hat. So lange, bis du ihr die Praxis für den Materialpreis übergeben hast. „Klar hat sie dich geliebt.“ Ich log nicht gerne, aber Schussel sah einfach zu traurig aus.
„Wir sind zu dritt nach Holland gefahren. Tulpenblüte, Amsterdam, der Königinnengeburtstag, die ganze Stadt ein riesiger Flohmarkt, weißt? Das wollte Constanze unbedingt erleben.“
Seine Schultern zuckten. „Was lag näher, als dass ich mit ihr längs fahre und dabei gleich bisschen was einkaufe, weißt? Gerade, wo ich auf meinem letzten Holland-Trip José kennen gelernt hatte, den Großhändler aus Togo, der vor paar Jahren sein Vertriebssystem in Amsterdam aufgebaut hat.“
„Klar“, erwiderte ich wie der geborene Dope-Schnäppchenjäger.
„Constanze hab ich nichts von den schwarzen Platten in ihrem Kofferraum erzählt.“ Schussels Augen blinzelten zur Diwandecke. „Fünfhundert Gramm reinster schwarzer Afghane, allererste Qualität, weißt?“
Ich ahnte zumindest.
„Ich hab Constanze überredet, dass wir noch einen Abstecher nach Belgien machen. Dachte, ist unauffälliger, wenn ich über Belgien einreise, weißt? Die Kleine mit an Bord, und Constanze sieht auch nicht aus wie eine, die mit Dope dealt. Außerdem hatte ich gehört, dass sie die Zollkontrollen an der belgischen Grenze abgeschafft hätten. Sah nach einer todsicheren Nummer aus, das Ganze.“
Seine Mundwinkel sanken nach unten, als wären sie ihm zu schwer geworden. „Wäre vielleicht wirklich alles gutgegangen, wenn ich nicht kurz vor der Grenze auf die One-Way-Spur für LKW geraten wäre. Sah komisch aus, Constanzes Cabrio zwischen den ganzen Brummis. Was soll’s, hab ich gedacht, wird schon nichts passieren. Außerdem kam ich eh nicht mehr runter von der blöden Spur. War ja alles total dicht, weißt?“
Schussels Augen waren so rot wie neulich im SCHLAGBAUM.
„Der Zöllner, dem wir im Schritttempo entgegenrollten, hat mich angegrient mit seinem Teddy-Gesicht. Sah echt locker aus, der Typ, weißt? Hinten hatte er die Haare sogar bisschen länger. Als wir neben ihm stehen, fragt er mich auf Französisch, ob wir was zu verzollen haben. Ich dachte, das ist ein Wink von ihm, weißt? Wo er doch unser deutsches Kennzeichen gesehen haben muss! Hab ihm gesagt, dass ich ihn nicht verstehe, worauf er mich im astreinen Hochdeutsch fragt: ‚Haben Sie Drogen gekauft?’“
Schussel fasste sich an die Stirn, als müsse er sich vergewissern, dass sie noch da war. „Mensch Pratze – wie der mich angeguckt hat! Als wüsste er ganz genau, was Phase ist, weißt? Und er sah so gutmütig aus. Hat gegrient bis zu den Ohren! Da hab ich ihm gesagt, dass ich ein paar Gramm dabei hab, zum Eigenverbrauch, weißt? Hab gedacht, er bleibt bei seinem Teddygrienen, hebt den Zeigefinger und sagt: ‚Na, dann fahren Sie mal weiter, viel Spaß noch.’ Hat er aber nicht. ‚Rechts ran, Motor abstellen und alle Mann aussteigen!’ – hat er gesagt, und nicht mal freundlich!“
Schussel blies seine Wangen auf wie ein zu Unrecht in die Ecke beordertes Hortkind. „Die haben natürlich nicht bloß die zwei Gramm in meiner Hosentasche gefunden, sondern auch die schönen, schwarzen Platten im Kofferraum.“
Seine Empörung verlieh der Geschichte eine eigenwillige Komik.
„Da bist du ja ein glatter Selbststeller“, sagte ich schnell, um nicht lachen zu müssen. „Darauf hättest du mildernde Umstände kriegen müssen, weißt du das?“
Schussel erwiderte nichts. Er saß da, in sich zusammengesackt wie ein kaputter Luftballon. Augenblicklich tat mir mein letzter Satz leid.
„Na ja“, murmelte Schussel nach einer Weile, „ich hatte wohl Glück im Unglück. Die haben nicht mal das Auto beschlagnahmt. Constanze konnte denen klarmachen, dass sie von dem Afghanen im Kofferraum nichts gewusst hat, weißt? War ja auch wirklich so.“
Er sah mich an. „Du glaubst ja gar nicht, wie die losgehen kann. Richtig durchbohrt hat die mich mit ihren Augen, weißt? Selbst die Zöllner sind einen Schritt zurückgetreten. Dazu das Geheule von der Kleinen. Die hatte plötzlich Schiss, wegen den vielen, wildfremden Männern um uns rum, weißt? Aber das schlimmste war echt Constanzes Blick.“
Schussel senkte den Kopf. „War dann auch bald vorbei mit uns. Zuerst hat sie’s abgelehnt, mit mir zu rauchen, dann wollte sie mich nicht mehr bei sich im Bett haben.“
An dieser Stelle wurde es mir eindeutig zu traurig. „Wie ging’s weiter?“, fragte ich rasch, „mit der Polizei, meine ich.“
„Na, ja. Die haben mir den Prozess gemacht. Anderthalb Jahre auf Bewährung.“
Anderthalb Jahre, Bewährung – echote es in mir. Meine Trauer war schlagartig verflogen. Statt dessen breitete sich in meinem Bauch einmal mehr das unheilwitternde Grummeln aus.
„Und in dieser Bewährungszeit steckst du noch mittendrin?“
„Ja, klar. Wieso?“
Mir wurde speiübel. Anderthalb Jahre auf Bewährung! Wenn sie Schussel das nächste Mal hochzogen, wanderte er mit hundertprozentiger Sicherheit in den Knast! Er schwebte in höchster Gefahr, und mit ihm wir alle. Schussel besorgte das für unsere Operation nötige Know-How – auf Rechnung, aus dem Großmarkt. Schussel vertickte die Barren, die ich tagein, tagaus pusselte, presste – mit meinen Fingerabdrücken versah!
„Wenn die dich hochziehen, bist du fällig, und wir stehen alle mit auf der Abschussliste, ist dir das klar?“
Meinem Blick ausweichend, rutschte er auf seinem Stuhl herum. Ob sie ihn bereits beschatteten, sein Telefon abhörten?
„Besorg dir bloß ein neues Handy! Gleich, wenn dieser Weihnachtskram vorbei ist! Hast du mich verstanden? Ist dir bewusst, dass die dich möglicherweise abhören?“
Sein zögerliches Nicken war alles andere als beruhigend.

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