Montag, 18. Dezember 2006
Folge 4 (Woche vom 11.12. bis zum 17.12.)
michael pratzke, 13:17h

„Was guckst’n so, im Auto ist noch mehr“, hieß Pingels ruppiger Kommentar, während er an mir vorbei in das leere Zimmer polterte. Der Seesack auf seinem Rücken war prall gefüllt. In den Händen hielt er einen Packen Plastikrohre, eine Rolle Schlauch hing über seiner Schulter. Als er mich auf seinem Weg nach draußen noch immer an der Tür stehen sah, hielt er an und brummte: „Was’n jetzt schon wieder?“
„Ich will nicht mit dir im Treppenhaus gesehen werden.“
Der Hüne schüttelte den Kopf, riss die Tür auf und polterte nach unten. Wir einigten uns darauf, dass Pingel die Sachen im Flur abstellte, und ich schaffte sie ins Zimmer. Ungehalten wurde er nur, als er bemerkte, dass er ein Bauteil vergessen hatte und noch mal losfahren musste.
Knapp zwei Stunden später hatte er alles beisammen, was er brauchte. Zimmer und Flur waren mit vielerlei Dingen vollgestellt: Tischböcke, Platten, Bottiche, eine Pumpe, jede Menge Rohre, Schläuche, Regenrinnen, drei alte Ventilatoren, Speziallampen und allerlei Elektrobauteile, über deren Verwendung ich nicht nachdachte.
Ächzend zog sich Pingel die Uniformjacke aus. Ein olivgrünes Camouflage-Muskelshirt gab den Blick auf zwei massige Schultern frei. Auf die linke war ein Nashorn tätowiert. Es hatte kurze, stämmige Beine und einen massiven Körper. Ohne das wuchtige Horn hätte ich es für ein Wildschwein gehalten. Verstohlen beäugte ich das Bildchen, während Pingel daran ging, an den Wänden Punkte anzuzeichnen.
„Für Dübel?“, fragte ich, um nicht weiter auf seine Schulter zu starren. Pingel sah mich an, als sei er verwundert über meine Anwesenheit.
„Da kommen Haken rein, zur Befestigung der Schienen, klar? Kannst ja schon anfangen mit Bohren, die Zehner sind’s.“
Froh, etwas gefunden zu haben, mit dem ich mich nützlich machen konnte, legte ich los.
Mit einigem Unbehagen bemerkte ich, dass mich Pingel die ganze Zeit über nicht aus den Augen ließ. Gerade so, als warte er darauf, dass mir ein Werkzeug aus der Hand fiel oder dass ich mich sonst irgendwie blöd anstellte. Ich bin es gewohnt, zu arbeiten und möchte behaupten, handwerklich nicht gerade ungeschickt zu sein. Pingels wachsamer Blick in meinem Rücken machte mich jedoch zusehends nervös. Kaum hatte ich tatsächlich einen Dübel schief in der Wand versenkt, ließ er seinen Hammer auf die Dielen fallen und presste Luft durch die Nase. „Alter!“, brauste er auf. „Ich kann so nich arbeiten, klar!
Sein Atem wurde wieder ruhiger.
„Das geht nicht gegen dich, Pratze. Bin’s gewohnt, so was allein zu machen, klar? Ruf Laber an. Der müsste noch’n paar Kisten getrocknete Marihuanapflanzen bei sich rumstehen haben. Von der letzten Ernte, muss dringend verarbeitet werden, das Zeug. Hilf ihm dabei, und ich mach hier weiter, klar? Ist uns allen am besten geholfen.“
Ehe ich Piep sagen konnte, fand ich mich, meines Hammers beraubt, im Flur wieder. Pingel schloss die Tür zum Anlagenzimmer, kurz darauf vernahm ich von drinnen Hämmern, Bohren und Schrauben. Ich fühlte mich wie ein überflüssiger Hilfsarbeiter auf einer Baustelle in der Fremde.
Kevin wartete vor seinem Haus auf der Straße und rauchte. Auf der Rückbank seines alten Kombis stapelten sich Bananenkisten.
„Ist doch o.k., wenn du das Zeug in deiner Wohnung pusselst, oder?“, empfing er mich und schnippte seine Kippe in den Rinnstein.
„Ja, klar. Aber warum bin ich hergelatscht, wenn du eh alles allein trägst?“
„Bist du wenigstens mal rausgekommen. Los, steig ein!“
Kevin wohnte in einer Einbahnstraße. Er fuhr sie in verkehrter Richtung raus. An der Kreuzung hielt er an und drehte sich betont langsam erst nach links, dann nach rechts.
„Bullen, wo seid ihr?“ – brüllend, trat er das Gaspedal durch. Die Reifen quietschten. Grienend deutete Kevin nach hinten zu den Kisten.
„Ist doch mal ein netter Studentenjob, was? Durch die Gegend kutschen, den Wagen voll mit guten Sachen, die das Leben leichter machen!“
Ich zwang mir ein Lächeln ab. Labertasche – dieser Name war echt passend für diesen Kerl.
„Zeit ist Geld, compañero!“ hieß sein nächster Spruch. „Ich würde also sagen, wir verlieren keine kostbaren Sekunden und nehmen den kürzesten Weg zu dir, o.k.?“
Die Bedeutung seiner Worte wurde mir klar, als wir kurz darauf in die mit einem Sackgassenschild versehene Oberwallgasse bogen. An ihrem Ende befand sich eine kopfsteingepflasterte Durchfahrt – allerdings nur für Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr. Laber raste auf die Durchfahrt zu und holte tief Luft – sicher, um gleich zu Bremsetreten und Bullen-Spruch anzusetzen. Unvermittelt knallte er den Rückwärtsgang rein und setzte in die direkt vor der Sperre gelegene Parklücke.
„Was soll das jetzt?
„Schnauze!“, stieß er hervor. „Bleib cool! Bin gleich wieder da!“
Er riss die Tür auf und rannte los. Im Rückspiegel sah ich ihn in einem Hauseingang verschwinden. Als ich wieder nach vorn schaute, gewahrte ich auf der anderen Straßenseite, direkt vor meiner Nase, einen grün-weißen Polizeitransporter. Eine junge Polizistin mit blondem Pferdeschwanz lümmelte kaugummikauend auf dem Beifahrersitz und sah zu mir rüber.
Mit äußerster Mühe zwang ich mich, ruhig sitzen zu bleiben und vor allem, nicht nach hinten zu schauen, zu den Kisten mit den „guten Sachen, die das Leben leichter machen“ – wenn man sich mit ihnen nicht gerade am helllichten Tag auf offener Straße von einer Polizeistreife aufgreifen ließ.
Noch immer ruhte der Blick der Politesse auf mir. Kalter Angstschweiß klebte mir das Hemd an den Rücken. Was machte die da drüben? Lauerte sie auf Idioten wie uns, die illegal die Feuerwehrdurchfahrt passierten? Kam sie jetzt rüber, forderte sie über Funk Verstärkung an?
‚Ich hab hier zwei Verdächtige in einem alten Kombi! Der eine ist abgehauen, der andere sitzt im Wagen und glotzt mich blöd an. Ich glaub, der hat die Hosen voll. Knöpft ihn euch mal vor. Auf der Rückbank liegen paar Kisten, würde mich nicht wundern, wenn da Drogen drin sind.’
So viel Pech hab ich nicht verdient – flehte ich zu sämtlichen Schicksalsgöttinnen dieser Welt. Die Polizistin tat vorerst nichts, was wie der Ruf nach Verstärkung aussah. Sie saß einfach nur da, mit mahlenden Wangenknochen – und sah mich an. Wartete sie vielleicht nur auf ihren Kollegen, der gerade belegte Brötchen und Kaffee für die Frühstückspause organisierte?
Quälende Minuten verstrichen. Der Blick der Polizistin ruhte nun schon so lange auf mir, dass man unter anderen Umständen eine eindeutige Absicht dahinter vermuten könnte. Sie war jünger als ich, höchstens Mitte zwanzig. Wann hatte mich zum letzten Mal eine Frau so angeschaut?
Wäre ich Polizist geworden, dürfte ich jetzt Kaffee und Wurstbrötchen für sie besorgen, statt schweißtriefend mit mehreren hundert Gramm Marihuana in Labers blödem Kombi zu sitzen.
Wie sie wohl mit offenem Haar aussah, ohne die Uniform? Ich schloss die Augen und sah sie im kurzen, blauen Kleid auf meinem Küchenschrank sitzen. Gerade Haltung, schlank und durchtrainiert von den Leibesübungen auf der Polizeischule, zeigte sie mir ihre langen, solariumsgebräunten Beine – da ließ mich das Klappen der Autotür zusammenfahren.
Blöder Träumer, jetzt bist du geliefert! – durchfuhr es mich, doch es waren keine Greifer im Kampfanzug, die mich aus dem Wagen zerrten. Die Labertasche war von seinem Pseudo-Besuch im Haus an der Ecke zurückgekehrt. Hatte er die ganze Zeit im Hauseingang gewartet, ob sie mich hops nehmen würden?
In aller Seelenruhe startete er den Wagen. Der Polizistin schenkte er im Vorbeifahren sein Filmgrienen. Sie schüttelte ihren Zeigefinger in unsere Richtung und hatte ein Lächeln für ihn parat.
„Was’n, hermano?“, schnalzte Laber. „Schon vergessen? Ist doch streng legal, was wir hier machen!“
Ich sah starr nach vorne und verfluchte mich dafür, dass ich mich zum Laberer ins Auto gesetzt hatte. Ein kleiner Trost war mir, dass er gleich die ganzen Bananenkisten allein hoch tragen würde. Warum sollte es ihm besser ergehen als Pingel?
Mit Labers getrockneten Cannabispflanzen begann die Illegalität in meiner Wohnung ein paar Tage eher als geplant. Das war mir recht. Je eher es losging, desto schneller war es ausgestanden.
Ich stopfte meine Klamotten in Müllsäcke, nahm die Zwischenbretter aus dem Kleiderschrank und verstaute die Graskisten darin. Die Pflanzen waren jeweils in zwei sorgsam verschlossenen Müllbeuteln verpackt – damit sie frisch blieben, wie ich dachte.
Nach einer kurzen Einweisung durch Schussel fing ich also an, Gras zu pusseln. Ich riss die Stängel auseinander, dann die Blätter. Mit einem Klappmesser entfernte ich die kleinern Blättchen, bis nur noch die harzhaltigen Blütenstände übrig blieben.
Pingel errichtete währenddessen auf der anderen Seite des Flurs die Anlage. Noch immer zog er es vor, allein zu arbeiten. Selbst den Laberer mochte er nicht dabei haben. So zumindest interpretierte ich den Klang seiner Stimme, wenn sie hinter verschlossener Tür diskutierten. Ich wollte gar nicht wissen, was sich im „Verbotenen Zimmer“ abspielte. Meine Miete samt Betriebskosten trug von nun an die Firma, allein das hatte mich zu interessieren. Von morgens bis abends über den Stauden zu sitzen, war mein Teil der Arbeit, die anderen erledigten ihren!
Marihuana-Pusseln ist die erste halbe Stunde eine halbwegs angenehme Beschäftigung. Spätestens dann sind deine Finger völlig mit einer schwarzen, harzartigen Schmiere verklebt.
„Ein Zeichen für die hervorragende Qualität unserer Buds“, erklärte mir Schussel. „Ist blanker Goldstaub, was du da an den Händen hast, weißt? Bestes THC. Kratz es von deinen Fingern und sammle es in einem Glas! Ist prima Schwarzer Afghane, weißt? Der Rolls-Royce unter den Cannabisprodukten.“
Ich setzte das Klappmesser an und versuchte, die zähe, schwarze Masse von meinen Fingern zu schaben.
Doch meine Hände klebten nicht nur. Sie rochen immer intensiver nach Marihuana – selbst, wenn ich sie am Abend mit Seifenlauge behandelt hatte. Überhaupt breitete sich der dumpfe, feuchte Raubtiergeruch in der ganzen Wohnung aus. Deswegen also die sorgfältige Verpackung! Doch auch die nützte nichts, war die Folie erst eingerissen. Der verräterische Gestank durchdrang einfach alles! Würde er nicht auch ins Treppenhaus dringen?
Türklingeln ließ mich hochschnellen wie ein Pilot aus seinem Schleudersitz. Was war los, was zu tun? Es hat geklingelt, und ich muss aufmachen – erinnerte ich mich. So zu tun, als wäre ich nicht zu Hause, war purer Unsinn. Das Gehämmere aus dem Anlagenzimmer war garantiert im ganzen Haus zu hören. Pingel arbeitete munter weiter. Das Klingeln schien ihn nicht im Geringsten zu stören.
Und schon wieder schellte es. Waren das die Nachbarn, die sich über den Lärm beschwerten, oder schon die Polizistin mit dem Pferdeschwanz, zusammen mit einer Gruppe Kampfanzugträger?
Wir sind Kriminelle, aber was wir machen, ist streng legal – klang die Stimme der Labertasche in meinem Ohr, als ich mich mit weichen Knien der Wohnungstür näherte. Meine Nerven zu schonen, verzichtete ich auf den Blick durch den Spion. Ich riss die Tür auf und guckte mit heruntergeklappter Kinnlade ins Treppenhaus.
Marion stand vor mir, die Lippen tief dunkelrot geschminkt. Wollte sie mich zur Rede stellen, ihre Sachen holen – oder mir eine letzte Chance geben? Sie trug ihre enge, rote Jeans und sah bezaubernd aus.
Aus dem „Verbotenen Zimmer“ drang emsiges Hämmern. Marion tat, als bemerke sie es nicht. Unverwandt sah sie mir ins Gesicht. Heftiges Kribbeln auf meiner Haut. Tu was! Nur, was? Sollte ich Marion die Tür vor der Nase zuschlagen oder sie in meine Arme schließen? Mir war stark nach letzterem, doch wie sollte ich ihr den Geruch meiner Finger erklären? Was würde sie dazu sagen, dass im großen Zimmer ein Glatzkopf in Tarnklamotten und mit Nashorn auf der Schulter die Fenster mit Plastikfolie abklebte?
Marion versuchte ein Lächeln. „Wollte mal gucken, wie’s dir geht.“
Ich nickte stumm. Meine Linke umklammerte die Türklinke. Fürchtete ich, Marion wolle mich überwältigen, ins „Verbotene Zimmer“ stürmen und uns auffordern, sie zur Polizei zu begleiten?
„Hab grade ziemlich viel um die Ohren“, brummte ich.
„In der Uni warst du auch nicht“, erwiderte Marion. „Nicht, dass du denkst, ich spioniere dir nach. Ich hab mir nur Sorgen gemacht.“
Ich wusste, sie sagte die Wahrheit. Sie würde uns nicht verpfeifen. Aber was würde sie tun, wenn sie schnallte, was hier vor sich ging?
Den Kopf schütteln, mich in mein Zimmer ziehen? „Michael, du bist ein Kindskopf, wenn du ernsthaft daran glaubst, auf die Art deine Schulden zu tilgen oder gar deinen Lebensunterhalt zu bestreiten.“ Ich hatte es genau im Ohr, wie sie das „ernsthaft“ aussprach.
„Hab keine Zeit für die Uni“, erwiderte ich barsch.
Ihr Blick brannte auf meinem Gesicht. Jetzt nicht schwach werden! An Marion vorbei starrte ich auf die Streben des Treppengeländers.
„Bin gerade am Renovieren, ... wegen meinem neuen Untermieter“, fing ich an, dann schossen die Worte nur so aus mir heraus:
„Ich muss mich beeilen. Hab einen Job angenommen, in Bayern. Jede Menge Knufferei, dafür gibt’s am Ende ordentlich Schütte. Tut mir leid, aber ich hab absolut keine Zeit. Kann dich nicht mal reinbitten.“
Meine Kanonade hatte gesessen. Marion schaute nun ebenfalls an mir vorbei. Mir war zum Heulen, und auch Marion schien mit den Tränen zu kämpfen. Bitte nicht! Doch Marion blieb fair.
Ohne ein Wort machte sie kehrt und stieg die Treppen nach unten. Sie ging, ohne sich umzusehen. Die Wohnungstür wurde mir so schwer wie ein Burgtor, als ich sie ins Schloss drückte. Hätte Marion auch nur eine Träne gezeigt, wäre die Festung nicht zu halten gewesen.
„Wer war’n das?“, rief Pingel aus dem Anlagenzimmer.
„Niemand“, gab ich zurück und machte mich wieder an die Arbeit.
Marions Besuch hatte mir schmerzhaft klargemacht, dass ich fortan den Eremiten geben musste – bis die halbe Million eingefahren war. Auch wenn es wehtat – ich musste es vermeiden, durch eine dumme Unachtsamkeit aufzufliegen.
Meinem Freund Dietmar und den anderen Kommilitonen erzählte ich die Geschichte vom Job in Bayern, die mir bei Marions Besuch spontan eingefallen war. Stand erst die Anlage, war es still in meiner Wohnung. Ab dann würde ich weder ans Telefon noch an die Tür gehen. Für den Kontakt mit meinen Partnern genügte das Handy.
Meine Partner – das nächste Problem! Waren die drei einschlägig bekannt? Zumindest bei Schussel wusste ich es. Er war vorbestraft, irgendwas mit Rauschgift an der belgischen Grenze. Für den genaueren Hergang hatte ich mich nie interessiert. Nun saßen wir in einem Boot.
Die Drei bauen nicht zum ersten Mal Gras an, versuchte ich, mich zu beruhigen. Bisher schien ja alles gut gegangen zu sein. Dennoch sollte ich mich auf keinen Fall noch einmal mit ihnen in der Öffentlichkeit sehen lassen. Kein weiterer Besuch im SCHLAGBAUM, keine Fahrt in Labers Kombi. Auch im Treppenhaus durfte ich mich nicht mit ihnen zeigen.
Damit sie ohne Aufsehen zu mir gelangten, händigte ich ihnen Wohnungs- und Haustürschlüssel aus. Hatten sie die vergessen, mussten sie unten klingeln: Dreimal kurz, einmal lang – der Code war mir eingefallen, als ich beim Pusseln den Anfang von Beethovens Neunter vor mich hin gepfiffen hatte. Auf ein anderes Klingelzeichen reagierte ich nicht, ebenso wenig auf das Telefon. Ich bin auf Montage in Bayern – zog den Stecker und basta!
Nach einer halben Woche stand die Anlage nahezu betriebsbereit im „Verbotenen Zimmer.“ Dass sich Schussel in dieser Zeit auffallend rar machte, war besonders für Pingel ein katastrophaler Umstand. Schussel war sein Ansprechpartner für Beschaffung und Transport des Equipments. Stieß Pingel im Anlagenzimmer einen Fluch aus, wusste ich, dass Schussel wieder mal ein falsches Bauteil angeschleppt oder einen Termin nicht eingehalten hatte. Schussels Angewohnheit war es zudem, genau dann mit Pingels Auto zur Beschaffung fehlender Teile unterwegs zu sein, wenn Pingel den Wagen selber brauchte.
Bald hatte Pingel nur noch hasserfüllte Flüche für „den Kollegen von der Materialbeschaffung“ übrig. Sein Gebrüll ging mir auf die Nerven. Ich versuchte, einfach nicht mehr hin zu hören. Angst und bange wurde mir jedoch, als mir Pingel in einer Pause erzählte, auf welche Art und Weise Schussel das benötigte Material besorgte.
Schussel war offiziell Hartz IV-Empfänger, was ihn jedoch nicht davon abgehalten hatte, ein Gewerbe anzumelden. „Gartendesign Schosterek“ hieß seine Firma. Diesen Schachzug hatte er vollführt, um im Großhandel die für den Anlagenbau notwendigen Materialien zum günstigen Wiederverkaufspreis zu bekommen.
Als ich das erfuhr, musste ich mich erst mal setzen. Ein Gewerbe, Schussel – war er völlig übergeschnappt? Das Finanzamt würde wissen wollen, wo die zum Wiederverkaufspreis erworbene Ware abgeblieben war!
„Seid ihr alle wahnsinnig?“, sagte ich entgeistert.
„Was’n nun schon wieder?“ Pingel sah mich erstaunt an.
„Schussel hat tatsächlich dieses Gewerbe angemeldet?“
Pingel nickte. „Ja, wieso?“
„Wieso?“, brauste ich auf. „Dieser Trottel kauft auf Rechnung genau die Teile, die man für den Aufbau der Marihuana-Aufzuchtanlage braucht, die hier in meiner Bude steht, und du fragst, was los ist?“
„Reg dich ab“, brummte Pingel. „Deine ist ja nicht die einzige Anlage. Außerdem kannst du dir aus den gleichen Bauteilen eben so gut ein Gewächshaus oder nen Orchideen-Wintergarten einrichten.“
„Ach, ja?“
„Ja, klar!“ Pingel schien amüsiert über meine Unwissenheit. „Du kannst freilich auch nach Rostock fahren, in den nächstbesten Grow & Head-Shop gehen und dem Verkäufer erzählen, was du vorhast. Der packt dir alles fein sauber in Tüten, allerdings zu nem komplett anderen Preis!“
„Echt?“
„Mann, Pratze“, stöhnte Pingel, „du kannst in Deutschland alles kaufen, was du zum Marihuana-Anbau brauchst! Du darfst das Zeug nur nicht anbauen, klar?“
Inzwischen war das „Verbotene Zimmer“ kaum wiederzuerkennen. Es erinnerte jetzt eher an ein Laboratorium als an eine menschliche Behausung. Die Fenster waren abgeklebt, Ventilatoren, Scheinwerfer und Bewässerungssystem warteten darauf, ihren Dienst aufzunehmen. Auf den im Karree aufgestellten Tischen standen zweihundertundfünfzig mit Kokoserde gefüllte Töpfe für die Stecklinge bereit, die Schussel bereits in der Mutterpflanzen-Anlage geschnitten hatte. Die Pflänzchen steckten in Steinwollblöcken, hatten gewurzelt und wollten zu mir geschafft und in die Töpfe eingepflanzt werden – in meine beinahe betriebsbereite Anlage. Ihr fehlten lediglich ein Anschlussstutzen für das Bewässerungssystem sowie die computergestützte Steuerung für Licht und Bewässerung – das Herzstück also, ohne das die Anlage nichts war als jede Menge zusammengeschraubtes Baumaterial. Pingel sollte die Steuerung zu seinem Bruder, einem Computerfreak schaffen, um sie neu programmieren zu lassen.
„Wenn wir ein neues Projekt starten, übernehmen wir nicht einfach das alte Equipment, wie es verdammte Anfänger tun würden“, hatte mir Laber erklärt.
Am achten Montagetag regte sich Pingel mordsmäßig darüber auf, dass Schussel zum wiederholten Mal den falschen Anschlussstutzen angeschleppt hatte. Als ihn der Schusselige auch noch auf sein Auto warten ließ, nahm das Unheil seinen Lauf.
Pingel knallte die Tür des Anlagenzimmers zu, und ich hörte ihn drinnen derart toben, dass ich fürchtete, er würde nun sein Bauwerk in Schutt verwandeln. Oder kam er gleich heraus, um seine Wut an mir auszulassen? Was wusste ich, auf welche Art sich der Kerl abreagierte? Mir war mehr als mulmig.
Nach ein paar Minuten wurde es unvermittelt still im „Verbotenen Zimmer.“ Kurz darauf trat Pingel auf den Flur, in jeder Hand einen Werkzeugkoffer.
Was immer du jetzt sagen willst, lass es – sagte sein Blick. Die Lippen aufeinandergepresst, stapfte er an mir vorbei. Leise klappte die Wohnungstür.
Anderntags wartete ich vergeblich auf Pingel, ebenso am darauffolgenden. Er tauchte einfach nicht auf. Auch telefonisch konnte ich ihn nicht erreichen. Ich saß wie auf Kohlen. Jedes Geräusch im Treppenhaus ließ mich hoffnungsvoll innehalten – jedes Mal stieß mich die nachfolgende Stille ein Stück tiefer in die Verzweiflung. Wir kamen nicht einen Schritt weiter ohne Pingel und dieses Steuerteil! Wie lange hielten die Stecklinge in ihren Steinwollblöcken durch? Mussten sie nicht längst in die Erde? War alles verloren, noch ehe es begonnen hatte?
Es war grausam, nichts tun zu können – außer Warten. Mich abzulenken, stellte ich die abgedrehtesten Verlustrechnungen an. Die waren völlig haltlos, was wusste ich von Graspflanzen? Ich rechnete dennoch. Mit selbsterfundenen „Halbwertzeiten“ von Marihuana die abenteuerlichsten Gleichungen aufzustellen, hielt mich zumindest davon ab, wie ein Angestochener von Wand zu Wand zu laufen.
Nach drei Tagen half auch das nichts mehr. Ich ignorierte meine Abscheu vor Kevins Sprüchen und wählte seine Handynummer.
„Pingel ist weg!“, schrie ich gegen das Rauschen an meinem Ohr.
„Was? Wieso denn?“, übertönte Kevins Stimme den Lärm.
„Er wollte zu seinem Bruder, die Steuerung für die Klima-Anlage neu programmieren lassen! Aber das ist jetzt schon drei Tage her!“
„Aha! War vorher was mit Schussel?“
„Na ja, das Übliche eben! Pingel hat rumgebrüllt, wegen einem Bauteil und dem Auto.“
„Hat er noch gebrüllt, als er aus deiner Tür ist?“
„Wart mal, ... nein. Da war er ganz ruhig. Erstaunlich ruhig sogar.“
„Oh, oh, oh!“, sang Kevin in mein Ohr. „Wenn unser hermano so weit ist, braucht er mindestens eine Woche, um wieder auf Normaltemperatur zu kommen. Ruf ihn jetzt bloß nicht an! Und mich rufst du besser auch nicht an, also dann...“
„Aber die Stecklinge!“, brüllte ich in das Getöse.
„Die kacken ab, aber Scheiß drauf!“, brüllte Kevin zurück. „Ist längst nicht so schlimm, als wenn du Pingel jetzt an die Strippe kriegst. Der ist gerade ein Rennwagen im roten Drehzahlbereich, comprende? Tranquilo, hombre, er wird wieder auftauchen. Ist er bis jetzt immer. Ich meld mich, wenn ich wieder im Land bin!“
„Im Land? Wo um Himmels Willen steckst du?“
Im Hintergrund hörte ich eine Frauenstimme, sie klang unwirsch.
„Kurz vor der Holländischen Grenze“, flüsterte Kevin. „Ist gewissermaßen ein Geheimauftrag, claro?“
Die Frauenstimme wurde lauter.
„Was bist du?“, brüllte ich. „Was für ein Geheimauftrag!“
„Flüstere ich dir, wenn ich wieder da bin. Ich muss Schluss machen.“
Die Verbindung brach ab. Ich stand im Flur, das Handy ans Ohr gepresst und wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Als ich wieder klar im Kopf war, hämmerte ich Schussels Nummer in die Tasten.
Schussels Augen huschten die Wände auf und ab, während er am Küchentisch saß und meinem Bericht lauschte. Er rutschte auf seinem Stuhl herum wie ein Pennäler, der etwas ausgefressen hatte. Erst, als ich fertig war, fiel die Anspannung von ihm ab.
„Da kannste nichts machen, ist eben seine spezielle Art der Stressbewältigung, weißt?“, erklärte er schulterzuckend. Pingels Verschwinden nahm er hin wie einen unerwarteten Regenguss, vor dem er sich gerade in meine Küche gerettet hatte.
„Und die Pflanzen? Mensch, der Zeitplan!“, brüllte ich ihm meine Wut ins Gesicht. „Was, wenn die Stecklinge den Bach runtergehen? Machen wir erst mal in Tomaten, oder wie! Und was soll das mit Kevins Geheimauftrag?“
„Wieso Tomaten?“ fragte Schussel, ehrlich erstaunt. „Und was für ein Geheimauftrag?“
„Das frage ich dich, Mensch! Ich hab gerade mit der Labertasche telefoniert! Der Kerl ist auf dem Weg nach Holland!“
„Ach so“, winkte Schussel ab. „Wird er mal wieder seine Freundin ausführen müssen. Silvana steht auf Amsterdam, weißt? Van Gogh-Museum, die vielen Grachten, die Coffee-Shops. Sie wird ihn so lange genervt haben, bis er nur noch ja sagen konnte. Vielleicht bringt er ein paar Samen mit. Hat er gesagt, wann er wieder da ist?“
Ich fühlte mich außer Stande, ihm zu antworten. Was faselte dieser Kerl von Samen und Grachten, während hier der Hauptdeich brach! Ich dachte an meine Schulden, die zweihundert Euro Mietausfall zuzüglich Betriebskosten, das verlorene Semester, daran, dass ich keinen Job und inzwischen auch keine Freundin mehr hatte. Als wäre das nicht genug, amüsierte sich dieses Großmaul in Amsterdam.
„Besser, du gehst jetzt“, brummte ich in Richtung Schussel.
Anderntags kam Pingel mit einem silbernen Metallkoffer zur Wohnungstür hereinspaziert. Ohne ein Wort verschwand er im Anlagenzimmer. Zehn Minuten später ging die Tür wieder auf: „Komm mal, muss dir erklären, was du zu machen hast.“
Kurz darauf brachte Schussel die Kisten mit den Jungpflanzen. Kevin erschien mit ein paar Kanistern und Chemikalienfläschchen und machte sich am Gießwasserbottich zu schaffen. Schussel und ich setzten die Stecklinge in die Töpfe, Pingel nahm die Anlage in Betrieb.
Auch wenn mir nicht zum Feiern war, zumindest fiel mir ein gewaltiger Stein vom Herzen. Offenbar hatten sich die Jungs abgesprochen. Beruhigend, zu wissen, dass das Ganze auch ohne mich funktionierte. Ich nahm mir vor, in Zukunft besser auf meine Nerven zu achten. Jetzt war ich heilfroh, dass die Stecklinge ordnungsgemäß in der Anlage standen. Hätten sie noch länger ohne Erde auskommen müssen – ich mochte gar nicht daran denken.
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