Montag, 11. Dezember 2006
Folge 3 (Woche vom 04.12. bis zum 10.12.)
michael pratzke, 13:16h

Es zog unangenehm in der alten Tordurchfahrt. Kalter Nebel hing in der Luft. Ich befand mich in Wiesenhügel, nur ein paar Straßen vom SCHLAGBAUM entfernt. Bier und Tequila – mir kam der Kaffee hoch, dachte ich daran. Den ganzen Tag hatte mich ein schwerer Kater ans Bett gefesselt. Inzwischen hatte sich die Übelkeit bis auf ein Drücken in der Magengegend zurückgezogen. In meinem Schädel trieb indes noch immer der Mann mit dem Hämmerchen sein Unwesen, und ich fror erbärmlich.
Mit trüben Augen glotzte ich auf den Hinterhof. Geradezu standen ein paar Mülltonnen. Die verbeulten, ehemals runden Vehikel stammten zweifelsohne noch aus Ostzeiten. Auf einer saß eine schwarze Katze. Sie sah aus, als lauere sie hier seit Stunden auf ihr Abendessen, das sich wohl hinter einer der Nachbartonnen verkrochen hatte.
Neben den Tonnen erhob sich ein mit morbidem Charme ausgestattetes Mehrfamilienhaus. Sein großflächig abgefallener Putz machte den Hauptteil des die Mülltonnen umgebenden Schutthaufens aus. An der Hauswand lehnte ein Klapp-Fahrrad. Das heisere Kläffen eines Köters wehte herüber. Alles hier sah aus, als warte es seit Ewigkeiten auf die Abrissbirne – so wie ich auf meine Partner.
Sie wollten mir hier so eine Anlage zeigen, wie sie in Kürze auch bei mir stehen würde. Ich sollte mir das Ding anschauen und danach endgültig zusagen.
Warten hat etwas Zerstörerisches, zumindest, wenn man so funktioniert wie ich. Schon immer hasste ich diese Zeiten, in denen es nichts zu tun gab. Ich fühle mich dann so schrecklich hilflos und stelle mir Fragen, die nicht gut tun: Wer bin ich? Was tue ich hier? Was habe ich erreicht?
So sehr ich meinen katergeplagten Schädel anstrengte – auf keine der Fragen fand ich etwas, was auf die Positivseite gehörte. Sollte ich zu Marion gehen, ihr erklären, warum ich sie so angefahren hatte und sie bitten, zusammen mit mir ein neues Leben anzufangen? Ich könnte die verhauenen Prüfungen nachholen, mein Studium zu Ende bringen...
Ein Poltern ließ mich zusammenfahren, schrilles Quieken drang an mein Ohr. Meine Augen tasteten den Hof ab. Etwas hatte sich verändert. Richtig – die Katze saß nicht mehr auf ihrer Mülltonne. Sie hatte ihre Maus erwischt und sich getrollt.
Sollte ich es ihr nicht gleich tun? Diese Geschichte bleiben lassen, ehe ich richtig tief in ihr versank? Dieser Hinterhof schien alles andere als der Ausgangspunkt eines erfolgreichen ‚Projekts’ zu sein, und war das Ausbleiben meiner Kompagnons nicht ebenfalls ein deutlicher Wink? Warum ging ich nicht? Aus Trotz? Oder fehlte mir nur jede Idee, wie ich sonst Omas Geld zurückgewinnen, meine Schulden bezahlen, meinem Leben einen Sinn geben konnte?
Schnell lenkte ich meine Gedanken zu den zweitausend Pflanzen. Ich sah sie vor mir wie ein gewaltiges Blumenbeet, oder besser noch – als würden wir Tomatenpflanzen aussetzen. Tomatenpflanzen mit Geldscheinen dran, und wir waren harmlose Schrebergärtner, die ihr Feld bestellten.
Und was für ein Feld! Die Zahlen auf Schussels Zettel ratterten durch meinen Kopf: Eine Pflanze erbrachte zweihundertundfünfzig Gramm Gras, also 1 250 Euro. Das Ganze mal zweitausend machte zwei komma Millionen. Fünfhunderttausend abgezogen, blieben zwei Millionen übrig, eine halbe Million für jeden!
Wären die drei in diesem Moment in der Tordurchfahrt erschienen, wäre ich ihnen um den Hals gefallen. Los Leute, lasst uns anfangen! Je eher wir säen, desto eher ernten wir! – hätte ich überglücklich in die Winternacht gebrüllt.
Aber sie kamen nicht, und so kehrten meine Zweifel zurück. Die Zahlen auf Schussels Zettel – waren sie überhaupt realistisch? Entstammten sie nicht eher seinen hoffnungslos optimistischen Wunschträumen? Ich wusste, wie chaotisch es bei ihm zuging.
Aber – war ich besser?
Mein Ausflug an die Uni, war das nicht auch wieder nur eine meiner kurzatmigen Ideen, ein typisches Immer-nur-den-Kopf-Abbeißen? Magister der Sozialpädagogik – was wollte ich damit bestellen? Hatte ich vielleicht nur angefangen zu studieren, um der Öde der Bauerei zu entkommen? Nach neun Semestern war ich vom Abschluss noch immer weit entfernt.
Von der Straße her näherten sich Schritte. Drei Gestalten schälten sich aus dem Nebel: meine Kompagnons, und sie schienen bester Laune zu sein.
„Hi Pratze, schön dass du da bist. Wartest du schon lange?“
Schussel streckte mir seine Hand entgegen. Als er mich mit seinen Hundeaugen ansah, brachte ich keinen der Flüche, die ich mir gerade noch für ihn zurechtgelegt hatte, über meine Lippen.
„Worauf warten wir?“, drängelte Pingel.
Über den vollgemüllten Hof trotteten wir zum Eingang des Mietshauses. Die Haustür quietschte entsetzlich, schien jedoch ansonsten funktionstüchtig zu sein. Im Hausflur stand ein Duftgemisch aus Wischwachs und Kohlsuppe. Der Treppenlichtautomat knallte, als Kevin das Licht einschaltete. Auf knarrenden Holzstufen stiegen wir aufwärts. Im obersten Stockwerk schloss Schussel eine Tür auf.
Wir betraten eine Wohnung, gegen die sich der SCHLAGBAUM als Hort der Gemütlichkeit ausnahm. Schmutzig graue Tapete hing in Fetzen am dunklen Putz. Rissiger, graugrüner Linoleumfußboden, ein Schrank, bei dem es sich zweifelsfrei um einen NVA-Spind handelte, Stühle, Tisch – alles war von einer schmierigen Dreckschicht überzogen. Aus der Spüle drang ein auf Fäulnis deutender Gestank. Im Becken lag ein Spritzbesteck.
„Ist ein Junkie, der das Lustschloss hier bewohnt“, erklärte Kevin. „Ein sauberer Deal. Wir legen die Miete, er betreut die Anlage, comprende? Kostet uns ansonsten keinen Pfennig. Wir zahlen nicht mal den Strom.“
Ich presste meine Lippen aufeinander. Jetzt bloß nicht an Bier, Tequila oder den alten Mann denken! Vorbei an Bergen aus Müll, Klamotten und Pizzaschachteln, über leere Flaschen und Geschirr hinweg, gelangten wir vor eine verschlossene Tür. Schussel steckte einen Schlüssel ins Schloss, die Tür tat sich auf, und mir klappte die Kinnlade runter.
Schwüle Hitze schlug mir entgegen. Im grellen Lichtschein erhob sich ein Wald riesiger Pflanzen, die mich im ersten Augenblick an Palmen denken ließen. Die Bäume standen auf Tischen, dicht an dicht, in großen, bauchigen Blumenkübeln. Animalischer Raubkatzengeruch hing in der Luft. Genau so hatte ich mir den Urwald vorgestellt: Unbarmherzige Fruchtbarkeit im ewigen Sonnenschein, fehlte bloß, dass im Hintergrund der Amazonas rauschte!
Langsam gewöhnten sich meine Augen an das grelle Licht. An der Decke erkannte ich Schienen. Auf ihnen fuhren Lampen hin und her.
„Zweitausendvierhundert Watt Power für unser Glück“, schnarrte Kevins Stimme in meinem Rücken. Auf den Tischen erkannte ich ein kompliziertes Geflecht dicker Schläuche, von denen alle paar Zentimeter ein Bündel dünnere abgingen. Diese führten in die Bottiche. Auf den Dielen standen Wassertank und Auffangbecken.
„Das Be- und Entwässerungssystem“, erklärte Schussel. „Das hier ist unsere Mutter-Kind-Anlage, weißt? Du siehst hier die Mutterpflanzen, von denen wir bei Bedarf die Stecklinge schneiden – auch die, die schon bald in deiner Anlage stehen! Ist einfach die sicherste Methode, weißt? Durch die Mütter können wir uns zu neunundneunzig Komma neun Prozent sicher sein, dass wir es später mit weiblichen Pflanzen zu tun haben.“
Ich nickte, obgleich ich keine Ahnung hatte, was daran so gut war.
„Du siehst hier nichts Geringeres als das Herzstück unserer Operation“, ließ sich Kevin vernehmen. In seiner Stimme lag etwas Forderndes. Ich spürte die Blicke der Jungs in meinem Rücken. Klar, sie warteten darauf, dass ich etwas sagte. Doch so geschwätzig wie gestern sollten sie mich nicht noch einmal erleben.
Dieser animalisch riechende Urwald verwirrte mich. Ich musste zusehen, dass ich meinen Kopf wieder klar bekam. Bedenken hatte ich genug. Es störte mich, dass ihr sogenanntes Herzstück in dieser Bruchbude stand. Auch von deren Besitzer war ich alles andere als begeistert, und wie war das mit dem Strom? Ich nahm meinen Blick von den Pflanzen, drehte mich zu den Jungs um.
„Frisst doch jede Menge Energie, so eine Anlage“, begann ich, den Blick auf Schussel gerichtet. „Wer bezahlt das eigentlich?“
Schussels Kinderlächeln erstarb. Hilfesuchend linste er zu Kevin.
Der zuckte die Achseln. „Wir jedenfalls nicht!“
Mein Blick fiel auf das dicke Elektrokabel, das links der Tür, neben einem Schaltkasten, in der Wand verschwand. Ich ließ die Jungs im Anlagenzimmer stehen, verfolgte die Leitung. Sie führte quer durch die Küchenmüllhalde, weiter über den Flur, aus der Wohnung heraus ins Treppenhaus. Frei hängend, verschwand sie auf dem Treppenabsatz in einem vorsintflutlichen Zählerschrank. Die zerbeulte Blechtür stand offen. Aus dem Schrank drang leises Surren.
Ich aktivierte das Flurlicht. In einem der Wechselstromzähler drehten sich munter die Rädchen. Schweiß trat mir auf die Stirn. Um sicherzugehen, dass das Gesehene keine Wahnvorstellung war, schloss ich die Augen, machte sie wieder auf – und stürzte in die Wohnung zurück.
„Das geht schon über zwei Jahre so“, erwiderte Schussel auf meine entsetzte Frage, ob sie alle wahnsinnig seien. „Und es funktioniert“, fügte er kleinlaut hinzu.
Ich fasste mich an den Kopf. „Seit ihr komplett bescheuert? Ein Wunder, dass ihr noch nicht aufgeflogen seid! Das Kabel quer durch das Treppenhaus in den Zählerschrank, noch auffälliger geht’s wohl nicht?“
„Wem soll da was auffallen?“ Schussel klang ehrlich erstaunt.
„Zum Beispiel dem Vermieter, du Penner!“
Schussels Kopf zuckte zurück, als hätte ich ihm ins Gesicht geschlagen.
„Scheiß auf den Vermieter“, meldete sich Kevin. „Der Typ sitzt irgendwo bei Nürnberg. Solange der jeden Monat seine Miete plus Betriebskosten überwiesen bekommt, schert der sich nen feuchten Kuhschiss um die Bruchbude hier. Wir könnten hier eben so gut einen Puff aufmachen, und den würde das nicht interessieren. Und die paar Omas, die hier wohnen, kriegen gleich gar nichts mit.“
Schussel nickte. Siehst du, alles halb so wild – sagte sein Blick.
„Träumt ihr, oder was?“, ließ ich weiter Dampf ab. „Mensch, das Kabel im Treppenhaus! Habt ihr überhaupt eine Ahnung, wie viel Strom der Lampenpark hier frisst? Dazu das Pumpensystem, wer weiß, was da noch alles dranhängt? Soviel verbraucht kein Treppen- und Kellerlicht der Welt, selbst wenn es Tag und Nacht brennt und jeder Tag achtundvierzig Stunden hätte, ist euch das eigentlich klar?“
Die Drei sahen sich an, als hätte ich ihnen einen Vortrag über die Wichtigkeit des Reisanbaus in China gehalten.
„Was jetzt!“, brummte der Hüne. „Bist du dabei oder nicht?“
Sein Ton verriet, dass er keine Lust auf Diskussionen hatte. Zu diskutieren gab es hier tatsächlich nichts. Nur noch eines war zu tun: Tschüs sagen, die Treppen runter und ab nach Hause!
Und meine Schulden, die halbe Million? Die Zahl hatte mich fixiert wie das Kerzenlicht die Motte. Aber diese Kerle, die Bruchbude, der Junkie, das Spritzbesteck, die Anlage am Treppenlichtautomat – am Ende dieses Wegs winkte der Knast, nicht das große Geld. Und wenn doch?
Dreimal Nein! Ich musste schleunigst raus aus dieser irrsinnigen Geschichte. Aber wäre das nicht wieder nur ein Kneifen, ein typisches nur-den-Kopf-Abbeißen? Außerdem, warum sollte ich nicht auch einmal Glück haben im Leben? Nur ein einziges Mal! Gab es möglicherweise einen dritten Weg? Auf alle Fälle hatte ich jetzt und hier eine Entscheidung zu fällen.
Ich sah die Drei der Reihe nach an, fasste mir ein Herz. „Solange euer bestes Stück an einer Strippe hängt, der man einfach nur nachgehen muss, um euch hochzuziehen, habe ich offiziell nichts mit euch zu tun! Ich will nirgendwo zusammen mit euch gesehen werden. Wer immer diese Bruchbude bewohnt – ich will ihn nicht zu Gesicht bekommen. Ich hab diese Wohnung niemals betreten, dieses Zimmer nie gesehen. Sollte was schief gehen, weiß ich nicht mal, wo Wiesenhügel liegt! Wenn das für euch o.k. ist, bin ich dabei.“
Die drei standen vor mir wie die Orgelpfeifen und sahen mich an. Endlose Sekunden verstrichen, der erwartete und insgeheim erhoffte Widerspruch ließ auf sich warten.
„In Ordnung“, brummte der Hüne, als säßen wir am Frühstückstisch, und ich hätte ihn gebeten, mir mal eben die Butter zu reichen. Schussels Gesicht zeigte deutliche Zeichen von Erleichterung. Kevin bekundete seine Zustimmung mit einem Nicken, das eines Cosa-Nostra-Paten würdig gewesen wäre. So einfach war das?
Na dann, halbe Million, ich komme!
***
Meine erste Amtshandlung im Auftrag der Operation Wiesenhügel: Ich musste meinen neuen Untermieter loswerden. Ich kam mir ein bisschen schofelig vor. Außerdem würden mir die zweihundert Euro fehlen, die mir dieser Thomas im Voraus gezahlt hatte. Wer eine halbe Million verdienen will, darf wegen zweihundert Euro nicht weinen! Stand erst mal die Anlage, würde die „Firma“ die Miete übernehmen.
Als Thomas das nächste Mal, beladen mit einem riesigen Rucksack, bei mir aufkreuzte, setzte ich eine betretene Miene auf und ließ ihn wissen, dass wir zwei ein großes Problem hätten. Ehe er irgend etwas entgegnen konnte, konfrontierte ich ihn mit der traurigen Geschichte von Theresa – meiner letzten Untermieterin. Diese, zugleich meine langjährige Geliebte, habe nach ihrem Auszug bemerkt, dass sie mich mehr liebe, als je für möglich gehalten. Ich zuckte innerlich zusammen bei der Vorstellung, mit dieser unordentlichen Zicke irgend etwas in dieser Richtung zu tun zu haben – aber schnell weiter! Weil sie mich so sehr liebe, habe sie Hals über Kopf ihr Semester in Paris sausen lassen und warte nun auf gepackten Koffern darauf, dass sie zu mir zurückkommen könne.
Ich sah zu, dass ich während meiner Rede möglichst zerknirscht aussah. Dabei achtete ich jedoch auf eine gewisse Schärfe meiner Stimme. Die sollte Thomas unmissverständlich klarmachen, dass ihm jetzt nicht ernsthaft danach sein könne, mein Liebesglück zu zerstören, indem er stur auf der Gültigkeit unserer Vereinbarung bestand.
Ich hatte genau ins Schwarze getroffen. Thomas’ Nasenzucken verriet, dass er mich am liebsten auf den Mond geschossen hätte. Allein die unbarmherzige Härte meiner Situation hielt ihn davon ab, auch nur den Versuch eines Widerspruchs zu starten.
„Lass mal“, beeilte ich mich, unsere Unterredung zum Abschluss zu bringen, ehe sich das Blatt womöglich wendete: „Ist eben nicht einfach mit den Frauen. Ich war von Anfang an dagegen, dass sie weggeht, aber sie musste es ja unbedingt ausprobieren. Sie ist eben noch jung.“ Meine Stimme wurde brüchig: „Und sie fehlt mir, wie verrückt, das kannst du dir echt nicht vorstellen, Alter!“
Thomas sah jetzt sehr zerknirscht aus. Ich musste aufpassen, dass ich nicht durch ein Lachen alles zunichte machte.
„Mach dir keinen Kopf“, leitete ich meinen Schluss ein. „Such dir in aller Ruhe was anderes. So lange du noch nichts gefunden hast, bist du mein Gast.“
Murrend griff er nach den zwei grünen Scheinen in meiner Hand.
Von nun an sah ich zu, dass ich mich, wann immer Thomas in der Wohnung auftauchte, ans Telefon klemmte und mit „Theresa“ sprach.
„Ja, du fehlst mir auch sehr, mein Schatz, besonders nachts, wenn ich aufwache und du nicht bei mir bist. Aber bald haben wir es geschafft, und dann werden wir uns nie mehr trennen, nie wieder, hörst du?“
Solch Gesäusel schickte ich in den Hörer, sobald Thomas in der Nähe war. Ich redete immer laut genug, damit ihm ja nicht entging, was für ein tolles Paar wir waren, und wie sehr wir unter unserer Trennung litten – die nur er beenden konnte, indem er endlich verschwand.
Thomas und ich haben kein einziges Wort mehr gewechselt. Nach nicht mal einer Woche war er weg. Ich fühlte mich mehr als erleichtert. Es war mir immer schwerer gefallen, diesen Unsinn aus den Fingern zu saugen. Jetzt aber konnte ich meinen Kompagnons melden: Die Luft ist rein.
Eine halbe Stunde später traten Pingel und Kevin über meine Schwelle. Besonders Ersterer schien kein Freund ausschweifender Begrüßungsszenarien zu sein. „Will das Zimmer sehen, klar?“, brummte er, während sich Kevin nach dem Klo erkundigte.
Wie Schussel durchmaß der Hüne den Raum mit seinen Schritten. „Kolossal groß, das Ding“, bemerkte er sichtlich gut gelaunt, „und zwei Außenwände! Wird’s im Sommer durch unsere Lampen nicht überhitzt. Schiete nur, dass hier kein Ofen mehr steht.“
Trotz des offensichtlichen Handicaps wirkte er noch immer zufrieden.
„Was soll’s, organisieren wir die Entlüftung über die Fenster, alles machbar.“ Er griff in seine Beintasche und holte einen Zimmermannsbleistift hervor. „Außerdem kann uns da nicht so’n Schiet passieren wie neulich dem in Rostock.“
Ich schluckte. „Was ist dem denn passiert?“
„Haben ihn hochgezogen“, brummte Pingel und malte auf Kopfhöhe Kreuze an die Wand. „Wollte die Entlüftung übern Schornsteinzug organisieren. Hat nen Ventilator drangehängt, der die feuchte Abluft nach oben durch die Esse blasen sollte – an und für sich eine gute Lösung.“
Seine Schultern zuckten. „War aber frisch saniert das Haus. Gab da drin keine Wohnung mit Ofenheizung mehr, und den Kamin, tja, den haben sie oben dicht gemacht.“
Pingel stieß den Atem durch die Nase aus. „Hat sich die feuchte Luft natürlich gestaut unterm Dach. Hat nicht lange gedauert, da hat’s in der nagelneuen Dachgeschosswohnung ordentlich von der Decke getropft. Erst haben sie gedacht, das Dach ist undicht. War’s aber nicht. Als es trotzdem weiter gesuppt hat, ist ihnen das feuchte Mauerwerk an der alten Esse aufgefallen. Da haben sie die Wohnungen durchkämmt. Stand unser Kollege ziemlich blöd da mit seiner voll bestückten Anlage.“
Aufs äußerste schockiert verharrte ich im Zimmer, während Pingel in den Flur tappte. Ich hörte, wie er den Sicherungskasten öffnete. Nach einem kurzen Check auch hier zufriedenes Nicken.
„Whow, neue Leitungen! Ist hier in der Gegend alles andere als der Standard.“ Er zog seine Stirn in Falten. „Du glaubst ja nicht, was in manchen Hütten für vorsintflutliche Strippen rumhängen.“
Ich glaubte es, und er widmete sich wieder den Sicherungen. „Alles super soweit, aber für die Anlage brauchen wir separate Kreise.“ Er klappte den Kasten zu.
„Alles in Ordnung, Pratze. Sind genügend freie Anschlüsse da, ansonsten hätte ich bisschen was basteln müssen.“
„Klingt so, als wärst du Fachmann auf dem Gebiet.“ Ich wollte auch etwas zu unserer Unterhaltung beitragen, wo der wortkarge Hüne schon mal dabei war, mit mir zu kommunizieren.
„Hab Betriebselektriker gelernt“, brummte er und deutete zum Fenster. „Da drüben, in der Krautfabrik. Nach der Abwicklung hab ich mir vom Arbeitsamt ne Fortbildung bezahlen lassen. Alarmanlagen!“ Er lachte bitter. „Dachte, ich wäre besonders schlau, wo doch alle scharf drauf waren, ihren West-Kram zu sichern. Aber Pustekuchen. Solange hier in der Gegend die Alarmanlagen mit Hundefutter funktionieren, kann ich sonst was zusammenbasteln und kriege keinen Auftrag an Deck.“
Ich wollte etwas bedauerndes einwerfen, doch Pingel winkte ab. „Lass gut sein, Pratze. Man kann die ganzen Hundeviecher nicht alle umbringen. Die wollen auch bloß leben. Wer weiß, vielleicht schaff ich mir auch mal einen an.“
Er lächelte. „Außerdem gibt’s ja noch andere Sachen, die man machen kann, oder?“
„Aber claro!“, antwortete der in diesem Augenblick aus der Toilette tretende Kevin. Seinem Gesicht nach war sein Aufenthalt dort erfolgreich verlaufen.
„Und, hermanos, wie stehen die Aktien?“
„Von meiner Seite aus alles klar“, brummte Pingel.
Ich sah es genau so. Ging das so weiter, war die halbe Million bald eingefahren. Pingels Art, ohne Umschweife an die Sache heranzugehen, hatte meine Sympathie.
„Na, dann!“ Kevin sah mich herausfordernd an. „Schieb die drei Mille rüber, und wir können subito auf Start gehen!“
„Welche drei Mille?“, fragte ich entgeistert. „Davon war nie die Rede!“
„Wo lebst du eigentlich?“ Kevin hatte jetzt den selben Tonfall drauf wie neulich Nacht im SCHLAGBAUM. „Wir brauchen jede Menge Equipment, Chico! Eine Lichtanlage samt Steuerung – meinst du, die wächst auf Bäumen, zum Nulltarif? Denk an die Lampen! Die müssen beweglich an der Decke angebracht werden, dazu kommen Spezialtische mit Regenrinnen, eine Pumpe, ein Leitungssystem, das jeden einzelnen Topf mit Wasser versorgt, schon vergessen?“
Er trat auf mich zu. Wollte er mir wieder seinen Zeigefinger in die Brust rammen?
„In Spitzenzeiten stehen tausend Töpfe in deiner Anlage. Willst du die alle einzeln mit der Kanne gießen, oder was?“
„Mach nicht so’n Wind, Labertasche!“, schob Pingel den Gelhaarigen beiseite. „Pass auf“, wandte er sich an mich: „Ich muss die Fenster mit Spezialfolie abkleben – innen weiß, dass sie das Licht reflektiert und außen schwarz. Nicht gerade billig, das Gelumpe, aber da sieht’s aus, als ob niemand zu Hause ist. Für die Lüftung brauche ich zwei Ventilatoren. Einer, der die Luft ansaugt und einer, der sie wieder abstößt, das Ganze unsichtbar für Blicke von außen. Dazu kommt das, was die Labertasche aufgezählt hat. Alles zusammen kostet in etwa Dreitausend.“ Er nickte mir zu: „Jeder von uns hat das Geld für seine Anlage gelegt. Keiner kann dich zwingen, es auch zu tun. Bezahlst du sie, ist das dein Einstand, klar?“
Das klang schon anders – trotzdem kam mir das Ganze einen Tick zu plötzlich. Woher sollte ich dreitausend Euro nehmen? Sicher, bei meinen Schulden kam es auf ein paar Tausender mehr auch nicht an. Außerdem, es sollte endlich losgehen! Jeder Handgriff brachte mich meiner halben Million ein Stückchen näher, oder etwa nicht? Und wenn das Ganze nur ein mieser Trick war? Ich rückte das Geld heraus, und das war’s?
„Was ist nun?“ Kevin klang ungeduldig.
„Hab kein Geld“, knurrte ich, „keinen Cent, um es genau zu sagen. Ich kann euch was von meinen Schulden abgeben, das ist alles.“
Kevin gab keinen Mucks von sich. Pingel schien nachzudenken, dann sah er mir fest in die Augen.
„Was soll’s. Muss die Firma das Geld vorschießen. Wir verrechnen den ganzen Schiet später.“
„Wir ziehen dir die drei Mille von deinem Gewinn ab“, ließ sich Kevin vernehmen.
„In Ordnung“, erwiderte ich – erleichtert, dass mir die Beiden nicht einfach nur Geld abknöpfen wollten. „Ich lege das Geld, sobald ich es habe, aber nur gegen Quittung!“
Der Hüne nickte. „Wenn’s dir hilft?“
... comment