Montag, 4. Dezember 2006
Folge 2
Pratzke-Homepage

Ich schaute aus dem Fenster in das abendliche Schneetreiben. Marions Blick ruhte auf mir. Eng aneinandergeschmiegt waren wir durch den Schnee gestapft, und nun saßen wir im weihnachtlich geschmückten Gastraum des SEEBLICK.
Sie hatte nichts gesagt oder sich sonst irgend etwas anmerken lassen. Ich wusste dennoch, sie hatte genau registriert, dass seit Schussels Besuch etwas mit mir passiert war. War jetzt nicht der ideale Augenblick, sie einzuweihen? Sollte ich ihr nicht endlich erzählen, was ich zu tun gedachte, um aus meinem alles vermiesenden Schuldenloch herauszukommen? Auf alle Fälle musste ich jetzt etwas sagen.
„Du, sag mal“, fing ich an.
„Ja?“, erwiderte Marion – ein wenig schnippisch, wie ich fand.
„Ich meine ... hättest du was dagegen, wenn ich uns heute mal einlade?“
Auf Marions Gesicht breitete sich augenblicklich ihre Die-Lehrerin-ist-böse-Miene aus. „Bei deinen Schulden? Ich glaub, du spinnst!“
„Und wenn ich eine Idee habe, wie ich meine Schulden loswerde?“
„Was willst du anstellen? Eine Bank überfallen? Würde ich von abraten.“
„Keine Bank, aber vielleicht so etwas in der Richtung, weißt du?“
Marion stützte den Kopf auf ihre Hände. „Entschuldige, Michael, aber im Gegensatz zu dir hab ich einen anstrengenden Arbeitstag hinter mir. Mir ist jetzt nicht nach Spinn-Geschichten. Vielleicht nach dem Wein, o.k.? Hast du überhaupt schon gewählt?“
Wie aufs Stichwort trat die Kellnerin an unseren Tisch. Ich ließ zuerst Marion ihre Bestellung aufgeben. Als ich an der Reihe war, bestellte ich eine Fischsoljanka – das mit Abstand billigste Gericht auf der Karte. Dazu wählte ich ein Glas Leitungswasser. Die Kellnerin rümpfte die Nase, dann verließ sie uns.
Marion begnügte sich mit einem missbilligenden Augenaufschlag. Sie war klug genug, jetzt nichts zu sagen. Beim Streiten kannten wir uns aus. Die folgenden Minuten blieb es still an unserem Tisch. Als sich die Kellnerin wieder näherte, griffen wir schweigend nach unseren Servietten.
Jeglicher Appetit war mir vergangen, mein Magen wie zugeschnürt. Es hatte keinen Sinn, Marion etwas von Schussels „Projekt“ zu erzählen. Bestenfalls würde sie das Ganze nicht für voll nehmen.
Und schlimmstenfalls? Ganz kalt wurde mir auf einmal, trotz des Heizkörpers in meinem Rücken.
Es gab nur eine Möglichkeit: Wenn ich tatsächlich bei Schussel mit einstieg, musste ich mich von ihr trennen. Marion oder Marihuana, ein Dazwischen gab es nicht!
Etwas Warmes war auf meinem Unterarm gelandet, Marions Hand. „Entschuldige, Micha, ich bin heute ein bisschen genervt, hörst du?“
„Hmmm.“
„Und?“, fragte Marion sanft, „hilfst du mir ein bisschen beim Wein?“
Erst jetzt bemerkte ich Karaffe und leeres Weinglas vor meiner Nase. Marion hatte offenbar für mich mitbestellt.
Sie war eine Meisterin der Organisation, das wusste nicht nur ich. Als Einzige ihres Jahrgangs hatte sie direkt nach dem BWL-Studium eine Anstellung im Boddenstädtchen gefunden. In der hiesigen Filiale einer Heimelektronik-Kette organisierte sie den Einkauf.
Marion wartete mein Nicken ab und befüllte mein Glas aus der Karaffe. Wir stießen an. Der Wein schmeckte voll und erdig. Nach einem kurzen Zögern gaben wir uns einen Kuss. Nicht nur streiten, auch das Versöhnen hatten wir drauf. Wie wir uns im Schein der cremefarbenen Tischkerze gegenübersaßen, sah Marion jetzt unheimlich warm und sanft aus. Das Kerzenlicht machte ihre Züge ganz weich, dass mir sehr danach war, nach ihrer Hand zu greifen. Ich konnte ihr nicht böse sein oder gar einen Streit vom Zaum brechen, um ihn als Anlass für unsere Trennung zu nehmen.
„Ich könnte diesen Hans-Jürgen auf den Mond schießen“, drang Marions Stimme an mein Ohr. „Der Kerl hört mir einfach nie zu. Hat der doch echt schon wieder die Warenbestellung erst nachmittags rausgegeben!“
Marion war also nahtlos zu ihrem Lieblingsthema übergegangen. Sie liebte es, mir von ihrer Arbeit zu erzählen – normalerweise der beste Grund für eine Auseinandersetzung. Spätestens, wenn sie versuchte, mich einzubinden mit Fragen wie: „Was würdest du mit so einem Mitarbeiter machen?“ oder „Sag mal, muss ich mir das bieten lassen?“, müsste ich loslegen.
Marion redete und redete, doch mit dieser Kerze zwischen uns war ich drauf und dran, ihr gesamtes Programm mit einem zärtlichen Nicken zu schlucken. Wollte ich mich wirklich von ihr trennen? Was war so schlimm daran, dass wir uns im Bett besser verstanden als bei solchen Gesprächen?
Gebannt schaute ich auf den weichen Flaum auf ihrem Arm – von dem ich wusste, dass er sich aufrichtete, sobald ich ihn berührte. Ich hatte große Lust, ihre Härchen zu berühren, nicht nur die auf ihrem Arm. Mir war total danach, ihr etwas völlig unsinnig Liebes zu sagen.
Handypiepen ließ Marion verstummen. War das etwa meins? Peinlich, aber jetzt war es eh zu spät. Ich ging ran.
Am anderen Ende eine aufgeregte, männliche Stimme: „Pratze, es geht los! Kannst du in zwanzig Minuten im SCHLAGBAUM sein?“
Schussel! Ich schimpfte mich einen Volltrottel, weil ich das Telefon nicht ausgestellt hatte – da dämmerte mir, dass Schussels Anruf womöglich der Schlüssel zur Lösung meines Problems war.
„Klar, ich komme!“, schnarrte ich, „wenn du mir sagst, wo das ist!“
„Was?“ Schussel klang entgeistert. „Du kennst den SCHLAGBAUM nicht?“
Im milden Kerzenlicht sah ich Marions Gesichtszüge entgleisen.
„Natürlich kenne ich den nicht, du Depp!“, wies ich Schussel zurecht, als säße ich allein am Tisch. „Wenn ich ihn kennen würde, müsste ich kaum nach dem Weg fragen, oder?“
Während ich seiner umständlichen Wegbeschreibung lauschte, linste ich immer wieder zu Marion. Leg auf! Noch gibt es ein Zurück! War nicht gerade jetzt der Zeitpunkt gekommen, Schussel zu sagen, dass er sich sein ‚Projekt’ an den Hut stecken konnte?
Betont gleichgültig sahen Marions Augen an mir vorbei. Ein spöttischer Zug zuckte um ihre Mundwinkel. Wie ich sie dafür hasste! Na klar, es war ihr suspekt, dass ich etwas am Laufen hatte, von dem sie nicht die Bohne verstand. Wie konnte das sein? Ich war doch nur der kleine Studi, der einfach Glück gehabt hatte, sie getroffen zu haben. Wie oft hatten wir das alles schon durch?
Wollte ich der auf Schussels Anruf todsicher folgenden Belehrung entgehen, blieb mir nur eins: Mit dem Auflegen sah ich Marion fest in die Augen und sagte: „Ich weiß, du hast einen schweren Arbeitstag hinter dir, und das mit deinem Hans-Jochen ...“
„Hans-Jürgen!“
„Von mir aus auch der! Hör zu, Marion. Es interessiert mich einen feuchten Kehricht, mit wem du deine Arbeitstage verlebst! Dein ganzer Lampenladen geht mir mindestens eben so nahe, wie dir mein Leben! Wenn ich mal eine Nanny brauche, melde ich mich. Ansonsten betrachte diesen Lebensabschnitt als beendet.“
Die letzten Sätze taten mir sofort leid, aber jetzt waren sie heraus. Ehe mich das Feuer wieder verließ, erhob ich mich, bedankte mich bei der zum aller ersten Mal fassungslosen Marion für die Einladung zum Essen und verließ die weihnachtlich geschmückte Gaststätte.

Das Schneetreiben hatte aufgehört, die Luft war klar und eisig. Die Abkühlung tat mir gut. Langsam kehrte mein Puls zum Normalwert zurück. Jetzt bloß nicht umdrehen!
Nach Schussels Beschreibung lag der SCHLAGBAUM mitten in Wiesenhügel. Ich stapfte den verschneiten Deichweg stadteinwärts. Hinter den Speichertürmen stieg ich den Wall hinab, passierte den Kohlenhof und stand wenig später vorm ehemaligen Speisesaal des Eisenwerks.
Aus dem abbruchreifen Gemäuer drang dumpfes, rhythmisches Bummern. Die Fassade war über und über mit Graffitis beschmiert. Durch die vergitterten Fenster konnte ich nichts erkennen. SCHLAGBAUM stand in großen Krakeln auf der Bunkertür, die als Eingang diente. Wäre ich nicht besser im SEEBLICK geblieben? Ich sah Marions Gesicht im Kerzenschein – warum war ich so gemein zu ihr gewesen? Es war nicht unser erster Streit. Sollte ich nicht umkehren und alles war gut?
Nichts war gut. Marion war weg, genau wie Omas Sechzigtausend, meine verhauenen Uni-Prüfungen, meine Zuversicht, auf normalem Weg aus dem Schlamassel raus zu kommen. Meine Hand griff nach dem Hebel der Bunkertür.
Als lumpiger Sozialpädagoge verkehrte ich längst nicht in so noblen Lokalitäten wie Medizin- oder Jurastudenten – einen Ort wie diesen hatte ich dennoch nie zuvor betreten. Hämmernde Musik ließ das düstere Gewölbe erbeben. Dicker Tabaksqualmnebel hing in der Luft. Genau so musste sich die Hölle anfühlen.
Ich erkannte die Konturen von Gestalten, die ein paar Stehtische umlagerten. Soweit ich sehen konnte, alles Männer. Die meisten trugen abgewetzte Lederjacken.
Links belagerte eine Menschentraube den Tresen. Hinter ihm erkannte ich zwei kahlrasierte Rausschmeißertypen in tarnfarbenen Muskelshirts. Sie zapften Bier und lagerten in rasender Geschwindigkeit den Inhalt von Schnapsflaschen in Gläser um.
Mit schüchternem Blick suchte ich die Stehtische ab, dann den Tresen. Schussel konnte ich nirgends ausmachen. Meine Augen tränten vom Rauch. Bald konnte ich nicht weiter sehen, als bis zu dem alten Mann direkt vor mir.
Wir standen etwas abseits. Der Alte steckte in einem schäbigen Filzmantel, seinen Kopf bedeckte ein Lederhut. Er machte fortwährend seinen Mund auf und zu, als führe er eine Unterhaltung. Vor ihm befand sich nichts als der Biertisch.
Plötzlich griff er sich an den Bauch und krümmte sich wie unter Krämpfen nach vorn. Er riss sich den Lederhut vom Kopf, beugte sich noch weiter vor und kotzte unter heftigem Würgen hinein. Mir war, als hörte ich es plätschern. Eine beißende Wolke drang mir in die Nase. Schon spürte auch ich ein Drücken in der Magengegend.
Ich stand wie versteinert, konnte meine Augen nicht abwenden von dem alten Mann. Seine Würgeschreie passten genau in den Beat der Musik. Mit abnehmender Wucht der Krämpfe verlor er den Takt. Als er fertig war, blickte er sich verstohlen um, bedeutete mir fahrig, ich solle den Mund halten – und setzte sich den Hut wieder auf den Kopf.
Das Rumoren in meinem Magen wurde stärker. Mit beiden Händen hielt ich mir den Mund zu und wendete mich ab, um es dem Alten nicht gleich zu tun.
Ohne weiteren Zwischenfall gelangte ich bis zur Theke. „Bier!“, rief ich über den Tresen „ein großes, bitte!“
Die Glatzköpfe verzogen keine Miene. Auch sonst machten sie keinerlei Andeutung, dass sie meinen Hilfeschrei wahrgenommen hatten. Zwei Augenblicke später stand ein frisch gezapfter halber Liter vor meiner Nase. Ich knallte zwei Euro vierzig auf die Theke, setzte den Humpen an und trank ihn zur Hälfte leer. Der rotzige Sound aus den Boxen ließ meine Hosenbeine vibrieren. In diesem Höllenbunker konnte man einfach nur saufen. Noch immer sah ich vor mir den Alten mit dem Hut in der Hand.
Mein Bier war fast leer, als ich Schussel durch die Bunkertür treten sah. Er kam nicht allein. Ein kahlgeschorener Hüne in gefleckten Militärklamotten begleitete ihn, dazu ein Milchbart mit schwarz gegeltem Haar. Er trug ein dunkles Jackett, darunter leuchtete ein blütenweißes Hemd. Fehlte nur der Schlips, und er würde einen prima Versicherungsvertreter abgeben. Obwohl Schussels Begleiter alles andere als vertrauenseinflößend aussahen, war ich erleichtert, nicht mehr allein hier ausharren zu müssen und drängelte mich zu ihnen durch.
Schussel schien erblindet. Er bemerkte mich nicht einmal, als ich direkt vor ihm stand. Ich tippte ihm auf die Schulter, da durchfuhr ein Zucken seinen Körper. In Zeitlupe wandte er mir den Kopf zu und stierte mich an, als wäre ich ein Alien. Seine weit aufgerissenen, roten Augen erinnerten an ein schlechtes Blitzlichtfoto. Wurden etwa alle verrückt in diesem Laden?
Endlich das Kinderlächeln. „Das ist er!“, rief Schussel seinen Begleitern zu. Die beäugten mich aus den Augenwinkeln.
„Ich geh schon mal vor!“, der Hüne deutete mit einer zackigen Kopfbewegung zum hinteren Ende der Stampe, „Plätze besorgen.“
Ich schaute ihm hinterher und sah, wie er einen Lederjacken-Mann an den Schultern packte und ihn wie selbstverständlich von seinem Barhocker auf den Fußboden setzte. Ein Kerl mit Brille und Zickenbart schickte sich an, einzugreifen. Der Glatzkopf nahm ihn ins Visier, da winkte der Brillenträger ab und kümmerte sich um den am Boden Liegenden.
Ich fühlte mich unwohl in meiner Haut. War die Aktion des Hünen eine Drohung? Genau so ergeht es dir, wenn du nicht spurst?
„Kommst du?“
Schussel drückte mir ein großes Bier in die Hand. Ich trottete ihm hinterher. Als wir den Tisch erreicht hatten, war dieser vollständig geräumt. Der Hüne hieß uns, Platz zu nehmen.
Ich erwischte den Hocker des Lederjackenmannes. Schussel setzte sich neben mich, Hüne und Gelhaar uns gegenüber. Sie blickten durch mich hindurch, als wäre ich gar nicht anwesend. Als sie damit fertig waren, steckten sie die Köpfe zusammen und tuschelten. Tauschten sie sich aus, ob ich ihrer Meinung nach o.k. war? Ich bemühte mich, ihnen eine unbewegte Miene entgegenzusetzen.
Schussel strahlte noch immer wie ein Honigkuchenpferd. „Das ist also mein Freund Micha! Michael Pratzke, aber alle nennen ihn einfach Pratze“, stellte er mich genauer vor, als wir ausgemacht hatten.
Während mich seine Begleiter beäugten, redete Schussel davon, wie super alles laufen würde – jetzt, da endlich „alle an Bord“ seien. Wir müssten nur ordentlich die Ärmel hochkrempeln, und nach einem Jahr harter Arbeit wären wir reich. „Und zwar richtig reich“, fügte er mit einem Ausdruck altväterlicher Gewissheit hinzu. Seine Begleiter nickten. Das Gesicht des Glatzkopfs hatte beinahe etwas Freundliches bekommen.
Ich konzentrierte mich wieder auf Schussels Rede. Sie hatte Feuer! Nie zuvor hatte ich ihn derart überzeugend argumentieren hören! Es klang schlüssig, was er da sagte. Ja, mehr noch – Schussel verfügte über ein Überzeugungstalent, welches eines Strukturvertriebs-Managers würdig gewesen wäre.
Lag es daran, dass ich entgegen meiner Gewohnheit bereits das zweite Bier intus hatte? Mir wurde auf einmal ganz leicht. Ja, es war richtig gewesen, Marion den Laufpass zu geben! Ich würde jetzt ein Jahr rackern, und dann ließ ich es mir gut gehen!
Überhaupt, warum machte ich es mir immer so schwer? Von dem Geld könnte ich mir glatt einen Doktortitel kaufen! Was sprach dagegen, dass ich auf diese Weise ein angesehener Sozialwissenschaftler wurde, der ab und zu im Fernsehen auftrat und sich jedes Jahr von ein paar unterbezahlten Ghostwritern ein Buch schreiben ließ? Selbst mit meinem missglückten Börsendeal konnte ich mich auf einmal anfreunden. Hätte ich Omas Erbe nicht vergeigt, säße ich jetzt nicht hier – lediglich zwei Semester von einer halben Million entfernt.
Schussel strich ein zerknittertes Blatt Papier auf dem Tisch glatt. Aufmerksam studierte ich die darauf notierten Zahlen: Ausgehend von zweitausend Pflanzen, die einen Ertrag von jeweils zweihundertundfünfzig Gramm einbrachten, welcher zum Preis von fünf Euro pro Gramm – schließlich würde unsere Ware erstklassig sein – verkauft würde, das Ganze gerechnet auf kiloweise Abgabe, abzüglich der anfallenden Nebenkosten für Strom, Miete und Equipment sowie der zu erwartenden Verluste durch Tierfraß, Diebstahl, ungünstige Witterungsverhältnisse – waren es tatsächlich zwei Millionen, die da schwarz auf grau und durch meinen getrübten Blick etwas verschwommen auf dem Papier standen.
Die Nebenkosten hatte Schussel akribisch aufgelistet. Ganz oben standen fünfzigtausend Euro zur Anschaffung eines alten Gehöfts. Dem folgten vier Posten von jeweils unter tausend Euro für Nachtsichtgeräte. Dann kamen die Kosten für unsere Wohnungsmieten und den Ankauf eines alten Transporters. Weiter unten standen kleinere Beträge für Dünger, Pflanzenschutzmittel sowie Arbeitsklamotten und dergleichen.
„Bei Neuanschaffungen und zu erwartenden Verlusten war ich bewusst großzügig.“ Schussel entzündete den beim Reden gebauten Joint. „Damit wir ein kleines Polster haben, weißt? Außerdem, wir arbeiten ja nicht nur mit zweitausend Pflanzen.“
„Wiesenhügel 2007 heißt der Big Bang!“, übernahm Gelhaar das Wort. „Auf gut deutsch: wir bringen zweitausend und sieben Girls auf die Weide, comprende?“
„Und du hast dieses Zimmer frei?“, platzte der Hüne dazwischen. Sein Blick bescherte mir eine Gänsehaut.
„Das hab ich dir doch erzählt“, schaltete sich Schussel ein. Seine Hundeaugen leuchteten mich an. „Wir brauchen dein Zimmer für die Aufzuchtanlage, die Indoor-Ernte, weißt? Unsere logistische Basis.“
Ach, die schon wieder. „Ja, klar, ich hab dieses Zimmer frei“, brummte ich in Richtung Glatzkopf.
Um mich herum geballtes Aufatmen.
„Also, dann“, tönte Gelhaar, „herzlich willkommen im Club der Schönen und Reichen! Ich bin Kevin und der Herr da drüben ist Pingel. Wirst schon noch merken, warum der so heißt.“
Obwohl mir sein amerikanischen Filmen entlehnter Ton nicht gefiel, fühlte ich mich geehrt ob der plötzlich ausgebrochenen Freundlichkeit. Die Mundwinkel des Hünen verbogen sich, als wollten sie ein Lächeln andeuten. Kevin schwang sich vom Hocker.
„Ich werd mal ne anständige Runde ordern, Chicos – auf Kosten der Firma!“ Er setzte das zwischen seinen Lippen wippende Zigarillo in Brand und entschwand Richtung Tresen.

Wir blieben noch lange im SCHLAGBAUM. Je mehr ‚anständige Runden’, bestehend aus großem Bier und Tequila, auf unserm Tisch landeten, desto weniger missfiel mir dieser Ort.
Schussel berichtete mit stolzgeschwellter Brust, wie er mich beim Kneipenausbau kennengelernt hatte. Er wurde nicht müde, meine „logistischen“ Fähigkeiten zu preisen. Als er auch noch davon schwärmte, dass ich einer der wenigen sei, auf die man sich stets „hundert pro“ verlassen könne, stieg mir der Vorschusslorbeer endgültig zu Kopf.
„Männer!“, ergriff ich das Wort, trotz suffbedingtem Zungenklemmer merklich enthemmt: „Nicht, dass wir uns falsch verstehen! Genaugenommen hätte ich absolut keine Ahnung von dem, was wir da vorhaben, wenn ...“
„Das macht absolutamente nada“, funkte mir Kevin dazwischen und blies eine Ladung Rauchkringel zur Decke. Pingel nickte bedächtig, und Schussel baute unterm Tisch den nächsten Joint.
„Ich war noch nicht fertig“, meldete ich mich zurück. „Was ich sagen wollte – ich würde nicht mal wissen, wie so eine Graspflanze überhaupt aussieht, wenn“ – ich erhob meinen Zeigefinger – „wenn ich nicht mal bei einem Kommilitonen so einen Topf auf dem Fensterbrett hätte stehen sehen. So einen ganz speziellen Topf, versteht ihr?“
Kevins Blick ließ ahnen, dass ich gerade einen Fehler beging. Ich hatte kaum zu Ende geredet, da stieß er mir seinen Zeigefinger in die Brust. Sein Gesicht zeigte ein Grienen, das er sich von George Coolplay abgeguckt haben musste. Beißender Schnapsatem bestürmte meine Nase.
„Jetzt pass mal gut auf, chico!“ Er ließ eine elendig lange Pause folgen. „Ich will, dass du deine Lauscher jetzt ganz weit aufmachst!“
Kevin hatte nicht nur Coolplays Grinsen drauf – auch den Tonfall seines Synchronsprechers traf er genau. Zermürbend langsam schoben sich die Worte über seine Lippen, und noch immer bedrängte mich sein Finger.
„Wir sind hier keine Studenten, die mal so nebenbei zehn Gramm machen wollen und sich wer weiß wie cool dabei vorkommen, claro? Wir wollen auch nicht die Gesellschaft ficken, hombre! Kohle wollen wir machen, sonst nichts! Mit diesen Müslifressern und ihren Töpfen aufm Balkon haben wir nichts zu tun. Wir sind Profis!“
Was wollte der Kerl von mir? Wie weit ging er noch, wozu war er in seinem Zustand fähig?
„Ich will dir noch was flüstern, hombre“, schwappte mir die nächste Schnapswolke entgegen. „Sobald wir diesen Laden verlassen haben, sind wir genau das, was Justitia eine kriminelle Vereinigung nennt, capito? Aber der Witz daran ist, bei uns läuft alles streng legal ab, comprende? Alles streng legal!“
Jede Faser in mir hoffte, dass er nun fertig war mit seiner Belehrung. Und wirklich, nach einem letzten Aufblitzen seines Film-Grienens zog er seinen Finger zurück, wandte sich ab und starrte mit trüben Augen ins Bier.
Kaum hatte Hilfs-Coolplay von mir abgelassen, erwachte der Hüne zum Leben. Mit grimmiger Miene deutete er auf die vor uns versammelten Tequilas. „Genug, Leute! Will heute kein Gequatsche mehr hören.“ Er erhob sein Glas. „Nich viel snacken, Kopp in Nacken!“
Wie auf ein stummes Kommando erhoben die Anderen ihre Gläser. Sie warteten, bis ich ebenfalls soweit war, dann stürzten sie den Schnaps hinunter und knallten die leeren Gläser auf den Tisch.
„Ah lecker. Wir nehmen noch ne Runde, klar?“, krakeelte Pingel quer durch den Saal, der sich inzwischen merklich geleert hatte. Er wartete das Nicken der Tresenglatzen ab, dann wandte er sich wieder uns zu. „Wer morgen keinen Brausebrand hat, ist selber schuld.“

... comment