Montag, 30. April 2007
Folge 22 (Woche vom 23.04.07 bis zum 29.04.07)
Pratzke-Homepage

Die Nacht bekam ich kein Auge zu. Meine Wut auf die fahrlässige Labertasche hielt mich immerhin davon ab, mir vor Angst in die Hosen zu machen oder in einer Panikattacke die Polizei anzurufen: „Mein Name ist Michael Pratzke, ich bin Marihuanabauer und möchte mich gern stellen. Sie brauchen mich nicht abzuholen, ich komme vorbei, da hab ich′s hinter mir.“
Würde ich das morgen durchstehen? Was, wenn dieser Besichtigungstermin tatsächlich eine Falle war und mich statt eines Mitarbeiters der Hausverwaltung eine Hundertschaft Polizei, angeführt von einem Einsatzleiter der Drogenfahndung, erwartete?
Im Morgengrauen bekam ich für eine halbe Stunde die Augen zu. Beim Aufwachen war ich mir sicher: Ich werde nicht den Selbststeller geben, sondern kämpfen.
Noch völlig übermüdet begab ich mich gegen Mittag auf den Weg ins Neubau-Ghetto. Die Sonne schien freundlich auf die Stadt herab. Wie sorglos die Leute aussahen, die an mir vorbei liefen! Wo würde ich das Ende dieses Tages erleben? Führte mich mein nächster Spaziergang die Wände eines Gefängnishofs entlang?
Reiß dich zusammen, Pratzke, es geht um mehr als eine drittel Million! Ich hatte eine Aufgabe vor mir, die es zu lösen galt - und Schluss! Mein Schritt wurde forscher.
Wenige Meter weiter fielen die nächsten Zweifel über mich her. Brachte ich meine Rolle als Baulude glaubwürdig rüber? Was, wenn dieser Hausverwaltungstyp den Schwindel witterte - wenn er partout in das andere Zimmer wollte?

Vorm Eingangsportal stand ein Mittvierziger im karierten Hemd und rauchte. Erstaunlich kräftig war der Typ. Seine Linke hielt eine abgeschabte, braune Ledertasche.
Die Aufregung ließ meine Hände zittern. Ich steckte sie in die Taschen meiner Arbeitshose, die ich in der Nacht mit Kettenschmiere präpariert hatte. Im feinsten Bauluden-Schlenderschritt nahm ich Kurs auf meinen Gegenspieler.
„Tach! Sind Sie der Kollege vonner Hausverwaltung?“, präsentierte ich ihm meine sorgsam zurechtgelegten Begrüßungsworte.
„Aber klar doch!“, erwiderte er mit markiger Vorarbeiterstimme und reichte mir seine Pranke. Sein Händedruck ließ meine Knochen knacken.
„Ich hoff doch, die ham hier nen Fahrstuhl!“, verschleierte ich mein Wissen um den kaputten Lift.
„Wir werden sehen.“ Der Verwaltungsmann ließ seine Kippe fallen und zerdrückte sie unter der Schuhsohle. Wir gingen rein, vorbei an den Briefkästen, zum Fahrstuhl. Der Verwalter drückte auf den Aufzugsknopf. Es rumpelte im Schacht - die Türen taten sich auf! Fassungslos stand ich vor der Kabine.
„Kommse, kommse, wir essen zeitig!“, donnerte der Verwalter.
Lautes Quietschen, als er die Tür zuzog, alsdann erschütterte heftiges Ruckeln die Kabine. Ab ging′s nach oben.
Verstohlen betrachtete ich meinen Gegenüber und nahm zur Kenntnis: Das war ein Berserker mit windgegerbtem Gesicht, wie ich es von Seglern kannte. Ich sah es vor mir, wie er mir seine Aktentasche in die Hand drücken und mit einem lässigen Tritt die verschlossene Zimmertür zur Preisgabe unseres Geheimnisses zwingen würde. Warum funktionierte der schrottige Fahrstuhl so plötzlich? War dieser Kerl wirklich von der Hausverwaltung? Ein erneuter Ruck erschütterte die Kabine. Mein Gegenüber riss die Tür auf.
Unsere Schritte hallten über den Kompanieflur. Vor Pingels Tür blieben wir stehen. Betont umständlich kramte ich den Wohnungsschlüssel aus meiner Hose. Den Schlüsselring hatte ich mit einem ölverschmierten Pappschild versehen, auf dem Pingels Adresse stand.
„Ich glaub, der isses.“ Ich wartete das Nicken des Verwalters ab und steckte den Schlüssel ins Loch.
Ich kam gar nicht erst dazu, mein vorbereitetes „keine Ahnung, um welches Zimmer es hier eigentlich geht“ zu bringen. Der Verwaltungstyp war im Anlagenzimmer, ehe ich Piep sagen konnte. Hatte er den Braten gerochen? Mit angehaltenem Atem dackelte ich ihm hinterher.

Pingel hatte ganze Arbeit geleistet. Die Ausstattung des Raums glich original der, in welcher wir neulich beieinandergesessen hatten. Pingel hatte sogar ein zweisitziges Sofa aufgetrieben, um das Ganze ein bisschen wohnlich aussehen zu lassen. Die Löcher in der Raufaser waren mit Silikon verschmiert, der Fußboden mit graugrüner Auslegeware bedeckt. Nichts deutete darauf hin, dass hier bis vor ein paar Stunden eine Marihuana-Aufzuchtanlage gearbeitet hatte.
Derart ermuntert, sog ich vorsichtig etwas Luft durch die Nase ein. Sie roch nach WC-Frisch, kein bisschen nach Dope.
Der Wohnungsverwalter hockte in der Ecke vor dem Heizungsrohr. Er nestelte am Fußbodenbelag, knurrte etwas unverständliches. Plötzlich wandte er sich um und fixierte mich mit einem Blick, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
„Ich sage Ihnen!“, donnerte er los, „wenn dieser Wasserschaden durch Pfusch bei der Ausführung der Fassadenarbeiten zustande gekommen wäre!“
Damit erhob er sich und stapfte in den Flur. Ich brauchte einen Moment, zu begreifen, dass seine plötzliche Strenge wohl meinem Handwerkerkostüm geschuldet war. Meine Verkleidung hatte bewirkt, dass er in mir den Komplizen aller schludernden Baufirmen sah.
Unheilvolles Klappern drang an mein Ohr.
Ich trat auf den Flur - das Herz blieb mir stehen. Der Berserker hatte sich vor Pingels „Verbotenem Zimmer“ aufgebaut und rüttelte entschlossen an der Türklinke.
„Da weiß ich jetzt auch nicht weiter“, schrie ich fast. „Mein Chef hat mir nur den Wohnungsschlüssel gegeben.“
Der Verwalter hielt inne. Wieder durchbohrte mich sein Blick.
Ich zuckte mit den Schultern in bester Schussel-Manier und deutete auf die Papptür. „Soweit ich weiß, stehen da die Sachen von seiner Ex drin. Leben in Trennung, die beiden. Sie hat sich da bisschen blöd, wissen Sie? Hat wahrscheinlich Schiss, dass was wegkommt von ihren Plünnen.“
„Kannst du machen nichts, musst du gucken zu“, brummte der Verwalter. Seine Pranke glitt von der Klinke. „Ist eben immer das gleiche Theater.“
Mit schleppendem Schritt tappte er Richtung Wohnungstür. Meine Bemerkung hatte offenbar gnadenlos seine wunde Stelle freigelegt. Das tat mir leid, aber darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen.
Die Hand schon an der Wohnungstür, hielt der Berserker plötzlich inne. Kopfschüttelnd wühlte er ein dickes Schlüsselbund aus seiner Aktentasche und machte kehrt.
„Aber, das geht doch nicht!“, fuhr ich ihn an, vor lauter Aufregung wohl etwas zu heftig. „Ich meine , die Frau macht einen Höllen-Stress, so, wie die gerade drauf ist! Der Meister hat da immer mal was gucken lassen, wenn Die mal wieder Telefonterror in der Firma gemacht hat, wissen Sie?“
Der Berserker hielt inne, überlegte einen Moment - dann winkte er ab und wandte sich erneut dem Ausgang zu. Hatten mich die guten Geister doch noch nicht verlassen! Nun brauchte ich bloß noch die gemeinsame Fahrstuhlfahrt zu überstehen.
„Wie spät iss′n?“, fragte ich, nachdem ich die Stahltür zugedrückt hatte und sich die Kabine ruckelnd auf den Weg nach unten begab.
„Zehn nach Zwei“, murmelte der Verwaltungsmann.
„Mensch, super!“ Endlich hatte ich einen offiziellen Grund zum Jubeln.
Der Verwalter hob seinen Blick. „Was iss′n daran super?“
„Das perfekte Timing! Es ist jetzt so spät, dass es keinen Sinn mehr macht, noch mal auf der Baustelle aufzukreuzen, weißt? Das heißt: Feierabend für heute!“
Der Verwalter nickte mir zu, offensichtlich ein wenig neidisch. Dann waren wir unten. Ich ließ mir noch einmal die Hand quetschen und sah zu, dass ich Land gewann.
Zwei Häuserecken weiter rief ich Pingel an, um ihm zu sagen, dass er nach Hause kommen konnte. In meiner Bude angelangt, pellte ich mir die Arbeitsklamotten vom Leib und ließ mich aufs Bett fallen. Ich war mindestens so erledigt wie nach einem langen, schweren Arbeitstag auf dem Bau.

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