Donnerstag, 26. April 2007
Folge 21 (Woche vom 16.04.07 bis zum 22.04.07)
Pratzke-Homepage

Somit war unsere geschrumpfte Mannschaft wieder an Deck. Die Operation Wiesenhügel konnte weitergehen - nur noch mit der Hälfte der Pflanzen, aber immerhin. Meine Indoor-Ernte war unter Dach und Fach, die Anlage deaktiviert. Erst in gut einer Woche würde ich sie wieder in Betrieb nehmen, um die Stecklinge für die alles entscheidende Outdoor-Aktion vorzuziehen.
Bis dahin bedeutete sie keine Gefahr für mich, und ich hatte genügend Zeit, das „Verbotene Zimmer“ zu desinfizieren, Tische und Wasserschläuche zu reinigen, die Wände vom Schimmel zu befreien und vor allem, endlich einmal zur Ruhe zu kommen.
Die Zeit war mir noch längst nicht zu lang geworden, als mein Handy piepte.
„Tach! Schön, deine Stimme zu hören“, begrüßte mich Pingel ungewohnt herzlich. „Ich brauch deine Hilfe.“
„Was gibt′s denn?“
„Erinnerst du dich an meinen Wasserschaden?“
„Die Geschichte mit dem Teppich?“
„Genau, der Teppich“, knurrte Pingel, nun doch wieder miesepetrig. „Hab nen Schrieb von der Hausverwaltung gekriegt. Die wollen sich meine Bude angucken. Hab denen gesagt, dass das schon ewig her ist, aber Schietkram, die wollen trotzdem kommen. Halb zwei, morgen Nachmittag.“
„Die wollen ins Anlagenzimmer?“
„Klar ins Anlagenzimmer!“, erwiderte Pingel. „Hab die Anlage ins andere Zimmer geschafft. Ist bloß so, dass ich morgen zu dem Verwaltungs-Fuzzy schlecht sagen kann, ich hab keinen Schlüssel für das andere Zimmer - falls der das auch sehen will, klar?“
Das konnte er wirklich nicht.
„Hab denen erzählt, dass ich auf Montage bin, aber einem aus der Firma die Schlüssel in die Hand drücke, dass er den Verwalter in meine Wohnung reinlässt, klar?“
„Klar, und an dem Schlüsselbund, das du deinem Arbeitskollegen gibst, fehlt natürlich der Schlüssel für das Anlagenzimmer ... weil da die Sachen von Lydia drinstehen!“
„Genau so! Also, bis morgen zur Schlüsselübergabe“, beendete Pingel das Gespräch.

Das klang nicht nach Erholung. Zumindest die unangenehme Arbeit der Anlagenevakuierung hatte Pingel bereits erledigt!
Ich hatte kaum das Handy weggelegt, da wurde meine Wohnungstür aufgeschlossen. Ein entgeistert dreinblickender Laberkopf stand im Flur und wedelte einen bedruckten Wisch durch die Luft.
„Du kommst sofort mit nach Wiesenhügel! Außerdem rückst du auf der Stelle die verdammte Wapotec-Kanone raus, oder es gibt ein Unglück, claro?“
Ich sah ihn verständnislos an. Was sollte das werden?
„Es brennt, Chico, und zwar gewaltig! Hier, lies selbst!“ Er hielt mir den Wisch hin.
Das Schreiben kam von der Hausverwaltung seiner Maisonette-Wohnung. Mieter hatten sich über einen dumpfen Geruch im Hausflur beschwert. Der Sache auf den Grund zu gehen, wünschte man umgehend eine Wohnungsbesichtigung.
Ich stand starr vor Schreck. Pingels Anruf, Labers Brief - war das ein dummer Zufall oder der untrügliche Beweis dafür, dass sich die Schlinge um unsere Hälse zusammenzog? Hatte Schussel ausgepackt, um seine Haut zu retten? Nach der Handy-Geschichte traute ich ihm alles zu.
„Die Wapotec-Kanone nehme ich gleich mit!“, plärrte Laber in mein Ohr. „So, und jetzt zieh dich an! Dalli, dalli, ich warte unten.“
Er machte kehrt und schickte sich an, einen grandiosen Abgang auf meine Dielen zu legen.
Mein „Schnauz hier bloß nicht so rum!“ ließ ihn abrupt innehalten. Er drehte sich auf den Hacken um und sah mich verdutzt an. Auch ich war verunsichert. Es war das erste Mal, dass ich ihm die Stirn geboten hatte. Ich spürte, wie Laber durch mein Zögern wieder Oberwasser bekam.
„Du bist der Letzte, der hier das Maul aufzumachen hat!“, grollte ich, gerade noch rechtzeitig. „Weil dir der Arsch auf Grundeis geht, brauchst du hier noch lange nicht den Affen machen. Und die Kanone bleibt hier! Im Gegensatz zu dir hab ich die ganze Bude voller Girls hängen!“
„Ist ja gut“, erwiderte Laber mit erhobenen Händen.
„Und die Geschichte mit deiner Hausverwaltung ist nur die Spitze des Eisbergs!“, machte ich weiter. „Pingel hat den gleichen Mist an der Backe, und darüber reden wir jetzt, zu dritt!“
Laber nahm die Hände runter, ging in die Küche und ließ sich am Tisch nieder. Ich zückte mein Telefon. Es war mal wieder höchste Zeit für eine Krisensitzung.

„Was denn nun schon wieder“, drang Pingels Brummstimme an mein Ohr. „Hab doch gesagt, ich komm morgen mit dem Schlüssel vorbei!“
„Es geht nicht um den Schlüssel! Wir haben ein neues Problem. Die Quartiermacher von Nummer zwei machen Ärger!“
„Man, wovon sprichst du? Geht′s auch auf deutsch?“
„Labers Hausverwaltung wünscht eine Wohnungsbesichtigung, und zwar umgehend. Ist das deutsch genug?“
Vom anderen Ende drang Gefluche. „O.k., kommt vorbei“, meldete sich Pingel zurück.
„Das halte ich im Moment für zu gefährlich.“
„Ist ja gut!“, stöhnte er auf. „Ich komme rum.“
„Spinnst du?“, fuhr ich ihn an. „Du kommst her, und in deinem Schlepptau marschieren die grünen Männchen, oder was? Nee, nee, wir treffen uns draußen, auf neutralem Boden!“ Ich schaute auf die Uhr. „In einer Stunde auf dem Deichweg, in Ordnung?“
„Nu mach mal halblängs“, knurrte Pingel.
„Hast du ne Macke, Chico?“, rief Laber aus der Küche.
„Kapiert ihr′s nicht?“, brüllte ich um mich, „das ist kein Spaß mehr!„
Ich hatte mich derart ereifert, dass es klingelte in meinen Ohren. Mein Hals war so eng, dass ich kaum Luft bekam.
„Ist ja gut“, erklang Pingels Stimme aus weiter Ferne. Sicher hielt er das Telefon von sich weg. „In einer Stunde vor den Speichern, in Ordnung?“
„In Ordnung“, röchelte ich und drückte das Handy aus. Als ich aufblickte, sah ich in Labers Augen. Sie blickten ungewohnt ängstlich.
„Alter, das wird schon wieder“, murmelte er schüchtern. „Hab mitgehört. In einer Stunde am Kanal.“
Damit wandte er sich zum Gehen. Die Finger auf der Türklinke, drehte er sich noch einmal um. „Chico, ich werde da sein.“
„Wart mal!“ stoppte ich seine Hand.
„Was denn noch?“
„Wieso sollte ich eigentlich mit nach Wiesenhügel kommen?“
„Na ja“, druckste Laber, „unser Junkie ist zu einer Art Nobelbehausung gekommen. Hat auf Rügen ne Hütte geerbt und will jetzt die Flocke machen.“
„Na, und?“
„Für den Fall hatten wir doch ausgemacht, dass ich die Mu-Ki-Bude übernehme.“
„Ja, und weiter?“
„Morgen früh ist Wohnungsübergabe.“ Laber zuckte die Schultern. „Die Hausverwaltung besteht auf einem Besichtigungstermin.“

Die Kiesel knirschten unter meinen Füßen. Die Sonne versank in den Wiesen hinterm Kanal. War die Ruhe des Deichwegs der trügerische Vorbote des über uns hereinbrechenden Orkans? Mit Ausnahme von meiner waren all unsere Anlagen bedroht. Drei Hausverwaltungen verlangten innerhalb eines Tages mit unterschiedlichen Begründungen den Zutritt zu den Anlagenzimmern. Ein Träumer, wer da an Zufall glaubte.
Obendrein hätte ich Laber eine reinhauen können für die Unverfrorenheit, mit der er mich für den Abbau der Mu-Ki-Anlage einteilen wollte. Das Ding bis morgen früh verschwinden zu lassen, war kein Pappenspiel - aber wo hatte Laber gesteckt, als ich seine Hilfe gebraucht hatte?
War uns überhaupt noch zu helfen? Ich schaute in das rot leuchtende Wasser zu meiner Linken. War diese Musterausgabe eines Sonnenuntergangs der letzte, den ich ohne Gitter vor der Nase erlebte?
Mir Mut zu machen, schritt ich schneller aus. Bald erblickte ich zur Rechten die Umrisse der Speichertürme. Zwei Gestalten lungerten auf dem Deichweg herum - der eine dünn, der andere massig. Irritiert warf ich einen Blick auf meine Armbanduhr. Meine Kollegen waren überpünktlich. Offenbar ging ihnen eben so die Muffe wie mir. Der Himmel über den Speichern hatte sich unterdessen bedrohlich schwarz gefärbt. Schon immer hasste ich die Wechselhaftigkeit des April.

„Schönen Dank für die Einladung, Hombre!“ Laber deutete nach oben. „Sobald es anfängt zu pissen, siehst du mich von hinten, und zwar directamente!“
„Ich würde noch lauter brüllen“, fauchte ich und drehte mich um. So weit ich erkennen konnte, war mir niemand gefolgt. Auch auf der anderen Seite des Deichwegs war keine Menschenseele zu sehen.
„Die Bullen sitzen in ihren Wannen und amüsieren sich über unser Stelldichein“, versuchte Laber einen Witz. Nicht einmal er konnte darüber lachen.
Pingel kaute auf seiner Unterlippe, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Blick verriet Ratlosigkeit. In meinem Kopf sah es nicht besser aus.
„Bleibt mal ganz unruhig, Chicos!“, beendete Laber das Schweigen. „Das ist nur ein dummer Zufall, comprende?“
„Du meinst, ne dumme Aneinanderreihung von Zufällen“, murrte Pingel.
„Wir haben keine Wahl.“ Meine Stimme klang ungewohnt fest. „Ob wir wollen, oder nicht, wir müssen das Spiel mitspielen, das diese Hausverwaltungen, und hoffentlich nur die, mit uns spielen.“
„Soweit geh ich mit, Hombre“, erwiderte Laber. „Was heißt das im Klartext?“
„Dass du es genau so machst wie Pingel. Du kennst seine Geschichte?“
Laber und Pingel nickten.
„Du meinst, ich rufe die Hausverwaltungs-Chicos an, flüstre ihnen, dass ich grad auf Derby bin und mich melde, sobald ich wieder im Lande weile?“
„Genau so!“, knurrte Pingel. „Bis dahin pennst du in der Mu-Ki-Bude. Wir ernten deine Anlage ab, demontieren alles, und wenn diese Fuzzys deine Bude betreten, hat′s die Dunkelkammer nie gegeben.“
Nun war es an mir und Laber, zu nicken. Saß uns die Polizei tatsächlich im Nacken, waren wir geliefert. Falls nicht, würden wir durch dieses Manöver die nötige Zeit gewinnen, zumindest Labers Anlage verschwinden zu lassen.
Ungünstiger lag der Fall bei der Mu-Ki-Anlage sowie bei Pingels Bude im Tower. Hier gab es kein Zurück. Die morgigen Termine waren nicht mehr zu stoppen. Sie mussten ausgestanden werden - letzterer von Michael Pratzke als Ausputzer.
„Was ist mit der Mu-Ki-Anlage?“, fragte ich.
„Wird in den Keller umgelagert“, erwiderte Laber. „Schussel ist schon dabei.“
„Und die Mütter?“
Die gut zwei Meter großen Pflanzen waren das schwerwiegendste Beweismittel gegen uns. Trotzdem konnten wir sie nicht entsorgen. Sie bildeten die Basis für unsere große Outdoor-Aktion.
„Die Mütter kommen an einen sicheren Ort“, tönte Laber, als könne er meine Gedanken lesen.
„Kümmert sich Schussel drum“, fügte Pingel hinzu.
Schussel? Sollte ich mich über diese Nachricht freuen? Allerdings hatte ich auch keine bessere Idee auf Lager.
„Damit sind wir ja wohl durch“, meldete sich Pingel zu Wort. „Wir kümmern uns um die Mu-Ki-Anlage, und du machst Feierabend“, wandte er sich an mich. „Hast ja Morgen deinen großen Auftritt.“
Er hielt mir seinen Wohnungsschlüssel hin. Zitternd griff ich danach und verstaute ihn in meiner Hosentasche.
„Lass mal, Hombre“, sagte Laber mit tröstender Stimme, „wenn die uns auf′m Kieker haben, nehmen sie morgen nicht nur dich hopps.“
"Kriegste schon hin, den Schietkram", brummelte der Pingelige.
Mir war übel, meine Knie zitterten, und ich wünschte mir, noch einmal die Vorschule wiederholen zu dürfen.
„Ist doch eh sinnlos, das Ganze“, machte ich meinem Herzen Luft.
„Wieso?“, fragten meine Kollegen im Chor.
„Mann! Drei Wohnungsverwaltungen an einem Tag, das ist doch nie und nimmer ein Zufall.“
Laber schüttelte den Kopf. „Sind nur zwei“, sagte er leise, „das mit der Mu-Ki-Bude weiß ich schon seit zwei Wochen.“
In diesem Augenblick begann der Regen.

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