Geld wollten sie sehen - doch erst einmal musste ich etwas anderes geklärt wissen. Längst war Schussel zum unumstrittenen Star meiner Alpträume mutiert. Er war eine tickende Zeitbombe für unser Unternehmen. Bereits Weihnachten hatte ich ihm in den Ohren gelegen, er solle sich ein neues Handy zulegen. Nun war er Polizei und Staatsanwaltschaft erneut aufgefallen - und die Gefahr, dass sie sein Telefon abhörten, größer denn je. Hatten sie ihn nur deshalb nicht sofort in Gewahrsam genommen, um seine Komplizen zu fassen?
Pingel und die Labertasche sahen das längst nicht so dramatisch, doch da ich nicht locker ließ, gab der Pingelige schließlich nach.
„Soll er sich von mir aus ein Handy kaufen, aber dann ist Schluss, klar? Dann will ich Kohle sehen!“
„Am besten, er nimmt eins mit Prepaid-Card, ohne Vertrag“, ergänzte Laber. „Die sind gerade günstig.“
Natürlich war ich derjenige, der dafür zu sorgen hatte, dass Schussel zu einem solchen Handy kam. Bei allem Arbeitsaufwand war mir das ganz recht. Es ging um unsere Sicherheit, und die wusste ich in meinen Händen besser aufgehoben als in denen meiner Kompagnons.
Aus der einsamen Telefonzelle in der Kanalstraße kündigte ich Schussels Mailbox für den kommenden Vormittag meinen Besuch an.
Schussel hing in seinem Sessel, die Augen verquollen und gerötet. Marihuanaschwaden durchzogen die Luft, im Aschenbecher türmten sich Jointreste.
„Du kaufst dir ein neues Handy“, fing ich an. „Eins mit einer Prepaid-Card, hörst du? Vorher brauchst du keinen von uns mehr anzurufen.“
Schussel kratzte sich am Kinn. „Wieso ein neues Handy?“
„Zu deiner Erinnerung: Die Polizei hat dich am Haken, und wir haben keinen Bock drauf, dass sie uns gleich mit aus dem Bodden ziehen!„, half ich ihm auf die Sprünge. „Möglicherweise hören die dein Telefon ab, also brauchst du schnellstmöglich ein neues, kapiert? Eins mit einer Prepaid-Card, das nicht auf deinen Namen läuft.“
„Ach so. Auf deinen Namen?“
Ich fuhr zusammen, als hätte er mir eine Ladung Eiswasser über den Pelz gegossen.
„Nein Schussel!“, bemühte ich mich um Fassung, „das muss jemand sein, der mit uns nicht das Geringste zu tun hat, hörst du? Jemand, der für die Polizei so unverdächtig ist wie nur irgend möglich, du verstehst?“
Schussel nickte.
„Und? Kennst du so jemanden?“
Er zuckte mit den Schultern. „Meine Tante vielleicht.“
„Super, Schussel! Würdest du es für möglich halten, deine Tante dazu zu bringen, dass sie mitspielt?“
„Wie - mitspielt?“
„Mann, dass sie das Handy für dich kauft!“
Erneutes Schulterzucken. „Weiß nicht. Ist ihr vielleicht zu teuer, weißt?“
„Das Geld musst du ihr natürlich geben“, stöhnte ich. „Pass auf, du nimmst neunundneunzig Euro aus der Firmenkasse, das ist der Preis für so ein Telefon mit Prepaid-Card. Das Geld drückst du deiner Tante in die Hand. Sie geht ins Geschäft, unterschreibt die Anmeldung, und du hast eine Nummer, die wir völlig gefahrlos anrufen können. Niemand wird eine Abhörgenehmigung für das Telefon einer kurz vor der Rente stehenden Dame erteilen, du verstehst?“
Nickend langte Schussel nach seinem Silberdöschen.
Anderntags stand er vor meiner Tür. Nach dem ersten Schrecken über sein Auftauchen zog ich ihn in den Flur. Strahlend bis über beide Ohren präsentierte mir Schussel sein neues Telefon: ein schnittiges, chromblitzendes Motorola-Handy zum aufklappen. Ein Motorola für neunundneunzig Euro ließ sogar mich freudig ans Geldausgeben denken. „Super, Mann, wo gibt′s das? Ein Motorola, für nicht mal hundert Euro, das hole ich mir auch!&lrdquo;
Schussel sah zu Boden.
„Wass′n los?“
„Na ja“, druckste er, „hat bisschen mehr gekostet, weißt?“
„Wie, mehr?“
„Na, ich dachte, wenn ich mir schon ein neues Telefon zulege, will ich da auch die Karte von meinem alten reinstecken, weißt? Bei meinem alten Vertrag ist mir doch das Handy runtergefallen. Ich hätte mir sowieso ein neues zulegen müssen.“
„Ach, ja?“ ignorierte ich Schussels spezielle Logik, „und wie viel hat das Motorola nun gekostet?“
„Na ja“, begann er und stockte. „Das Motorola an sich, also ganz normal mit Prepaid-Card, das gab′s für hundertneunundneunzig, weißt? Und wenn man auch andere Karten mit reinstecken will“ - er machte eine kurze Pause - „vierhundertneunundneunzig.“
„Fünfhundert Euro?“
Schussel nickte.
„Woher hast du das Geld? Hat dir deine Tante spendiert, oder was?“
Schulterzuckend wich er meinem Blick aus. „Na ja, nicht so direkt, ich muss dann auch los, zu nem Kunden, weißt? Wollte dir eigentlich nur sagen, dass ihr mich jetzt wieder anrufen könnt. Hier ist die Nummer.“
Er polkte einen zerknitterten Zettel aus seiner Hosentasche, legte ihn auf den Küchentisch und machte sich aus dem Staub. Ich war derart geplättet von seiner Frechheit, dass ich nicht in der Lage war, ihn zurückzuhalten. Das Ende der Fahnenstange war erreicht und - Sicherheitsbedenken hin oder her - die nächste Gesamtzusammenkunft in meiner Küche fällig.
Vor versammelter Mannschaft fragte ich Schussel ins Gesicht: „Stammen die fünfhundert Euro für dein Handy aus unserer Firmenkasse?“
Schussel druckste etwas unverständliches, trat von einem Bein aufs andere - und nickte. Wieder stand ich wie erstarrt. Schussel hatte in die Kasse gegriffen, uns kaltschnäuzig gelinkt. Wer würde als Erster etwas dazu sagen? Mein Tipp hieß: Pingel. Das Gesicht zur Faust geballt, fixierte er den Schusseligen. Eine falsche Bewegung, ein unangebrachtes Wort, und er würde ihn zerlegen.
Das löste unsere Probleme freilich auch nicht. Schussel war und blieb unser Schlüssel zum Verticken der Ware, das wusste auch Pingel. Aber, wusste er es auch jetzt - der Vulkan, kurz vor dem Ausbruch?
„Mit dir verschissenem Assi will ich nichts mehr zu tun haben“, presste er hervor. „Komm mir nie mehr unter die Augen, klar? Deine Mutter wird gewusst haben, warum sie dich am liebsten im Klo runtergespült hätte.“
Er spuckte vor Schussel auf den Küchenboden und wandte sich ab. Leise klappte die Wohnungstür. Laber sah mich warnend an. Mir war auch so klar, dass ich keinen Versuch startete, Pingel aufzuhalten. Die nächste Zeit würden wir ihn nicht zu Gesicht bekommen.
Schussel gab indes mit hängendem Kopf den Ertappten. Als er meinen Blick erwiderte, deutete ich auf das Motorola an seinem Gürtel: „Ich nehme an, das da ist der gesamte Inhalt unserer Firmenkasse?“
„Ist wahrscheinlich besser, wir gehen von nun an getrennte Wege“, erwiderte er leise, „zumindest, was das geschäftliche angeht, weißt?“
„Wie meinst′n das, Chico?“, tönte die Labertasche.
„Na ja“, druckste Schussel, „ich nehme euch weiterhin die Ware ab ... und ihr verkauft mir das Dope, sagen wir, das Hek zu siebenhundert?“
„Vorkasse?“
„Natürlich.“
„Klingt gut, würde ich sagen“, schnarrte Laber. Breitbeinig baute er sich vor Schussel auf. „Wo wir grad so schön beisammen sind, lass uns gleich anfangen mit den Geschäften! Wie sieht′s aus, Pratze“, wandte er sich an mich, „haben wir zufällig ein Hek auf Halde, für diesen Hombre hier?“
Wie ferngesteuert ging ich in mein Zimmer und holte vier Barren aus dem Kühlwürfel. Bei meiner Rückkehr hielt mir Schussel sieben abgegriffene, blass grüne Scheine hin. Solche hatte ich nie zuvor gesehen. Aber Laber nickte, so hoffte ich, dass sie in Ordnung waren. Mechanisch griff ich nach ihnen. Ganz weich lagen sie in meiner Hand.
Derart einfach hatte ich mir unsere geschäftliche Trennung nicht vorgestellt. Sah ich die Sache richtig, war ich ab jetzt der Hüter unserer Kasse. Traurig nur, dass ich sie mit einem Stand von Null übernahm. Das heißt, nicht ganz. Durch Labers Aktion hatten wir gerade siebenhundert Euro eingenommen. Wie viel hatte Schussel wohl verraucht, wie viel in Form von Biobrot und der gleichen geschluckt?
„Ich schieß dann mal los.“ Schussel hob die Hand und schob ab.
Laber und ich blieben allein in der Küche zurück - der klägliche Rest der Mannschaft des führerlosen Schiffs. Mein Gegenüber schien die Sache allerdings deutlich positiver zu sehen.
„Lass mal, Hombre, das wird schon wieder“, schnalzte er gutgelaunt.
„Meinst du?“
„Aber claro! Nur die Nummer mit dem Telefon, die hätten wir einfacher haben können.“
„Geht′s auch deutlicher?“
Meine Frage zauberte das Filmgrinsen auf Labers Gesicht. „Es gibt da ne Spezialnummer. Wenn du die anrufst und einen gleichförmigen Ton hörst, ist alles bueno mit deinem Handy. Hörst du dagegen einen Piepton, wirst du abgehört, capito?“
„Na toll, und wie lautet diese Nummer?“
Laber zuckte mit den Schultern. „Das lässt sich recherschieren.“
... link (0 Kommentare) ... comment