Montag, 26. März 2007
Folge 17 (Woche vom 19.03.07 bis zum 25.03.07)
Pratzke-Homepage

Meine herbeitelefonierten Kameraden erschienen zusammen. Die prächtigen Girls auf der Leine würdigten sie keines Blickes. Laber suchte erst einmal mein Klo auf. Derweil stellte Pingel eine Flasche Rum auf den Tisch und verlangte stumm nach Gläsern. Die dunklen Ringe unter seinen Augen ließen vermuten, dass er die letzten Nächte kaum geschlafen hatte.
Schneller als sonst gesellte sich Laber zu uns an den Küchentisch. Er holte ein Päckchen Tabak, Zigarettenpapier und sein Grasdöschen hervor. Seine Augen blitzten, als er sagte: „Chicos, das muss jetzt aufhören, ein für alle Mal!“
„Was muss aufhören?“, brummte Pingel und ließ den Verschluss der Schnapsflasche knacken.
„Na - das alles hier!“
Pingel hatte die Gläser gefüllt. Er warf seinen Kopf in den Nacken, schüttete den Schnaps in sich rein und goss sofort nach. Die Labertasche zog mit. Machten die beiden so weiter, hatte ich in Kürze zwei scheintote Dösköppe in meiner Küche zu sitzen.
„Also!“, nahm der Laberkopf seinen Faden wieder auf. „das muss echt aufhören, dass wir hier rumklecksen wie nichtsahnende Anfänger, claro?“
„Wie meinst′n das?“ Pingels Stimme hatte einen beunruhigenden Unterton bekommen.
„Guck dich doch um, Hombre!“, erwiderte Laber, „jeder von uns hat ne verschissene, kleine Anlage bei sich rum zu stehen. Ein paar Pflänzchen, Logistik von vorgestern, von Compagnero Schusslig frisch aus dem Baumarkt besorgt - das ist einfach nicht mein Stil, comprende?“
Und was ist bitteschön dein Stil?
Die beiden leerten auf ein Neues ihre Gläser. Ich lehnte ab. Wenigstens einer am Tisch sollte einen klaren Kopf behalten.
„Ich will euch mal was flüstern.“ Laber entzündete den zwischen den Schnäpsen gebauten Joint, tat einen Zug und reichte die Tüte an den Pingeligen weiter.
„Als erstes legen wir mal nen sauberen Zwischenstop hin, claro?“
Pingel nickte. Ich hatte keine Ahnung, worauf die Labertasche hinauswollte.
„Schussel hat zumindest die alte Ernte einigermaßen zügig vertickt.“ Laber kniff die Augen zusammen. „Müssten gut und gerne an die Vierzigtausend sein, die wir auf unserer Haben-Seite haben.“ Er musste lachen, wahrscheinlich über seinen spontanen Limerick.
„Die Kohle legen wir an!“, wurde er wieder ernst. „Wir kaufen einen Hof, comprende? Nichts luxuriöses, eben ein buckliges Bauerngehöft mit Haus, Scheune und Stall, einer Mauer drum herum, und fertig!“
Während Pingel ein Buddha-Nicken folgen ließ, versuchte ich, mir unser gemeinsames Leben auf dem Lande vorzustellen. Ich sah mich Wäsche waschen, Essen kochen und nebenbei die Girls versorgen, während sich die Labertasche mit seiner Silvana in der Weltgeschichte herumtrieb und Pingel entweder seinen Rausch ausschlief oder auf Messebau war.
„Auf dem Gehöft ziehen wir unsere Operationen in einem ganz anderen Maßstab durch, Chicos!“, redete sich Laber weiter in Fahrt. „Da können wir arbeiten, ohne dass uns irgendwer auf den Sack geht und vor allem, ohne ständig mit einer Arschbacke im Knast zu sitzen wie unser bedauernswerter Hombre da draußen! Auf dem Gehöft ziehen wir drei Indoorernten pro Jahr durch, capito? Dieses ärmliche Angebaue in den Wohnungen ist doch Pille-Palle!
In dem Haus machen wir′s uns gemütlich, im Stall stellen wir ein Bombasto-Teil von Anlage auf, und die Scheune bietet genügend Platz zum Trocknen der Girls. Ans Tor hängen wir fein säuberlich ein Schild, auf dem steht: MAUERBLÜMCHEN - GARTEN- und LANDSCHAFTSBAU - Unbefugtes Betreten strengstens verboten!“
Pingel sah ergriffen aus. Auch ich war beeindruckt von Labers Rede. Es hatte etwas Prophetisches, wie er mit rotglühenden Augen unter den prallen Buds meiner Marihuanastauden saß und redete.
„Außerdem legen wir uns Blaumänner zu, in grün, versteht sich“, machte er weiter. „Auf die ist ebenfalls MAUERBLÜMCHEN draufgestickt. Dann arbeiten wir endlich wie die Profis, nicht wie unser Hombre da.“ Er deutete auf Schussels verwaisten Platz. „Streng legal läuft das Ganze dann ab, comprende? Streng legal und hoch offiziell!“
Mit diesen Worten lehnte er sich zurück.
Pingel strahlte, ich staunte. Sicher ohne es zu wissen, hatte Laber gerade über einen Dreiseithof referiert.
In Großmutters Buch war mir dieser Begriff zum ersten Mal aufgefallen, und vor kurzem hatten die Öffentlich-Rechtlichen eine Reportage über das Havelland in Brandenburg gesendet. Da hatte ich etliche Dreiseithöfe zu sehen bekommen: An der Straße oder etwas zurückgesetzt stand ein Haus, in dem der Bauer mit seiner Familie wohnte. Im Karree dazu standen ein Stall für das Vieh und natürlich die Scheune. Das Ganze wurde von einem Bretterzaun oder einer Mauer komplettiert, die das Innere des Gehöftes für Außenstehende uneinsehbar machte - genau das, was wir brauchten!
Allerdings gab es solche Höfe nicht hier, im ärmlichen Vor-Polen. Nicht umsonst nannte man unsere Gegend das Land der Schlösser und Katen. Eine Handvoll Gutsherren hatte sich hier niedergelassen, jeder mit einem riesigen Hof und ausgedehnten Ländereien, auf denen er viele Tagelöhner beschäftigte. Halbwegs wohlhabende Bauern mit eigener Wirtschaft hatte es hier nie gegeben, höchstens mal einen Pfarrer mit eigenem Land und - vielleicht - einem Dreiseithof.
„Wass′n los?“, lallte Pingel in meine Richtung. „Stimmt was nicht?“
„Doch, doch, alles super. Ist wirklich ne tolle Idee, so ein Dreiseithof. Ist hier leider nur die falsche Gegend dafür.“
Die beiden sahen mich an. Spielverderber - stand in ihren Augen.
„Wieso ist das hier die falsche Gegend?“, tönte Laber angriffslustig.
„Weil es solche Gehöfte hier nicht gibt!“
Mein Einwurf ließ ihn für einen Augenblick dumm aus der Wäsche gucken.
„Um zum nächsten Dreiseithof zu gelangen, müssten wir ein ordentliches Stück nach Süden fahren“, legte ich nach, „nach Brandenburg, vielleicht sogar bis ins Havelland.“
Die beiden sahen mich mit großen Augen an. Mein Wissen über Dreiseithöfe schien ihnen zu imponieren, dennoch waren sie offenbar nicht gewillt, sich von derart nüchternen Bedenken aus ihren Träumen schubsen zu lassen.
„Na und?“, entgegnete Laber, „fahren wir eben hin.“
Seine Ignoranz ließ mir den Kamm schwellen. „Fahren wir eben hin!“ äffte ich ihn nach, „ist ja überhaupt kein Problem, was? Ist ja bloß eine ordentliche Stange mehr Arbeit. Mensch, wir kriegen schon jetzt nichts auf die Reihe! Von den Spritkosten will ich gar nicht erst anfangen!“
„Was soll′n das heißen?“
Pingels Stimme hatte wieder diesen drohenden Unterton. Ich musste aufpassen, was ich sagte. Hatte ich richtig gezählt, saßen die beiden vor ihrem sechsten Schnaps. Besser, ich hielt mich ein bisschen zurück.
„Ich mein ja nur“, lallte Pingel, „dass ich mit dem Rumgefahre nicht unbedingt′n Problem hätte, klar? Genau gesagt, ich fänd′s sogar gut, ne Weile von hier zu verschwinden.“ Seine Augen blickten trüb.
„Wass′n los?“ Labers Stimme klang besorgt.
„Will mich von Lydia trennen, weiß bloß nicht, wie“, ächzte Pingel und ließ seinen Kopf auf die Tischplatte niedersinken.
Wir waren am Nullpunkt angelangt: Pingel sitzend k.o. in der sechsten Runde, dazu offenbar schwer von Liebeskummer gezeichnet. Dabei hatte er noch nie etwas von einer Frau blicken lassen.
Laber war indes aufgesprungen und zur Spüle geeilt. Er drehte den Wasserhahn auf, hielt mein Geschirrtuch unter den Strahl, um damit Pingels Stirn und Wangen abzutupfen, so weit er an sie herankam.
„Wer ist Lydia?“, flüsterte ich.
Laber schüttelte den Kopf. „Gibt keine Lydia. Wenn er von Lydia anfängt, ist die Kacke am Dampfen. Hat wahrscheinlich zu viel gearbeitet die letzten Wochen.“
Damit wandte er sich wieder seinem Patienten zu. Der gluckste zufrieden ob der erfrischenden Kühle auf seiner Haut.
Pingels Zusammenbruch und Labers Erste-Hilfe-Einsatz hatten mich derart verwirrt, dass ich eine Weile brauchte, um zu nüchternen Gedanken zurückzukehren.
Mauerblümchen, Dreiseithof - das klang nach einem Vollzeitjob. Wo gerade Laber es nicht einmal fertig brachte, die wenigen Arbeiten, die für ihn anstanden, zu erledigen. Tausendmal lieber kutschte er seine Silvana durch die Gegend. Pingel wurde von seinen Messebaujobs derart in Anspruch genommen, dass mit ihm schon nach ein paar Schnäpsen nichts mehr anzufangen war.
Laber hatte derweil ein weiteres Mal das Handtuch befeuchtet und war bereits wieder am Tupfen. Die beiden boten ein Bild ungetrübten Friedens. Der Abend schien gelaufen.
„Unser Firmenkapital hätte sowieso nicht ausgereicht für so einen Hof“, versuchte ich, das Thema Grundstückskauf zum Abschluss zu bringen.
„Firmenkapital?“ Der Pingelige erhob seinen Kopf von der Tischplatte und linste mich an. „Wie viel haben wir eigentlich? Firmenkapital!“
Ich sah zu Laber. Der zuckte mit den Schultern - genau wie ich. Als wir unsere Blicke wieder dem Erwachten zuwandten, kam es zeitgleich über unsere Lippen: „Schussel!“
Hatte uns die scheinbar sinnlose Diskussion um den Dreiseithof letztendlich doch auf unser fleischgewordenes Hauptproblem kommen lassen! Über Schussel lief der Verkauf der Ware, bei ihm hatte sich demzufolge das Geld angesammelt.
„Dieser Assi“, fauchte Pingel und wickelte sich das nasse Geschirrtuch wie eine Boxbandage um seine Rechte. „Der soll die Kohle rausrücken, sofort!“
Wuchtig stemmte er sich hoch, als wolle er seinen Worten umgehend Taten folgen lassen. Mir wurde nicht wohler bei der Aussicht, neben Schussels Prozess auch noch einen wegen schwerer Körperverletzung auf uns zu kommen zu sehen.
„Warte!“, rief ich und sah Pingel fest in die Augen. „Lass mich mit Schussel reden, in Ordnung? Er soll seine Abrechnung machen und uns dann die Kasse übergeben.“
Wie bei Barti wollte ich nun zum Mittel der ausgestreckten Hand greifen. Damit war ich jedoch bei Pingel an den Falschen geraten.
„Was, Abrechnung!“, schrie er und ließ seine mit dem Geschirrtuch bandagierte Faust auf den Tisch krachen. „Kohle will ich sehen, klar?“
„Klar siehst du die Kohle, aber nicht ohne Abrechnung!“
„Abrechnung“, schnaufte er verächtlich und setzte sich wieder. „Wie soll der Trottel denn ne Abrechnung hinkriegen?“
„Ich helfe ihm dabei! Was wir jetzt brauchen, ist ein sauberer Schnitt, kein Rundumschlag mit Thors Hammer, o.k.?“
Pingel rieb verlegen über sein Nashorn. Dass ich seine Fäuste mit der Waffe des raubeinigen Germanengottes verglichen hatte, gefiel ihm offenbar.
„In Ordnung, Pratze!“ Er riss sich das Handtuch von der Hand und hielt mir seine Pranke hin. „Kümmere dich drum. Aber die Kasse wandert nicht in ‚unsere′ Hände, sondern in deine, klar!“
Während wir das Ganze nun doch mit einem Händedruck besiegelten, schickte Pingel einen scheelen Seitenblick zu Laber. Dann machte er sich daran, auf ein Neues die Gläser zu füllen. Diesmal trank ich mit.

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