„Sag mal, gießt du überhaupt noch?“ Schussel deutete in Richtung Fenster. Er war zu mir gekommen, als wäre nichts geschehen. Wie zwei Hobbygärtner standen wir nun im „Verbotenen Zimmer.“ Klingelte womöglich gleich die Polizei an meiner Tür?
„Pratze, geht′s dir nicht gut?“, fragte Schussel besorgt.
Ich schüttelte den Kopf. „Alles in Ordnung mit mir.“
„Aber die Pflanzen!“ Schussel zeigte auf den Fenstertisch. Ich folgte seinem Blick. Die Girls unter dem linken Fenster sahen schlimm aus. Am unteren Teil ihrer Stängel hingen lauter vertrocknete Blätter.
Als ich hinging und sie entfernte, bemerkte ich die Leichtigkeit der Töpfe. Die Kokoserde war furztrocken. Hatte ich tatsächlich vergessen, zu gießen? Die letzten Wochen hatte ich mich eher stiefmütterlich um die Girls gekümmert. Mein Anlagenkoller, die ständige Angst, dass sie mich hochzogen - ich hatte es nicht ertragen, mich länger als unbedingt nötig im „Verbotenen Zimmer“ aufzuhalten.
Schussel untersuchte indes das Geflecht der kleinen, schwarzen Bewässerungsschläuche. „Hoffnungslos verstopft“, murmelte er. „Kein Wunder, bei dem Kalkgehalt von unserm Wasser.“ Er zuckte mit den Schultern: „Hilft alles nichts, Pratze, musst du eben von Hand gießen, zumindest die hier hinten, weißt?“
Ich nickte. Schussel wandte sich zur Tür.
„Du, warte mal!“ - brachte ich ihn zum Stehen. Wir sahen uns an.
„Was denn?“
„Ähm, der Schlüssel.“
„Ach so, ja.“ Schussel fasste in seine Hosentasche, kramte meinen Wohnungsschlüssel hervor und legte ihn neben sich auf den Pflanztisch. „Na ja, ich werd dann mal“, murmelte er und verließ den Raum. Draußen klappte die Wohnungstür.
Ich stand im „Verbotenen Zimmer“ und lauschte seinen leiser werdenden Schritten im Treppenhaus. Als nichts mehr zu hören war, schnappte ich Eimer und Messbecher und versorgte die bedürftigen Pflanzen mit Wasser.
Rechts und links überragte mich buschiges Grün. Wie blind hatte mich meine Angst gemacht? Direkt in meiner Wohnung gedieh mitten im Winter ein prächtiger, kleiner Märchenwald, der lauter goldene Früchte trug! Zwar hatte das Malheur mit dem eingedrungenen Männchen den Ertrag geschmälert, mit der anstehenden Ernte brauchte ich mich trotzdem nicht zu verstecken. Die Buds meiner Girls waren um etliches größer als die, die ich in den vergangenen Monaten gepusselt hatte. In einem Anflug von Zärtlichkeit strich ich über Buds und Stängel, über die kräftigen, vom Harz klebrigen Blätter - und zuckte erschrocken zurück.
Meine Finger hatten in etwas flaumig weiches gefasst, und jetzt sah ich das Übel auch: Der weiße Schimmel griente mich an mit seiner filzigen Fresse. Mindestens dreißig Girls auf den Mitteltischen waren befallen. Dort hatten Schussel und Laber ein halbes Dutzend Pflanzen aus der Mu-Ki-Anlage hingestellt, damit sie bei mir ausblühten. Aus der Junkie-Wohnung hatten sie den Schimmel mitgebracht. War das nun doch die Strafe für meine Unachtsamkeit, die Rache des Rastafari-Gottes aus Schussels Hanfbibel?
Ich stürzte zu unserem Chemikalienlager, wühlte zwischen Kanistern, Tuben und Fläschchen herum. Was hatte Laber gesagt? Welches Mittel war gegen Schimmel zu spritzen, welches auf keinen Fall?
Es hatte keinen Sinn. Ich zückte mein Handy, wählte Schussels Nummer und legte sofort wieder auf. Möglicherweise wurde sein Apparat abgehört. Schlimm genug, dass er noch einmal hier gewesen war. Ich rief Pingel an.
„Wass′n?“, schnauzte er in mein Ohr.
„Das weiße Pferd ist durchgeritten.“ Meine Stimme bebte vor Aufregung.
„Was für′n Pferd?“
„Mann, der Schimmel! Ich hab Schimmel auf meinen Tomaten!“
„Ach so“, grummelte Pingel, „mach dir nicht ins Hemd. Schimmel vor der Ernte ist halb so wild. Ist sogar gut, gibt den Extra-Bums, klar?“
Die Ernte! Bei aller Aufregung um Schussel hatte ich den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen, das Allerwichtigste um ein Haar aus den Augen verloren. Die zweihundertneunundvierzig Girls waren jetzt alle über einen Meter hoch, ihre Buds prall und klebrig. Es war an der Zeit, sie zu ernten.
Nur zu gern hätte ich sie allesamt vom Halm geholt, bei aufgedrehter Heizung getrocknet, um sie schnellstmöglich aus dem Haus zu bekommen. Ohne die Girls konnte meine Anlage eben so gut eine Aufzuchtstation für Tomaten sein und ich lediglich ein durchgeknallter Gemüsejunkie. Aber so einfach lief das nicht.
„Bloß keine Schnelltrocknung!“, hatte ich Schussels Stimme im Ohr. „Senkt immens den THC-Gehalt, weißt? Die Girls müssen bei Zimmertemperatur trocknen!“
Zudem wusste ich aus dem Hanfbuch, dass es ungünstig war, würde ich alle auf einen Schlag kappen. Ich musste sie einzeln ernten, eine jede, wenn sie ihren optimalen Reifepunkt erreicht hatte. Andernfalls verloren wir noch mögliche Zuwächse, und das konnten wir uns weiß Gott nicht leisten.
Statt die Pflanzen überstürzt vom Halm zu holen, räumte ich erst einmal meine Küche so um, dass ich quer durch den Raum, mehrmals zwischen Fenster und Schrank, eine Leine spannen konnte. Nun endlich konnte es losgehen.
Nach einem letzten Rundgang durchs „Verbotene Zimmer“, bei dem ich weder Mehltau, verheerenden Milbenfraß, noch die rasante Weiterausbreitung des Schimmels festzustellen brauchte, schnitt ich die ersten Girls vom Halm -kurz über dem Topfrand, damit kein einziges Blatt verloren ging. Es war ein erhebendes Gefühl, sie in die Küche zu tragen und, die Spitzen nach unten, auf die Leine zu hängen.
Von nun an würde mich jeder Gang ins „Verbotene Zimmer“ meinem Ziel sichtbar näher bringen. Genau so mussten sich die Friedensfahrthelden meiner Kindheit gefühlt haben, wenn sie mit ihren Rennrädern in die Zielgerade einbogen. Bares Geld hängte ich da auf die Leine. Zugleich machte jedes abgeschnittene Girl meine Anlage ein klein wenig harmloser.
Anfänglich nahmen die buschigen Pflanzen sehr viel Raum ein, doch wurden sie durch den Wasserverlust zusehends schlaffer. Der gleiche Platz, den zehn frisch abgeschnittene Stauden benötigten, reichte bald für fünfzig Getrocknete. Nach einer Woche hatte sich die Anlage so weit geleert, dass ich die erste Lampenreihe ausschalten konnte. Das Bewässerungssystem deaktivierte ich, indem ich Abschnitt für Abschnitt die kleinen Verteilerschläuche aus dem Hauptstrang herausdrehte und die Öffnungen mit Stopfen verschloss. Stück für Stück arbeitete ich mich dem Tag der Befreiung entgegen.
Bald hingen fast alle Girls auf der Leine. Wohl, weil ich sie beim Ernten berührt und gedrückt hatte, sonderten sie nun äußerst massiv den verräterischen Grasgeruch ab. Als ich einmal von NETTO zurückkehrte, empfing mich der Dopegestank schon beim Öffnen der Haustür.
Wie mochte es erst vor Bartis oder Renates Tür riechen? Mich überkam das unbändige Verlangen, wegzurennen, mich nie wieder hier blicken zu lassen. Ich hielt zumindest die Luft an, während ich die zweite Etage passierte.
Nach mehreren Kilometern Fußmarsch durch meine Wohnung erinnerte ich mich daran, dass mir Schussel vor einiger Zeit von einer Wapotec-Kanone vorgeschwärmt hatte, der „ultimativen Waffe gegen den Dope-Geruch.“ Im letzten Jahr hatten sie sich so ein Ding angeschafft. Erinnerte ich mich richtig, stand sie gerade bei Laber.
Widerwillig wählte ich seine Nummer und schilderte ihm mein Problem. Laber sträubte sich, doch ich ging ihm so lange auf die Nerven, bis er sich zumindest bereit erklärte, zu mir zu kommen.
Er erschien noch am selben Nachmittag. Ohne ein Wort verschwand er sogleich wieder, um kurz darauf mit einem kleinen, unscheinbaren Metallkasten unterm Arm zurückzukehren. „Mach was draus, Hombre!“ - überreichte er mir das Ding.
Wollte er mich veräppeln? Unter der Wapotec-Kanone hatte ich mir einen Panzer mit einem wuchtigen Geschützrohr vorgestellt, aus dem die dufthemmenden Ladungen herausgeschossen kamen, aber nicht dieses Kästchen. Als ich es auf Labers Geheiß ans Stromnetz anschloss, gab es ein Brummen von sich, welches an das Geräusch eines überlasteten Trafos erinnerte.
„Da ist eine geruchsbindende Flüssigkeit drin“, erklärte Laber. „Damit wird subito alles besser. Die chemische Formel hab ich nicht parat, weiß auch nicht, wie lange die Patrone noch reicht. Ist schweineteuer, das Ding wieder aufzufüllen.“
Zwei Tage später war der Dopegeruch tatsächlich weg. Statt dessen roch es in meiner Küche nach geschmolzenem Wachs, und ich hatte ständig das Trafobrummen im Ohr. Klang es auch elend, beruhigte es mich doch ungemein.
„Brumm nur, alter Bär“, sprach ich zu dem Metallkasten und flehte, dass die Patrone so lange reichte, bis ich im Ziel war.
Endlich trug ich das letzte Girl aus dem „Verbotenen Zimmer“. Meine erste Indoor-Ernte war eingefahren, die Beschäftigung für die nächsten Wochen gesichert. Wer würde die fertig gepusselten Buds am Ende verticken? Schussel etwa? Sein Prozess hing über uns wie ein Damoklesschwert.
Wie sollte es weitergehen ohne unser schwarzes Schaf? Es musste weitergehen! Noch immer drückten mich die Schulden zu Boden, meine Wohnung hing voller trocknender Marihuanastauden, die Anlage wartete auf die Bestückung für die große Outdoor-Aktion. Wie dachten Pingel und Laber darüber? Machten sie sich überhaupt Gedanken?
... link (0 Kommentare) ... comment