Montag, 5. März 2007
Folge 14 (Woche vom 26.02.07 bis zum 04.03.07)
Pratzke-Homepage

Einmal mehr müssen wir Michael Pratzkes Bericht unterbrechen, um unseren Blick einem für das Verständnis der Handlung wichtigen Geschehnis zuzuwenden, welches ohne seine Gegenwart stattfand: Schussels Vernehmung.

Schussel schaute zu dem alten Kronleuchter hinauf und dachte an Helena, seine schöne Anwältin. „Wenn Sie sich stellen, müssen Sie zumindest nicht in Untersuchungshaft auf Ihren Prozess warten”, hatte sie gesagt. Ihre Stimme hatte so zuversichtlich geklungen, gerade so, wie: „Lass mal, Süßer, das krieg ich schon hin.”
Dabei war das Ganze nichts als eine billige Intrige der obermiesen Sorte. Wahrscheinlich hatte Boris mal wieder keinen hochgekriegt bei seiner Maria - und jetzt muss ich den Schlamassel ausbaden, dachte Schussel.
Warum war es eigentlich so still im Raum? Schussel sah sich um und bemerkte, dass ihn die vor ihm sitzenden Herren im Anzug erwartungsvoll ansahen.
„Ich habe mit der ganzen Geschichte nichts zu tun”, eröffnete er seine Verteidigung. „Jemand muss das Dope samt dem Geld in meiner Wohnung hinterlegt haben, weißt? Dann hat er den Einbruch vorgetäuscht und die Polizei angerufen.”
Die Beamten quittierten seine Worte mit süffisantem Lächeln. Sie kannten seine Vorgeschichte. Der Vernehmer, ein Enddreißiger mit Halbglatze und einem Loch im linken Ohrläppchen, sah aus, als wolle er Beifall klatschen.
„Wer sollte das denn gewesen sein?”, fragte er stirnrunzelnd, „vierhundertfünfundzwanzig mal zehn Euro, dazu gut achttausend Euro in bar - derjenige muss es ja locker gehabt haben!”
Wieder zeigten die Beamten ihr Lächeln, und der Vernehmer kannte obendrein die aktuellen Dope-Preise. Ein Scheiß war das.
Der Mann mit dem Loch im Ohrläppchen zog ein Foto aus seiner Mappe. Es zeigte Schussel. In Tarnuniform und mit Kinderlächeln posierte er vor einem Feld gut zwei Meter hoher Cannabispflanzen mit prallen Fruchtständen.
„Das kann ich erklären”, rief Schussel. „Das ist ein Feld mit Nutzhanf, weißt? Nutzhanf, ganz legal, ohne THC! Und das ist auch gar nicht mein Feld. Ich bin nur zufällig dran vorbei gekommen, beim Spazieren gehen. Und das Foto? Na ja, da wollte ich ein bisschen vor meinen Freunden mit angeben, das kennen Sie doch, oder?”
„Aber natürlich!” Der Beamte strich sich über seine Halbglatze. „Deshalb auch die Tarnklamotten, nicht? Damit alles richtig echt aussieht.”
„Genau!”
Der Vernehmer gab ein Räuspern von sich. „Ich habe einen Bekannten, Professor Lamprecht, schon mal gehört, den Namen?”
Schussel schüttelte ehrlichen Herzens den Kopf.
„Professor Lamprecht ist Biologe. Er lehrt hier an der Universität. Gelegentlich arbeitet er für uns als Sachverständiger. Botanik ist sein Fachgebiet. Ich werde ihm das Foto zukommen lassen und ihn fragen, was er darauf sieht. Bestätigt er mir, das ist Nutzhanf, haben Sie zumindest in diesem Punkt nicht gelogen.”
Damit klappte der Vernehmer seine Mappe zu und erhob sich. Das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden.
„Aufgrund des dringenden Verdachts des wiederholten Besitzes und Handels mit Marihuana sehen wir uns veranlasst, Ihren Fall der Staatsanwaltschaft zu übergeben. Da Sie sich selbst gestellt haben, sehen wir von einer Sicherheitsverwahrung ab. Das heißt, Sie bleiben bis zu Ihrer Verhandlung auf freiem Fuß. Allerdings sind Sie verpflichtet, sich alle zwei Tage bei Ihrem zuständigen Polizeirevier zu melden. Es ist Ihnen ausdrücklich verboten, die Stadt zu verlassen. Haben wir uns verstanden?”
Egal - bloß raus hier, dachte Schussel und nickte.

***

Ich hockte in meiner Bude wie auf Kohlen. Was brachte Schussels Vernehmung mit sich? Würden sie jeden Moment kommen, mich abholen? Als ich an der Wohnungstür das Schließgeräusch vernahm, durchfuhr mich ein eisiger Schauer.
Polternde Schritte - das musste Pingel sein. Ich stürzte in den Flur - keine Polizei-Eskorte, er war allein gekommen. Seine Hände hielten einen Stapel gewaltiger Plastikwannen. Pingel sah mich einen Moment irritiert an, dann kehrte das Grinsen auf sein Gesicht zurück. „Was bist′n so bleich? Schlecht geschissen, oder was?”
„Nein, alles in Ordnung, soweit”, druckste ich. „Was hast&prime:n da?” Mein Zeigefinger deutete auf die Plastikwannen.
Pingel strahlte. „Dachte mir, ich sorg dafür, dass es nicht noch mal sone blöde Überschwemmung gibt.”
Um Himmels Willen, mein doppeltes Überschwemmungsmallheur! Ein weiterer Schauer ließ mich bis in die Zehenspitzen erstarren. Wie in aller Welt hatte Pingel von meinem Missgeschick erfahren?
„Was′n für eine Überschwemmung?”, fragte ich. Meine Stimme klang reichlich dümmlich.
„Na, wie bei mir im Tower”, erwiderte Pingel, noch immer freudestrahlend. „Weißte nicht mehr, die shit-Wohnungsrenovierung, der Perser, den ich dem Penner unter mir löhnen musste!”
Mein Kopf nickte mechanisch, Körpertemperatur und Pulsfrequenz näherten sich langsam wieder ihren Normalwerten.
Pingel war derweil an mir vorbei ins Anlagenzimmer gestapft und hatte die alten Abwasserbehälter gegen die neuen ausgetauscht. Die neuen waren um etliches größer. Zufrieden begutachtete er sein Werk.
„Hab das DSL von irgend so nem Penner bei mir im Turm angezapft”, brummte er. „Hab gleich mal so′n Hanf-Forum besucht. Keine Angst, Pratze, natürlich ohne mich anzumelden!”
Er zwinkerte mir zu. „Na ja, jedenfalls hab ich mir in dem shit Forum den Tipp mit den größeren Abwasserbehältern abgeschaut. Muss wohl einigen anderen so gegangen sein wie mir.”
„Hm”, pflichtete ich ihm kleinlaut bei. Wie lange würde es wohl dauern, bis mich diese ganze Geschichte endgültig in den Wahnsinn trieb?

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