Montag, 19. Februar 2007
Folge 12 (Woche vom 12.02 bis zum 18.02)
Pratzke-Homepage

Nach dieser Aktion hatte ich endgültig genug von der Außenwelt. Wenn sie mir nur mal zugelächelt hätte, diese Tine oder Bine, aber egal! Das da draußen war einfach nicht meins, viel zu kompliziert!
Wie einfach zeigte sich dagegen das Leben innerhalb meiner vier Wände! Genug zu tun gab es hier allemal. Die Girls wollten versorgt werden, auch zu pusseln hatte ich reichlich, und dann waren da ja noch Omas Bücher. Die zurückliegenden Pannen hatten mir schmerzlich vor Augen geführt, dass mir ordentlich Wissen fehlte.

Handypiepen - diesmal zeigte das Display die Nummer von Ralf, meinem kleinen Bruder. Ralf überragt mich längst um einen halben Kopf, das aus unseren Kindertagen stammende Attribut kann ich mir dennoch nicht abgewöhnen.
Eine von Ralfs Angewohnheiten ist, dass er mich zweimal im Jahr mit überfallartigen Besuchen beglückt. Diese Bezeichnung ist keine Übertreibung. Für gewöhnlich läuft das ganze folgendermaßen ab: Ralf ruft mich an, um mir mitzuteilen, dass er im Auto sitzt, neben sich seine Aktuelle, und gerade Anfahrt auf das Boddenstädtchen nimmt. Unzählige Male hatte ich ihn gebeten, mir wenigstens einen Tag vorher Bescheid zu geben. Mindestens eben so oft hatte er mir versprochen, es ab dem nächsten Mal tatsächlich so zu halten.
„Tach, Keule!” drang seine Bassstimme an mein Ohr. „Na, wie schaut′s?”
„Phantastisch, und selbst?”
„Wir sind grade im Anflug. In zwanzig Minuten schlagen wir bei dir auf, in Ordnung?”
„Ja klar, kommt längs.”
Ich hatte gerade aufgelegt, als es mich siedend heiß durchfuhr: Ich konnte die beiden unmöglich bei mir beherbergen! Nicht einmal in die Nähe meiner Wohnung durfte ich sie lassen! Ralf würde natürlich dichthalten, aber ein mir wildfremdes Mädchen mit einer Marihuana-Aufzuchtanlage, etlichen Kilogramm getrocknetem Gras nebst Verarbeitungsapparaturen zu konfrontieren, das war eindeutig zu viel des Unguten! Hastig suchten meine Finger Ralfs Nummer im Speicher. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als mir das Tuten anzeigte, dass er sein Handy nicht ausgestellt hatte. Nach dem dritten Ton ging er ran.
„Pass auf, Atze!” - legte ich los, „du darfst mit deiner Kleinen auf keinen Fall zu mir kommen, hörst du? Erzähl ihr irgend eine Geschichte, ich kann dir jetzt nichts erklären. Ich kümmere mich um eine Penne für euch, o.k.? Kriegst du′s hin, dass wir uns unter vier Augen sprechen?”
„Schon klar, Keule”, erwiderte Ralf seelenruhig, „mach dir keine Sorgen wegen deinem Vermieter, der sieht uns nicht. Also, bis dann!”
Amen! Ralf hatte mich verstanden und wie immer hervorragend reagiert.

„Hast echt Schwein gehabt, dass du mich noch erwischt hast.” Schmunzelnd gab mir Ralf einen Klaps auf die Wange und schob sich an mir vorbei über die Schwelle. „Wir waren schon fast in deine Strasse eingebogen, als du zurückgerufen hast.”
Ich schluckte. „Und ... was ist jetzt mit deiner Freundin?”
„Alles im Lot. Hab sie drei Ecken weiter in nem Café abgesetzt. Sie heißt übrigens Melanie, aber komm bloß nicht auf die Idee, sie Melly zu nennen. Ansonsten ist sie verhältnismäßig entspannt.”
Während er redete, durchsuchten seine Augen meinen Flur. Grienend deutete er auf meine verschlossene Zimmertür: „Was ist los, Keule? Hast gerade ne Domina zu Besuch, oder wieso sollte ich allein kommen?”
Ich winkte ihm, mir ins Zimmer zu folgen. Buds und Pflanzenreste hatte ich schnell verschwinden lassen, doch Ralfs Blick auf die Verarbeitungstechnik verriet: er ahnte, dass hier was nicht stimmte. Mit einem Nicken bedeutete ich ihm, einen Blick auf die andere Seite des Flurs zu werfen. Ralf öffnete die Tür zum „Verbotenen Zimmer”, machte sie wieder zu und sah mich an.
„Nee, ne?”
„Doch! Verstehst du jetzt, dass ihr nicht bei mir übernachten könnt?”
Ralf besorgte sich einen Stuhl. Ich zückte mein Telefon, hackte Schussels Nummer hinein, wartete.
Zum Glück war Schussel zu Hause und verstand sofort, was los war. Freudig teilte er mir mit, dass das mit der Übernachtung meines Bruders absolut kein Problem sei.
„Hast du echt Schwein gehabt”, fügte er hinzu. „Ich bin nämlich gerade auf′m Abflug, fahre das Wochenende zu einer Freundin, weißt? Schick deinen Bruder längs, dann gebe ich ihm die Schlüssel und zeig ihm fix, wo alles steht.”
Ralf nickte. Er hatte mitgehört. Wir verabredeten uns für den Abend in der BODDENKLAUSE, einer Eckkneipe. Mein Bruder schien enttäuscht, dass ich nicht wie sonst den SEEBLICK vorgeschlagen hatte, aber seit dem Abend mit Marion mochte ich dort nicht mehr hingehen. Nun sah ich die Außenwelt zwar früher wieder als geplant, aber zusammen mit Ralf würde es schon gehen.

Ein großes Bier lang ließen mich die zwei allein in der Kaschemme hocken. Endlich öffnete sich die Tür. Ralf sah sich kurz im Schankraum um, dann trat er auf mich zu. An seiner Seite schritt eine hochgewachsene, exotische Schönheit mit langem, pechschwarzem Haar. Die Schöne sah mich an wie ein räudiges Tier. Auch Ralf wirkte verstört.
Widerwillen im Blick, ließen sie sich an meinem Tisch nieder. Melanie, die man nicht Melly nennen durfte, wählte den am weitesten von mir entfernten Platz. Sie brachte ein verächtliches "Hi" über ihre Lippen und ging direkt dazu über, mich zu ignorieren.
Ich schluckte. War meine Aura schon so mies, dass sich die Frauen bereits vor mir ekelten, bevor sie das erste Wort mit mir gewechselt hatten? Hatte ich ein faules Ei auf dem Kopf? Aber wieso guckte mich auch mein Bruder so scheel an? Ich rieche nach Gras!, durchfuhr es mich. Melanie hat den wahren Grund meines Theaterspiels herausbekommen!
„Was iss′n das für ein Typ, dieser Schussel?”, fragte Ralf.
„Ein Kumpel”, erwiderte ich kleinlaut. „Wieso?”
Mein Bruder runzelte die Stirn. „Warst du schon mal in seiner Bude?”
„Na ... nee.”
„Sei froh, Keule, sei bloß froh”, brummte er und winkte dem Kellner.

Es wurde schließlich doch noch ein netter Abend. Melanies Kühle mir gegenüber schmolz alsbald. Als wir uns verabschiedeten, sah sie mir in die Augen. Ihre sinnlichen Lippen schenkten mir sogar ein Lächeln.
„Komische Kumpel hast du. Ansonsten bist du genau so, wie mir Ralfi erzählt hat.”
Sie reichte mir die Hand. Ich hätte sie küssen können, so erleichtert war ich, dass sie mich offenbar doch nicht eklig fand.

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