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Montag, 12. Februar 2007
Folge 11 (Woche vom 05.02.07 bis zum 11.02.07)
michael pratzke, 12:48h

Mein Handy piepte, eine SMS von meinem Kommilitonen Dietmar. Samstag Geburtstag Erscheinen Pflicht, stand auf dem Display, dahinter drei Ausrufezeichen. Dietmars Geburtstag hatte ich völlig vergessen, genau wie Dietmars Existenz. Dabei war er mein Freund, vielleicht der einzige, den ich noch so nennen durfte.
Natürlich widerstrebte es mir, einen Extratrip nach draußen zu unternehmen. Freilich könnte ich mich mit meinem Job in Bayern rausreden, aber Dietmar war wie gesagt mein Freund! Wollte ich ihn nicht enttäuschen, blieb mir nichts anderes übrig, als hinzugehen.
Außerdem, einen Tapetenwechsel hatte ich allemal nötig. Schon lange verspürte ich das dringende Bedürfnis, wieder mal ein paar andere Gesichter zu sehen als meine Visage im Spiegel oder die meiner Kompagnons.
Noch etwas trieb mich dazu, Dietmars Einladung anzunehmen. Letzten Sommer hatte ich auf einer der Grillfeten auf seinem Grundstück draußen in Altwarben ein Mädchen kennengelernt.
Tine war etwas jünger als ich - schlank, lange, blonde Haare, Sommersprossen - eine Aufgeweckte vom sportlichen Schlag. Auf halbem Weg zwischen Biertonne und Grill hatte sie plötzlich vor mir gestanden und sich ohne ein Wort bei mir untergehakt.
Wir spazierten die Lindenallee runter zum Neuwarbener See. Es roch nach Sommer, die Nacht war schwül, die Frösche quakten wie verrückt - und wir haben wir uns nicht mal geküsst!
Dietmars Geburtstagsparty stieg nicht in Altwarben, sondern in seiner Stadtwohnung. Sie lag in der Südvorstadt, ein Viertel, verfallen wie Wiesenhügel, aber ohne touristisches Sommerflair - und ganze zwanzig Minuten Fußweg von meinem Verließ entfernt.
Schon von weitem vernahm ich die Party-Geräusch-Kulisse: Gesprächsbrei, untermalt vom basslastigen Stampfen einer lediglich als dumpfes Gemumpfe auszumachenden Musik. Sollte ich wirklich hoch gehen?
Die geöffnete Haustür mahnte mich, einzutreten. Im Hausflur klebte ein weißes Blatt Papier. Gewissenhaft layoutet bat mein Kommilitone die Anwohner um Verständnis für die wahrscheinlich bis nach Mitternacht andauernde Lärmbelästigung. Eine anrührende Geste, typisch Dietmar. Vermutlich war er der Einzige, der hier noch Miete zahlte. Außer ihm bewohnten nur ein paar Punks das Haus, und für die war es nicht ratsam, bei Kümmernissen die Polizei einzuschalten.
Durch den ab dem zweiten Stock dunklen Hausflur tastete ich mich nach oben. Dietmars Wohnungstür stand sperrangelweit offen.
Kaum hatte ich die Schwelle übertreten, kam ich mir vor wie Catweasel, der auf seiner Suche nach dem dreizehnten Tierkreiszeichen versehentlich auf ein amerikanisches Teenager-Happening geraten war. Um mich herum tummelten sich lauter wild gestikulierend auf sich einredende junge Menschen. Sie wippten in den Knien zum Takt der Mumpfmusik. Mir wurde schwindelig von all den Wortfetzen, dem Tabaksqualm, den kosmetischen Lockstoffen der Frauen! Letztere standen in ihrer Intensität dem Duft meiner Girls in nichts nach.
Ich durchkämmte Flur, kleines Zimmer, großes Zimmer - und sah nur Fremde. Waren das alles Erstsemestler?
„Da schau her”, vernahm ich nahe meinem Ohr eine kräftige Männerstimme. „Herzlich willkommen in Vorpolen!”
Ehe ich wusste, was los war, hatte Dietmar meinen Kopf an seine Zehnkämpferschulter gepresst. „Alter Bayernknecht, wie stehen die Aktien?”
Ich schluckte, wegen der Aktien. Dass es Dietmar, wie ich wusste, tatsächlich interessierte, was ich so trieb, war ein Problem! Sollte ich Dietmar gestehen, dass ich ihn angelogen hatte? Dass ich, statt ordentlich in Bayern zu knuffen, ein paar Straßen von hier entfernt zusammen mit zweihundertneunundvierzig Marihuana-Stecklingen in meiner Bude hockte, dass ich mit drei Gestalten aus der Halbwelt verkehrte und mir davon eine halbe Million versprach?
„Was soll los sein?” Ich zuckte die Schultern. „Frühstücken, den ganzen Tag hucken und nach dem Abendfilm ins Bett fallen.”
Dietmar verschonte mich mit weiteren Fragen. Das war sehr lieb von ihm, in der Klemme blieb ich trotzdem. Was sollte ich jetzt sagen? Meine Small-Talk-Fertigkeiten gingen gerade gegen minus Unendlich. Mich danach zu erkundigen, was sein Studium machte, erschien mir zu billig. Stumm stand ich vor ihm und bereute, dass ich seine Einladung angenommen hatte.
„Wie geht′s eigentlich Conny?”, gelang mir zu guter Letzt die Rettung. Offenbar hatte ich doch noch nicht alles vergessen: Dietmar nach seiner Freundin zu fragen, war das sicherste Mittel, ihn in Vorhand zu bringen. Prompt überzog sich sein Gesicht mit einem Strahlen: „Conny ist die glücklichste Frau der Welt!” Er blinzelte mir zu. „Das hoffe ich zumindest.”
„So lange ich mich Nacht für Nacht an diese starke Schulter schmiegen darf, ist es schon so”, mischte sich Conny ein. Sie küsste ihn auf die Wange.
„Hi Pratze, schön, dass du gekommen bist”, wandte sie sich an mich, und auch ich bekam ein Küsschen verpasst. Conny trug ein enges, weinrotes Oberteil und war ein bisschen beschwipst. Beides stand ihr ausgesprochen gut.
„Schnapp dir&rime;n Bier, fühl dich wie zu Hause!” Dietmar legte den Arm um Connys Taille, und beide tauchten im Getümmel der Gäste ab.
Dietmars Rat folgend, langte ich in den nächsten Bierkasten und ließ es zischen. Erleichtert, etwas in der Hand zu haben, schob ich mich ins Wohnzimmer, vors offene Fenster. Die zigarettenrauchgeschwängerte Luft war hier am ehesten zu atmen. Außerdem konnte ich mir jetzt aussuchen, ob ich die verwaiste Straße oder das Gewimmel in Dietmars Bude betrachtete. Nach Connys Freundschaftskuss und dem ersten Schluck aus der Flasche kam ich mir schon nicht mehr ganz wie das hässliche Wesen vom anderen Stern vor. Außerdem hatte es was entspannendes, auf einer Fensterbank zu sitzen und all diesen fremdartigen Wesen zuzugucken.
Ein vertrauter Duft stieg mir in die Nase. Kein Zweifel, ganz in meiner Nähe brannte ein Joint! Einen Moment fühlte ich mich, als wäre ich gerade heimgekommen. Das gab′s doch nicht: Es war Tine, die den Joint in ihrer Hand hielt. Sie stand im Türrahmen, zwischen Dietmars Bruder Kai-Uwe und einem Semmelblonden im karierten Hemd. Mein Puls ging sofort schneller.
Während ich mich zu Tine durchkämpfte, fühlte ich mich derart euphorisch, dass ich drauf und dran war, sie zur Begrüßung in meine Arme zu schließen.
Gerade noch rechtzeitig konnte ich abbremsen. Tine hatte mich kurz und fragend angeschaut - und sich wieder dem Semmelblonden zugewandt. Begleitet von einem Augenaufschlag, der mich traf wie ein Leberhaken, reichte sie ihm den Joint. Dazu schenkte sie ihm ein Lächeln, für das die Bezeichnung schmachtend eine glatte Untertreibung war. Er nahm einen halbherzigen Zug und reichte die Tüte an Kai-Uwe weiter. Tine packte den karierten Arm des Semmelblonden und zog ihn mit sich davon.
„Wir gehen ne Runde abtanzen, Jungs!”, rief sie uns zu.
Ich stand neben Kai-Uwe wie bestellt und nicht abgeholt. Das Bier ließ mich aufstoßen und füllte meinen Mund mit bitterem Aroma.
„Wenn du den Frauen nicht klarmachen kannst, dass du der Star des Abends bist, lassen sie dich schnell links liegen”, hatte mir Dietmar mal anvertraut. Genau das hatte Tine gerade mit mir getan, deutlich genug, dass ich endgültig die Faxen dicke hatte.
„Hallo Michael”, sprach mich Kai-Uwe an, „na, wie läufts denn so?”
„Ganz phantastisch.”
„Willste auch mal?” Kai-Uwe blinzelte auf den Joint in seinen zierlichen Informatikerfingern. „Na komm schon. Mach mal was Verwegenes.”
Verwegen, echote es in mir.
„Na, los!”
„Nee, lass mal”, druckste ich, drückte Kai-Uwe meine Bierflasche in die Hand und strebte dem Ausgang zu.
Wie ein Irrer eilte die Treppen runter, bog um die nächste Ecke. Der Partylärm in meinem Rücken verebbte. Was bildeten sich diese Frauen eigentlich ein? Der Star des Abends! Hätte ich mit einer BMW die Treppenstufen hochfahren sollen? Wie auch immer, mir fehlte das Zeug zum Star, und basta! Mit eingezogenem Kopf schlich ich durch die Nacht heimwärts.
Ich hatte mir gerade die Bettdecke über die Ohren gezogen, da piepte mein Handy. Es war Dietmar.
„Mensch Pratze, warum bist′n so schnell abgehauen?”, drang seine Stimme aus dem Krach. „Bin ja gar nicht mehr dazu gekommen, mit dir anzustoßen! Liebst mich wohl gar nicht mehr?”
Ich hatte keine Lust, mir irgend welche Ausflüchte aus den Fingern zu saugen und erzählte ihm kurzerhand die Geschichte meines missglückten Tine-Wiedersehens. Dietmars Antwort: schallendes Lachen.
„Na toll!”, brummte ich in den Hörer, „bist′n echter Freund!”
„Sorry, Pratze.” Noch immer konnte er sich kaum einkriegen. „Vielleicht hätte ich′s dir lieber sagen sollen?”
„Was denn?”
„Wart mal.”
Dietmar war offenbar dabei, ein ruhigeres Plätzchen zu suchen. „Mensch, Pratze!” meldete er sich zurück, „die Kleine hier auf der Party, das ist nicht Tine, sondern Bine, ihre Zwillingsschwester! Und du interessierst dich für Tine? Warum hast du mir das nie gesagt? Hätte ich sie glatt eingeladen!” Wieder wurde er von Lachen geschüttelt. „Lass mal, Pratze, ich kenne die beiden ganz gut, und kann sie trotzdem nicht auseinanderhalten.”
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