Freitag, 9. Februar 2007
Folge 10 (Woche vom 29.01.07 bis zum 04.02.07)
Pratzke-Homepage

Pingel hatte zwischen zwei Messebaujobs die Dauer der Lichtphase von achtzehn auf zwölf Stunden verkürzt und meine Anlage damit von der Wachstums- auf die Blühphase umgestellt. In der Natur ist dieser Punkt mit der Sommersonnenwende, dem Kürzerwerden der Tage erreicht. Indoor verkürzt man einfach die Strahlungszeit der Lampen. Sobald dies geschehen ist, hören die Girls auf, in die Höhe zu schießen und bilden wie wild Blüten, um sich zu vermehren.
„Sie hören ihre biologische Uhr ticken und kriegen Torschlusspanik”, lautete der Kommentar der Labertasche, „sind eben auch bloß Frauen.”
Mit anderen Worten: die Pflanzen begannen, die harzreichen, für uns so entscheidenden Buds zu bilden.

Wieder einmal von meinem wöchentlichen Besuch bei NETTO zurückgekehrt, wollte ich den Schlüssel ins Schloss stecken - als ich bemerkte, dass meine Tür nicht abgeschlossen war.
War ich senil geworden, oder war da wer in der Wohnung? Mit angehaltenem Atem klickte ich den Schnapper auf, öffnete die Tür einen Spalt und horchte in den Flur.
Schritte, im „Verbotenen Zimmer”! Mein Puls arbeitete auf Hochtouren. Was jetzt? Wegrennen? Vorm Haus hatte kein Polizeiwagen gestanden, oder?
Ich ließ ein paar Sekunden verstreichen, dann zog ich mir die Schuhe aus, trat auf Zehenspitzen über die Schwelle in den Flur.
„Scheiße, Mist, verdammter!”, drang Schussels Stimme aus dem Anlagenzimmer. Mein Puls ging wieder runter. Ich holte meine Schuhe rein, drückte die Wohnungstür ins Schloss und betrat das „Verbotene Zimmer.”
„Wass′n los?”, fragte ich den durch den Raum tobenden Schussel.
Er blieb stehen, als hätte der Blitz in seine Locken eingeschlagen. Wild gestikulierend zeigte er auf eine der Pflanzen. Ich verstand noch immer nicht.
„Mann, Pratze”, schrie er auf, „wir haben Pulleralarm! Das da ist kein Girl! Ein Kerl ist das, verdammte Scheiße! Ich hab die Ventilatoren abgestellt, aber zu spät! Er hat schon Pollen abgelassen!”
Eine der Pflanzen überragte ihre Schwestern um ein gutes Stück. Bei genauerer Betrachtung sahen ihre Blüten ein wenig anders aus als die der Umstehenden. Diese wiesen lauter zarte, flaumigweiße Narben auf, welche in winzigen, grünen Fruchtknoten steckten. Die Blüten der größeren Pflanze bestanden dagegen aus winzigen, grünlichweißen Kelchen, die rispenartig an den Zweigen und von der Spitze des Haupttriebs herabhingen. Jede Rispe war mit einem halben Dutzend beutelartiger Gefäße bestückt.
Ich sah zu Schussel. „Und jetzt?”
Schussel langte in den Garten und versuchte, den Topf mit dem Eindringling herauszufischen. Seine Hände zitterten, dass ich fürchtete, er würde sämtliche umstehenden Pflanzen umwerfen. Zumindest staubte es noch einmal heftig aus den Beutelchen, als er den Übeltäter herausgehoben bekam.
Schnurstracks verschwand er mit der Pflanze in die Küche. Als ich hinzu kam, hatte er sie bereits aus der Erde gerissen. Wutentbrannt stopfte er sie in eine Mülltüte.
Es dauerte eine Weile, bis er soweit war, sich auf dem Küchenstuhl niederzulassen und das Silberdöschen zu zücken. Mühevoll ließen seine Finger den Joint entstehen. Noch immer zitternd, entzündete er ihn und nahm einen tiefen Zug.
Augenblicklich entspannten sich seine Züge. Mich dagegen quälte die Ungewissheit: Was hatte dieser Vorfall zu bedeuten?
Schussel schüttelte seine Locken. „Hat das Schwein echt seine Pollen abgelassen. Schlimm genug, das Ganze.”
„Wie schlimm?”
„Total schlimm.”
Seine Hand malte einen Kreis in die Luft. „Die Ventilatoren, weißt?”
„Was ist mit den Ventilatoren? Mensch, rück raus mit der Sprache!”
Erst einmal war es jedoch Zeit für den nächsten Zug. „Wir müssen davon ausgehen, dass er etliche Girls bestäubt hat.”
„Und ... was heißt das?”
„Die Bestäubten bilden Samen aus”, erklärte Schussel. „Sie stecken ihre ganze Power in die Samen und scheren sich einen feuchten Kehricht um die Buds, weißt? Bedeutet eine beträchtliche Minderung unseres Ertrags, das Ganze.”
Wie beträchtlich? - wollte ich fragen, doch ich ließ es bleiben. Die Worte der Labertasche gingen mir durch den Kopf - wie fies wir zu den Girls waren. Jetzt hatten sie sich genommen, wonach ihnen zumute war.
„Wie kann das sein, dass da auf einmal eine Pflanze mit männlichen Blüten auftaucht?”, musste ich nun doch fragen. „In der Mu-Ki-Anlage stehen doch nur Weibchen!”
Schussel zuckte mit den Schultern. „Bei ungünstigen Umweltbedingungen kann′s passieren, dass eine weibliche Pflanze männliche Blüten bildet, weißt? Als Abwehrreaktion, um ihre Fortpflanzung zu sichern.”
Zwittrigkeit, ungünstige Umweltbedingungen - hatte ich die Girls unsachgemäß behandelt?, durchfuhr es mich siedend heiß. Ging dieser Unfall auf meine Kappe?
Schussel nickte mir freundlich zu und drückte den Joint auf dem Deckel des Silberdöschens aus.

Der nächste Schock folgte, als wenig später die Beleuchtungsanlage ausfiel. Zuerst dachte ich, mein Zeitgefühl würde mich im Stich lassen, doch der Blick auf die Computeruhr bestätigte, dass hier was nicht stimmte.
Bei der Indoor-Aufzucht wird das Licht immer in einem bestimmten Takt ein- und ausgeschaltet. Fallen die Lampen aus, ist die Dunkelphase unnatürlich verlängert. Die Pflanzen kommen aus dem Takt und tun nicht mehr das, was sie tun sollen - in unserem Fall: Buds bilden, was das Zeug hält!
Stunden verrannen, und die blöden Lampen gingen nicht an! Wie reagierten die Girls? Hörten sie auf, Blüten zu bilden? Bildeten sie männliche, verkümmerten sie gar?
Ich knöpfte mir die Steuerungsboxen der Lampen vor, schraubte sämtliche Sicherungen heraus. Alle waren intakt, ich wechselte sie trotzdem komplett aus - keine Reaktion!
Ich rief Pingel an. Ehe er zu Wort kam, hatte ich ihm den Vorfall geschildert. Das Reden erleichterte mich. Gleich würde er zu mir kommen und alles in Ordnung bringen.
„Mann, Pratze!”, grummelte er missgelaunt, „iss sicher bloß ne Sicherung gekommen.”
„Das kann nicht sein! Ich hab alle durchgecheckt!”
„Und ich hab nen schiet Arbeitstag hinter mir! Ruf morgen an, klar?”
„Mensch Pingel, hier ist deine Arbeit!”, rief ich in die tote Leitung - und kontrollierte noch einmal sämtliche Stecker, Lüsterklemmen, die Sicherungen sämtlicher Steuerungseinheiten - ohne Befund.
Sollte ich die Speziallampen auseinandernehmen? Zum Glück fiel mir gerade noch rechtzeitig ein, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, wie diese Dinger aufgebaut waren. Auseinander bekam ich sie allemal, aber dann?
Als Pingel am folgenden Nachmittag zu mir kam, klappte er im Flur den Sicherungskasten auf, schüttelte den Kopf und drückte die Hauptsicherung wieder rein. Den Blick, mit dem er mich im Schein der brennenden Lampen ansah, werde ich nie vergessen.

Meine Blackouts kamen nicht von ungefähr. Seit die Anlage in Betrieb war, litt ich unter einem fürchterlichen Koller. Nichts lief mehr normal! Ich war schrecklich hellhörig geworden, was Geräusche im Treppenhaus anging. Die Türklingel wurde mein schlimmster Feind. Ertönte sie, durchfuhr es mich jedes Mal: Jetzt holen sie dich!
Glücklicherweise fand ich bald heraus: Nicht jedes Klingeln glich dem anderen. Ein kurzes Schellen, das zugleich oder kurz danach an den Wohnungstüren unter mir ertönte, war kein Grund zur Aufregung. Es handelte sich entweder um die Müllabfuhr oder um einen Schüler, der seinen Job als Werbungsbote noch ernst nahm.
Einen weiteren, entscheidenden Unterschied machte es, ob an der Tür besagtes Schellen oder ein kurzes, trockenes Piepen erklang. Hörte sich Ersteres mit einiger Phantasie bedrohlich nach einem Martinshorn an, bedeutete es jedoch, dass der Erzeuger noch unten stand und vorerst absolut ungefährlich war. Piepte es jedoch, stand der Eindringling bereits vor meiner Tür, und jedes noch so winzige Geräusch konnte mich verraten.
Die Türklingel-Phobie war längst nicht die einzige Erscheinungsform meines Anlagenkollers. Eines Nachmittags stellte ich fest, dass ich kein Brot mehr im Haus hatte und deshalb, entgegen meiner Gewohnheit, noch mal raus musste. Einkäufe, Behördengänge und ähnliche Expeditionen in die Außenwelt erledigte ich normalerweise früh am Morgen. Da hatte ich noch keine Marihuanastauden angefasst, meine Finger waren also weder verklebt, noch rochen sie allzu sehr nach Gras.
Ich griff Geld und Schlüssel und sprang in den Hausflur. Einen Stock tiefer lief mir der Freund von Renate, meiner Nachbarin, über den Weg. Seit ich bei seinem Einzug einen Schrank mit hochgetragen hatte, hielten wir manchmal ein kleines Schwätzchen im Treppenhaus.
„Na Micha, sieht man dich auch mal wieder?” Er streckte mir seine Hand entgegen. Ich folgte dem Reflex und reichte ihm meine. Als mir einfiel, dass meine Finger voller Harz waren, war es zu spät. Renates Freund schüttelte meine Hand - zu fest, zu lange! Als er sie wieder losließ, krabbelte er sich, einem Juckreiz folgend, an der Nase.
Um Himmels Willen, jetzt riecht er es! Mein Herz drosch derart laut gegen meine Brust, dass ich fürchtete, er könnte es hören. Ich stotterte irgendwas von einem dringenden Termin und hastete die Treppen runter.
Bei NETTO war ich noch immer völlig benommen vor Angst. Wie Falschgeld stolperte ich zwischen den Regalen herum. Beim Bezahlen wechselte ich dreimal die Kassenschlange, weil ich glaubte, verdächtige Blicke seitens der Kundschaft bemerkt zu haben.
Am nächsten Morgen begegnete mir Renate im Treppenflur. Grußlos stapfte sie an mir vorbei. Oh Gott - sie weiß es! Ihr Freund hatte ihr seine Hand unter die Nase gehalten, und nun war ihr klar, dass sie Tür an Tür mit einem Gangster wohnte! Hatte sie mich bereits angezeigt, oder wartete sie damit, bis sie einen stichhaltigen Beweis in der Hand hielt?
Verbarrikadiert in meiner Bude malte ich mir aus, wie Renate und Barti eine zu allem entschlossene Bürgerwehr gegen meine Tür führten. Meine Angst war so groß, dass ich mich kaum noch im „Verbotenen Zimmer” aufhielt. Das satte Grün der Girls hätte mich sicher beruhigt. Wie lange war es her, dass ich bei ihnen gestanden, sie bewundert und ihnen zugerufen hatte, sie mögen wachsen? Meine Euphorie war nackter Angst gewichen. Ich versuchte, die Existenz der Anlage zu vergessen - freilich auch keine Lösung! Rückte die Polizei an, könnte ich sie kaum abspeisen mit: „Das ist das Zimmer von meinem Untermieter, da komm ich gar nicht rein.” Und dann: Gute Nacht, Michael Pratzke.

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