Montag, 29. Januar 2007
Folge 9 (Woche vom 22.01.07 bis zum 28.01.07)
Pratzke-Homepage

Auf Gummiknien stieg ich die zwei mal neun Stufen hinunter, fixierte die Tür vor meiner Nase und klopfte. Barti schien auf mich gewartet zu haben, so schnell machte er auf. Ich folgte ihm in seine Stube - erleichtert, dass er darauf verzichtet hatte, bei meinem Erscheinen wieder herumzutoben. War er heiser vom Schreien? Stumm stand er vor mir, das Gesicht zerknittert wie sein Schlafanzug. Hinter ihm tropfte es von der Zimmerdecke. An einigen Stellen ging ein dünner Wasserfaden nieder. Bartis Arme hingen herab, aus seinen Barthaaren perlten die Tropfen wie bei einer Springbrunnenfigur. Er war mindestens so erledigt wie ich - das musste ich ausnutzen!
Ich holte tief Luft und redete mir die Seele aus dem Leib, wie peinlich mir diese Geschichte sei, dass ich alles mit meiner Versicherung regeln und notfalls den gesamten Schaden aus eigener Tasche bezahlen würde. Barti stand regungslos vor mir, im wahrsten Sinne des Wortes ein begossener Pudel.
„Ich werde mich der Sache stellen, hören Sie?”, leitete ich mein Finale ein. „Ihnen wird keinerlei Schaden entstehen, im Gegenteil! Dafür bürge ich - mit meinem Kopf!„
Damit streckte ich ihm meine Hand entgegen. Barti war so verdutzt, dass er prompt einschlug. Er wirkte sogar ernsthaft gerührt. Jetzt durfte ich nicht auf halber Strecke stehen bleiben! Als Gegenleistung für meinen Schwur nötigte ich ihm das Versprechen ab, auf keinen Fall die Hausverwaltung einzuschalten. Glücklicherweise fiel mir gerade noch rechtzeitig die alte Guerilla-Taktik des falschen Geständnisses ein. So gestand ich Barti, dass ich das über seiner Stube liegende Zimmer ohne das Wissen der Hausverwaltung - also streng illegal - untervermietet hätte und ganz sicher fristlos gekündigt würde, falls er den Vorfall meldete. Das Aquarium meines Untermieters sei im übrigen auch mir schon lange ein Dorn im Auge gewesen. Als ich Barti hoch und heilig versprach, dass über ihm, zumindest solange ich hier lebte, niemals wieder ein Aquarium stehen würde, langte er ein zweites Mal nach meiner Hand.
Während wir händchenhaltend in seiner Stube standen, tropfte es weiter von der Decke - genau auf die Stelle, auf der bis vorhin eine weiße Ledercouch gestanden hatte. Was konnte es hässlicheres geben als eine weiße Ledercouch? Sah ich es richtig, würde ich Barti nun genau diese ersetzen müssen. Dagegen war Pingels Vierhundertmark-Teppich ein Schnäppchen.

Meinen Partnern verschwieg ich die Geschichte, zu sehr fürchtete ich ihren Spott. Wem ich mein Unglück nicht verschweigen durfte: meiner Haftpflichtversicherung.
Nachdem ich einen Tag lang um mein Handy herumgeschlichen war wie ein Sprengmeister um sein erste Bombe, griff ich schließlich zu, wählte die Nummer meiner Versicherungstante - und sprudelte los. Ich erzählte ihr, dass ich mich gerade für längere Zeit außerhalb der Stadt befände. Während meiner Abwesenheit sei mein Aquarium ausgelaufen und habe einen beträchtlichen Wasserschaden in der Wohnung unter mir verursacht. Verschämt fragte ich, ob ich diesen Fall über meine Haftpflichtversicherung regeln könne. „Nur bin ich ja”, beeilte ich mich, hinzuzufügen: „nahezu die ganze Zeit nicht vor Ort!”
„Da machen Sie sich man keine Sorgen”, streichelte die Stimme der Versicherungstante mein Ohr. „Zur Erfassung des Schadens müssen wir ja nicht in Ihre Wohnung, sondern in die drunter! Hab ich Sie richtig verstanden, ist da der Schaden entstanden, ne?”
„Ja, ja, genau!”
„Na, denn iss ja gut.” Sie ließ ein Räuspern folgen. „Das Ganze hat ja nu leider einen Haken, ne?”
„Was für einen Haken?” Meine Stimme flatterte.
„Nu, Herr Pratzke! Ihre Haftpflicht kann ja nu nicht noch den Schaden in Ihrer Wohnung übernehmen, ne!”
„Ach so!”, stöhnte ich erleichtert. „Das macht nichts, wissen Sie? Bei mir sind ja bloß die Dielen nass geworden!”
„Na, denn iss ja man gut, ne? Machen Sie sich keine Sorgen, min Jung. So wie Sie mir alles geschildert haben, ist dat Ganze ein typischer Fall für Ihre Haftpflichtversicherung, ne?”

Die folgenden Tage verbrachte ich horchend an der Wohnungstür. Niemand wollte zu mir. Nur zu Barti kam einer, um den Schaden zu taxen, wie ich durch den Türspalt aufschnappte. Ich hoffte sehr, dass der Typ kein Freund von weißen Ledercouchs war.
Zwei Wochen später erhielt ich ein Schreiben, in dem mir meine Versicherung dazu gratulierte, dass ich mir ihres Erachtens nichts hatte zu schulden kommen lassen. Es folgte der Nachsatz, dass der von mir geschilderte Sachverhalt also keinesfalls Gegenstand meiner Haftpflichtversicherung sein könne. Als mein Haftpflichtversicherer könnten sie leider nur im Falle eines Fehlverhaltens meinerseits aktiv werden.
Nach einer kurzen Panikattacke rief ich noch einmal bei der Versicherung an, diesmal gleich in der Zentrale. Ich ratterte dem mit rheinländischem Akzent sprechenden Angestellten brav meine Schadensnummer herunter und erzählte ihm, dass mir beim Aufstellen des Aquariums ein Kieselstein unter das Becken gerutscht sei. Dessen Existenz habe, insbesondere nach dem Einfüllen des Wassers und der damit verbundenen Gewichtszunahme, Spannungen im Glaskörper erzeugt. Diese hätten während meiner Abwesenheit dazu geführt, dass das Glas gerissen sei und das Wasser genannten Sachschaden bei meinem Nachbarn verursacht hatte. Am Ende meiner Rede wagte ich den vorsichtigen aber zweifelsohne notwendigen Vorstoß, dass ich das alles bereits bei der Schadensmeldung angegeben hätte. Schließlich gab ich ihm mein Ehrenwort, dass ich keinesfalls über meine an die Haftpflicht- angekoppelte Hausratversicherung Ansprüche auf Rückerstattung des Geldwertes der toten Fische erheben würde.
Eine weitere Woche später teilte mir die Versicherung mit, dass nach einer erneuten Prüfung der Sachlage nun doch ein Fehler meinerseits vorläge und sie die eintausendachthundert Mark, auf die der Wasserschaden getaxt worden war, übernehmen würden.
Damit war ich Barti los und um die Erfahrung einer gerade so abgewendeten Katastrophe reicher. Meinen Fernseher verbannte ich in den Keller. Betrat ich das Anlagenzimmer, zwang ich mich fortan zu höchster Konzentration und Umsicht.

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