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Sonntag, 14. Januar 2007
Folge 7 (Woche vom 08.01.07 bis zum 14.01.07)
michael pratzke, 18:17h

Diszipliniert pusselte ich mich durch den Januar. „Zeigt’s mir, weiter so, wachst, was das Zeug hält!“ – beschwor ich die Girls, besuchte ich sie im „Verbotenen Zimmer“. Das Studium von Omas Pflanzenbuch brachte ebenfalls Abwechslung in meinen Alltag. Gedanken an den Junkie und das freiliegende Elektrokabel schob ich beiseite, ebenso vermied ich es, an die Sprüche der Labertasche oder an Schussels Belgiengeschichte zu denken.
Was mir indes Sorgen bereitete: Seit Silvester kam Schussel immer seltener vorbei, um mir Barren abzunehmen. Die stapelten sich derweil in der Kühlbox.
„Lass mal, Pratze, ist ganz gut, wenn wir anständig was auf Halde haben“, beschwichtigte Schussel, als ich ihn auf den nachlassenden Absatz ansprach.
„Wieso ist das gut?“
„Um auf Dauer erfolgreich zu sein, ist es wichtig, einen Stamm von Kilo-Kunden zu halten“, sprach er zu mir wie zu einem trotzigen Spielkameraden. „Wenn die Sommer-Ernte ansteht, kommen wir ohne die nicht aus, weißt? Und wenn einer von denen schon jetzt mal ein Kilo haben will, kann ich nicht sagen, ich hab nicht genug da. Das wäre viel schlechter fürs Geschäft, als diese leichte Absatzschwankung.“
Ich nickte. Vielleicht hatte er ja recht, schließlich betrieb er dieses Geschäft schon eine Weile.
Kurz nach unserem Gespräch ließ Schussel tatsächlich etwas von einem Kilo-Kunden durchblicken, der bei ihm auf der Matte stehe und nahm einen Gutteil der Barren an sich.
Pingels Anlage bereitete uns Kopfzerbrechen. Seit Anfang des Jahres jobbte Pingel als Elektriker beim Messebau. Hatte er einen Auftrag, war er oft eine ganze Woche lang nicht in der Stadt. Kevin kümmerte sich derweil um seine Pflanzen.
Der Hauptstrang der Heizungsrohre im Tower verlief durch das Anlagenzimmer. Die Bauarbeiter hatten offenbar den Fußbodendurchbruch nicht richtig abgedichtet. Als Kevin während Pingels Abwesenheit etwas Gießwasser danebenging, sickerte es in die Wohnung unter ihm.
Bei seiner Rückkehr wurde Pingel von einem erzürnten Nachbarn empfangen. Geistesgegenwärtig erzählte er dem Mann, seiner Freundin sei beim Saubermachen ein Eimer Wasser umgekippt. Der Nachbar schluckte die Geschichte und ließ auf Pingels Bitte die Hausverwaltung aus dem Spiel. Nicht unerheblich für sein Verhalten dürfte gewesen sein, dass ihm Pingel zusicherte, die Renovierung des Zimmers zu übernehmen und ihm obendrein einen Teppich zu ersetzen, der angeblich ein paar Tropfen abbekommen hatte.
Pingel zog ein langes Gesicht, als ich ihm unter stummer Zustimmung der anderen erklärte, dass für solche individuellen Fehler der aufzukommen habe, dem der Fehler unterlaufen sei. Murrend erklärte er sich bereit, die Renovierung der Nachbarwohnung aus eigener Tasche zu bezahlen, ebenso die vierhundert Mark für den Teppich.
Ich wunderte mich selbst ein wenig über meine Resolutheit. Es ärgerte mich einfach, dass Pingel diesen Messebaujob angenommen hatte, statt seine Arbeitskraft in den Dienst unserer Firma zu stellen.
Bald nach unserer Zusammenkunft verspürte ich ein Kratzen im Hals. Das kommt von der trockenen Heizungsluft, dachte ich und stellte eine Schale Wasser auf den Heizkörper.
Das Kratzen wurde stärker. Am folgenden Morgen fühlte ich mich zudem schlapp. Mir glühte die Stirn, meine Finger waren eiskalt. Am Abend hatte ich lediglich dreiviertel meines Pensums geschafft. Wie betäubt sank ich in den Schlaf.
Als ich erwachte, war mir speiübel, und mein Schädel fühlte sich an wie nach der Nacht im SCHLAGBAUM. Der Hals wund vom Husten, die Nase völlig zu – an Pusseln war nicht mehr zu denken. Selbst lesen erwies sich als völlig unmöglich. Zudem potenzierten sich durch die Anstrengung die Schmerzen in meinem Schädel. Mich abzulenken, schaltete ich den Fernseher ein.
Die Flimmerkiste blieb mein Begleiter, bis ich spät am Abend aus Fieberträumen aufschreckte. Die dumpfsten Talk-Show-Gäste, das Personal sämtlicher amerikanischer Familienserien, die Wale des Polarmeers, sich ruckartig bewegende japanische Riesenreptilien und Natascha Hennecke wurden meine Gefährten. Nett und rücksichtsvoll waren sie alle. Sie unterhielten sich mit gedämpften Stimmen und gaben mir das Gefühl, nicht ganz allein zu sein auf dieser Welt.
Am dritten Abend meiner Matratzen-Haft trafen sich die Jungs bei mir. Meine Wohnung war so etwas wie unser Basislager geworden. Gab es was zu besprechen, geschah es in meiner Küche oder drüben, im „Verbotenen Zimmer.“
Worum es an diesem Abend ging, davon bekam ich nichts mit. Ich hörte, wie meine Kollegen nacheinander eintrudelten. Jeder steckte kurz seinen Kopf durch den Türrahmen, Pingel brummte: „gute Besserung“. Bald darauf drangen aus der Küche ihre gedämpften Stimmen und der Geruch von verbrennendem Marihuana. Davon muss ich eingenickt sein.
Als ich erwachte, stand Schussel vor meiner Matratze. In der Hand eine dampfende Schale Kakao, lächelte er freundlich auf mich herunter. „Und? Ziemlich beschissen, was?“
„Kannste laut sagen“, krächzte ich.
Schussel hockte sich auf die Matratze und holte ein klebriges, schwarzes Kügelchen aus seiner Silberdose. „Pass mal auf, Pratze“, sagte er fürsorglich, „das tun wir jetzt mal schön in deinen Kakao, und dann geht’s dir schon bald viel, viel besser, weißt?“
Er ließ das Kügelchen in die Flüssigkeit plumpsen und rührte sorgfältig um. Als er mir die Schale hinhielt, war ich zu erledigt, um abzulehnen. Außerdem befand ich mich in einem Zustand, in dem ich bereitwillig nach jedem Strohhalm griff, der mir Linderung versprach. Vorsichtig nippte ich am Kakao. Sein Aroma ließ mich an brütende Hitze und tropische Gewächse denken. Nun denn! In kleinen Schlucken trank ich die Tasse leer. Willkommen im Club – las ich in Schussels Augen, dann glitt ich in den Schlaf zurück.
Das erste, was ich registrierte, als ich zu mir kam: Mein Zimmer fühlte sich anders an. Es war größer geworden – und das Licht so bunt, als hingen hundert Lichterketten in der Luft. Ständig veränderte sich seine Farbe. Angenehm warm war es um mich herum, und meine Bettdecke umschmiegte mich mit einer Zärtlichkeit, die mich unwillkürlich an die streichelnden Hände einer Frau denken ließ. Das ist untertrieben, es war mehr als das! Mit einer solchen Zärtlichkeit war ich noch nie von einer Frau liebkost worden. Es waren unzählig viele Frauenhände, die mich überall zugleich berührten. Wohlig wollte ich meine Arme nach ihnen ausstrecken – und wusste plötzlich nicht mehr, wie das ging. War ich gelähmt, wirr im Kopf, alles beides?
Konzentrier dich, ermahnte ich mich und versuchte, von fünf abwärts zu zählen – was sich äußerst schwierig gestaltete, weil ich ständig vergaß, bei welcher Zahl ich gerade gewesen war. Schließlich doch bei Null angelangt, nahm ich all meine Kraft zusammen, richtete mich ein kleines Stückchen auf – und glaubte meinen Augen nicht. Am Fußende meiner Matratze saß Natascha Hennecke und schenkte mir einen verliebten Blick.
Es dauerte einige Augenblicke, bis ich begriff: Ihr Blick galt nicht mir, sondern ihrem Filmpartner. Ja, klar, BAUSCH UND BOGEN hieß die Familienserie, vor ein paar Tagen war der Pilotfilm gelaufen.
Als ich meinen Kopf wieder in die Kissen sinken ließ, fühlte es sich an, als glitt ich ganz langsam einen weichen Abgrund hinunter. In meinem trockenen Mund ein süßer, würziger Geschmack. Das schwarze Kügelchen – entsann ich mich. Schussel hatte mir was in den Kakao getan – Goldstaub, eine milde Gabe unserer Girls.
Er hatte mir eine Dosis verpasst, die wohl eher seinem Konsum entsprach. Ich fühlte mich, als schwebe ich auf einem Luftkissen. Wie durch Watte vernahm ich aus der Küche das Gerede der Jungs. Ein milder Schein drang zum Fenster herein. Mit einem Mal war ich hellwach.
Wie wunderbar – da draußen herrschte kein grauer Winter mehr! Ich lag auch nicht mehr krank in einem engen, mit Marihuana-Verarbeitungs-Maschinerie vollgestellten Zimmer. Aber wo war ich? Ich schloss die Augen und gewahrte ein grell buntes Flimmern. Fester presste ich sie zusammen. Das Flimmern wurde stärker, die Farben intensiver. Ich lag in meinem kleinen, hölzernen Kinderbett! Immer, wenn ich zu früh ins Bett geschickt worden war, hatte ich mich mit diesem Spiel getröstet.
Saßen nebenan etwa meine Eltern? Wie alt war ich eigentlich? Und wieso sah ich plötzlich mit geschlossenen Augen Doppelbilder? Schon wieder teilten sie sich! Sie taten es wieder und wieder – bis ich mich inmitten eines riesigen Kaleidoskops befand. Immer schneller ordneten sich seine bunt flimmernden Flächen neu an.
Genau so muss der Kleine Fuchs die Welt sehen, schoss es durch meinen Kopf. Der Kleine Fuchs – der Schmetterling, von dem ich als letztes in GARTEN, TIER, PFLANZEN gelesen hatte! Die Buchseiten waren auf wundersame Weise zum Leben erwacht – und die ganze Welt ein einziges buntes Mosaik, betrachtete man sie durch zwei Facettenaugen mit vielen hundert Augenkegeln.
Schwerelos glitt ich durch die Frühlingsluft, meine Flügel wusste ich von Millionen orangefarbener Schuppen bedeckt. Es musste Frühling sein, der Kleine Fuchs fliegt schließlich nur dann.
Unter mir eine endlose Frühlingswiese, fehlte eigentlich bloß noch eine schöne Blüte. Noch einmal verstärkte ich den Druck meiner Lider und suchte das Kaleidoskop nach orangefarbenen oder gelben Flächen ab.
Da! In der Mitte leuchtete es gelb – ein riesiges Feld Löwenzahn! Seine weit ausgebreiteten Kronenblätter streckten sich mir entgegen, als warteten sie nur darauf, dass ich mich auf ihnen niederließ und mich an ihrem dicken, süßen Nektar labte.
Ich ließ mich fallen, mitten rein in das weiche, gelbe Blütengemach. Was für ein Überfluss! Welche Mühe sich die Natur gab – und das alles für die wenigen Monate, die so ein Schmetterlingsleben dauerte. Über welch unermessliche Reichtümer sie verfügte. Wie ärmlich nahm sich dagegen die halbe Million aus, die ich aus unserem Gras-Geschäft zu gewinnen dachte.
Mit dem Gedanken an das Geld drang etwas anderes in mein Bewusstsein – ebenfalls etwas streng Biologisches: Ich musste pinkeln, nötiger als je zuvor.
Ich riss die Augen auf und war augenblicklich kein Schmetterling mehr. Verschwunden waren Wiese und Löwenzahn, es stank nach Gras, der Fernseher flimmerte. Ich lag auf meiner Matratze wie eine dicke, plumpe Raupe, die gerade einen halben Ozean ausgesoffen hatte. Der wollte nun mit aller Macht wieder raus. Aber wie sollte ich in meinem Zustand ins Bad gelangen? Konnte ich mich überhaupt bewegen? Musste ich jetzt wie ein hilfloser Säugling ins Bett pullern? Bekamen die Jungs das mit, war ich erledigt! Auf keinen Fall durften sie was merken! Angstschweiß trat mir auf die Stirn, lief mir die Achselhöhlen hinunter.
Du kannst laufen! – feuerte ich mich an – Pratzke! Du bist in der Lage, aufzustehen und zu laufen, wo immer du hin willst. Du schaffst es, musst nur langsam machen, eine Bewegung nach der anderen! Aber warum? Das anschwellende Drücken zwischen meinen Beinen brüllte die Antwort bis in den letzten Zipfel meines Körpers.
Vorsichtig zog ich mein linkes Bein ein Stück an – tatsächlich, es funktionierte. Als nächstes breitete ich beide Arme aus, drückte die Ellenbogen fest auf die Matratze und richtete mich auf. Auch das ging problemlos. Nun musste ich mich auf die Seite drehen und den ersten Fuß auf den Boden setzen. Ich ließ mich fallen, stieß mich ab – und schon stand ich neben meiner Bettstatt.
Der Schwindel, den ich befürchtet hatte, blieb aus. Ich fühlte mich, als wäre meine Haut bis eben von einer starren Kruste umgeben gewesen. Ein angenehmes Gefühl, doch ich durfte mich ihm nicht hingeben! Was wollte ich gleich? Aufs Klo – so schnell, als irgend möglich.
Wie war das mit der Fortbewegung? Instinktiv hob ich meinen linken Fuß, schob ihn ein Stück vorwärts und stellte ihn wieder auf dem Boden ab. Der erste Schritt, es hatte funktioniert! Auf die Art machte ich weiter, hob Fuß um Fuß, schob mich vorwärts, auf die Zimmertür zu. Mit aller Kraft konzentrierte ich mich darauf, nicht darüber nachzudenken, was ich hier tat. Sobald ich es herausbekam, würde ich unweigerlich über meine Beine stolpern und lang hinschlagen.
Inzwischen hatte ich die Zimmertür passiert, den Flur betreten. Er war länger als in meiner Erinnerung. Aus Richtung Küche weißer Dunst. Die Stimmen der Jungs klangen so, als säßen sie unter Wasser.
Verheißungsvoll leuchtete mir die Badtür entgegen. Ich konnte plötzlich nachempfinden, was für ein erhebendes Gefühl es für Kevin jedes Mal sein musste, sich ihr zu nähern. Zu Hause hatte er schließlich nur ein zugiges Außenklo, eine halbe Treppe tiefer. „Ne prima Maisonettewohnung!“, zog ihn Pingel gern auf.
Die Freude über mein Luxus-Badezimmer erlosch schlagartig, als ich die Klinke heruntergedrückt, die Badtür in meinem Rücken geschlossen hatte und sich meinen Augen das verschlossene Klobecken präsentierte.
Den Klodeckel anheben, ihn obenhalten, mir gleichzeitig die Hose runterziehen und auch noch so zielen, dass ich die Schüssel traf – eine unüberwindbare Hürde! Niemals würde ich es schaffen, dieser komplizierten Bedienungsanleitung zu folgen. An Hinsetzen war erst recht nicht zu denken. Der Druck in meinem Unterleib war inzwischen so gewaltig, dass ich fürchtete, jeden Moment zu platzen.
Wie eine rettende Insel schob sich das Waschbecken vor meine Augen – ich stand direkt daneben! Erschöpft und überaus dankbar lehnte ich mich gegen das Becken. Den Kopf an die Wand gestützt, schob ich meinen Slip beiseite – und ließ los.
Hart klatschte der Strahl ins leuchtend weiße Porzellan. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass ich gerade das unmöglich Geglaubte vollbracht hatte. Nie zuvor hatte ich etwas derart Befreiendes erlebt. Als ich fertig war, fühlte ich mich um etliche Kilo leichter und einen wunderbaren Augenblick lang versöhnt mit mir und der ganzen Welt!
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