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Montag, 8. Januar 2007
Folge 6 (Wochen vom 25.12.06 bis zum 07.01.07)
michael pratzke, 18:53h

Das flaue Gefühl von Heiligabend ließ mich auch am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags nicht los. Ich saß in meiner bis unter die Decke nach Marihuana stinkenden Bude und wagte nicht, rauszugehen. Machte ich die Augen zu, sah ich mich neben Schussel in Labers Kombi sitzen: die Rückbank voller Gras, wir hoffnungslos eingekeilt zwischen zwei gewaltigen Trucks, vor uns der Zollbeamte mit dem Teddygesicht.
Wie lange würde es dauern, bis Schussel durch ein ähnliches Missgeschick unsere gesamte Operation auffliegen ließ? Eine einzige Unvorsichtigkeit genügte, und wann war dieser Kerl je vorsichtig? Ich musste Pingel anrufen! Selbst mit Laber würde ich reden – sobald er wieder im Lande war!
Erst gar keinen Verdacht aufkommen lassen, dachte ich und entfernte die Diwandecke vom Küchenfenster. Mein Blick fiel auf Schwibbögen und Weihnachtsgeflacker. In den Fenstern, auf den Balkonen rings umher funkelte es bunt. Mich überkam das dringende Verlangen, teilzuhaben an diesem Schauspiel. Lieber Weihnachten als Knast! Ich hastete zum Radio und suchte, bis ich einen Sender mit weihnachtlicher Musik fand.
„Könnt ihr nicht lauter?“ – feuerte ich den Kinderchor an, der mir sein „Stille Nacht, Heilige Nacht“ entgegenschmetterte. Genau das brauchte ich jetzt: Zuckersüße Geborgenheit, verpackt in buntem Stanniol unterm Weihnachtsbaum. Schade, dass ich keinen besaß. Schussels Monstergesteck zählte nicht. Aber war ich nicht von lauter kleinen Bäumen umgeben? Es waren zweihundertundfünfzig Stück, um genau zu sein, nebenan im „Verbotenen Zimmer?“
Die Girls hatten tatsächlich an mich gedacht. Genau jetzt begannen sie, wie verrückt zu wachsen! Ich staunte Bauklötzer, wie sie loslegten. Dabei war das im Grunde völlig logisch: Bevor die Pflänzchen zu mir in die Anlage gekommen waren, steckten sie in Steinwollblöcken. In denen hatten sie gewurzelt und mit dem Gießwasser jede Menge Nährstoffe aufgenommen. Nach dem Umtopfen in die Erde mussten sie erst einmal ihre Fühler ausstrecken, sich orientieren in der neuen Umgebung.
So zumindest stand es in GARTEN, TIER, PFLANZEN, dem dicksten von Großmutters Büchern. In dem Kapitel war es zwar nicht um Marihuana-Stauden gegangen, aber warum sollte, was für Bohnen und Tomaten zutraf, nicht auch für meine Girls gelten?
Kurz vor Weihnachten hatte ich angefangen, in Großmutters Wälzer zu schmökern. Nun war es gekommen, wie es geschrieben stand. Die Girls wuchsen so schnell, dass ich meinte, ihnen dabei zugucken zu können. Wie viele Euro legten sie pro Tag zu, wie viel waren sie inzwischen wert?
Ich betrachtete ihren Einsatz als mein Weihnachtsgeschenk. Voller Ungeduld wartete ich darauf, dass ich rübergehen durfte, um die Pumpe anzustellen. Bald reichte es mir nicht mehr, die Girls nur zum Gießen zu sehen. So ging ich auch zwischendurch ins „Verbotene Zimmer“, berührte ehrfürchtig ihre neuen Blättchen, freute mich daran, wie sie größer und größer wurden. In ihrer Nähe war meine permanente Angst vor der Entdeckung ausgeschaltet. Ich pflegte diese wunderbaren Gewächse – was sollte daran schlecht sein?
Zwischen den Feiertagen hatte sich Schussel angekündigt, um mir eine kleine Einweisung in die Symptome möglicher Pflanzenkrankheiten zu geben. Mir war nicht wohl bei der Aussicht auf das Wiedersehen mit unserem schwarzen Schaf. Um so mehr überraschte mich Schussels Auftreten.
Auffallend aufgeräumt erzählte er mir vom Mehltau, von Grau- und Weißschimmel, deren Ausbreitung wir unbedingt verhindern müssten. Danach weihte er mich in die Geheimnisse von Bi 58, dem Beschützer unserer Girls vor stechenden und saugenden Insekten ein. Er schien sich auszukennen in der Materie.
Beim Blick auf meine kleine Landwirtschaftsbibliothek bekam er ein Lächeln ins Gesicht. „Na Pratze, immer noch der alte Studi? Wenn du magst, bring ich dir ein Buch mit, das hast du garantiert nicht! Eins nur über Hanf, weißt? Meiner Meinung nach das Beste, was zur Zeit auf dem Markt ist.“
Was bestimmt daran liegt, dass du nur das eine kennst, fuhr es mir durch den Kopf. Ich ließ die Worte nicht über meine Lippen. Schließlich freute ich mich über seine Anteilnahme.
„Na klar, bring’s mit.“
Schussel nickte, griff in seine Umhängetasche und holte nicht etwa sein Silberdöschen raus, sondern eine Rolle Angelsehne. Er deutete auf die Wände – dorthin, wo Pingel ein paar Dachlatten angeschraubt hatte, über deren Verwendung ich bisher nicht nachgedacht hatte.
„Von den Latten aus spannst du die Sehne in sechzig Zentimeter Höhe über den Tischen, kreuz und quer durch den Raum wie ein Netz“, erklärte Schussel. „Als Stütze für die Pflanzen, weißt? Damit verhindern wir, dass sie später durch ihre eigene Last umknicken.“
Ich war gerührt von seiner Geschäftigkeit.
Schussel strahlte mich an: „Das mit dem Pusseln geht auch schon ganz gut, was?“
Als ich nickte, strahlte er gleich noch mehr. „Machst du wirklich prima, muss ich schon sagen. Der Verkauf läuft auch spitzenmäßig! Apropos! Die Barren von Heiligabend sind so gut wie vertickt. Ich bräuchte dringend neue, weißt? Hast du welche da, so zehn Stück? Können ruhig paar mehr sein.“
Ich öffnete den Kühlwürfel und präsentierte ihm die fertigen sechzehn Barren.
„Spitze“, frohlockte er, „die würde ich glatt alle mitnehmen. Gerade zwischen Weihnachten und Neujahr reißen mir die Kunden das Zeug regelrecht aus der Hand. Das Jahresendgeschäft, weißt?“
„Nur zu!“ Ich freute mich über diesen Umstand, schließlich kam er unserer Firma zugute. Außerdem war ich erleichtert über jedes Gramm Dope, das meine Wohnung verließ.
Als ich die Tür hinter Schussel ins Schloss drückte, fragte ich mich, ob ich das alles eben nur geträumt hatte. Sicherheitshalber schaute ich noch einmal im Kühlwürfel nach – die Barren waren tatsächlich weg.
Gleich am nächsten Tag kam Schussel noch einmal, um mir besagtes Hanfbuch zu bringen. Nun kam ich endgültig ins Grübeln. Hatte ich mich derart in ihm getäuscht? Hatte Schussel bei seinen Missgeschicken vielleicht wirklich nur ein bisschen zu viel Pech auf einmal gehabt?
Auf alle Fälle ließ sich das Ganze um etliches besser an, als es noch vor ein paar Tagen den Anschein gehabt hatte. Ich verbrachte viel Zeit bei meinen Pflanzen, las in den Büchern und natürlich in Schussels Hanf-Bibel – obgleich ich es seltsam fand, wie begeistert sie darin über die Produktion von Marihuana schrieben. Gerade so, als wäre der Grasanbau das edelste Handwerk unter der Sonne.
Mein Zimmer erinnerte inzwischen an eine kleine Manufaktur. Die Kisten mit der alten Ernte – Pingel und die Labertasche hatten immer mehr davon angeschleppt – türmten sich in die Höhe. In der Zimmermitte, neben der Stiege mit den Buds, thronte der Pollinator. Er sah aus wie eine Waschmaschine ohne Wasseranschluss. In der Ecke stand die gusseiserne Presse, vor der Couch lag eine große Plastikfolie mit meinem Tagespensum zu verarbeitender Stauden.
An einem Tag bekam ich in etwa hundert Gramm verkaufsfertiges Dope gepusselt. Das ergab, gerechnet auf Kilo-weisen Verkauf, fünfhundert Euro. In einer Woche käme ich also auf dreitausendfünfhundert, und sicher vertickte Schussel nicht alles im Kilo-Pack! Verkaufte er jeweils nur ein paar Gramm, stieg der Preis schnell auf das Doppelte! Wie viel wir wohl inzwischen zusammen hatten? Und ein Ende der Pusselei war nicht abzusehen. Bei Pingel und Kevin standen in Kürze neue Ernten an.
Bei aller Euphorie war mir klar, dass wir den Gewinn aus unseren Indoorernten nicht verprassen durften. Das Geld müssten wir reinvestieren – in Equipment für die große, sommerliche Outdoor-Aktion. Dazu fielen jeden Monat diverse Nebenkosten wie Miete und Strom an.
Die Firma zahlte ja auch die Kosten der Mutterpflanzen-Bude sowie für Pingels Wohnung im Neubaugebiet. Im achten Stock des höchsten Wohnsilos der Stadt hatte er letztes Jahr eine Zweiraumwohnung bezogen. Das größere Zimmer beherbergte eine Anlage, fast so groß wie meine. Laber hatte in einer Abstellkammer eine kleinere Anlage zu laufen. Dafür bekam er monatlich eine Pauschale ausgezahlt.
Zur Tarnung und auch, weil es ein bisschen Spaß in die Sache brachte, hatten wir uns Spitznamen für die Anlagen ausgedacht: Die mit unseren Müttern nannten wir Oma, Pingels war der Tower. Meine Anlage hieß Autobahn, weil die Girls so ein rasantes Wachstumstempo vorlegten. Labers Anlage schließlich nannten wir Dunkelkammer. Der fensterlose Raum sah genau wie eine solche aus.
Wenn das so weitergeht, wird das die am leichtesten verdiente halbe Million meines Lebens, dachte ich. Dazu erhielt ich ganz nebenbei einen kostenlosen Lehrgang in spezieller Pflanzenkunde. Derart angenehm hatte ich mir meine Kriminalität gar nicht vorgestellt.
***
Sylvester kam mit dem Glockenläuten von St. Georg und dicken Schneeflocken. Laber war noch immer mit Silvana in Thailand, Pingel und Schussel unterwegs von Anlage zu Anlage. Sie hatten beschlossen, die Nacht im Tower zu verbringen. Die Fenster des Plattenbaus lagen so, dass man über Stadt und Dom zum Bodden schauen konnte – bester Blick aufs Feuerwerk also. Schussel hatte mich gefragt, ob ich mitkommen wolle. Mir aber war eher danach, in aller Ruhe darüber zu sinnieren, was mir das neue Jahr bringen würde. Außerdem fürchtete ich, draußen einen Bekannten zu treffen, dem ich mich erklären müsste. Schließlich arbeitete ich offiziell in Bayern und hätte sicher eine Menge zu erzählen.
Um Mitternacht saß ich in meinem Zimmer. Statt des üblichen Leitungswassers hatte ich mir zur Feier des Tages eine Flasche Gerolsteiner genehmigt. Der Gefechtslärm der Silvesternacht drang an mein Ohr. Einen Moment überlegte ich, den Fernseher einzuschalten, doch ich war nicht in der Stimmung für DINNER FOR ONE oder eine feuchtfröhliche Unterhaltungs-Show.
Meine Gedanken gingen zu Marion. Sollte ich sie anrufen, ihr alles Gute wünschen – ganz unverfänglich, wie zu Silvester üblich? Wie würde sie meinen Gruß aufnehmen, nach der Nummer im SEEBLICK und meiner schnöden Abfuhr auf dem Treppenabsatz? Außerdem war sie garantiert auf einer Party. Wer außer mir hockte Silvester allein in seiner Bude? Und wenn ich doch den Fernseher einschaltete? Vielleicht kam auf ARTE was Interessantes? Oder war es vernünftiger, eine Runde zu pusseln?
Obwohl ich nur Mineralwasser getrunken hatte, war mir der Kopf wie vernagelt – und die Decke fiel mir auf den Kopf. Kunststück! Die letzten Wochen hatte ich ununterbrochen in meiner Zelle gehockt, allein mit mir und den Girls. Ich verspürte plötzlich das dringende Bedürfnis nach Straßenpflaster unter meinen Schuhsohlen, nach Wind, der mir um die Nase wehte – nach Außenwelt! Vielleicht doch in den Tower, mir von den Jungs erzählen lassen, wie das Feuerwerk war? Irgend etwas in mir sträubte sich gegen die Gesellschaft meiner Kollegen. Trotzdem musste ich raus hier!
Vorm Fenster tanzten noch immer die Schneeflocken. Dichtes Treiben, die Jungs dürften nicht allzu viel gesehen haben vom Feuerwerk. Und noch etwas bedeutete dieser Himmel: Selbst Dietmar würde mich nur schwer erkennen, wenn ich mit tief ins Gesicht gezogener Wollmütze durch die Straßen lief. Außerdem feierte er bestimmt draußen in Altwarben.
Falls mir dennoch ein Bekannter vor die Füße stolperte, erzählte ich eben, dass ich gerade auf Urlaub sei und im übrigen keine Lust habe, über meinen Job zu reden.
Die Luft war nass und kalt, um die Null Grad. Der Schnee würde nicht liegen bleiben. Vor mir schossen ein paar angetrunkene Enddreißiger ihre letzten Glücksraketen in den Dunst. Zwischen den Häusern hing das dumpfe Aroma abgebrannter Feuerwerkskörper.
Ich hatte mir keine bestimmte Route vorgenommen, doch ahnte ich bereits, wohin mich meine Füße tragen würden: Zum Dom, dem mittelalterlichen Giganten aus Backstein. Zum ersten Mal hatte ich ihn mit meinen Eltern besucht – vor etwa hundert Jahren, in einem unserer Ostseeurlaube. „Wir unternehmen heute einen Abstecher ins Boddenstädtchen“, hatte Vater festgelegt. Was wir sonst noch besichtigten, habe ich vergessen, nur der Dom ist mir im Gedächtnis geblieben.
Immer, wenn ich heute ein wenig Beistand brauche, suche ich ihn auf. Stehe ich in seinem hoch aufstrebenden Inneren, glaube ich das Ansinnen seiner Bauherren zu spüren, die unendliche Größe des Weltalls abzubilden. Obwohl atheistisch erzogen, ist mir, wenn ich das Schiff von West nach Ost durchschreite, als mache ich mich auf den Weg aus der Finsternis, dem kommenden Licht entgegen. Genau danach war mir jetzt!
Der Dom hatte sicher geschlossen, aber schon, wenn ich das riesige Bollwerk betrachtete, würde ich den Hauch der Ewigkeit spüren. Das Phänomenalste war allerdings ein Blick vom Turm! Die Stadt, das ganze Land, bis runter zum Bodden – alles sah von dort oben wie eine überdimensionale Modelleisenbahnplatte aus.
Da war er auch schon: Tief schwarz, von Schneeflocken umtanzt streckten sich Schiff und Turm gen Himmel. Mich wunderte, dass das Gemäuer gar nicht angestrahlt wurde. War es schon so spät, oder musste die Stadt Energie sparen? Mein Herz schlug schneller, als ich näher ans Gemäuer trat. Vorm Eingang blieb ich stehen. Meine Hand legte sich auf die eiskalte, schwere Klinke. Vorsichtig drückte ich sie nach unten. Sie gab nach. Ächzend öffnete sich die Tür. ...
***
„Kommst du? Wir wollen noch auf den Turm“, sagte eine Frauenstimme. Irritiert schaute der kleine Junge zu dem bärtigen Mann hinauf, der da, weit über ihm, an einem Kreuz hing.
Was macht’n der da? – hätte er jetzt am liebsten gefragt, doch Mama hatte ihr Wartegesicht aufgesetzt, und Vater nestelte an seinem Fotoapparat herum. Offenbar klemmte wieder was.
Angenehm kühl war es in dieser riesigen Steinhöhle. Und es knallte so herrlich, wenn man seine Sandalen auf den Fußboden klatschen ließ. Was aber trieb dieser Mann mit dem Bart? Warum hing er da an dem Kreuz? Es war doch sicher langweilig da oben.
Er wird schon wissen, was er macht, beruhigte sich der Junge. Schließlich war das da oben ein Erwachsener, und die wussten immer, warum sie all die langweiligen Dinge taten. Außerdem sah der Mann eigentlich ganz zufrieden aus.
Ob es ein tolles Echo gab, wenn man hier etwas rief? Der Junge dachte plötzlich überhaupt nicht mehr daran, dass er heute eigentlich eine Sandburg hatte bauen wollen oder seinen Plastik-Tanklaster mit Meerwasser befüllen. Das Wasser konnte man prima über Mamis Beine laufen lassen. Laut und vergeblich hatte er gequengelt, als Papa gestern verkündete, dass sie heute, statt zum Strand zu gehen, Sehenswürdigkeiten angucken würden.
Jetzt war er froh, seine Sandalen auf das Pflaster knallen zu lassen, hier in diesem dunklen, kühlen Gewölbe. Nur, das Echo zu testen, traute er sich nicht. Etwas Strenges hatte diese Höhle, etwas, das noch viel strenger war als Vater, strenger sogar als die Großmutter, wenn sie ihn tadelte, dass er immer nur von allem den Kopf abbiss. Außerdem irritierte ihn der komische Bartmann da oben am Kreuz. Was der wohl von Beruf war? Der Junge nahm sich ganz fest vor, keinesfalls den gleichen Beruf zu wählen.
„Michael?“ Mamis Stimme war eine Spur energischer geworden. „Vom Turm aus kann man bestimmt das Meer sehen.“
„Auch unseren Strandkorb?“
„Vielleicht? Aber nun komm!“
Aufgeregt folgte der Junge seinen Eltern. Den Mann in der unbequemen Haltung hatte er längst vergessen.
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