Montag, 27. November 2006
Folge 1 - So kalt wie im Dezember, so heiß wird’s im Juni
Pratzke-Homepage

Der Himmel war so bleiern, wie ihn nur der November hinbekam. Seit Stunden prasselte der Regen gegen mein Küchenfenster, eine Sintflut in kleinen Dosen. Noch mehr ärgerten mich allerdings die Marihuanaschwaden in der Luft.
„Ich arbeite mit zwei Leuten zusammen, weißt? Ganz entspannte Sache.“ Schussel nippte an seinem Kaffee und stellte die Schale achtlos auf die Untertasse zurück. Offenbar hatte er sie nicht wiedererkannt. Die Schalen und einiges andere an Geschirr hatte ich in der Kneipe mitgehen lassen, die ich vor fünf Jahren zusammen mit ihm umgebaut hatte. Bei der Gelegenheit lernten wir uns kennen.
Ewigkeiten schien er wie vom Erdboden verschluckt. Nun saß er an meinem Küchentisch und qualmte mir die Bude voll – das alles nur, weil mir zwei Tage zuvor die Decke auf den Kopf gefallen war.
Grauer Himmel und Dauerregen hatten mich völlig zermürbt. Als das Getrommel gegen meine Fenster aussetzte, hatte ich mich auf den Weg runter zum Fährhafen gemacht. Kurz hinterm Bahnhof erwischte mich der nächste Schauer. Im Handumdrehen war ich nass bis auf die Haut. Mit jedem Schritt drang kaltes Wasser in meine aufgeweichten Schuhe. Fluchend drehte ich um. Am Bahnhofsvorplatz, die ranzige Dunstglocke von HORTS’S IMBISS hatte ich bereits passiert, trottete mir aus der Kanalstraße ein hochgewachsener, langhaariger Schlacks entgegen. So lief nur einer: Schussel.
Auf den ersten Blick sieht er wie die Idealbesetzung des hilfsbereiten Jungen von nebenan aus. Groß und schlank, dazu eine glänzend schwarze Lockenmähne, hätte seine Erscheinung fast etwas von einem Adonis – wären da nicht seine hängenden Schultern, der krumme Rücken, dazu seine unnachahmliche Art, beim Gehen in den Knien einzuknicken und mit den Armen herumzuschlenkern. Schussel bewegt sich gerade so, als wäre er nie der Pubertät entwachsen; als käme er nicht zurecht mit seinem plötzlich in die Höhe geschossenen Körper.
„Hi Micha“, begrüßte mich ein vollgeregneter Hans im Glück. „Na, was treibst du so?“
Das war eine Eröffnungsfrage, die mich, wäre nicht so ein gutmütiger Junge wie Schussel der Fragesteller, vor ein ernsthaftes Problem gestellt hätte. Kein Anderer hätte sich wohl mit meinem übellaunigen „Nüscht!“ zufriedengegeben. Was sollte ich ihm erzählen? Dass ich seit Jahren halbherzig Sozialpädagogik studierte? Dass ich dringend zwanzigtausend Euro brauchte?
Schussel schluckte mein „Nüscht!“ wie einen süßen Drops und stellte seine Augen auf Hundeblick.
Was jetzt? Ihn zu fragen, was er ‚so trieb’, konnte ich mir sparen. Die ihn kannten, wussten, er baute Gras an und verkaufte es. Überhaupt dealte er mit allem, was ihm in die Finger kam. Fahrräder, Uhren, Autoersatzteile waren sein Metier – alles, was irgendwie mit Schrott zu tun hatte. Seine Hauptbeschäftigung war jedoch das mit dem Gras.
„Hast du eigentlich noch diese Wohnung, in der das eine Zimmer frei ist?“, fragte er in einem Ton, als zöge er in Erwägung, bei mir einzuziehen.
„Wieso willst’n das wissen?“, fragte ich zurück. „Biste mal wieder wo rausgeflogen?“
„Nein, nein.“ Er strich sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht. „Ist bisschen komplizierter, der Fall, weißt? Ist hier auch nicht der richtige Ort, darüber zu palavern. Wenn du willst, komm ich in den nächsten Tagen längs und erzähl dir alles, o.k.?“
Ich war so verdutzt über seine sanfte Bestimmtheit, dass ich zusagte. Das heißt, ich sagte nichts – was Schussel, wie ich wusste, als freundliche Einladung verstand. Es war mir egal. Schon oft hatte er etwas angekündigt, was er, bedingt durch seinen chaotischen Lebenswandel, doch nicht einhielt.
Doch nun saß er hier, seit über einer Stunde. Ich hatte so lange mit ihm geredet, wie seit Wochen mit keinem Menschen mehr. Gerade hatte ich ihm auf seine erneute Frage nach meinem Befinden gestanden, dass ich absolut in der Luft hing – insbesondere, was das Finanzielle betraf.
Das ganze Übel begann mit Großmutters Tod im Frühjahr. Nebst ein paar Landwirtschaftswälzern ihres Großvaters hatte sie mir die für meine Verhältnisse gigantische Summe von sechzigtausend Euro vererbt. Nach all dem Klein-Klein von Bau-Huckerei und Bafög sah ich durch Großmutters Geld über Nacht die einmalige Chance, endlich etwas mit Perspektive zu machen!
Und, was „machte“ man mit Geld? Mehr Geld natürlich, soviel, wie nur irgend möglich. Vergiss alles, was du über Bauspar-Pläne, oder Festzinssparen gehört hast und geh dahin, wo die Millionen am Fließband gemacht werden: an die Börse! Ich besorgte mir ein paar Finanzmagazine und folgte den darin gegebenen Tipps. Die mussten schließlich wissen, wovon sie redeten. Tatsächlich legten meine Aktien rasant an Wert zu.
Als diese Entwicklung rückläufig war und Großmutters Erbe binnen weniger Wochen auf ein knappes Drittel zusammengeschmolzen war, tat ich das als zu vernachlässigendes Zwischentief ab und legte ordentlich nach. Ich nahm einen Kredit auf.
Weitere acht Wochen später hatte sich mein einstiger Reichtum in satte zwanzigtausend Euro Schulden verwandelt. Die drückten arg auf meinen Schultern, und die Zeit drängte. Das erste Mahnungsschreiben der Hausverwaltung war bereits in meinem Briefkasten gelandet. Noch half mir mein Überziehungskredit, aber auch Telekom, Energieversorger und Krankenkasse bestanden ungerührt auf meinen Zahlungen. In spätestens zwei Monaten flog ich aus der Wohnung, fiel mir nicht schleunigst was ein. Ich war zu allem bereit, doch mein Hirn war wie vernagelt. Zur Uni ging ich seit Wochen nicht mehr, dümpelte statt dessen in meiner Bude herum. Ich stand vor einer Schranke, die einfach nicht aufgehen – die sich niemals öffnen würde, bekam ich nicht schnellstens den richtigen Chip in die Hände.
Das alles hatte ich Schussel anvertraut und in ihm einen überaus geduldigen Zuhörer gefunden.
„Dumme Sache, das Ganze.“ Seine Stimme klang mitfühlend, ein Leuchten trat in seine Augen. „Vielleicht habe ich eine Idee, wie du da wieder rauskommst.“
Schussel blinzelte mir zu, während seine Finger in aller Ruhe den nächsten Joint bauten. Er zündete ihn an, rauchte – und streifte die Asche auf der Untertasse ab.
„Aber bei dir läuft’s prima, ja?“, fragte ich schnell, um meinem Ärger über das achtlos verdreckte Geschirr nicht Luft machen zu müssen.
Schussel nickte. „Ich glaub, wir sind auf dem richtigen Weg. Wenn wir dranbleiben, wird das ein ganz großes Ding, weißt? Letzten Sommer haben wir schon mal ein Projekt durchgezogen ... leider nicht so erfolgreich.“
Ist bei dir jemals etwas anders als ‚nicht so erfolgreich’ gelaufen? – erwiderte ich stumm. Seit ich Schussel kannte, war jedes seiner sogenannten ‚Projekte’ nach euphorischem Beginn jämmerlich den Bach runter gegangen.
„Aber wir haben aus unseren Fehlern gelernt“, fügte er eilig hinzu, als hätte er meine Gedanken gelesen. Überhaupt schien Schussel ein sehr gutes Gespür für meine Stimmung zu haben. Sonst hätte er wohl kaum von dieser ‚ganz entspannten Sache’ angefangen, von der er wissen musste, dass sie mich normalerweise nicht die Bohne interessierte.
Letzten Sommer hatte mir mein Kommilitone Dietmar ein Pflänzchen auf seinem Fensterbrett gezeigt. Die Blätter sahen wie zerfranster Ahorn aus. „Na und?“ hatte ich gefragt, worauf mir Dietmar mit Verschwörermine erklärte: „Das ist Marihuana!“
Dietmar war alt genug. Er musste wissen, was er tat. Ich konnte mit der Kifferei nichts anfangen und hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich das für den Rest meines Lebens so handhaben wollte.
„Wie gesagt“, spann Schussel seinen Faden weiter, „wir haben aus unseren Fehlern gelernt und stecken grad mitten in den Vorbereitungen für das ganz große Projekt. Wiesenhügel 2007 heißt das Zauberwort, weißt?“
„Ach, ja?“
Entschiedenes Nicken. „Nächsten Sommer bringen wir zweitausendundsieben Marihuanapflanzen aufs Feld, alles bis ins letzte durchgeplant. Läuft’s halbwegs normal, springen gut zweieinhalb mio dabei raus. Das Einzige, was wir noch bräuchten, wäre eine personelle Aufstockung – ein vierter Mann.“
Er zwinkerte mir zu. „Ist dann einfach entspannter, weißt? Sind immerhin mehr als zweitausend Pflanzen, die da gehegt und gepflegt werden wollen. Und, was soll ich sagen, weit mehr als zwei Millionen, das reicht auch dicke für vier.“
Über zwei Millionen – schon wieder dieses vermaledeite Geld, noch dazu völlig illegal! Und doch kam ich nicht dagegen an; Schussels Geplapper ließ mich an etwas denken, was mir unter normalen Umständen niemals in den Sinn gekommen wäre. Aber was waren normale Umstände? Seit diese zwanzigtausend Euro Schulden auf meinen Schultern lasteten, waren mir nur noch Pannen unterlaufen. In Rekordzeit rauschte ich durch zwei Prüfungen. Traf ich mich mit Marion, war ein Streit so sicher wie das Amen nach dem Vaterunser.
„Sind ’ne ganze Reihe manueller Tätigkeiten, die bei so einem Projekt anfallen“, fuhr Schussel fort. „Bei der Menge benötigen wir einfach eine breitere logistische Basis, weißt?“
Logistische Basis – wo hatte er bloß diese Vokabel aufgeschnappt?
„Als Erstes bräuchten wir einen geeigneten Standort für eine Aufzuchtanlage! Hast du nicht drüben das große Zimmer frei?“
Das habe ich gerade neu untervermietet – hätte ich Schussel an dieser Stelle klipp und klar zu verstehen geben können, dass ich mit derlei Geschichten nichts zu tun haben wollte.
Das mit der Neuvermietung war übrigens die Wahrheit. Vor drei Wochen hatte es Theresa, meine Untermieterin, endgültig aufgegeben, sich weiter mit mir herumzustreiten und war Hals über Kopf ausgeflogen. Am selben Tag hängte ich in der Mensa Zettel auf: Zimmer zu vermieten! Wieso sollte ich allein die Kosten für eine Wohnung aufbringen, die viel zu groß für mich war? Sowieso hatte ich bei jedem Euro, den ich aus der Hand gab, diese elendigen Zwanzigtausend vor Augen.
Drei Tage später schob Thomas, ein blasser Maschinenbauer, anstandslos die von mir im Voraus verlangten zwei grünen Scheine über den Tisch – obwohl er erst nächsten Monat einziehen würde. Und jetzt hatte Schussel meinen Weg gekreuzt. Mir nichts dir nichts hatte er sich in meine Küche gefläzt und meine Untertasse mit seiner Joint-Asche verschmutzt. Er hatte nicht mal nach einem Aschenbecher, geschweige denn danach gefragt, ob er hier überhaupt kiffen durfte.
Statt dessen plapperte er von diesen Millionen! Eine halbe Million für jeden – verdammt viele Nullen! Mit dieser Summe hätte ich nicht nur mit einem Schlag meine Schulden getilgt, sondern darüber hinaus ein ordentliches Pfund in der Tasche – etwas mit Hand und Fuß, wie es Großmutter ausgedrückt hätte. Überhaupt, war ich Oma das nicht schuldig? Sicher hatte sie mir ihr sauer Erspartes nicht vermacht, damit ich es an der Börse verzockte.
„Das Zimmer hab ich noch“, hörte ich mich sagen, „willst’s mal sehen?“
„Ja klar, deshalb bin ich hier.“
Wir traten in den Flur. An mir vorbei drängte Schussel in den bis auf ein leeres Regal, einen Hocker und Thomas’ zusammengerollten Futon kahlen Raum und durchmaß ihn mit prüfenden Schritten. „Wahnsinn!“ Er klatschte in die Hände, dass es von den Wänden widerhallte. „Die Hütte ist wie gemacht für unsere Anlage, völlig genial, Pratze! Und auch noch Nordseite, einfach super, weißt?“
Ich verstand nicht, was an der Nordseite so toll war, doch Schussel war längst einen Schritt weiter. Er deutete in die Tiefe des Raumes: „Hier stellen wir jeweils vier Tische hintereinander auf, und am Fenster zwei quer, weißt? Damit haben wir gut und gerne Platz für tausend Pflanzen! Würde sich sogar lohnen, hier gleich im Winter eine satte Indoor-Ernte einzufahren. Kohle einspielen, die logistische Basis für die Sommeraktion!“
Schon wieder diese ‚logistische Basis’.
„Anschließend ziehen wir hier die Hälfte der Pflanzen vor, die wir im Frühjahr, gleich nach den Eisheiligen aufs Feld bringen, weißt?“
Schussel strahlte bis zu den Ohren wie ein glücklicher Junge unterm Weihnachtsbaum. „Das Ding ist wie gemacht für unsere Aktion! Was ist, Pratze, Interesse?“
Ich lehnte im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt und zuckte mit den Schultern. „Klingt ja erst mal ganz nett, was du sagst. Und das Geld, na ja ... ich könnte es brauchen.“
„Mach dir keinen Stress!“ Schussel riss seine Arme in die Höhe, wollte er der Liste meiner Bedenken zuvor kommen? „Überleg dir alles ganz in Ruhe! Wenn du willst, zeig ich dir mal so eine Anlage, auch in einer Altbauwohnung, weißt?“
Auf seinem Gesicht erschien das Kinderlächeln. „Einige kleine Umbauten wären hier schon nötig, aber wenn das Ganze vorbei ist, genügen paar Handgriffe, und alles sieht aus wie vorher. Als wäre nichts gewesen, weißt? Nur, dass dein Sparstrumpf aus allen Nähten platzt. Na, wie klingt das?“
Meine Schultern zuckten erneut.
„Pass auf, Micha!“, rief Schussel, inzwischen völlig elektrisiert. „Ich stelle dich einfach mal meinen Leuten vor! Wir peilen zusammen die andere Anlage! Solange du nicht zugesagt hast, erfährt niemand deinen Namen, deine Adresse, deine Hobbys – absolut nichts, in Ordnung? Wir treffen uns ganz entspannt in einer Kneipe, und du guckst dir die Jungs mal an.“
Damit streckte er mir seine Hand entgegen. Sein Händedruck glich der Konsistenz einer Buttercremetorte.
„Danke für den Kaffee“, wandte er sich zum Gehen. An der Tür noch einmal das Kinderlächeln. „Pratze, vertrau mir, das wird super!“

War ich völlig übergeschnappt? Ich und Grasanbau – das passte schlechter zusammen als Sauerkraut und Himbeersoße. Nicht nur, dass ich noch niemals gekifft hatte - ich rauche ja nicht mal normale Zigaretten. Nie zuvor hatte ich etwas mit Pflanzen, geschweige denn mit deren großangelegtem Anbau am Hut gehabt. Seit Großmutters Tod standen diese Landwirtschaftswälzer in meinem Bücherregal, das war’s aber auch schon!
Warum also hatte ich Schussel nicht unverrichteter Dinge vor die Tür gesetzt? Zwei Fakten sprachen dagegen. Zum ersten die unumstößliche Tatsache, dass mich meine Schulden zu Boden drückten, zum Zweiten die überaus verlockende Aussicht auf fünfhunderttausend steuerfreie Euro. Eine halbe Million Gründe also – dass ich mir die ganze Sache zumindest einmal anschaute.

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